„Wir müssen das Potenzial eines Green New Deal erkennen“


Klimawandel, Aufstieg des Rechtspopulismus, globale Migration: Der Druck auf die westlichen Demokratien nimmt zu. Charles Taylor, einer der ein flussreichsten Philosophen der Gegenwart, plädiert für entschlossene Schritte aus der Krise.

Das Gespräch führte Nils Markwardt
Illustrationen von Ana Kova


Philosophie Magazin: Herr Taylor, als Kandidat der Sozialdemokraten bewarben Sie sich mehrmals für einen Sitz im kanadischen Unterhaus. Sind Sie immer noch Sozi?

Charles Taylor: Definitiv, wobei sich die Zeiten natürlich geändert haben. Früher war die Sozialdemokratie nicht nur politisch erfolgreich, sondern auch mittels anderer Organisationen stark in die Gesellschaft eingebettet, etwa durch Jugendorganisationen oder Gewerkschaften. Mittlerweile ist die Sozialdemokratie nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Und wie kann sie sich rehabilitieren?

Zunächst ist klar: Linke Politik kann nicht einfach zurück zu den Rezepten der Nachkriegszeit. Damals gab es die eine fordistische Produktionsweise, und Menschen arbeiteten oft lebenslang im gleichen Betrieb. Heute braucht es einen anderen Ansatz. Und der heißt: Green New Deal.

Also ein groß angelegtes Investitionsprogramm zum sozialen wie ökologischen Umbau der Industriegesellschaften.

Gerade für Deutschland hoffe ich, dass Sozialdemokraten und Grüne sich auf entschlossene Programmpunkte einigen können. Zumal Ungerechtigkeit heute nicht nur eine Frage der Klassen, sondern auch der Geografie ist. Ländliche Regionen geraten gegenüber den urbanen Zentren zusehends ins Hintertreffen. Das war ja ein Grund für die Wut der Gelbwesten. Und in Deutschland scheint mir Ähnliches der Fall zu sein. Ein Green New Deal birgt zum einen die Möglichkeit, auch all jene zu mobilisieren, die sich nun den Populisten anschließen. Zum anderen geht er das Problem des Klimawandels an.

Hierzulande wurde der Green New Deal indes noch nicht als großes politisches Programm formuliert.

Es überrascht mich auch, dass die politischen Energien und Potenziale, die in so einem Projekt stecken, von europäischen Parteien noch nicht wirklich erkannt wurden. In den USA haben Teile der Demokraten mit der Idee des Green New Deal auf Trump reagiert. Dabei müsste den Europäern doch spätestens nach den EU-Wahlen klar geworden sein, dass es für solch einen Aufbruch eine große Wählerschaft gäbe. Grüne und Sozialdemokraten müssten sich hinsetzen, ein Programm entwerfen und eine Bewegung starten.

Tatsächlich sieht die Realität jedoch so aus, dass die westlichen Demokratien immer stärker unter den Druck der Rechtspopulisten geraten.

Manch einer glaubt, Demokratien würden sich selbst stabilisieren. Aber das stimmt nicht. Wenn Menschen unzufrieden sind, brauchen sie das Bewusstsein, sich in demokratische Prozesse einbringen und die Dinge ändern zu können. Doch genau dieses Bewusstsein, ich nenne es felt citizen efficacy, kann verloren gehen – und zwar radikal. Menschen haben dann nicht mehr das Gefühl, dass sie etwas bewirken können. Und das setzt eine negative Spirale in Gang: Fühlen
Menschen sich machtlos, wählen sie nicht mehr. Wenn sie nicht mehr wählen, werden sie noch machtloser und wählen noch weniger.

Sie sind einer der bekanntesten Vertreter des Kommunitarismus und betonen die Bedeutung des bürgerschaftlichen Gemeinsinns und die Notwendigkeit breiter Partizipation. Besteht die Freiheit der Demokratie aber nicht auch darin, sich nicht beteiligen zu müssen? Zugespitzter gesagt: Gibt es nicht auch ein ethisches Recht, nicht zu partizipieren?

