„Verletzungen bilden gesellschaftliche Strukturen ab“

Bild : © Brian L. Frank


Verwundbarkeiten sind eitel, zerstören die Debattenkultur? Die Philosophin Judith Butler widerspricht energisch – und plädiert dennoch dafür, an die Stelle des moralischen Vorwurfs wieder die Reflexion zu setzen.

Das Gespräch führten Svenja Flaßpöhler und Nils Markwardt


Philosophie Magazin: Forderungen nach „Safe Spaces“, Trigger-Warnungen und gendergerechter Sprache wurden in den letzten Jahren viel diskutiert. Werden die westlichen Gesellschaften feinfühliger – oder überempfindlich?

Judith Butler: Zunächst: Ich bin nicht sicher, was „westliche Gesellschaften“ sind. Ich weiß nicht, wo der Westen endet und der Osten anfängt. Hat heute nicht der Unterschied zwischen Norden und Süden größere Bedeutung? Ihre Frage zielt aber wohl darauf ab, ob Gesellschaften, die die Freiheit der Rede anerkennen, heute eher willens sind als früher, dem Sprechen Grenzen zu setzen, um Verletzungen zu lindern. Natürlich wird anstößige und verletzende Sprache heute anders definiert als früher. Und es besteht ein Dissens darüber, wo die Grenze zu ziehen sei. Hinzu kommt die Frage, ob Sprache traumatisieren oder Traumata wachrufen kann. Dieses Argument kann auf gesellschaftlicher Ebene vorgebracht werden – rassistische Äußerungen reaktivieren in den USA oft das Trauma der Sklaverei. Doch auch auf persönlicher Ebene spielt es eine Rolle, wenn Bilder oder Worte bei jemandem traumatische Erlebnisse aufrufen.

Ein gängiger Vorwurf lautet: Wenn sich der politische Diskurs auf individuelle Verletzlichkeit konzentriert, gefährdet er die liberale Demokratie, denn er bringt die Leute davon ab, für eine gemeinsame Sache zu kämpfen. Es wird über persönliche Erfahrungen debattiert anstatt über strukturelle Probleme. Wie stehen Sie zu dieser Kritik?

Das ist ein guter Anlass, um über den Zusammenhang von individuellem Sprachgebrauch und gesellschaftlichen Strukturen mit potenziell tödlichen Mechanismen nachzudenken. Wird jemand durch eine rassistische oder homophobe Äußerung oder Handlung verletzt, ist das eine persönliche Erfahrung. Doch der Akt und seine Wirkung aktivieren eine soziale Struktur. Das Gleiche gilt für sexuelle Belästigung, die endlich im Blickpunkt der öffentlichen Debatte steht und der erfreulich viele Menschen heute Einhalt gebieten wollen. Belästigung besitzt stets eine individuelle Form, und doch bildet die Form der Handlung oder Handlungsweise eine gesellschaftliche Struktur ab und reproduziert diese. Manche sehen hier bloß eine individuelle Verantwortung, und natürlich sollten die Handelnden zur Verantwortung gezogen werden. Wenn aber das Individuum der einzige Bezugspunkt für die Analyse bleibt, entgeht uns das größere sozialpolitische Bild. Wir müssen herausfinden, was es Individuen, zumeist Männern (aber nicht immer!), „erlaubt“, andere Menschen zu bedrängen, als sei das ihr Recht. Ich glaube nicht, dass zwischen der individuellen und der gesellschaftlichen Perspektive ein Entweder-Oder besteht. Doch eine soziale Bewegung braucht ein Verständnis, wie sich die gesellschaftliche Struktur in und mittels Handlungen auswirkt, die durch Formen von Macht und Privileg begünstigt werden. Um die Gesellschaft zu verändern, müssen wir begreifen, wie die sozialen Bedingungen der Unterwerfung durch die diversen Fälle von Schädigung reproduziert werden – und durch die Modi der Komplizenschaft, welche den Missstand festigen, indem sie vorgeben, solche Schädigungen seien etwas, das im Leben halt mal passiere.

In Ihrem Buch „Gefährdetes Leben“ kritisieren Sie, dass die Grenzen des Sagbaren sehr eng gezogen würden: etwa in den Debatten über den 11. September oder über die Politik der israelischen Regierung. Sie stellen in öffentlichen Diskursen eine Tendenz zum Antiintellektualismus fest. Heißt das umgekehrt, dass intellektuell zu sein voraussetzt, sich jeder Art von Debatte zu stellen?

