„Wir dürfen die Kindheit nicht verklären“

Nicht nur das innere Kind ist manchmal unzufrieden. 
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Ob in Werbung, Filmen oder Ratgebern: Das „innere Kind“ zu entdecken, gilt heute als großes Glücksversprechen. Doch liegt darin auch eine gefährliche Nostalgie. Die Philosophin Susan Neiman über die Schönheit des Erwachsenwerdens, das Peter-Pan-Syndrom und die Radikalität Immanuel Kants.

Das Gespräch führte Nils Markwardt



Bild : © CC-by-SA 3.0 A. Savin

Susan Neiman

Die in Atlanta, Georgia, geborene Philosophin ist seit 2000 Direktorin des Einstein Forums in Potsdam. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen der Moralphilosophie und politischen Theorie. 2015 erschien ihr Buch „Warum erwachsen werden?“ (Hanser)

Philosophie Magazin: Frau Neiman, im Mittelalter galt man mitunter schon mit sieben Jahren als erwachsen, heute ist man es, zumindest juristisch gesehen, mit achtzehn. Doch wann ist man eigentlich aus philosophischer Perspektive kein Kind mehr?

Susan Neiman: Ich würde sagen: wenn man selbst denken kann. Wir wachsen zunächst mit vielen Entscheidungen auf, die wir nicht beeinflussen können. Das reicht vom Ort unserer Geburt über Fragen der Bildung und Religion bis zur Musik, die unsere Eltern damals gehört haben. Für mich ist jemand erwachsen, wenn er oder sie über die Entscheidungen von anderen nachdenken kann. Wenn er oder sie also sagen kann: Dieses oder jenes hätte ich nicht freiwillig gemacht. Und dafür gibt es auch kein bestimmtes Alter. Ist man erwachsen, wenn man selbst Kinder hat? Möglich, aber nicht zwangsläufig. Ist man erwachsen, wenn man seinen eigenen Lebensunterhalt verdient? Kann sein, kann aber auch nicht sein. Die Fähigkeit, selbst zu denken, ist, philosophisch gesehen, deshalb der Kern der Sache. Und den erreichen manche Leute auch mit neunzig nicht.

Erwachsen zu werden, ist also ein Prozess, der niemals endet.

Ja, hoffentlich wird man sein ganzes Leben lang immer wachsen. Einfach zu sagen, man ist erwachsen, heißt eigentlich: Man wächst nicht mehr.

Nun gibt es aber offensichtlich Menschen, die sich wieder nach ihrer Kindheit sehnen. Man muss nur einen Blick auf den Ratgebermarkt werfen, wo vermehrt Bücher erscheinen, die versprechen, das „innere Kind“ wiederzufinden. Was ist davon zu halten?

Es ist zunächst einmal nachvollziehbar, weil unser bestehendes Bild vom Erwachsensein so schlecht ist. Wir verstehen es als Resignation, als das Aufgeben von Abenteuern, Veränderungen und Erlebnissen. Und da steckt auch eine politische Botschaft drin: Erwarte nichts vom Leben, erwarte nichts von dir selber! Das beginnt schon im Alltag. Ich erinnere mich, dass ich vor einer Weile eine sehr gute Freundin traf. Sie sagte zu mir: „Ach, du siehst so jung aus.“ Darauf erwiderte ich: „Wenn du mir sagen möchtest, dass ich gut aussehe, höre ich das so gern wie jede andere. Aber was tun wir uns an, wenn wir gut aussehen mit jung aussehen gleichsetzen?“ Denn das heißt: Man sieht nur gut aus, wenn wir etwas vortäuschen. Ebenso sagt man gerne: „Er ist im Herzen jung geblieben“, was heißen soll: Der lebt noch, ist noch offen, ihm passiert noch was. Derlei suggeriert immer: je jünger, desto besser. Fürchterlich. Zumal der Witz auch ist: Es gibt sozialpsychologische Studien, die besagen, dass wir im Alter tatsächlich glücklicher werden.

Entgegen dem Klischee ist die Jugend also nicht die beste Zeit?

