Voltaire und die Toleranz

Schlagartig ist die Bedeutung der Toleranz wieder ins Zentrum des öffentlichen Bewusstseins getreten. Kein Philosoph hat dieses Ideal schärfer und einflussreicher verteidigt als der französische Aufklärer Voltaire. Mögen die Feinde der Toleranz heute auch andere sein, die Grundfragen bleiben die gleichen. Voltaire spricht zu uns als Zeitgenosse.

Von Philippe Raynaud / Illustration: Bertrand Salle, Bildvorlage: Bianchetti/Lemage/akg-images


Als Autor wird Voltaire gegenwärtig von den meisten Philosophen nicht mehr sonderlich geschätzt. Sie finden seine Metaphysik gern etwas kurz gedacht und sind eher empfänglich für die Radikalität seines großen Widersachers Rousseau. Was allerdings auch heute noch von ihm in Erinnerung bleibt, ist sein Eintreten für die Toleranz und sein politischer Kampf für die Rehabilitierung von Johann Calas. Aus diesem Grund hat das Attentat auf Charlie Hebdo durch Islamisten, die sich über Karikaturen des Propheten des Islam empörten, auch einen plötzlichen Wiederanstieg des Interesses für die Abhandlung „Über die Toleranz“ hervorgerufen.

Voltaire ist ein genialer Polemiker, der sich in dieser Abhandlung darum bemüht, die Gläubigen zu überzeugen, ohne dabei ihr religiöses Dogma oder ihren Kult frontal anzugreifen. Er wendet sich an sie als vernünftige Menschen, die imstande sind, die Stimme der Natur zu vernehmen. Genau das ist auch heute noch wichtig für diejenigen, die sich jetzt auf Voltaire berufen, um den Laizismus oder die Freiheit des Denkens zu verteidigen.

Fragestellungen über Toleranz, gesellschaftlichen Frieden und religiöse Freiheit sind im gesamten Werk Voltaires präsent, doch in den „Philosophischen Briefen“ (1734) hat er die Bedingungen und zugleich die Auswirkungen der Toleranz wohl am besten erklärt. Als Beispiel dient ihm die Gegenüberstellung der von England errungenen Fortschritte und der Rückständigkeit des katholischen und monarchischen Frankreich. Die religiöse Vielfalt Englands erscheint hier als das gelungene Produkt einer oft gewaltsamen Geschichte, die sich aber schließlich zur Freiheit gewandt hat. Möglich wurde sie durch den Bruch Englands mit Rom, der letzten Endes zu einer Blüte von „Sekten“ führte, von der zwar keine die andere ausschalten konnte, die aber gerade deshalb die Macht der offiziellen (anglikanischen) Kirche einschränkten.

Eine berühmte Passage aus dem sechsten „Philosophischen Brief“ liefert ein erstaunliches Bild der englischen Freiheit, deren Symbol ausgerechnet die Londoner Börse ist: „Man gehe auf die Börse in London, einen Platz, welcher ansehnlicher ist als manch ein Hofstaat, wo sich die Abgeordneten von allen Völkerschaften einfinden, um die Wohlfahrt der Menschen zu befördern. Hier treten der Jude, der Türke und der Christ miteinander in Unterhaltung, als wären sie Glaubensgenossen, und nennen nur denjenigen einen Ungläubigen, welcher bankrott ist. Hier vertraut der Presbyterianer dem Wiedertäufer, und der Anglikaner nimmt von dem Quäker Versprechungen entgegen. (…) Wenn in England nur eine Religion herrschte, so würde die unumschränkte Gewalt zu fürchten sein; wären es ihrer zwei, so würden sie sich einander die Kehle abschneiden; sie sind aber wohl an die dreißig und leben alle friedlich und glücklich.“

Plädoyer für den Pluralismus

Dieser brillante Text schließt mit einem politischen Argument, dem eine große Zukunft verheißen ist: Es wird sich bei einem der Gründerväter der Vereinigten Staaten wiederfinden, nämlich bei James Madison, der sich auf die glückliche Erfahrung der Pluralität der Sekten in Amerika stützt, um den politischen Pluralismus zu verteidigen. Voltaires Gedanke besitzt aber auch eine allgemeinere politische Tragweite. Er besagt, dass die Voraussetzung für religiöse (und politische) Freiheit darin besteht, dass das Handeln der Menschen trotz einer möglichen Gottesverehrung im Wesentlichen auf die diesseitige Welt ausgerichtet sein muss. Handeln darf Gott nur insofern glorifizieren, als es die Bedingungen des Menschseins verbessert. Seit seiner Abhandlung von 1763 stellt Voltaire seinen Kampf unter das Zeichen der Toleranz, was ihm erlaubt, klare Ansprüche zu formulieren, die selbst die eifrigsten Gläubigen verstehen und gutheißen sollten: Glaube hat nur Sinn, wenn er frei ist, und die Verfolgung Andersgläubiger ist somit zugleich nutzlos und unrecht.

