Wem gehören meine Organe?


Jeder ist automatisch ein Organspender, so er nicht zu Lebzeiten ausdrücklich widersprochen hat: Das ist der Plan von Gesundheitsminister Jens Spahn. Zu Recht ist dieses Vorhaben umstritten.

Von Svenja Flaßpöhler


Applaus erntet Spahn vonseiten der EU-Kommission. „Ich begrüße die Pläne von Minister Spahn. Ich bin überzeugt, dass die Stärkung der Spendenbereitschaft und mehr Kapazitäten in der Transplantationsmedizin helfen werden, die Zahl der Organspenden zu erhöhen“, ließ der zuständige EU-Gesundheitskommissar Ende Oktober verlautbaren. Das stimmt auf einer rein deskriptiven Ebene gewiss. Schließlich resultiert die niedrige Spenderzahl zu einem nicht geringen Anteil aus reiner Trägheit, Gedankenlosigkeit oder schier Unwissenheit, was kranke Menschen das nackte Leben kostet. Zudem, so argumentieren die Befürworter der sogenannten doppelten Widerspruchslösung, habe doch jeder Mensch das Recht und die Möglichkeit, sich gegen die Spende zu entscheiden. Wo also ist das Problem?

Das Problem beginnt damit, dass der Begriff der „Spenderbereitschaft“ ein Euphemismus ist. Tatsächlich greift hier das Trägheitsargument gleichermaßen: Ein Mensch, der es aus welchen Gründen auch immer verpasst, eine Bereitstellung seiner Organe nach dem Tod abzulehnen, ist noch lange nicht spendenbereit. Vielmehr hat er sich möglicherweise schlicht nicht mit der ethischen Komplexität der Organspende auseinandergesetzt, die diese Praxis nicht ablehnungs-, sondern gerade umgekehrt zustimmungsbedürftig macht.


Die Organspende sollte das Resultat einer sehr bewussten Entscheidung sein und keine quasinatürliche Grundannahme, gegen die ein Mensch Einspruch erheben muss


 

Bei einer Organspende werden postmortal Lunge, Leber oder Herz entnommen, so sie noch funktionstüchtig sind. Funktionstüchtig heißt: Das Herz-Kreislauf-System eines hirntoten Menschen wird durch künstliche Maßnahmen für eine gewisse Zeit noch aufrechterhalten. Was konkret bedeutet, dass ein hirntoter Mensch zwar nie wieder ins Leben zurückkehren kann, der Körper aber zur Zeit der Organentnahme noch warm ist, die Lunge atmet, das Herz schlägt. Ist ein solcher Körper wirklich schon tot? Oder stirbt er gerade? Was, wenn für eine Spende notwendige organprotektive Maßnahmen dem Wunsch widersprechen, nach einem Unfall nicht am Leben gehalten zu werden? Und ist ein noch funktionstüchtiges Organ einfach nur neutrale Materie oder doch Träger von Identität? Fragen, die tief in die Ethik und die Philosophie des Geistes hineinreichen. Vor diesem Hintergrund riet der Deutsche Ethikrat 2015, mit dem Thema Organspende sehr sensibel zu verfahren: „Jeder Mensch muss die Möglichkeit haben, seine individuelle Entscheidung zur (Herv. d. Red.) Organspende auf der Grundlage hinreichender Informationen zu treffen“, so heißt es in der Erklärung. „Dies gilt auch für die Frage, wann ein Mensch tot ist.“ Woraus folgt, dass die Organspende das Resultat einer sehr bewussten Entscheidung für diese Maßnahme sein sollte – und keine quasinatürliche Grundannahme, gegen die ein Mensch Einspruch erheben muss.

Weitaus sinnvoller wäre es daher, dem menschlichen Trägheitsmoment durch eine „Entscheidungslösung“ zu begegnen, wie auch Kritiker im Bundestag vorschlagen: Jeder, der einen Personalausweis beantragt oder den Führerschein macht, muss sich entscheiden: Organspende ja oder nein? So würde die Spenderzahl erhöht und gleichzeitig der Kern menschlicher Autonomie gewahrt: Nämlich die grundsätzliche Verfügungsgewalt über den eigenen Körper. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 1 / 2019