Die gesellschaftliche Konstruktion der Normalität
Die Corona-Zeit ist vorüber. Oder nicht? Ein soziologischer Klassiker aus den 1960ern schafft Abhilfe und bietet überraschende Einsichten für unseren Umgang mit der Pandemie. Können wir der zurückgekehrten Normalität trauen?
Vor mehr als einem Jahr, im Frühjahr 2022, ist etwas Erstaunliches geschehen. Innerhalb kürzester Zeit liefen nicht nur in Deutschland, sondern in den meisten westlichen Ländern, die Maßnahmen zur Eindämmung von Covid-19 aus. Der Infektionsschutz, der bis dahin zu den verschiedenen G-Regelungen („2G+“, „3G“ etc.) und Maskenpflicht in Teilen der Öffentlichkeit geronnen war, wurde geradezu abgeschüttelt. Initiativen zur Impfpflicht fielen in den Bundestagsdebatten sang- und klanglos durch. Aus dem rechtskonservativen Spektrum wurde der heißersehnte Wegfall des Testens, der Masken sowie der Regelkorsette sogar mit dem aus Großbritannien importierten Konzept des „Freedom Day“ oder Freiheitstag emotional aufgeladen.
Nun lässt sich sicherlich vortrefflich eine ausufernde Diskussion über Verhältnis- und Rechtmäßigkeit solcher Einschränkungen und Verpflichtungen diskutieren. Immerhin waren die Vorwürfe gegenüber der Pandemiepolitik durchaus massiv: Von Freiheitsberaubung wurde geredet, von Abgleiten in Diktatur und Überwachungsstaat. Niemand bestreitet, dass Teile dieser Politik (man denke an die Schulschließungen) verheerende Nebeneffekte hatten und dass sie dem pandemischen Geschehen angepasst werden mussten. Doch das, was im Frühjahr 2022 eingeläutet wurde, hatte wenig mit einer vorsichtigen Anpassung zu tun. Es war die bewusste Demontage eines Schutzsystems der öffentlichen Gesundheit.
Pandemie in der Pandemie
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