Wessen Freiheit?


Im Zuge der Corona-Pandemie erleben wir derzeit viele Einschränkungen. Aber ist das auch ein Freiheitsverlust? Kommt darauf an, ob wir ein quantitatives oder qualitatives Verständnis von Freiheit haben. Ein Denkanstoß von Claus Dierksmeier.


Als sich vor einigen Wochen abzeichnete, dass auch in Europa und den USA drastische Quarantäne-Maßnahmen erforderlich würden, meldete sich vorauseilende Kritik an. Im Namen der Freiheit sei das hoch problematisch: Schlimme Beschränkungen drohten, die Gefahr ihrer Verstetigung bestünde, das Umkippen freier Ordnungen ins Autoritäre sei zu befürchten. Und tatsächlich, wenn wir auf Polen schauen, wo eine Verschärfung des Abtreibungsrechts genau jetzt durch die Instanzen gepeitscht wird, da Kritiker wegen der Corona-Pandemie nicht zum Demonstrieren auf die Straße dürfen, gilt es auf der Hut zu sein. Einerseits.

Andererseits fällt auf, dass sich bisher die westeuropäische Öffentlichkeit ohne Panik vor Freiheitsverlusten mit den beschlossenen Regelungen arrangiert. Man trägt die Anordnungen der Regierungen kooperativ mit; Verstöße und lautstarke Kritik sind selten. Was ist hier los? Auf den ersten Blick erfüllen doch die Begrenzungen des Wirtschaftslebens samt bestimmter politischer Optionen, etwa der Versammlungsfreiheit, klarerweise den Tatbestand einer Freiheitsbegrenzung. Und wer sich Freiheit rein quantitativ vorstellt, also als möglichst große Menge privater Möglichkeiten, der muss hier ein Minus verbuchen.


Bei der Freiheit kommt qualitatives Abwägen vor quantitativem Abwiegen


 

Manche Kommentatoren meinten, der deutsche Michel opfere eben im Zweifelsfalle die Freiheit der Gesundheit. Aber meiner Meinung nach ist es nicht nur unhöflich, sondern vor allem falsch, der Bevölkerung ein mangelndes Freiheitsinteresse zu unterstellen. Vielmehr ist die Konstruktion von „entweder Freiheit oder Gesundheit“ verfehlt. Denn sie geht davon aus, dass es bei der Freiheit zuhöchst auf die Quantität individueller Optionen ankommt – und nicht auch und zuerst auf deren Qualität.

Die Freiheiten, in Boutiquen zu shoppen und in Restaurants zu essen, wurden beschnitten. Die Freiheit, nicht zu erkranken oder gar das eigene Leben zu verlieren, wurde dagegen gestärkt. Sind diese Freiheiten gleichwertig? Kaum. Hier geht Klasse vor Masse. Und darum kann eine verhältnismäßige Quarantäne durchaus als freiheitsdienlich gelten, sofern sie autonom verfügt – also sowohl prozedural korrekt beschlossen, als auch sobald möglich wieder aufgehoben – wird. Bei der Freiheit kommt qualitatives Abwägen vor quantitativem Abwiegen. Die zentrale Frage ist, um welche Freiheiten und wessen Freiheiten es geht. Denn falls uns Freiheit einfach als Personen zusteht, so allen Personen. Wo wir also individuelle Freiheit auf ihre Verträglichkeit mit der Freiheit aller hin beschränken, wird die universelle Idee der Freiheit nicht reduziert, sondern realisiert. Kurz: Zeitweilig Optionen aufzugeben, welche die Freiheit anderer zu überleben gefährden, mag unbequem sein. Eine Attacke auf die freiheitliche Grundordnung ist es aber nicht. •

Erstveröffentlicht am 24.04.2020


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