Als ich jung war, konnte ich es nicht ertragen, wenn jemand den Staat Israel kritisierte, denn mir war beigebracht worden, dass er ein Fanal der Hoffnung sei, ein notwendiger Schutzraum und der einzige Weg, die Wiederkehr des nationalsozialistischen Genozids zu verhindern. Deshalb hatte ich große Schwierigkeiten damit, mir anzuhören, welches Unrecht dieser Staat an der palästinensischen Bevölkerung verübt. Wäre es mir gelungen, das mich Verstörende zu zensieren, dann hätte sich mein Begriff von Gerechtigkeit nicht gewandelt – dies konnte nur aus dem Widerspruch heraus geschehen.


Der Absolutismus der freien Rede verkennt den Schaden, den Worte anrichten können


 

Wenn es Grenzen des Sagbaren gibt, wo liegen die für Sie?

Das ist nicht einfach zu beantworten, aber ich meine schon, dass Sprache Diskriminierung und Gewalt verstärken kann. Wir müssen zu zeigen imstande sein, wo und wie sie das tut und unter welchen Umständen es notwendig ist, rassistische und faschistische Rede zu unterbinden. Das ist schwierig, denn wir müssen mit den Konservativen im Dialog bleiben, aber auch eine klare Grenze zum Faschismus ziehen, um zu verhindern, dass er durch den Dialog legitimiert wirkt.

Was bedeutet für Sie Redefreiheit? Versteht man je nach politischem Lager etwas ganz anderes darunter?

Es besteht ein Unterschied zwischen der libertären Verteidigung der Redefreiheit gerade dort, wo Anstößiges, Diskriminierendes geäußert wird, und einer Gesellschaftskritik, die gängige Vorstellungen von Normalität irritieren will. Etwa solche, die LGBTQI-Menschen das Leben schwer machen oder sie pathologisieren. Besorgniserregend ist, wie heute die Rechte das Argument der uneingeschränkten Meinungsfreiheit dafür nutzt, ihren eigenen Drang nach Zensur auszuleben, während sie zugleich beklagt, sie werde von links zensiert. Der Absolutismus der freien Rede verkennt den Schaden, den Worte anrichten können, und beruht auf einer Vorstellung von persönlicher Freiheit, die dem Ideal der sozialen Gleichberechtigung meist feindselig gegenübersteht. Was „Schaden“ genannt wird, ist allerdings je nach Position im politischen Spektrum sehr verschieden, und wir müssen bereit sein zu bewerten, welche Aussagen wir akzeptieren und welche nicht.

Können Sie vielleicht ein Beispiel nennen für einen solchen „Schaden“, der in Wahrheit gar keiner ist?

Der Verlust des weißen Privilegs zum Beispiel ist kein Schaden; der Verlust der heteronormativen Hegemonie (der Vorherrschaft der Heterosexualität; Anm. d. Redaktion) ebenfalls nicht. Man mag sich stören an der Idee der Gender-Gleichheit oder an der Homeehe, doch diese Störung ist begrüßenswert. Hier fordert uns ein neues Denken heraus, das auf größere soziale Gleichberechtigung abzielt.

Obwohl die öffentliche Debatte sich meist auf angebliche Empfindlichkeiten der Linken richtet, gibt es davon auch reichlich bei den Rechten. Wenn zum Beispiel Sportler nicht die Nationalhymne singen, fühlen sich viele Menschen beleidigt. Besteht ein genereller Unterschied zwischen linken und rechten Empfindlichkeiten? Speisen sie sich aus unterschiedlichen Quellen?

Die Angriffe auf die sogenannte „Gender-Ideologie“, zum Beispiel, entspringen aus konservativ-christlichen Empfindlichkeiten. Diese Leute sehen die Bibel bedroht, die Zivilisation und den christlichen Glauben. Sie wehren sich gegen die vermeintliche Gefahr, indem sie ihrerseits diejenigen attackieren, die gleiche Freiheit für alle im sozialen und politischen Raum anstreben. Für sie sind die Geschlechterhierarchie und die Ausschließlichkeit der Heteroere Gottes Wort, und wir lästern Gott oder sind sogar der Teufel selbst, wenn wir diese Grundsätze infrage stellen. Und was den Unterschied angeht: Diejenigen, die Beleidigungen und Demütigungen ausgesetzt sind, werden obendrein gesellschaftlich diskriminiert und ausgeschlossen. Und diejenigen, die sagen, sie sollten sich nicht beklagen, verlangen damit von ihnen, den Status quo der Unterordnung hinzunehmen.


