Welche Wahrheit birgt der Platz?

Die sind drin. Vor dem Gespräch unterhalten sich Christoph Biermann und Wolfram Eilenberger im Tor über Spieler, Spielzüge und Tore


Die Fußball-Weltmeisterschaft in Russland ist in vollem Gange und wird von hunderten Millionen von Menschen verfolgt. Doch was fesselt uns eigentlich an diesem Sport? Christoph Biermann und Wolfram Eilenberger über die Feier des Unvermögens, kontrollierte Chaotisierung und ein alternatives Heimatministerium.

Das Gespräch zwischen führte Nils Markwardt. Fotos von Peter Rigaud



Wolfram Eilenberger

ist promovierter Philosoph, Bestsellerautor und Journalist. Kürzlich erschien von ihm „Zeit der Zauberer. Das große Jahrzehnt der Philosophie 1919–1929“ (Klett-Cotta, 2018). Zudem besitzt er einen DFB-Trainerschein, spielt in der Autorennationalmannschaft und schreibt auf ZEIT Online die Fußball-Kolumne „Kabinenpredigt“.


Christoph Biermann

ist Publizist und Sportjournalist. Er gehört zur Chefredaktion des Fußballmagazins
11 Freunde und ist Mitglied der Deutschen Akademie für Fußballkultur. In seinem neuen Buch „Matchplan. Die neue Fußball-Matrix“ (Kiwi, 2018) analysiert er, wie sich die Digitalisierung auf den Fußball auswirkt und wie wichtig der Zufall für das Spiel ist.

Die Sonne überstrahlt den grünen Rasen des SV Blau Weiß Berolina. In das Vereinslokal des Fußballclubs aus Berlin-Mitte hingegen dringt kaum Licht, zu voll ist der Raum mit Pokalen, Wimpeln und Postern. Wolfram Eilenberger, der auf dem Gelände mit der Autorennationalmannschaft trainiert, liebt diesen Ort. Das mag auch daran liegen, dass hier noch das Rohe, Unberechenbare zu Hause ist: Wenig bringt den Philosophen mehr in Rage als die geleckte Durchtechnisierung des Fußballs. Mit skeptischer Aufgeschlossenheit hingegen steht der 11-Freunde-Journalist Christoph Biermann der Digitalisierung gegenüber: Klug eingesetzt könne die Technik den Sport bereichern, so der Buchautor. Trotz dieser unterschiedlichen Ausgangspunkte wird im Zuge des Gesprächs aber vor allem eines deutlich: Wer den Fußball versteht, versteht mehr als nur ein Spiel. Er blickt tief in die innersten Funktionsmechanismen unserer Gesellschaft.

Philosophie Magazin (PM): Wenn jemand nichts mit Fußball am Hut hat, wie erklären Sie ihm die Faszination dieses Sports?

Christoph Biermann: Es gibt eine unnötige Verkomplizierung: Man könnte den Ball ja besser mit der Hand bewegen, warum sollte man den Fuß nehmen? Und dieser Zug setzt sich fort, indem man das mit vielen anderen gegen viele andere auf einer großen Fläche macht. Aus etwas sehr Einfachem, den Ball vom einen Ende des Spielfelds zum anderen zu befördern, wird so etwas sehr Kompliziertes.

Wolfram Eilenberger: Es geht um die Zelebrierung des Unvermögens: Man bringt Menschen in Situationen, die sie nicht lösen können. Und das wird auch noch durch jenes Element verstärkt, das ja in Ihrem Buch eine große Rolle spielt: der Zufall. Der Mensch wird als ein dem Zufall ausgesetztes Wesen inszeniert. Er wird als Geworfener sichtbar.

Biermann: Es ist ein Kampf gegen das Chaos, trotzdem spielt der Zufall bei der Interpretation der Ereignisse selten eine Rolle. Spieler und Trainer sprechen ungern über etwas, das sie nicht beherrschen können. Beim Publikum wird ebenfalls oft übersehen, welche Rolle Glück und Pech spielen. Mit dem Psychologen Daniel Kahneman gesprochen, gibt es deshalb auch so oft einen Confirmation Bias im Fußball. Der krasseste besteht darin, die Spiele immer vom Ergebnis her zu betrachten. Wir haben ein 1:0, ein 0:0 oder ein 1:1 und fangen von diesem Punkt an, rückwirkend zu interpretieren, was auf dem Platz passiert ist. Doch die zufälligen Elemente werden in den wenigsten Fällen mitthematisiert.