Als ich das Buch schrieb, waren meine drei Kinder Mitte bis Ende zwanzig. Sie weckten in mir die Erinnerung, wie verdammt schwer diese Phase ist. Es ist eine Zeit der totalen Unsicherheit, des totalen Drucks. Und interessanterweise hat sich das auch in den Reaktionen auf mein Buch gezeigt. Zu meiner freudigen Überraschung sind bei den Lesungen viele Mittzwanziger zu mir gekommen, die sich geradezu bedankten, dass jemand einmal sagt, wie schwer diese Zeit ist – und dass es vor allem etwas gibt, worauf man sich danach freuen kann.

Womöglich ist diese Sehnsucht nach Kindheit und Jugend auch damit verbunden, dass in ihr das Versprechen des Neuanfangs aufscheint.

Natürlich. Aber die Idee, dass man nach dreißig nicht neu anfangen könne, ist einfach perfide. Und die zeigt sich auch bei Menschen, bei denen man es gar nicht erwarten würde. Ich hatte drei sehr gute Freunde, alle Anfang siebzig. Sie waren perfekte Beispiele für Erwachsene: noch voll im Leben, mehrsprachig, politisch engagiert und künstlerisch aktiv. Als ich ihnen davon erzählte, dass ich ein Buch mit dem Titel „Warum erwachsen werden?“ schreibe, sagte jedoch jeder von ihnen: „Was für ein schreckliches Thema!“ Selbst diese drei hochintelligenten Menschen wollten lieber Peter Pan sein.

Das Peter-Pan-Syndrom, der Wille zur Infantilisierung, ist also ein Signum unserer Zeit?

Bevor „Peter Pan“ Anfang des 20. Jahrhunderts geschrieben wurde, wäre zumindest niemand auf die Idee gekommen, dass es das Beste wäre, wieder ein Kind zu sein. Natürlich auch deshalb, weil Kindheit zu jener Zeit zuvorderst noch bedeutete, nicht frei zu sein, was wiederum auch mit den damaligen Erziehungsmodellen zusammenhing.

Wenn ich Kant lehre, versuche ich stets die Radikalität seines Denkens zu zeigen


 

Heute sitzt mit Donald Trump hingegen sogar ein großes Kind im Weißen Haus.

Es ist verheerend. Einer der wichtigsten Republikaner, Bob Corker, hat vor kurzem gesagt, das Weiße Haus sei zum „adult day care center“, zur „Tagesstätte für Erwachsene“ geworden. Dem kann man eigentlich nichts hinzufügen.

Eine ganz entscheidende Referenz in Ihrem Buch ist Immanuel Kant. Ein vernunftbegabter Erwachsener zu sein, bedeutet für diesen vor allem eins: die Kluft zwischen Sein und Sollen reflektieren zu können. Das klingt, als ob man eine Art wohltemperierte Haltung zum Leben ausbilden sollte.

Sie sprechen von wohltemperiertem Leben, aber so verstehe ich Kant ganz und gar nicht. Wenn ich Kant lehre, versuche ich stets die Radikalität seines Denkens zu zeigen. Es geht nicht um Wohltemperiertheit, also mal ein bisschen Sein, mal ein bisschen Sollen. Nein, man steht permanent in der Schwebe und versucht sich aufrecht zu halten. Das Sollen darf dabei nie aufgegeben werden, das ist seine wichtige Botschaft.

Sie weisen in Ihrem Buch auch auf ein anderes Missverständnis hin, nämlich dass Kant keine Leidenschaften zulasse.

