Viral vernetzt


Menschen versuchen die Unheimlichkeit von Viren zu mildern, indem sie Metaphern wie die des „Feindes“ für sie finden. Letztlich kommt es jedoch darauf an, unsere biologisch-physische Vernetzung zu verstehen. Ein Denkanstoß von Eduard Kaeser.


Krankheiten sind nicht bloß biologische Ereignisse, sondern kulturelle. Und zu ihrer Deutung brauchen wir Metaphern. Schon die Gestalt des Coronavirus ist ja eine Metapher: kugelförmig, mit Stäbchen auf der Oberfläche, erinnert es an eine Krone – daher auch der Name. Die Krone aber ist das Sinnbild schlechthin von Macht und Herrschaft. Also „krönen“ wir diese Mikrobe zur Herrscherin über den Planeten – zu einer Herrscherin, die sich zwischen den Arten, ja, zwischen Leben und Nicht-Leben ansiedelt. Sie steht symbolisch für die unberechenbare und unkontrollierbare Macht der Virulenz.

Das heißt eigentlich: die Macht des Zufalls. Ob das Virus uns „wohl oder übel gesinnt“ ist, hängt meist vom Zufall ab. So lautet zumindest eine Hypothese, die immer mehr in den Fokus der Forschung rückt. Der Mikrobiologe Bruce Levin hat für sie die Bezeichnung „Shit-Happens-Hypothese“ geprägt: Die Virulenz von Mikroben ist nicht spezifisch gegen uns Menschen gerichtet, sie „geschieht“ einfach unter besonderen physikalischen, chemischen und biologischen Bedingungen. Die Evolution richtet unser Zusammenleben nicht nach dem Gesichtspunkt des Happyends ein. Sie kennt keine Happyends – oder vielmehr: sie kennt unzählige Happyends, je nach Artengesichtspunkt. Und der Mensch ist nur eine Art.


Nichtwissen macht die Mikroben unheimlich. Und mit Metaphern suchen wir diese Unheimlichkeit etwas vertrauter zu machen


 

Die Medizin ist voller Metaphern. Und die traditionelle Leitmetapher der Pathologie behandelt den Körper als Schlachtfeld, auf dem alle Eindringlinge böse und auszurotten sind. Aber es gibt seit einiger Zeit andere, weniger isolationistische oder kriegerische Metaphern. Die Biologin Lynn Margulis – Mitschöpferin der „Gaia-Hypothese“ – prägte den Begriff des „Holobionten“ für das Ökosystem, das der Mensch selbst ist. In einem Ökosystem gibt es nicht Schurken und Helden. Es gibt Arten, die ihre spezifischen Rollen spielen. Wir alle bewirten Lebewesen oder Quasi-Lebewesen. Sie sind nicht „per se“ nützlich oder schädlich, sie sind es unter bestimmten Umständen, und wir wissen in einer zusehends komplexeren Welt viel zu wenig über diese Umstände.

Dieses Nichtwissen macht die Mikroben unheimlich. Und mit Metaphern suchen wir diese Unheimlichkeit etwas vertrauter – anthropomorpher – zu machen. Aber wir müssen mit ihr leben, das heißt unter anderem, die wirkliche Bedeutung des Begriffs „Vernetzung“ wieder lernen: Wir sind tatsächlich nicht nur immateriell, sondern materiell durch unsere physische Existenz vernetzt – bis hin zu den Einzellern. Das ist die dramatisch triviale Lektion des Coronavirus: Die Realität, in der wir leben, ist total viral. Und das muss man buchstäblich interpretieren, nicht metaphorisch. •

Erstveröffentlicht am 07.04.2020


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