Sie können sich natürlich nicht beteiligen – nur endet das im Zweifelsfall dann in der Herrschaft von jemandem wie Victor Orbán. Nach dem Motto: „Ihr hattet ja eure Chance, aber nun …“ Und wenn Sie fragen, ob es womöglich nicht sogar eine ethisch gute Sache wäre, sich nicht zu beteiligen, antworte ich ganz klar: Nein. Im Gegenteil: Die Demokratie braucht eine Ethik der Partizipation. Denn sie existiert nicht einfach auf natürliche Weise. Vielmehr zerbricht sie, sobald es diese Ethik der Partizipation nicht mehr gibt.


Manch einer glaubt, Demokratien würden sich selbst stabilisieren. Aber das stimmt nicht


 

In Deutschland gab es unlängst eine hitzige Debatte um den Begriff Heimat. Während manche ihn ablehnten, weil er nationalistischen Einstellungen Vorschub leiste, plädierten andere, etwa Grünen-Chef Robert Habeck, dafür, den Heimatbegriff nicht den Rechten zu überlassen. Wie sehen Sie das?


Ich bin sehr dafür, den Begriff zu benutzen und ihn multikulturell aufzuladen. Denn man stoppt die Nationalisten ja nicht, indem man ihn nicht benutzt. Eher im Gegenteil. Deshalb ist es wichtig, dem Heimatbegriff eine Bedeutung der Solidarität zu geben.
Es gibt Gegenden in Deutschland, beispielsweise die Lausitz, wo ich Freunde habe, die ein neues kollektives Projekt benötigen, weil alte Strukturen wegbrechen, etwa die Kohleförderung. Und dafür kann der Heimatbegriff taugen. Denn gegenüber den Populisten muss man eine Alternative anbieten, die keine ausschließende Dimension hat. Eine Alternative, von der jeder angesprochen wird.

Sie haben also keine Angst, dass der Heimatbegriff in neue, noch stärkere Ausschließungen führt?


Ich kann Ihnen von meiner Erfahrung aus Québec berichten: Einerseits gibt es dort einen lang gehegten Nationalismus, der sich aus dem Selbstbewusstsein speist, sich als französischsprachiges Kollektiv behauptet zu haben. Mittlerweile gibt es auch verstärkt Diskussionen, ob muslimische Frauen bei ihren Jobs Hidschabs tragen dürfen. Was macht man nun? Ich betone immer wieder, dass Québec andererseits auch eine lange Tradition von Solidarität und Willkommenskultur besitzt, auf die wir stolz sein können. Man setzt also diese Tradition gegen die andere. Man sagt: „Das ist es, was wir wirklich sind: Wir halten zusammen und bauen gemeinsam etwas auf.“ Der Schlüsselbegriff für mich ist hier also die Solidarität.

Auf der einen Seite gibt es die angesprochenen Ressentiments der Nationalisten. Wie aber damit umgehen, wenn es Einwanderer sind, die bestimmte Werte der liberalen Demokratie nicht akzeptieren?

Viele westliche Länder sind seit über 200 Jahren Einwanderungsgesellschaften. Dementsprechend kamen immer wieder viele Menschen aus anderen Kulturen. Doch schon nach meist einer Generation sind sie weitestgehend integriert. Um ein Beispiel zu geben: In den letzten Jahrzehnten sind viele Inder nach Kanada immigriert, die zunächst oft noch die Ehen ihrer Kinder arrangierten. Doch das verschwindet – wenn nicht in der ersten, dann in der zweiten Generation. Man muss einfach auf jene zentralen Werte einer Gesellschaft vertrauen, ohne die man nicht zusammenleben kann. Natürlich gibt es auch Ausnahmen, aber die große Mehrheit der Einwanderer führt alsbald ein anderes Leben als ihre Eltern. Wenn die richtigen Schritte zur Integration unternommen werden, allen voran im schulischen und vorschulischen Bereich, übernehmen die Menschen liberale Werte sehr schnell.


In bestimmten Fällen können selektive Enteignungen Sinn ergeben


 

Sie raten also zur Gelassenheit?