Generell gibt es zwei Fehler in Bezug auf Kant. Der erste besteht darin, dass man die „Kritik der reinen Vernunft“ buchstäblich oft falsch liest. Die Pointe des Textes, nämlich Kants Darstellung des Reifeprozesses der Vernunft, kommt erst sehr spät im Buch. Nun hat Kant zwar zwölf Jahre an dem Werk gearbeitet, es aber dennoch sehr schlecht geschrieben, weshalb viele gar nicht bis zu diesem Punkt des Textes kommen. Wenn ich die „Kritik der reinen Vernunft“ unterrichte, lese ich deshalb die ersten beiden Vorreden und gehe dann direkt zum Schluss. Da kann man sehen, worauf er hinauswollte und dass er überhaupt nichts gegen Leidenschaften hatte, sondern nur betont, dass wir die richtigen kultivieren sollten. Das zweite Problem ist eines der Geistesgeschichte. Man vergisst oft, wie enthusiastisch Goethe, Heine oder Schiller Kant rezipiert haben. Schiller hat über Kant gesagt: Er ist nicht nur wegen der Französichen Revolution von Bedeutung. Und es stimmt auch: Kants Denken ist revolutionär.

Kant war dabei stark von einem anderen revolutionären Denker beeinflusst: Jean-Jacques Rousseau.

Der einzige Fall, bei dem Kant sich gewissermaßen bei einem Fundraising engagiert hat, war bezeichnenderweise das Philanthropinum in Dessau, ein 1774 gegründetes Gymnasium, das von rousseauschen Erziehungsprinzipien inspiriert war. Daran sieht man bereits, wie bahnbrechend Rousseau war. Man sagt nicht zu Unrecht, dass er die Kindheit philosophisch erst als Kindheit entdeckt hat. Wobei man ihn ebenfalls oft falsch liest, denn Rousseau hat die Kindheit keineswegs verherrlicht. Das Ziel von „Émile“, seinem 1762 publizierten Erziehungsroman, ist es, einen erwachsenen Bürger auszubilden. Dabei sollten wir die Kindheit, diese kurze Lebensphase, jedoch nicht ruinieren, indem wir Kinder nicht Kinder sein lassen. Nicht zuletzt, weil wir sie somit auch nicht zu selbst denkenden Menschen erziehen.

In diesem Zusammenhang wurde Rousseau bisweilen Antiintellektualismus vorgeworfen.

Ein Missverständnis, das daraus resultiert, dass Émile nicht lesen soll, bis er zwölf Jahre alt ist. Doch Rousseau sagt sogar zweimal in dem Text: Wenn Émile dann einmal Bücher schreiben wird, dann solche, die zu den Menschenrechten beitragen werden. Und genau das ist es, was Kant so beeindruckt hat. Wir kennen die Anekdoten, wie sehr Kant von „Émile“ begeistert war, sodass er sogar vergessen hat, seinen obligatorischen Spaziergang zu machen. Er hatte nur ein Bild in seinem Haus – und das zeigte Rousseau. „Émile“ ist gewissermaßen der Text, der hinter Kants moralischen und politischen Schriften steht.

Dennoch scheint bei Émile das Problem, dass er nicht wirklich auf das Leben vorbereitet wird. Denn Émiles Erzieher überschüttet seinen Schützling mit einer Dauerfürsorge, die selbst die radikalsten Helikoptereltern in den Schatten stellt.

Tatsächlich ist die Erziehung bei Rousseau darauf ausgerichtet, dass das Kind keinen Unterschied zwischen Sein und Sollen merkt. Die Aufgabe des Erziehers ist es, die Außenwelt so abzuschirmen, dass das Kind nichts von der Kluft zwischen Sein und Sollen merkt. Kant hat dann gewissermaßen die Metaphysik zu „Émile“ geschrieben – und in dieser Hinsicht weitergedacht.

Das Erwachsenwerden ist eine Aufgabe, an der man sein Leben lang arbeitet: Wir müssen Sein und Sollen immer wieder abgleichen


 

Vorausgesetzt man ist erwachsen geworden, kann die einstige Kindheit dann eine produktive Ressource sein? Etwa als ein Erinnerungsschatz, in dem wir die Ideen vom gelungenen Leben hüten?

