Was der Fall ist


Bundesweit tauchen immer neue Hinweise auf ein rechtsextremes Netzwerk in der Polizei auf. Handelt es sich dabei um ein strukturelles Problem? Ein Kinderspiel kann zur Klärung beitragen.

Von Dominik Erhard



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Bereits Ende letzten Jahres wurde bekannt, dass die Daten der Frankfurter Anwältin Seda Başay-Yıldız mutmaßlich von einem Polizeicomputer im 1. Frankfurter Revier abgerufen wurden, um einen Drohbrief im Namen des sogenannten „NSU 2.0“ an sie zu schicken. Anfang April nun wurde der Haupttatverdächtige festgenommen, die Drohbriefe aber tauchten weiterhin auf, womit sich abermals mit größter Dringlichkeit eine Frage stellt, die uns auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen (man denke etwa an #MeToo und sexuelle Übergriffe in der Filmbranche) schwer beschäftigt: Handelt es sich um Einzelfälle – oder um ein strukturelles Problem der Institution?

Warum diese Unterscheidung hier wie auch auf anderen Feldern so schwer zu treffen ist, liegt jedoch nicht an den Phänomenen selbst, sondern an der unscharfen Verwendung des Begriffs „Struktur“. Im Alltag verwenden wir diesen nämlich nicht im Sinne eines geordneten Ganzen, das aus funktionalen Teilen besteht, sondern wie eine ungeordnete Menge identischer Elemente. Oder deutlicher ausgedrückt: Wir sagen „Struktur“, denken aber „Haufen“.

In welche Verhängnisse derart vage Begriffe führen können, veranschaulicht die „Paradoxie des Haufens“ aus dem vierten vorchristlichen Jahrhundert. Um sich den von Zenon von Elea erstmals formulierten Gedanken vor Augen zu führen, stelle man sich ein einzelnes Sandkorn vor. Dieses würde wohl niemand als einen Haufen bezeichnen. Ausgehend von dieser ersten Prämisse – ein Sandkorn ist kein Haufen – würde man auch der Prämisse zustimmen, dass ein weiteres hinzugefügtes Sandkorn dies nicht ändert. Diese zweite Prämisse allerdings – ein Sandkorn mehr macht noch keinen Haufen – ist verhängnisvoll, kann so nämlich gefolgert werden, dass auch 100 000 Sandkörner noch keinen Haufen bilden. Denn auch hier kam nur nach und nach eines zum anderen.


Wir müssen über Strukturen wie über Jenga-Türme nachdenken


 

Übertragen auf die Frage von Einzelfall und strukturellem Problem bedeutet das: Solange wir Strukturen wie Haufen denken, von denen nicht klar ist, wo die Linie von Nichthaufen zu Haufen verläuft, ist auch nicht zu ermitteln, ab wie vielen Einzelfällen es sich um eine Struktur handelt. Denn nicht die Anzahl der einzelnen Phänomene ist relevant, sondern die Frage, wodurch diese bedingt sind und ob dabei eine Verbindung zum Ganzen besteht.

Die Haufenparadoxie lässt sich umgehen, wenn wir über Strukturen wie über Jenga-Türme nachdenken. Fällt der Turm in sich zusammen, wenn das herausgezogen wird, was die Voraussetzung für das Phänomen ist, handelt es sich um ein strukturelles Problem. Bleibt er davon unberührt, liegt es nahe, dass man es mit einem Einzelfall zu tun hat.

Versteht man das Beispiel rechter Umtriebe in der Polizei als Prototyp der Problematik „Struktur oder Einzelfall?“, lautet also die Kipptestfrage: Könnte es die Polizei ohne die Bereitschaft geben, hierarchische Entscheidungsstrukturen schlicht zu akzeptieren und im Zweifelsfall auch Gewalt anzuwenden? Definitiv nicht. Zwar folgt daraus keineswegs, dass die Polizei ohne rechte Gesinnung undenkbar ist. Doch das Potenzial zu einer solchen ist in der Institution als solcher angelegt. So hat vorbildhafte Polizeiarbeit, wie sie in Deutschland jeden Tag tausendfach stattfindet, denselben Grund wie rechte Umtriebe in der Institution und ist deshalb strukturell. Wer Letzteres dennoch als Einzelfälle abtut, verspielt somit, worauf die gesamte Institution fußt: Vertrauen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2019