Voltaire – ein Karikaturist des Islam?


Hat Voltaire, Verfechter der weltweiten Toleranz, dieses Prinzip selbst immer in Ehren gehalten? Oder zeigt er selbst islamophobe Tendenzen, wie es seiner Tragödie „Mahomet der Prophet“ (1736) oft vorgeworfen wird? Voltaire zeichnet Mohammed in seinem Stück tatsächlich als grausamen Betrüger, der junge Menschen für Kriege instrumentalisiert. Man sollte sich indes hüten, dem Autor ebenso auf den Leim zu gehen, wie es seine katholischen Zeitgenossen taten: Diese nahmen die Satire wörtlich und applaudierten Voltaire zunächst. Erst als ihnen klar wurde, dass sie selbst ebenfalls gemeint waren, wendete sich das Blatt. Das Stück wurde verboten. Wenn sich Voltaire auch an den muslimischen Propheten hält, um der Zensur zu entgehen, so zielt er doch mit seiner Polemik auf die Exzesse aller Monotheismen ab.

Ein kritisches Mohammed-Bild findet sich auch in Voltaires historischem „Essay über die allgemeine Geschichte und die Sitten und den Geist der Nationen“ (1756): „Es ist anzunehmen, dass Mahomet, wie alle Enthusiasten, mächtiglich ergriffen von seinen Ideen, diese anfangs in gutem Glauben vertrat, durch Träumereien verfestigte, sich selber täuschte, indem er andere betrog, und schließlich eine Lehre, die er für gut hielt, durch Betrug zu schützen sich genötigt sah.“ Andernorts drückt Voltaire aber auch große Achtung vor dem Islam aus und verteidigt den Koran gegen islamfeindliche Klischees: Zu Unrecht sage man ihm „unzählige Dummheiten“ nach, „die niemals darin standen“. Voltaire bewundert die Weisheit und Einfachheit der muslimischen Religion: „die Einheit eines Gottes, der ohne Mysterium und der menschlichen Intelligenz angemessen dargestellt wird“, was in seinen Augen die Überlegenheit des Islam über das Christentum und dessen Dogma der Heiligen Dreifaltigkeit ausmacht. Vor allem beurteilt er die Muslime als viel toleranter als die Christen, bei denen sich Katholiken und Protestanten gegenseitig zerfleischen. Vor allem das Osmanische Reich hält Voltaire für ein Vorbild der Toleranz. „Keine christliche Nation duldet in ihrem Herrschaftsbereich eine Moschee, aber Türken erlauben den Griechen ihre Kirchen.“ Sie schützen sogar die christlichen Prozessionen. Auch im Artikel „Toleranz“ im „Dictionnaire philosophique“ (1764) wird der türkische Sultan gelobt: Während er Nichtmuslime toleriere und sie nicht zu bekehren versuche, gehe er gegen intolerante religiöse Eiferer streng vor: „Der erste, der Unruhe stiftet, wird gepfählt und alle Welt ist friedlich“, so der Philosoph. Und kommt zum Schluss: „Habt ihr bei euch zwei Religionen, werden sie sich die Kehle durchschneiden, habt ihr dreißig, leben sie miteinander in Frieden.“ Eine Lektion, über die nachzusinnen auch heute noch im Interesse aller Nationen läge.

