Übertreiben wir es mit der Moral?
Von einem Diskurs jenseits von Gut und Böse sind wir heute weit entfernt. Ehemals privilegierte Identitäten werden häufig als toxisch kritisiert. Braucht es die Rede von Privilegierten und Marginalisierten, von Patriarchat und White Privilege, um Diskriminierung zu bekämpfen und Fortschritt zu erzielen? Oder steht Identitätspolitik dem Ziel der Gleichheit entgegen? Der Philosoph Philipp Hübl, dessen Buch „Moralspektakel“ am 24. April bei Siedler erscheint, und die Politologin Emilia Roig diskutieren.
Obwohl es regnet, kommen beide Gäste mit dem Rad. Unser Treffpunkt: ein Buchladen für queere und feministische Literatur mit Café in Berlin -Neukölln. Beim Eintreten bemerkt Philipp Hübl die vielen in Pinktönen gehaltenen Cover: Sieht so ein Denken aus, das Stereotype aufbricht? Sein demnächst erscheinendes Buch Moralspektakel wird hier vermutlich nicht zu finden sein. Anderes gilt für Emilia Roig, Antidiskriminierungsaktivistin und -autorin, deren jüngster Titel Das Ende der Ehe prominent ausgestellt ist. Wir nehmen Platz an einem der Cafétische, umringt von lila Plüschkissen, und das Gespräch beginnt.
Frau Roig, Herr Hübl, lassen Sie uns persönlich beginnen. Gab es in letzter Zeit einen Moment, in dem Sie mit Blick auf eine Person oder Gruppe gedacht haben: „Okay, das sind die Bösen“?
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Dieser Text ist zuerst bei Demokratiekonflikte erschienen.
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Kommentare
Schade. Warum hört das Gespräch auf, wenn's gerade spannend wird?