Will ich zu viel — oder zu wenig?

Wie aus dem beständigen Pendeln zwischen Überforderung und Prokrastination entkommen?
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Unsere gesamte Lebensweise beruht auf dem Imperativ des Mehrwollens. Gerade in Alltag und Beruf führt dies aber oft zu Selbstüberforderung. Ist es also nicht gerade die Suche nach mehr Intensität, die unserem Leben erst Spannung und Sinn gibt? Wie sähe eine selbstbestimmte Existenz aus, die sich nicht zu früh zufrieden gibt, ohne sich permanent zu überreizen? Wolfram Eilenberger begibt sich auf die Suche nach dem dritten Weg.

Von Wolfram Eilenberger



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Wolfram Eilenberger war von 2011 bis 2017 Chefredakteur des Philosophie Magazins

Lassen Sie mich ganz ungeschützt sprechen: Vor wenigen Wochen besuchte ich einen alten Freund, dessen Lebensweg ich immer mit besonderer Faszination und Bewunderung verfolgt hatte. Karriere im eigentlichen Sinne hatte er nie gemacht, sondern sich bis weit in die Mitte des Lebens Dingen gewidmet, die er als genussvoll und sinnstiftend empfand. Er spielte in verschiedenen Freizeitbands, finanzierte sich mit klug gewählten Nebenjobs und schrieb, längst als rein privates Bildungsprojekt, seit über 15 Jahren an seiner geisteswissenschaftlichen Doktorarbeit. Schon zu Schulzeiten war er so frei von Ehrgeiz und fremdbestimmten Zielen, schien so neidlos, in sich ruhend und gefestigt, dass er mir als wahres Vorbild eines zufriedenen, ja sogar weisen Menschen erschien. „Was er denn einmal werden wolle“, hatte ihn unser Religionslehrer in der 6. Klasse einst gefragt. Worauf er diesem, mir unvergesslich, entgegnete, er verstehe die Frage nicht, denn er sei ja schon jemand.

Leere Jahrzehnte

Wir hatten uns lange nicht gesehen. Seine Frau lebt mittlerweile von ihm getrennt (sie hatten, bekannte er, über mehr als ein Jahrzehnt keinen Sex mehr gehabt), ganz allgemein sei er, so komme es ihm nun vor, bisher wie ein Schlafwandler durchs eigene Leben gegangen. An der Innenseite seiner Küchentür hing ein DIN-A4-Blatt, auf dem stand: „Du weißt, was du zu tun hast, um glücklich zu leben, warum tust du es nicht? Weil du unvernünftig bist. Ein schlechtes Leben ist ein unvernünftiges Leben.“ (Ludwig Wittgenstein)

Fast noch mehr als die Bekenntnisse des Freundes sowie meine währende Blindheit für sein wahres Befinden schockierte mich dieser Zettel. In welchem Zustand ist ein Leben, das sich dieser Anklage eines fehlenden Wollens jeden Tag wieder aussetzen zu müssen glaubt? Andererseits: Könnten sich nicht fast alle mir bekannten Menschen, mich selbst eingeschlossen, beim morgendlichen Blick in den Badezimmerspiegel mit vollem Recht genau diese Frage stellen? Mag es für den Beginn auch eine noch so triviale Einsicht sein: Ganz offenbar, der Fall meines Freundes bezeugt dies, gibt es mindestens zwei Wege in ein dauerhaftes Unglück. Und zu wenig zu wollen, ist einer davon.

Gängigen Diagnosen folgend, kommt das eigentliche Unglücksproblem allerdings von der anderen Seite: Der permanente Drang des mutmaßlich erfahrungsintensivierenden „Mehrwollens“ führt unter den in sich widersprüchlichen Leistungs- und Rollenerwartungen unserer Zeit demnach zu einer dauerhaften Sinnentleerung des modernen Subjekts. Der französische Soziologe Alain Ehrenberg beobachtet in diesem Zusammenhang eine wahre Epidemie des „erschöpften Selbst“. Der deutsch-koreanische Philosoph Byung-Chul Han spricht fast gleichlautend von einer chronisch überspannten „Müdigkeitsgesellschaft“. Nach den Analysen des Soziologen Hartmut Rosa schließlich resultiert aus der kapitalistischen Leitlogik der permanenten Übersteigerung ein unter dem Begriff des „Resonanzverlusts“ gefasstes Abstumpfen und Verstummen unserer gesamten Selbst- und Weltbezüge. Aus sehenden Auges erzeugter Überforderung wird konkretes Unglück.