Von Mathilde Lequin

 

Für die Mehrheit unserer Zeitgenossen ist Toleranz ein kostbares Gut, doch zu Voltaires Zeiten war dem nicht so: Die herrschende Ansicht in den christlichen Kirchen lautete, dass man „Irrtum“ und „Wahrheit“ nicht auf dieselbe Ebene stellen könne. Historisch betrachtet taucht der moderne Toleranzbegriff in einem sehr speziellen Kontext auf: dem der Religionskriege, die durch die Reformation ausgelöst wurden. Die Idee der Toleranz geht nicht aus dem Christentum selbst hervor, sondern vielmehr aus politischen Konflikten aufgrund verschiedener Auslegungen des christlichen Dogmas, denen man kein Ende setzen kann, ohne eine gewisse religiöse Vielfalt zuzulassen. Heil erlangt man aus christlicher Sicht durch die Zugehörigkeit zur Kirche. Der Zwang hat dabei nicht nur zum Ziel, Gehorsam zu erzeugen oder Tugend zu fördern, sondern soll die Menschen in die (wahre) Kirche hineinbringen. Selbst bei den Reformatoren Luther oder Calvin bleibt dieser Punkt unstrittig und unangetastet. Auch ihnen geht es nicht um die Anerkennung eines allgemeinen Prinzips der Gewissensfreiheit, sondern darum, für ihre Kirche die bestmöglichen Bedingungen zur Autoritätsausübung zu gewährleisten. Bei den Protestanten ebenso wie bei den Katholiken werden „falsche“ Religionen und heterodoxe „Kirchen“ also nur dann „toleriert“, wenn es in bestimmten Fällen und politischen Konstellationen unvermeidlich ist.

Damit Toleranz erstrebenswert wird, müssen mehrere Dinge zusammenkommen: Man muss der Ansicht sein, dass der Wert des Glaubens von der Freiheit des Gläubigen abhängig ist, dass die Legitimität der politischen Macht nicht von der Unterstützung der religiösen Autoritäten abhängt, und dass die Machthaber in der religiösen Vielfalt keine Quelle der Schwäche für den politischen Körper sehen. Die Entwicklung hin zur Toleranz hat sich nicht linear vollzogen, und die ersten Erfahrungen in England und Frankreich zeigen eindrücklich die Grenzen dieser Entwicklung auf: Gewiss hat England nach und nach die Pluralität protestantischer Strömungen zugelassen, aber das hat weder die Hegemonie der anglikanischen Kirche zulasten der „Abweichler“ noch den Ausschluss und selbst die Verfolgung der Katholiken verhindert. Auch das Edikt von Nantes (1598), das den Reformierten in Frankreich bedeutende Rechte zuerkannte, wurde 1685 von Ludwig XIV. widerrufen.

Voltaire ist nicht der erste Philosoph, der aus der religiösen Toleranz ein Prinzip der Gerechtigkeit macht, dessen Respektierung die politischen Machthaber durchsetzen können und müssen. Unter seinen Vorläufern sind zwei große Denker zu nennen, John Locke und Pierre Bayle, beide Protestanten, die die wesentlichen Argumente lieferten, auf die sich dann der Kampf der Auf klärer stützen wird. Locke, ein liberaler Protestant, fügt sich in die große Bewegung ein, die England mit der Glorreichen Revolution von 1688 zur Förderung eines neuen politischen Regimes führen wird. Dieses beruht auf der Repräsentation der Bürger, der Beschränkung der monarchischen Macht und sieht in der (protestantischen) Freiheit eine Garantie gegen die „papistische“ Unterdrückung und die absolutistische Monarchie. Lockes „Brief über die Toleranz“ (1689) nimmt eine strenge Analyse der Zwecke der politischen Autorität vor: Sie sei von den Menschen geschaffen worden, damit sie ihre Rechte schütze und nicht, damit sie sich um ihr Seelenheil kümmere. Gleichwohl bleibt die Reichweite dieser „Toleranz“ beschränkt: Sie gilt im Wesentlichen für die verschiedenen protestantischen Konfessionen, aber weder für die Atheisten, die keinen Eid ablegen können, noch für die Römisch-Katholischen, die einem ausländischen Souverän unterworfen sind. Bayle ist näher am traditionellen Glauben und zugleich radikaler: Er macht es sich zur Aufgabe, den theologischen Wert der Gewissensfreiheit zu zeigen, die er auf alle Religionen und selbst auf Atheisten ausweitet. Doch Bayle ist auch der Ansicht, dass die absolute Monarchie die religiöse Freiheit ebenso gut schützen kann wie die konstitutionelle Monarchie in England. Voltaires Verdienst ist es, eine brillante Synthese aller Argumente zugunsten der Toleranz zu liefern und sie als zentrale politische Tugend zu etablieren.