Ja, man sollte keine Panik bekommen. Man muss sich nur fragen, warum Menschen nach Nordamerika oder Europa einwandern. Erste Antwort: Freiheit. Zweite Antwort: Sie wollen, dass ihre Kinder eine gute Ausbildung bekommen und Möglichkeiten haben, die sie in ihren Heimatländern nicht hätten. Das sind starke Motivationen. Und wenn diese nicht enttäuscht, sondern erfüllt werden, der Prozess der Integration also gesteuert wird und die Menschen Ausbildungen sowie Jobs bekommen, werden sie die größten kanadischen Patrioten, die man sich vorstellen kann. Reagiert man hingegen feindlich gegenüber Migranten, erzeugt man das Gegenteil.

Eine andere aktuelle Debatte, die auch die Fragen von Gemeinschaft und Solidarität berührt, dreht sich um die Identitätspolitik. Diese wird oft kritisiert, weil sie angeblich eine breite Solidarität verunmögliche und somit ein Gegensatz zur Sozialpolitik sei. Stimmt das?

Es ist kein scharfer Gegensatz, sondern er besitzt viele Zwischenebenen. Zunächst einmal muss man klären, was mit Identität überhaupt gemeint ist. Zum einen gibt es Formen der Identität, die darauf beruhen, was man ist. Also etwa ein Mann, eine Frau, eine Transperson, hetero- oder homosexuell und so weiter. Zum anderen gibt es Formen der Identität, die darauf beruhen, was man tut und welche Ziele man hat …

… also wenn man etwa Sozialist, Freiheitskämpfer oder Mitglied der freiwilligen Feuerwehr ist.


Zum Beispiel, ja. Es gehörte immer zu meinen Überzeugungen, für eine humane, offene Gesellschaft zu kämpfen. Dafür brauchen wir beide Formen der Identität. Sie gegeneinander auszuspielen, ist eine ganz schlechte Idee. Und: Wenn nur eine von beiden Identitätsformen zählt, etwa nur, was man ist, kann das für die politische Gemeinschaft zum Problem werden. Denn die Gemeinschaft beruht wesentlich darauf, was man zusammen kreiert und tut.

Nun gerät dieser politische Gemeinsinn auch durch die Verwerfungen des deregulierten Kapitalismus unter Druck. Nicht nur, weil viele Menschen zunehmend das Gefühl bekommen, dass die Entscheidungen sowieso von einflussreichen Konzernen getroffen werden, sondern auch, weil abgehängte Menschen sich seltener demokratisch engagieren.


Es stimmt, Kapitalismus und Demokratie leben schon lange in einer schwierigen Beziehung. Je größer und internationaler Wirtschaftskonzerne werden, desto unverantwortlicher handeln sie. Im kleinstädtisch geprägten Amerika des 19. Jahrhunderts hätte der örtliche Bankmanager einem keine Junk-Bonds angedreht, da man sonst die Woche darauf bei ihm vorstellig geworden wäre. Großbanken verkaufen einem heute hingegen sehr wohl welche. Auch vor diesem Hintergrund müssen wir die gesellschaftliche Solidarität stärken, wobei gerade die lokalen Gemeinschaften besonders wichtig sind. Das fatale Gefühl der politischen Unwirksamkeit des Einzelnen entsteht auch dadurch, dass Menschen oft nicht genug in soziale Kontexte eingebunden sind und politische Zusammenhänge nicht mehr nachvollziehen können. Und je mehr Leute sich in lokalen Gemeinschaften kennenlernen und wissen, wer die Nachbarn, Mitbewohner und anderen Familien sind, desto besser kann Demokratie auch auf nationaler Ebene funktionieren.

Angesichts hoher Mieten entbrannte in Deutschland jüngst eine Diskussion über die Enteignung von Wohnungsbaugesellschaften. Braucht es auch solche radikalen Maßnahmen?


Bei transnational operierenden Konzernen halte ich Verstaatlichungen oder Enteignungen weder für sinnvoll noch für möglich. In Berlin spricht hingegen einiges dafür, manche Wohnungsbaugesellschaft zu enteignen, um sicherzustellen, dass es bezahlbare Mieten gibt. In Kalifornien ist die Situation mitunter ähnlich, man kann es sich beispielsweise kaum noch leisten, in San Francisco zu wohnen. In bestimmten Fällen können selektive Enteignungen also Sinn ergeben. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2020