Die Verletzlichkeit der Schlafenden
Ob man mit verkrampfter oder glückseliger Miene schläft, Seufzer oder Wortfetzen von sich gibt – wenn die Wachsamkeit endet, fallen die sozialen Masken.
Im Zug nickt ein Fremder ein und beginnt zu schnarchen. Ein dünner Speichelfaden läuft aus seinem halb geöffneten Mund. Die gegenübersitzenden Fahrgäste werden in dieser Situation unterschiedlich reagieren: Einige werden verlegen wegschauen, gleichgültig sein oder so tun, als ob sie nicht da wären. Andere aber werden von einem seltsamen Anflug von Neugier gepackt werden und anfangen, den Schlafenden aus den Augenwinkeln anzuschauen, einfach nur, um ihn zu beobachten. Aber was wollen sie sehen?
Was uns am Schlaf eines Fremden, der mit unverhülltem Antlitz schläft, fasziniert oder beunruhigt, ist, dass er „sich nicht mehr in Acht“ nimmt, so der Philosoph Louis Lavelle. Seine Gesichtsausdrücke sind dann ein exakter Spiegel seiner Gefühle im Schlaf. Ist er ein glücklicher Träumer, dann wird er selig und wie „wundersam befreit von allen Sorgen seines Menschentums“ erscheinen. Ist er dagegen verärgert oder von einem schrecklichen Albtraum geplagt, wird sein Gesicht „von Ekel, Hass oder Verachtung zerfurcht“ sein, so Lavelle. In jedem Fall enthüllt sich der Schlafende, ja er stellt sich sogar selbst zur Schau. Weil er nicht mehr handelt, „sieht (man) ihn nicht mehr in dem, was er tut, sondern in dem, was er ist“. Sein beruhigter oder zerknirschter Gesichtsausdruck zeigt etwas von ihm selbst, einen Teil seiner tiefsten Identität.
Zerbrechlich und intim
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