Voltaire etabliert die Toleranz als zentrale politische Tugend und als Prinzip der Gerechtigkeit


 
Kampf gegen die Justiz

Die Abhandlung „Über die Toleranz“ ist zunächst ein durch die Umstände bedingtes Werk, dessen erstes Ziel die Rehabilitierung von Johann Calas ist, einem reichen protestantischen Kaufmann, der 1762 in Toulouse hingerichtet wurde, weil er angeblich seinen Sohn, der zum Katholizismus konvertieren wollte, ermordet hatte. Voltaire griff in dieser Affäre die antiprotestantischen Büßerorden von Toulouse scharf an, und indirekt über sie auch die katholischen Autoritäten. Doch ging es ihm ebenso um eine grundlegende Reform des Justizsystems. Sein Kampf endete mit einem Erfolg auf ganzer Linie: Calas und seine Familie wurden 1765 rehabilitiert.

Doch interessiert uns Voltaires Werk heute vor allem wegen seiner allgemeinen These zugunsten der Toleranz, die politische und philosophische Argumente geschickt mit einer Kritik religiöser Rechtfertigungen der Intoleranz kombiniert. Intoleranz sei gefährlich, weil sie, weit davon entfernt, den gesellschaftlichen Frieden oder den Gehorsam zu begünstigen, am Ursprung gewaltsamer Unruhen und scheußlicher politischer Verbrechen stehe. Im Gegensatz dazu seien die Völker, die Toleranz übten, friedfertiger, gedeihlicher und glücklicher. Intoleranz entspräche weder dem „Naturrecht“ noch dem „Menschenrecht“, denn diese Rechte seien auf die Maxime gegründet: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“

Schließlich liefere auch die Geschichte kein Argument zugunsten der Intoleranz: Die Griechen und Römer hätten sich nicht der Intoleranz bedient; die Geschichte der alten Hebräer zeige, dass ihre Anbetung des einen Gottes sie nicht daran gehindert habe, tolerant zu sein; nichts erlaube den Gedanken, dass Jesus Christus Intoleranz gelehrt habe; und die Geschichte der christlichen Nationen sei gesäumt von Zeugnissen wider die Intoleranz. Nichts in ihrer Religion autorisiere also die christlichen Kirchen dazu, intolerant zu sein, während Vernunft und Natur sie zu Toleranz verpf lichten würden. Dieses Argument suggeriert auch, dass der Anspruch der Kirchen, den einzigen Zugang zum Heil gewähren zu können, illusorisch sei. Voltaire zielt darauf, die Überlegenheit der Philosophie und der „Natürlichen Religion“ hervorzukehren – einer Religion, die ohne den Beistand der Offenbarung allein auf der Vernunft beruht. Damit ordnet sich Voltaires Toleranzbegriff in einen bestimmten Horizont ein: den Niedergang des traditionellen Glaubens zugunsten einfacherer und weniger ausschließlicher Glaubensformen, deren Voranschreiten mit der Neuorientierung des menschlichen Handelns auf das irdische Diesseits einhergeht.

Freiheit als Bedingung

Unsere Zeitgenossen haben also gute Gründe dafür, wieder Voltaire zu lesen, um den Wert der Toleranz zu verteidigen. Dank Voltaire können wir auch verstehen, wie sich dieser Wert in der modernen Welt hat behaupten können. Dafür musste der Staat seine Vorherrschaft über die Religion festigen, und mehrere Religionen mussten lernen, in ein und demselben politischen Körper zu koexistieren – und dieser Umsturz konnte sich nur vollziehen, weil die Menschen es de facto akzeptiert haben, die Suche nach dem Glück auf Erden über die Suche nach dem Seelenheil zu stellen. Das Akzeptieren der Toleranz ist an das Auf kommen einer säkularisierten und individualisierten Welt geknüpft, deren Bedingung und auch Folge die moderne Freiheit ist. Bekanntlich kann sie allein aber weder die Frage nach dem Sinn noch das Bedürfnis nach Zugehörigkeit zu inklusiven Gemeinschaften stillen. Wir brauchen Voltaires Denken, um diese Welt zu verteidigen; weniger klar ist, ob dies auch ausreicht, um die Herausforderungen zu verstehen, vor die sich unsere Welt gestellt sieht. •

Aus dem Französischen von Till Bardoux

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2015