Utopischer Pragmatismus


In Krisenzeiten treten oft ideologische Weltverbesserungsreflexe zu Tage – doch am Ende passiert meistens: nichts. Warum also nicht direkt mit der Praxis anfangen? Ein Denkanstoß von Martin Gessmann.


Wir kennen die Rituale nur zu gut. Jeder weiß immer gleich, woran unsere Gesellschaft wirklich krankt und was überhaupt falsch läuft in der Welt. So auch in Sachen Corona-Krise. Viele Publizisten, die ihre Vorschläge zur Weltverbesserung nicht schon auf halbem Postwege haben, noch bevor sich die ersten Symptome zeigen. Verlässlich sind es dann auch die Konzepte, die wir immer schon kennen: mehr Menschlichkeit und das Ende des Kapitalismus; oder ein heroisch-beglücktes Aushalten von Gefahr und Unbill. Sternstunden der Philosophie, die zum wievielten Male wiederholen, was uns Menschen in der Moderne doch niemals wirklich gelingen will.

Deshalb hier ein Gegenvorschlag: einfach gleich und jetzt schon beginnen mit dem Bessermachen, und das Diskutieren für später aufsparen. Oder in Anlehnung an Karl Marx‘ berühmte elfte Feuerbachthese formuliert: Die aktuellen Krisen haben den Charakter, dass sie eigentlich gar nicht lange mehr interpretiert werden müssen – wir wissen nämlich sehr verlässlich, was falsch läuft. Wir wissen, was es braucht, um Pandemien zu verhindern, und wir wissen, was wir tun müssen, um das Klima zu schützen. Neu ist allein, dass durch die Krise plötzlich eine Bereitschaft erwacht ist, jene Billionen-Summen nachhaltig frei zu machen, die das alles kostet.


Es darf dann gehofft werden, dass unser gewohntes Schwelgen in Utopien zumindest pragmatischere Züge bekäme


 

Ein Beispiel, wie es gehen kann: Warum etwa sollen wir teure Fluggesellschaften retten, wenn mit dem Geld ein neues Netz von Schnellzügen gespannt werden kann? Die dürften auch gerne künftig einen Kranich aufgemalt bekommen. Oder: Sollte man nicht noch einmal neu über den ÖPNV nachdenken – jetzt, nachdem wir so leidvoll erfahren mussten, dass er zum Superspreader für Viren (und nicht nur in Sachen Corona) werden kann? Vielleicht künftig doch mehr Home Office insgesamt und nur noch drei Präsenztage in der Woche? Und dazu auch noch individuelle Lösungen im Nahverkehr? Man könnte etwa eine Flotte (irgendwann autonomer) E-Taxis aufbauen, mit denen besonders ältere Menschen und Menschen mit Handicap unterwegs sein würden. Wenn wir jetzt sehr viel Geld investieren, warum nicht in den smarteren und menschlicheren Ansatz? Noch weiter gedacht: Warum bringen wir Wohnen und Arbeit nicht überhaupt näher zusammen, da sowieso zurzeit alle klassischen Beschäftigungsfelder ins Rutschen gekommen sind? Urban industries wäre dazu das passende Stichwort. Im besten Fall wohnt man im selben Gebäude, in dem man auch sein Büro oder Atelier hat. Je mehr sich z.B. die Bankentürme in Frankfurt (konjunkturbedingt) leeren, um so mehr Raum für kreative Lösungen. In Hongkong ist man schon längst so weit.

Am Ende: Wie könnte es uns allen nicht besser gehen – und unserer Umwelt – wenn wir mit menschlichem Augenmaß die Dinge wirklich neu vermessen und damit einfach jetzt schon anfangen? Konzepte sind da, Mittel sind da, wir müssen es nur noch tun. Auch kein kleiner Fortschritt: die philosophischen Debatten würden im Anschluss wohl andere werden – es darf dann gehofft werden, dass unser gewohntes Schwelgen in Utopien zumindest pragmatischere Züge bekäme. Vielleicht nähern wir uns auch der Einsicht der klassischen Aufklärung wieder an, dass Humanismus nicht machtlos sein und das klare und distinkte Denken nicht immer zu spät kommen muss. •

Erstveröffentlicht am 20.04.2020


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