PM: Gleichzeitig wird mit einer immer stärkeren Big-Data-Offensive versucht, den Zufall zu beherrschen.

Biermann: Mich interessiert, wie wir unsere Spielbewertungen besser und zutreffender machen können. Nimmt man beispielsweise die Expected Goals, bei denen errechnet wird, mit welcher Wahrscheinlichkeit von welcher Feldposition ein Tor erzielt wird, stellt man fest, dass das Verhältnis von Torschüssen und Toren bei Cristiano Ronaldo gar nicht wirklich höher ist als bei anderen. 13,3 Prozent seiner Schüsse waren Treffer, der Durchschnitt in der spanischen Liga liegt bei 11,1 Prozent. Was Ronaldo so außergewöhnlich macht, ist vielmehr, dass er insgesamt öfter und dabei vor allem aus besseren Positionen schießt. Seine Qualität liegt also vor allem im Sinn für gefährliche Räume. Solche Daten können beim Verständnis des Spiels helfen.

Eilenberger: Hält man aber erst einmal fest, dass es beim Fußball um den Kampf des Menschen mit einer Situation geht, die er nicht bewältigen kann, lassen sich hier alle anthropologischen Grundfragen aufrufen. Was ist der Mensch? Wie ist ein Einzelner mit seiner Gemeinschaft verbunden? Ebenso die Frage nach dem Verhältnis von Rationalität und Irrationalität. In Ihrem Buch geht es ja eigentlich darum, dass in der Spielanalyse oft Rationalitätslöcher geleugnet werden, indem man Elemente wie den Zufall ausblendet. Das sind Grundkategorien, die sehr viel mit dem Drama zu tun haben, als Mensch zu existieren. Deshalb ist diese Metapher, dass Fußball unser Leben ist, gar nicht so falsch.

Fußball ist weniger ein Spiegel der Gesellschaft, als ein Laboratorium für kommende Entwicklungen
— Wolfram Eilenberger


 

PM: Kann man im Fußball deshalb etwas über den Stand der Gesellschaft ablesen?

Eilenberger: Fußball ist weniger ein Spiegel der Gesellschaft, als ein Laboratorium für kommende Entwicklungen. Das, was auf dem Platz passiert, weist in unsere Zukunft. In den letzten Jahren läuft der Fußball auf eine Dekontingenzierung zu, auf die Ausschaltung der Zufallselemente. Das sieht man am Kunstrasen, an der Torlinientechnik oder am Videobeweis. Unverfügbarkeitsmomente sollen verschwinden. Das zeigt sich auch zunehmend in der Gesamtgesellschaft. Von der pränatalen Diagnostik bis zur Selbstüberwachung mittels Fitnesstracker. Durch technische Hilfsmittel wird versucht, Unverfügbarkeit aus dem Dasein auszutreiben. Interessanterweise lassen sich deshalb drei historische Phasen des Fußballs ausmachen, die Parallelen in der Philosophiegeschichte des 20. Jahrhunderts besitzen. Zunächst gab es, ein bisschen eigennützig formuliert, die „Zeit der Zauberer“, in der die großen Spieler die Matches entschieden. Dann den Taktikschub, also den Strukturalismus. Und nun kommt Big Data.

Biermann: Gibt es diese Entwicklung in der Philosophie auch?

Eilenberger: Zumindest wird durch die Einbeziehung neurowissenschaftlicher und soziologischer Ansätze bei der Frage „Was ist der Mensch?“ vermehrt auf Big-Data-Modelle umgeschaltet. Das Wesen des Menschen wird also rein quantitativ aufgefasst. Sie haben ja eine skeptische Aufgeschlossenheit gegenüber diesen Entwicklungen, indem sie zeigen, welche Rationalisierungen, aber auch welche Blindheiten erzeugt werden. Ein solcher Fußballdiskurs ist viel mehr als ein Verständnis des Spiels, da er unsere zukünftigen Seinsweisen anzeigt. Auch die Tatsache, dass Spieler auf dem Platz nun oft mit der Hand vor dem Mund sprechen, heißt ja nichts anderes, als dass sie einen Sinn für ihre Überwachung haben. Ganze Beobachtungslogiken, die in der Gesellschaft anreißen werden, sind hier schon der Fall. Der Fußball ist – mit Michel Foucault gesprochen – das neue Masterpanoptikum.

