Zwischen den Jahren

Zwischen Weihnachten und Neujahr – zwischen den Jahren – scheint die Zeit und die Welt stillzustehen. Entsteht so eine wichtige Gelegenheit, unser Weltverhältnis zu überdenken?

Von Hartmut Rosa

Bild: privat

Hartmut Rosa

Hartmut Rosa ist Professor für Soziologie an der Universität Jena und Direktor des Max-Weber-Kollegs der Universität Erfurt. Sein jüngstes Werk: „Resonanz“ (Suhrkamp, 2016)

Weihnachten ist vielleicht das Ver­lässlichste, was wir haben im Leben. Regierungen treten zurück, ganze Staatensysteme brechen ein, Börsen stürzen ab, wir mögen Job und Familie oder die Gesundheit verlieren – das alles ändert nichts an der Tatsache, dass Weihnachten am 24. Dezember kommt und Silvester am 31. Wie Bollwerke, wie Rammböcke stehen sie da im Strom der Zeit, im Wirbel der Deadlines und Fristen und Termine und Vorhaben, die allesamt flexibel und verhandelbar sind. Unablässig sind wir mit der Planung und Koordinierung unserer Aufgaben und Vorhaben beschäftigt, wir zögern hier etwas hinaus, verschieben dort etwas, verkürzen jenes und ziehen dieses vor.

Der Zeitstrom ist zum dynamischen Wildwasser geworden, das es zu navigieren gilt. Nicht mit Weihnachten. Nicht mit Silvester. Seit Hunderten von Jahren nicht. Es ist, als würden diese beiden Zeitfelsen in der Brandung das große Hamsterrad für einen Moment stillstellen. Was bis zum 24.12. nicht erledigt ist, wird dieses Jahr nicht mehr erledigt. Das neue Jahr aber beginnt nicht vor dem 1. Januar. Und was liegt dazwischen? Eine Lagune, ein anderer Zeitraum, etwas, das aus der Zeit fällt.

Die sogenannte „Zeit zwischen den Jahren“ fühlt sich tatsächlich anders an; wir sind nicht mehr im alten Jahr, aber auch noch nicht im neuen angekommen. In diesem „Dazwischen“ erscheint sie fast als die Gestalt gewordene Inkarnation von Jacques Derridas Konzept der différance: Diese Wortschöpfung, durch die der französische Philosoph die unaufhebbare Mehrdeutigkeit sprachlicher Zeichen erhellen will, verweist nach dem Doppelsinn des französischen Wortes différer auf einen Unterschied, der sich nicht benennen lässt, und auf ein fast unmerkliches Aufschieben, ein Verschieben von Grenzen. Die Bedeutung sprachlicher Zeichen, so will Derrida im Kern damit sagen, ist nicht fest, sondern verflüssigt sich und bildet sich neu in der Zeit.

Wie Bollwerke, wie Rammböcke stehen Weihnachten und Sylvester im Strom der Zeit.


 

Différance meint also die Erzeugung einer Differenz durch Aufschiebung; das Entstehen von Neuem durch Unterbrechung. Auch die Zeit „zwischen den Jahren“ ist eine solche Unterbrechung: Sie verhindert, dass das alte Jahr nahtlos, bruchlos, lückenlos ans neue grenzt, dass das Hamsterrad immer weiterläuft und also „alles beim Alten“ bleibt. Sie zieht zwei scharfe Grenzen – Weihnachten und Neujahr – und schafft dazwischen eine kleine, eigenartig zeitenthobene Insel, deren Besonderheit darin besteht, dass sie die zeitliche Weltreichweite radikal beschränkt: Was immer wir in dieser Zeit tun, es gehört nicht zum alten und nicht zum neuen Jahr, es erzeugt seinen eigenen Horizont: Die Welt steht für acht Tage still. Das ist etwas ganz anderes, als wenn wir im Urlaub einmal für ein paar Tage aussteigen: Dann stehen wir still, während die Weltzeit weiterläuft.

Früher, von der Zeit der Ägypter über die der Römer und das ganze Mittelalter hindurch dauerte die Zeit zwischen den Jahren als Differenz zwischen Sonnen- und Mondjahr übrigens zwölf Tage. Die Beschleunigungskräfte der Moderne lassen sich selbst vom Weihnachtsfelsen nicht wirklich aufhalten.

Dieser Beitrag wurde in Ausgabe Nr. 1 / 2015 veröffentlicht.

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