Die Zerrissenheit des Willens

Zumindest so viel wird wohl jede/r berufstätige Mutter/ Vater von zwei Kindern aus eigener Erfahrung bestätigen können: Es ist schlichtweg unmöglich, sämtlichen bestehenden Rollenerwartungen gerecht zu werden. Allzu oft erscheint einem das eigene Selbst, einer antiken Metapher folgend, deshalb wie ein mehrspänniger Pferdewagen. Nur dass die einzelnen Gäule, wie von fremden Peitschen getrieben, Tag für Tag in radikal verschiedene Richtungen streben. Dennoch scheint aus der Sicht des autonomen Subjekts alles – und zwar konkret lebenspraktisch – vernünftiger, als dieser erfahrenen Überforderung mit einer Reduktion der eigenen Willensziele oder Lebensgeschwindigkeit zu begegnen.

Wer scheitert oder dauerhaft zurückgewiesen wird, hat es, dem heutigen Diskurs folgend, einfach ‚nicht genug gewollt‘


 

Schließlich ist das offensive Bekenntnis, von sich und anderen beständig „mehr zu wollen“ so etwas wie das Grundgesetz unserer Lebensform (siehe Report von Nils Markwardt, S. 56). Wer sich hier offensiv verweigert, gerät als Mitarbeiter, Partner wie sorgendes Elternteil gleichermaßen unter Rechtfertigungsdruck. Dieser Imperativ der Selbstoptimierung verbindet sich in der Regel mit einer eigentümlichen Metaphysik des Wollens. In ihr wird ein personalisiert gedachter Wille zum mutmaßlich entscheidenden Kraftzentrum des eigenen Entwicklungs- und Karriereverlaufs. Wer scheitert oder dauerhaft zurückgewiesen wird, hat es, diesem Diskurs folgend, einfach „nicht genug gewollt“. Als sei die gesamte Existenz ein Fitnesscenter: Just do it!

„Mehr zu wollen“, beziehungsweise überhaupt noch „etwas zu wollen“, wird so gleichbedeutend mit vernünftiger, handlungsfroher Lebendigkeit selbst. Besonders eindrücklich kommen die mit dieser Konstellation verbundenen Konflikte und Widersprüche in Maren Ades mehrfach preisgekrönten Film „Toni Erdmann“ zum Ausdruck. Die Spannung zwischen Vater und Tochter erklärt sich in diesem Drama aus der wechselseitigen Unterstellung der beiden Protagonisten, jeweils „zu viel“ beziehungsweise „zu wenig“ vom eigenen Leben zu wollen. Und es damit unglücklich zu verwirken. In einer Schlüsselszene des Filmes erklärt die Tochter, eine von Karriereehrgeiz getriebene Unternehmensberaterin, ihrem mittlerweile pensionierten Vater, einem Lehrer aus der Provinz, im vorwurfsvollen Ton, sie kenne in ihrer Branche Männer in seinem Alter, die „noch etwas vom Leben wollen“.

Der Vater hingegen, bestürzt von der Ausrichtung des ständigen „Mehr-haben-Wollens“ und einer damit verbundenen, marktförmigen Selbstverleugnung seiner Tochter, fragt diese ganz direkt, ob sie denn in ihrem blinden Ehrgeiz „überhaupt noch ein Mensch“ beziehungsweise wenigstens „glücklich“ sei. Beide wirken in den Augen des jeweils anderen unglücklich und bedauernswert. Beide unterstellen sich, in Sachen Willensregulierung einer fundamental falschen Steuerung zu unterliegen. Der Vater wollte und will zu wenig vom Leben. Die Tochter zu viel und dann auch noch vom Falschen. Das ist mehr als nur ein Generationenkonflikt. Zur Diskussion stehen hier zwei Wege in die dauerhafte Unzufriedenheit und Selbstverfehlung. Das Toni-Erdmann-Dilemma benennt die Kernspannung der heutigen westlichen Existenz. Wir alle stehen in ihr. Die Herausforderung, sich in diesem Spannungsfeld zu positionieren, ist die eines zufrieden geführten Lebens selbst.

Sofern es im Philosophieren um die Frage nach dem guten Leben geht, sollte die Frage nach einer zufriedenheitsstiftenden Steuerung des eigenen Wollens in ihrem Zentrum stehen. Tatsächlich ist dies auch so. Bemerkenswert dabei ist allerdings, dass in der Geschichte des Philosophierens zwei einander radikal entgegengesetzte Leitbilder der Willensregulierung entworfen werden. Dem einen Weisheitsideal zufolge ist der Weg in ein zufriedenes, enttäuschungsfreies und positiv selbsttransparentes Leben der einer fortschreitenden Willensdistanzierung. Ihr idealtypischer Zielpunkt wird, sowohl in den östlichen wie westlichen Weisheitslehren, durch eine Figur des „Meisters“ verkörpert, die jenseits jeder Form personalen Wollens steht, ja den Willen selbst als Phantasma und eigentliche Wurzel allen Weltunglücks erkennt. Diese Traditionslinie führt vom Buddhismus und der griechischen Stoa bis zu Arthur Schopenhauer. Wenigerwollen als Weg zur Zufriedenheit. Nicht mehr Wollenmüssen als Ausweis eigentlicher Erlösung. Weisheit als kontrollierte und fortschreitende Deintensivierung des eigenen Strebens.