Biermann: Ein wichtiger Begriff ist in diesem Zusammenhang der Algorithmus. Es wird oft halbreligiös über ihn gesprochen, als würden Algorithmen höhere Wahrheiten produzieren. Dabei sind sie erst mal nichts anderes als von Menschen gemachte Rechenaufträge, denen ein spezifisches Weltverständnis zugrunde liegt, aufgrund dessen bestimmte Elemente in diese Rechnung einfügt werden oder nicht. Deshalb muss man stets fragen, ob das wirklich nutzt, den Fußball besser zu verstehen. Zweifellos kann man mit Daten viel machen, aber man muss sie richtig lesen. Früher dachte ich selbst, dass Daten an sich ausreichen, um Fortschritt zu erzeugen. Aber dann kam zunächst ein Daten-Kater. Zu wissen, dass man 75 Prozent Ballbesitz hatte, bringt einem noch nicht viel. Jetzt haben wir aber immer komplexere Daten, etwa in Form der Expected Goals. Und dadurch wird es deutlich spannender.

PM: Wie wirkt sich diese Spannung von Zufall und Beherrschung auf die Trainer aus?

Eilenberger: Ganz grundsätzlich bewegt sich der Fußball vielleicht zwischen zwei Begriffen, die man aus der Kulturphilosophie der 1920er-Jahre kennt: Form und Ereignis. Und daraus kann man auch Typologien von Trainern entwickeln. Guardiola ist etwa ein Formtrainer, ein Kontingenzhasser. Dessen Spielideal ist stark analytisch durchdrungen – setzt auf Kontrolle, Raum und nicht zuletzt auch emotionale Distanz. Ereignistrainer versuchen hingegen aus der Form des Spiels auszubrechen. Jürgen Klopp konnte in seiner größten Zeit beim BVB großartig aus der Form ins Ereignis gehen. Er suchte die Eskalation – taktisch, emotional –, um durch diese zu gewinnen. Überhitzung als Überlebensprinzip.

PM: In der medialen Wahrnehmung gilt Guardiola dabei stets als der interessantere Fall.

Eilenberger: Mich haben zuletzt mehr Trainer interessiert, die versuchten, Guardiolas Paradigma mit einer kontrollierten Chaotisierung des Spiels zu begegnen. Der interessanteste war vielleicht José Mourinho, der in seiner Zeit beim FC Porto selbst ein Kontrollfreak war. Doch bei Inter Mailand oder jetzt Manchester United hat er eingesehen, dass er das Spiel kontrolliert chaotisieren muss, um erfolgreich zu sein. Dazu zählen auch psychologische Nickligkeiten und kleine Schweinereien, um den Gegner aus der Form zu bringen. Ich vermute, dass solche Trainer in Zukunft wieder den größeren Erfolg haben, denn Fußball bleibt ein Ereignisspiel, das sich in Momenten des Kontrollverlusts entscheidet.

Man muss sich stets fragen, ob Daten wirklich dabei helfen, den Fußball besser zu verstehen
— Christoph Biermann


 

Biermann: Mourinho spielt Underdog-Fußball mit Overdogs. Und das finde ich moralisch zweifelhaft. Solch ein unschönes Stock-in-die-Speiche-Spiel ist mir auf dem Niveau zu wenig. Das kann Diego Simeone bei Atlético Madrid machen, der mit Barcelona und Real Madrid zwei spielstarke Giganten in der Liga vor sich hat und sich von ihnen mithilfe robusterer Mittel abgrenzt. Aber wenn man das Starensemble von Manchester United trainiert, ist das armselig.

PM: Gibt es ab einem gewissen Qualitätslevel also so eine Art ästhetischen Imperativ?

Biermann: Nein, als Fan kann ich so etwas zwar fordern, aber die Logik von Trainern ist letztlich eine komplett andere. Sie folgt nur der Frage: Was führt mich zum Sieg?

PM: Es gibt jedoch Leute wie César Luis Menotti, Argentiniens Weltmeistertrainer von 1978, der die Philosophie des „linken Fußballs“ prägte. Die orientierte sich nicht nur am Sieg, sondern auch an der Schönheit.

