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Bild: © Archive PL / Alamy Stock Foto

Essay

Wittgenstein und die Gewissheit

Thorsten Jantschek veröffentlicht am 06 Juli 2023 9 min

In unserer polarisierten Gesellschaft prallen Ansichten unversöhnlich aufeinander. Ludwig Wittgenstein zufolge ist das nicht verwunderlich, denn in den maßgeblichen Konflikten – etwa um Klima und Krieg – treffen sich verschiedene „Weltbilder“: Netze aus Gewissheiten, die uns ähnlich unbezweifelbar erscheinen wie die Gesetze der Logik. Heute vor 135 Jahren wurde der Philosoph in Wien geboren. 

 

Atomkraft, nein danke! Nie wieder Krieg in Europa! Stoppt den Klimawandel! Was bis vor einigen Jahren als vermeintliche Gewissheit galt, ist heute längst wieder verhandelbar geworden. Man kann etwa auf die Idee kommen, dass angesichts der Gaskrise Atomenergie eine passable Brückentechnologie ist. Oder dass Waffenlieferungen in die Ukraine alternativlos sind. Und die Klimakleber genau das Richtige tun. Und man kann das Gegenteil von alledem für richtig halten.

Sicher ist offenbar nur, dass der epistemische Status der Gegenwart wackelig ist. Und die Auseinandersetzungen um deren Deutung ruppig sind. „Wo sich wirklich zwei Prinzipien treffen, die sich nicht miteinander aussöhnen, da erklärt jeder den andern für einen Narren und Ketzer.“ Was sich wie ein Kommentar zu Streitigkeiten in sozialen Netzwerken oder Talkshows liest, hatte Ludwig Wittgenstein allerdings schon 1951 in Über Gewissheit notiert, entstanden kurz vor dem Tod des Philosophen. Wittgenstein hatte sich ins Haus seines Cambridger Arztes zurückgezogen. Ihm war klar, dass er an Krebs sterben würde. Dennoch arbeitete er sich mit großer Energie erneut an Grundfragen der Erkenntnistheorie ab.

 

Wie widerstreitende Weltbilder befrieden?

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Kommentare

Eugen | Freitag, 26. April 2024 - 18:03

Dass wir derzeit ungewohnte Klimaereignisse wahrnehmen, ist kaum zu bezweifeln. Dsss diese zum baldigen Hitzetod fuehren und dass gerade die 1,5 Grad uns retten, beruht auf sehr fragwürdigen simplen linearen Modellen

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Judith Butler und die Gender-Frage

Camille Froidevaux-Metteries 01 Dezember 2016

Nichts scheint natürlicher als die Aufteilung der Menschen in zwei Geschlechter. Es gibt Männer und es gibt Frauen, wie sich, so die gängige Auffassung, an biologischen Merkmalen, aber auch an geschlechtsspezifischen Eigenschaften unschwer erkennen lässt. Diese vermeintliche Gewissheit wird durch Judith Butlers poststrukturalistische Geschlechtertheorie fundamental erschüttert. Nicht nur das soziale Geschlecht (gender), sondern auch das biologische Geschlecht (sex) ist für Butler ein Effekt von Machtdiskursen. Die Fortpf lanzungsorgane zur „natürlichen“ Grundlage der Geschlechterdifferenz zu erklären, sei immer schon Teil der „heterosexuellen Matrix“, so die amerikanische Philosophin in ihrem grundlegenden Werk „Das Unbehagen der Geschlechter“, das in den USA vor 25 Jahren erstmals veröffentlicht wurde. Seine visionäre Kraft scheint sich gerade heute zu bewahrheiten. So hat der Bundesrat kürzlich einen Gesetzesentwurf verabschiedet, der eine vollständige rechtliche Gleichstellung verheirateter homosexueller Paare vorsieht. Eine Entscheidung des Bundestags wird mit Spannung erwartet. Welche Rolle also wird die Biologie zukünftig noch spielen? Oder hat, wer so fragt, die Pointe Butlers schon missverstanden?

Camille Froidevaux-Metteries Essay hilft, Judith Butlers schwer zugängliches Werk zu verstehen. In ihm schlägt Butler nichts Geringeres vor als eine neue Weise, das Subjekt zu denken. Im Vorwort zum Beiheft beleuchtet Jeanne Burgart Goutal die Missverständnisse, die Butlers berühmte Abhandlung „Das Unbehagen der Geschlechter“ hervorgerufen hat.


Artikel aus Heft Nr. 71 August/September 2023 Vorschau
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