Zunächst dürfen wir die Kindheit nicht verklären. Da ich selbst drei Kinder großgezogen habe, erinnere ich mich ganz gut an die Frustrationen, die mit dem Kindesalter kommen. Wenn man also täglich von drei Kleinkindern umgeben ist, merkt man sehr schnell, wie schwer diese Lebensphase auch sein kann. Selbstverständlich gibt es hoffentlich auch viele schöne Momente in der Kindheit, aber wir neigen heute dazu, die unschönen zu vergessen. Zumal es ja auch interessant ist, dass kein Kind Kind bleiben will. Diese Nostalgie für die Kindheit kommt erst wesentlich später. Und die wird uns bis zu einem gewissen Grad eben auch eingeredet, weil es dann später heißt: Jetzt bist du dreißig, die Zeit der Wünsche und Hoffnungen ist vorbei.

Bei Ludwig Wittgenstein gibt es die Idee, dass der kindliche, unverstellte Blick ein genuin philosophischer ist. Oder anders gesagt: Zu philosophieren heißt, die Dinge so zu sehen, als ob man sie das erste Mal sieht. Ist es zumindest nicht das, was wir von der Kindheit behalten sollten?

Da ist sicher etwas dran. Aristoteles sagt ja, dass die Philosophie mit dem Staunen beginnt. Im Alltäglichen sehe ich das etwa, wenn jemand bei uns ein Baby mit ins Institut bringt. Plötzlich stehen alle um das Kind herum und gucken es begeistert an. Denn diesem Blick des Babys, der nichts Selbstverständliches hat, diesem Wundergefühl, dem kann man sich natürlich nicht entziehen. Doch mein Argument ist, dass eben auch das Erwachsensein wundervoll sein kann, weshalb ich das negative Bild, das wir von ihm haben, rehabilitieren will.

Ist die Kindheit am Ende also einfach eine Lebensphase, mit der man schlicht abschließen muss?

Nein, denn natürlich hat die Kindheit auch viele schöne Dinge, die unser Erwachsensein beeinflussen werden. Insofern bin ich dafür, die eigene Kindheit zu reflektieren und dabei auch auszusortieren: So hätte ich mich entschieden, wenn ich hätte entscheiden können, und so nicht. Zudem gibt es selbstverständlich auch Dinge aus der Kindheit, die man sich bis zu einem gewissen Grad bewahren sollte. Beispielsweise verlieren wir immer mehr die Fähigkeit zur Entrüstung, je älter wir werden. Wenn meine Kinder ungerecht von einem Lehrer behandelt wurden, hatte ich als Mutter immer ein zwiespältiges Gefühl. Auf der einen Seite wollte ich sie in dem Aufschrei gegen diese Ungerechtigkeit unterstützen, auf der anderen Seite musste ich aber auch klarmachen, dass es nicht die letzte gewesen sein wird.

Kann uns die Erinnerung an die kindliche Kraft der Empörung also vor allzu großem Gleichmut schützen, vielleicht sogar in politischer Hinsicht?

Es ist immer ein Balanceakt. Regten wir uns über jede einzelne Ungerechtigkeit in der Welt auf, würden wir buchstäblich verrückt und könnten nicht mehr handeln. Dennoch bleibt es unsere Aufgabe, mehr Gerechtigkeit in die Welt zu bringen.

Das heißt, ohne ein gewisses Maß an Zynismus kommen wir gar nicht aus?

Ich plädiere nicht für eine zynische Vernunft, denn ich kann für den Zynismus wirklich kein gutes Wort einlegen. Vielleicht braucht es eher eine gewisse Gelassenheit, wobei man dabei aufpassen muss, dass diese nicht abermals in Zynismus umschlägt, indem man sagt, dass man die Welt ja doch nicht ändern kann.

Am Ende kommt man also wieder auf Kant zurück: Das Sein akzeptieren, aber das Sollen nie aufgeben.

Genau – und deshalb ist das Erwachsenwerden eine Aufgabe, an der man sein Leben lang arbeitet. Man muss sich der Kluft zwischen Sein und Sollen immer wieder bewusst werden. Das ist nicht leicht, ja mitunter sogar überaus anstrengend. Aber genau das ist auch der Punkt: Erwachsenwerden heißt nicht, sich resignierend zurücklehnen und alle Träume und Hoffnungen aufzugeben. Ganz im Gegenteil. Das macht es manchmal so schwer, aber eben auch so interessant. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2018