Biermann: Aber es gibt eben nicht Leute wie Menotti, sondern es gibt: Menotti. Es wird oft so getan, als sei er der Anführer einer Schule gewesen, aber wenn man guckt, wer da nach ihm kam, ist da keiner. Es hört sich zwar gut an: „linker“ gegen „reaktionärer“ Fußball. Aber das ist Unfug. Am Ende wollen alle gewinnen. Mal mit komplexeren, mal mit weniger komplexen Mitteln, mal schöner, mal weniger schön.

Eilenberger: Dennoch würde ich sagen, dass sich im Fußball unterschiedliche Existenzweisen andeuten. Mourinho steht für zynischen Fußball, Menotti für ästhetischen. Und Guardiola ist es gelungen, seinen Ansatz als ethisch zu branden. Zudem ist etwa die italienische Fußballkultur nicht ohne Machiavelli zu denken. Dort geht es nicht um Ethik oder Ästhetik, sondern um die Frage, wie man mit den verfügbaren Mitteln dem Gegner so viel Schaden zufügt, dass der irgendwann kollabiert.

Biermann: Fußball ist weitgehend globalisiert, deshalb bilden nicht so sehr Nationen fußballerische Identitäten aus, sondern Mannschaften. Was man aber schon findet, sind kollektive Geschmacksvorlieben. Wenn man pragmatisch einen 1:0-Sieg nach Hause bringt, kommt man damit in Italien gut durch. In England wird Härte gefeiert und ist jeder Ansatz einer Schwalbe verhasst, während spanische Zuschauer auch bei mittelmäßigen Mannschaften wie Getafe oder Levante Kombinationsfußball erwarten. Und da ich auch öfter in Afrika war, kann ich sagen, dass es dort eine besondere Begeisterung fürs Spektakuläre gibt, ein Fallrückzieher im Mittelkreis wird bejubelt.

PM: Wenn es um die Faszination des Fußballs geht, zählt indes nicht nur das, was auf dem Platz passiert, sondern auch drum herum. Das Stadion scheint ja bisweilen, um es mit Michel Foucault zu sagen, ein geradezu heterotopischer Ort zu sein: Machos fangen hier an zu weinen, wildfremde Menschen fallen sich in die Arme.

Eilenberger: Stadien sind Insularitätsorte. Sie schaffen eine Sonderzone der Existenz, die von allen anderen Anforderungen entlastet ist. Deshalb sind dort andere Erfahrungen möglich.

Biermann: Für das Selbstverständnis von Fans war es deswegen auch ein großer Fortschritt, als immer mehr von Sportstadien mit Laufbahn zu reinen Fußballstadien gewechselt wurde. Man ist näher an das Geschehen gerückt, am besten noch mit einem Dach drüber, sodass man von der Welt abgeschlossen in das Spiel eintauchen konnte.

Eilenberger: Diese architektonische Dramatisierung ging aber mit einer gleichzeitigen Sedierung einher, da vielerorts die Stehplätze abgeschafft oder minimiert wurden. Was man durch den Komfortzuwachs an Stimmung verlor, musste man durch die Nähe wieder reinholen. Insofern sind die heutigen Arenen ein Kompromiss. Nicht zuletzt deshalb hat sich auch die Atmosphäre geändert. Früher diente der Fußball, überspitzt gesagt, als funktionales Äquivalent zum öffentlichen Erhängen. Da wurden sehr basale Emotionen ausgelebt. Das Stadionerlebnis, das ich noch aus meiner Jugend kenne, gibt es nicht mehr.

PM: Weil es roher und brutaler war?

Eilenberger: Als Kind war mir stets die Möglichkeit präsent, dass diese vollkommen unkontrollierbare Menschenmasse jeden Moment eskalieren könnte.

Biermann: Ich gehe seit Mitte der 1970er-Jahre zum Fußball. Bis in die 1990er war Gewalt auf den Rängen selbstverständlich. Ich selbst habe mich da nie beteiligt, aber man musste eben aufpassen, welche Wege man zum Stadion geht und wo man seinen Schal besser in die Tasche steckt.