Gefragt ist eine neue Lebenskunst für das 21. Jahrhundert, eine Art existenzielle Musikalität und Gelenkigkeit


 

Genau diese mutmaßlich erlöste Haltung der dauerhaften Befreiung vom Mehrwollen wird von der zweiten Traditionslinie unter den Verdacht einer pathologischen Ermüdung, Erlahmung, gar Depression gestellt. Der Stoiker erscheint hier einfach als ein in sämtlichen Antrieben erlahmter Langweiler und System-Loser. Worum es in dem Selbstklärungsstreben des Philosophierens dagegen gehen müsse, sei die Erweckung und dauerhafte Ermunterung des Wollens im Sinne der Überschreitung und Ausweitung eigenen Vermögens und Erfahrens.

Lust an der Übung

Bei den Sophisten führt dies zum Plädoyer für eine lustvolle Selbstresponsibilisierung und Potenzialverfeinerung. Rhetorisch brillant erneuert wird diese Ermunterung insbesondere im Werk Friedrich Nietzsches wie auch den jüngeren Schriften Peter Sloterdijks, die unter dem Begriff der „Vertikalspannung“ den Menschen als ein der erneuernden Einübung und damit permanenten Selbstverbesserung fähiges Wesen begreifen. Nur ein pathologisch erschöpftes Selbst will „nicht mehr“ (siehe Pro & Contra, S. 50). Schließlich ist der Elan des Lebens selbst nicht etwa auf lahmes Überdauern, sondern auf die Steigerung des je eigenen Erfahrens angelegt. Wie der Intensitätstheoretiker Alfred North Whitehead in seinem Werk „Die Funktion der Vernunft“ (1929) schreibt: „Ein Felsbrocken kann ohne Weiteres achthundert Millionen Jahre alt sein, Bäume erreichen vielleicht ein Alter von tausend Jahren (…) Das große Problem, vor das uns die Evolutionstheorie stellt, ist die Frage, wie es überhaupt zur Entstehung komplexer Organismen mit einer derart mangelhaften Überlebensfähigkeit (wie der des Menschen, d. Red.) kommen konnte – ganz bestimmt nicht deshalb, weil sie sich besser auf das Überdauern verstanden hätten als die Felsen in ihrer Umwelt.“ Mit anderen Worten: Am lebendigsten und vernünftigsten sind wir, wenn wir uns des Dranges zur Intensivierung der eigenen Erfahrung zielorientiert bemächtigen.

So bietet die Geschichte der Philosophie also zwei radikal verschiedene Entwicklungsideale an. Was tun? Wie einen möglichen Ausweg finden aus dem ebenso unruhigen wie ermüdenden Pendeln zwischen zu viel und zu wenig.

Womöglich wäre es ein Anfang, diese zweidimensionale Beschreibung des „Hin oder Her“ mit Blick auf die Kultivierung unseres Wollens im Räumlichen um die Dimension der Tiefe und der Flachheit, im Zeitlichen um die des Rhythmus’ zu erweitern.

Gerade in Existenzen, die sich in weit mehr als einer Rolle zu suchen und zu finden haben, also modernen Existenzen, wäre neben dem Drang zur ständigen Vertiefung des eigenen Erfahrens auch der Mut zu dessen partieller Verflachung erforderlich. Das heißt konkret: das rhythmisierte, absolut schuldfreie Zulassen von Dumpfheit und kontrastfreier Leere. Nicht als eigentliches Ziel, sondern als ermöglichende Etappe, auf zu den neuen und durchaus ehrgeizig aufzusuchenden Intensitäten, die unsere Existenz potenziell in jedem Moment bereithält. An die Stelle der methodischen Eingrenzung des Willens träte demnach dessen qualitätshungrige Schulung, an die Stelle des mutmaßlich erlösenden Entsagens ein Gefühl für das richtige Timing. Gefragt wäre eine neue, betont mehrdimensionale Lebenskunst. Sagen wir, eine Art existenzielle Musikalität und Gelenkigkeit, deren zentrale Ideale es für das 21. Jahrhundert vielleicht erst noch zu formulieren gilt.

Es ist im Moment durchaus nicht sicher, dass wir wirklich wissen, was wir tun müssen, um glücklich zu sein. Die im Zusammenhang allzu gern vertretene These jedenfalls, nach der „weniger im Wollen ein Mehr an Glück ist“, wird sich – solange wir lebendig sind – kaum als dauerhaft wahr erfahren lassen. Denn allzu oft, schauen wir nur wach genug um uns, besteht ihr Preis in nichts Geringerem als dem traurig unbemerkten Verwirken eigener Möglichkeiten. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 5 / 2017