Man mag sich stören an der Idee der Gender-Gleichheit oder an der Homoehe, doch diese Störung ist begrüßenswert


 

Der derzeitige Präsident der USA verkörpert das Gegenteil von Feinfühligkeit. Wofür ist er Ihrer Meinung nach ein Symptom?

Der Präsident vertritt und verstärkt eine reaktionäre Haltung. Reaktionär, weil er aktiv danach strebt, Fortschritte rückgängig zu machen, die von bürgerrechtlichen und sozialen Bewegungen erreicht wurden. Aus seiner Sicht und der seiner rechtsgerichteten Anhängerschaft üben progressive soziale Bewegungen eine gesellschaftliche Zensur aus, indem sie diktieren, was gesagt werden darf und was nicht. So gut wie jeden Tag propagiert er einen reaktionären Freiheitsbegriff. Durch seine eigene Art zu sprechen befeuert er Ressentiment, Hass und Vorurteile in der Bevölkerung in einer Weise, als seien gerade sie Ausdruck von Freiheit. Manchmal kommt es mir so vor, als seien die mikropolitischen Sprachregelungen der Linken die einzige Macht, die ihnen noch bleibt. Anschuldigungen und Anklagen werden zu bevorzugten Formen von Politik in Zeiten der Verzweiflung. Doch nötig wären ein soziales und ein politisches Ideal. Und eine exzellente Strategie.

Nicht nur in den USA, auch in Europa scheinen sich die gesellschaftlichen Fronten zu verhärten. Auf der einen Seite stehen diejenigen, die sich über die „Generation Schneeflocke“ beschweren. Auf der anderen die, die Rassismus, Frauenfeindlichkeit und Exklusion anprangern. Wo sehen Sie einen Ausweg?

Oft blenden die Debatten die Tatsache aus, dass viele Menschen in zunehmend instabilen und prekären Situationen leben. Unter der Vorherrschaft neoliberaler Politik sind Arbeitsverhältnisse befristet und unsicher geworden, ziehen Regierungen sich aus der sozialen Fürsorge zurück. Seit jeher ist der Neoliberalismus auf Gesellschaftsformen angewiesen, einschließlich der Familie, die von moralischen, vor allem christlichen Normen bestimmt sind. Die heutigen Formen von Faschismus richten sich gegen Migrant*innen, Minderheiten, Feminist*innen und LGBTQI-Menschen als diejenigen, die angeblich die Gesellschaft „destabilisieren“. Viele weiße Männer haben ihre Privilegien aber nicht nur deshalb eingebüßt, weil die Linke erfolgreich für die Abschaffung des weißen Privilegs gekämpft hat, sondern weil ihre ökonomische Lebensgrundlage, am Arbeitsplatz wie in der Familie, von Finanzmarktkapitalismus und neoliberaler Gouvernementalität drastisch verändert wurde. Hinzu kommt die Infragestellung der christlichen Vorherrschaft in einer multireligiösen Welt. Mein Eindruck ist, dass die wirtschaftlichen Entwicklungen, gekoppelt mit dem Klimawandel, die Prekarität verstärkt und zugleich ein Gefühl der politischen Ohnmacht erzeugt haben. Viele Menschen nehmen diese Entwicklungen als unabänderlich wahr, auch wenn Klimaaktivist*innen und Antikapitalist*innen lebendige Bewegungen bilden. Die genannten gesellschaftlichen Bedingungen spiegeln sich wider in den Verletzlichkeiten, Ängsten und Erscheinungsformen von Wut, die derzeit das politische Feld prägen.

Wut als Ausdruck von Hilfosigkeit?

Die mikropolitische Ebene scheint die einzige zu sein, auf der wir Macht ausüben können; zugleich ist diese Macht immer überdeterminiert von sozialen Gegebenheiten, die wiederum nicht in unserer Macht zu stehen scheinen. Das heißt nicht, dass wir die zornigen Auseinandersetzungen überall im politischen Spektrum – oft innerhalb der Linken, wie wir wissen – abtun, sondern dass wir versuchen, die Einzelfälle mit dem größeren Bild zu verbinden. Manchmal müssen wir beim einzelnen Ereignis beginnen, um die gesellschaftlichen Umstände zu verstehen, die es möglich machen. Aber wenn wir verkennen, dass wir auf der Ebene des Einzelfalls zugleich auf größere Kräfte reagieren, werden wir das Gefühl der politischen Ohnmacht bloß weiter bestätigen und zulassen, dass moralische Vorwürfe in alle Richtungen die gemeinschaftliche politische Reflexion und Aktion ersetzen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 6 / 2019