Fußball ist vor allem inszenierte Leere, ein blubberndes Nichts, aus dem ab und zu mal ein Ereignis ausbricht
– Wolfram Eilenberger


 

Eilenberger: Und im Zweifel bekam man auf die Fresse. Das war halt die Gefahr.

Biermann: Genau. Auf der anderen Seite war früher vieles öder. Mein Verein, der VfL Bochum, hat damals vor wenigen Tausend Zuschauern in der Bundesliga gespielt. Heute kommen ebenso viele in der Zweiten Liga, und man hat das Gefühl, dass da mehr los sein könnte. Auch das Reden über Fußball war öde. Bis in die 1990er-Jahre galt es für viele Leute als degoutant, sich beim Fußball auszukennen, das war ein Proletensport.

PM: Was sich hingegen kaum geändert zu haben scheint: Die Liebe zu einem Verein ist ein Teil der eigenen Identität.

Biermann: Ich frage mich immer mal wieder, was die Triebkraft meiner persönlichen Begeisterung für einen mittelmäßig erfolgreichen Zweitligisten aus dem Ruhrgebiet ist? Warum ermüdet die nicht? Sicher auch deshalb, weil der VfL Bochum mein Heimatministerium ist. Es gibt nicht mehr viele Dinge, die mich mit dem verbinden, wo ich herkomme. Doch dieser Verein tut es. Gucke ich auf ihn, gucke ich auf meine persönliche Geschichte.

Eilenberger: Fußball ist so tief in der Identität, dass man sich selbst gar nicht ohne ihn denken kann. Zumindest bei vielen Männern in unserer Generation. Deshalb ist das aber auch ein wichtiger Punkt, wenn Sie sagen, dass früher weniger passierte. In gewisser Hinsicht ist das noch immer so, denn Fußball ist ein vergleichsweise ereignisloses Spiel. Er ist weitgehend inszenierte Leere, ein fortdauerndes, blubberndes Nichts, aus dem ab und zu mal ein Ereignis ausbricht. Man sagt ja nicht umsonst: „Das Tor fällt aus dem Nichts.“ Aber 22 Menschen dabei zuzuschauen, wie sie die Leere verwalten, lässt einen im beckettschen Sinne heimisch fühlen.

PM: Sie erwähnen in Ihrem Buch noch eine andere Dialektik: Die Attraktivität des Fußballs resultiert auch daraus, dass so wenige Tore fallen.

Biermann: Ich mache gerne den Gegenversuch und gehe ab und zu zum Basketball. Das ist ein schöner Sport, aber er packt mich nicht so richtig, weil immer, nun ja, die bessere Mannschaft gewinnt.

Eilenberger: Deshalb sind Dekontingenzbemühungen wie der Videobeweis ein Verbrechen an der Logik des Spiels. Was da im Namen der Fairness als Verbesserung verkauft wird, ist ein Verrat an dem Versprechen, das den Fußball eigentlich trägt, nämlich, dass der Schlechtere gewinnen kann.

PM:Bis zum Anpfiff der Weltmeisterschaft in Russland sind es nur noch wenige Wochen. Angesichts der Spannungen zwischen dem Westen und Moskau betonen russische Funktionäre, dass man Politik und Sport nicht vermischen dürfe. Doppelmoralisch, oder?

Biermann: Natürlich. Weltmeisterschaften werden genutzt, um sich so darzustellen, wie man von der Welt gesehen werden will. Das sind PR-Maßnahmen nach innen und außen. Das war aber 2006 auch so. Man wollte zeigen, dass man in Deutschland freundlich behandelt wird und die Menschen auch noch lustig sind. Und ich bin mal gespannt, welches Russland uns die Russen verkaufen wollen.

Eilenberger: Das Problem ist, dass man die Politisierung des Fußballs nur dann anmahnt, wenn einem die Richtung nicht passt. Hierzulande war die Politisierung in der Ära Merkel enorm, weil sie implizit die ganze Zeit mitlief und als Aushängeschild genutzt wurde, ohne dass sie sich parteipolitisch darstellte. Die Idee, dass man den Fußball von einer politischen Beschreibung freihalten könnte, geht fehl. Man sollte vielmehr deutlich machen, wo sie implizit vollzogen wird.

PM: Ganz explizit wird sie gerade in China vollzogen. Da wurde von oben ausgegeben, dass man bis 2050 zur Weltspitze gehören solle. Und das ist ja umso erstaunlicher, als die früheren Ostblockstaaten beim einstigen Arbeitersport Nummer eins nie wesentliche Erfolge aufweisen konnten.

Biermann: Letzteres erklärt sich aber daraus, dass die Politik jedes Bewegungstalent in die olympischen Sportarten abordnete, weil die Priorität hatten. Einer der schnell rennen konnte und ein fantastischer Mittelstürmer gewesen wäre, wurde Leichtathlet. Ich glaube, es ist so banal.

In den nächsten 20 Jahren wird im Fußball noch eine Menge passieren, aber die Umschläge werden nicht mehr so groß sein
– Christoph Biermann


 

PM: Es gibt aber auch die These, dass dieser Nichterfolg daher rührte, dass Fußball Kreativität verlangt, welche in autoritären Staaten weniger eingeübt ist.

Biermann: Aber einer der großen Ahnherren des – nennen wir ihn so – Formfußballs war natürlich Walerij Lobanowskyj, lang jähriger Trainer von Dynamo Kiew und der sowjetischen Nationalmannschaft. Ohne ihn wäre RB Leipzig quasi nicht vorstellbar, da er einer der geistigen Väter Ralf Rangnicks ist. Ich kann mich erinnern, bei der EM 1980 in Deutschland die UdSSR gegen Italien in Stuttgart gesehen zu haben. Das war ein spektakuläres Spiel, weil ich etwas sah, das ich zuvor noch nie gesehen hatte: Ballorientierter Fußball, nur dass es den Begriff damals noch nicht gab.

Eilenberger: Zudem muss man sagen: Die Sowjets haben als Erste die Dataisierung des Fußballs forciert.

Biermann: Ja, die begannen als Erste, Spiel- und Leistungsdaten zu erfassen. Was die 1980er-Jahre an technischen Möglichkeiten hergaben, haben die gesucht, benutzt und darauf hin Spielprinzipien entwickelt.

PM: Kam das aus dem Geist einer Überwachungskultur?

Biermann: Nein, eher aus dem Gedanken der Planbarkeit. Und das hat wie der mit der Frage zu tun: Wie bekommt man das Chaos in den Griff? Wenn du ein systematisch denkender Mensch wie Lobanowskyj bist, gehst du solche Wege.

PM: Wir sprachen darüber, wie sehr sich der Fußball in den letzten 20 Jahren veränderte. Wird er das in den nächsten 20 wieder tun? Oder sind wir jetzt an einem Punkt, wo physisch und taktisch gar nicht mehr viel geht?

Biermann: Es wird noch eine Menge passieren, aber die Umschläge werden nicht mehr so groß sein. Bei der Ausbildung und beim Taktischen wird man noch viel machen können. Das habe ich mit dem Begriff „liquider Fußball“ zu fassen versucht. Grundordnungen wie das 4-4-2 oder 4-3-3 lösen sich auf, Spieler nehmen gar keine klassischen Positionen mehr ein, sondern gehen mit einem Auftragsbündel auf den Platz, um permanent Überzahlsituationen zu schaffen.

Eilenberger: Wenn es stimmt, wie Sie in Ihrem Buch schreiben, dass die Bedeutung der Standardsituationen statistisch so groß ist, muss man eigentlich den Selektionsmechanismus für die Physis ändern, um bei hohen Bällen erfolgreicher zu sein. Wir werden in Zukunft womöglich also mehr Spieler haben, die über zwei Meter groß sind. Es könnte eine Art Basketballisierung des Fußballs eintreten.

Biermann: Da würde ich mich aber fragen: Rechnet sich das, wenn man da vorne einen Holzklotz drinstehen hat, der sich nicht bewegen kann?

Eilenberger: Die Beweglichkeit hat man ja mittlerweile beim Basketball. Und als zweite Prognose: Der lange Ball wird eine Renaissance erleben. Wenn ich die statistischen Daten richtig deute, ist es ja gar nicht so wichtig, wer den Ball hat, sondern wo der Ball ist. Will man diesen also in die richtige Zone bringen, ist der lange Ball effektiver.

Biermann: Wobei Guardiola sagt: Der Ball, der schnell nach vorne gespielt wird …

Eilenberger: … kommt auch schnell wieder zurück (lacht). Das stimmt auch wieder. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2018

Männer und Frauen