Urlaub von Corona


Über das Pfingstwochenende rollte eine Reisewelle übers Land. Manche Ferienorte mussten sogar geschlossen werden. Das zeigt auch ganz unabhängig von der Pandemie: Der Tourismus zerstört sich zunehmend selbst. Ein Denkanstoß von Nils Markwardt.


Das vergangene Pfingstwochenende war buchstäblich eine Art touristischer Rollback: Bundesweit kehrten scharenweise Urlauber in die beliebten Feriendestinationen des Landes zurück. An den Küsten führte das bisweilen sogar zur offiziellen Überfüllung. Die ostholsteinischen Gemeinden Scharbeutz und Haffkrug mussten für Tagesbesucher zeitweise geschlossen werden, weil die coronabedingten Kapazitätsgrenzen erreicht wurden. Ebenso drängten sich die Menschen auf Sylt, wo laut Angaben der Polizei vor einer öffentlichen Toilette mitunter eine dreistellige Menschenmenge anstand. Nach den langen Wochen des touristischen Shutdowns ist dieser (Kurz-)Urlaubshunger freilich mehr als verständlich, für Gastwirte und Hoteliers zudem wirtschaftlich überlebenswichtig. Gleichwohl offenbart sich in den Bildern überfüllter Seebäder pars pro toto auch eine Dialektik des Reisens, die der Tourismusbranche in Zukunft immer mehr zusetzen wird – auch ganz unabhängig von Corona. Oder konkreter gesagt: Dieser Tage wird besonders klar, wie zwiespältig das Verhältnis zwischen Touristen ist.

Einerseits zeichnen sich beliebte Feriendomizile, ganz gleich ob Bergregionen, Meerlandschaften oder Städte, nämlich schlicht dadurch aus, dass dort viele Menschen hinfahren. Denn wo viele Touristen sind, muss es schließlich nicht nur etwas zu sehen und erleben geben, sondern es steht auch die entsprechende Infrastruktur bereit, damit das möglichst viele Urlauber gleichzeitig tun können: Hotels, Bars, Museen usw. Insofern speist sich die Attraktivität von populären Urlaubsdestinationen auch immer aus einer strukturellen Tautologie: Touristen fahren dorthin, wo bereits andere Touristen hingefahren sind. Andererseits führt aber genau das zu einer schleichenden Unterminierung des touristischen Geschäftsmodells. Wo irgendwann zu viele Menschen hinfahren, befördert das nicht nur den Verlust des individuellen Entspannungsgefühls, sondern lässt in architektonischer, landschaftlicher und ökologischer Hinsicht auch die Grundlagen von Urlaubsdomizilen erodieren.


Im Kern ist der Tourismus eine expansive Ökonomie, die immer neue Erfahrungen produzieren und dann zunehmend verallgemeinern muss


 

In seinem 2018 erschienenen Buch „Die Welt im Selfie – Eine Besichtigung des touristischen Zeitalters“ hat der italienische Journalist und Soziologe Marco d’Eramo die Ferienindustrie – in Anlehnung an die berühmte Formel des Ökonomen Joseph Schumpeter von der „schöpferischen Zerstörung“ – deshalb als „zerstörerisches Schöpfertum“ bezeichnet. Die Tourismusbranche stellt menschlich notwendige Erholungserlebnisse bereit, indem sie deren Voraussetzungen gleichzeitig zerstört. Sprich: Wo Natur war, sind Ferienhaussiedlungen geworden. Wo man spazieren gehen konnte, wird sich nun aneinander vorbei gedrängt. Wo „Authentizität“ versprochen wurde, trifft man auf Künstlichkeit. Das lässt sich in Städten wie Barcelona oder Venedig, auf spanischen oder griechischen Inseln oder eben an deutschen Küsten gleichermaßen beobachten.

Sicher: Die Kritik am Tourismus ist so alt wie dieser selbst. Bereits 1848 monierte etwa Blackwood’s Edinburgh Magazine, dass Eisenbahn und Dampfschiff die Welt mit einer „grausamen Geißel geschlagen“ hätten: „Sie haben Europa mit Touristen überzogen.“ Dementsprechend wurde der Massenurlaub immer wieder als oberflächlich, entfremdend oder inszeniertes Spektakel gebrandmarkt. Solch ein normatives Urteil, das freilich immer auch eine große Portion privilegierten Snobismus enthält, führt jedoch am Problem vorbei. Schon deshalb, weil dessen implizite Alternative, der möglichst besondere Individualurlaub, im Grunde dieselbe Dialektik aufweist. Backpacking-Touren durch Australien, Abenteuerurlaube in den Anden oder Expeditionen in die Arktis gehören mittlerweile selbst fast schon zum touristischen Standardangebot und hinterlassen in diesen ökologisch besonders sensiblen Gegenden zunehmend ihre Spuren. Im Kern ist der Tourismus nämlich eine expansive Ökonomie, die immer neue Erfahrungen produzieren und dann zunehmend verallgemeinern muss. Gerade deshalb gibt es aber auch keine allzu einfache Lösung für dieses touristische Dilemma. So sehr der Tourist des Touristen Wolf ist, so wenig lässt sich komplett aufs Reisen verzichten. Nicht nur, weil es mittlerweile eine der weltweit wichtigsten Wirtschaftszweige ist, sondern auch, das hat uns ja nicht zuletzt die Erfahrung des Lockdowns gezeigt, weil darin ein menschliches Grundbedürfnis zum Tapetenwechsel zum Ausdruck kommt. Was jedoch klar bleibt: Wenn wir unsere Art und Häufigkeit zu reisen nicht ändern, werden von unseren einstigen Sehnsuchtsorten irgendwann nur noch touristische Ruinen bleiben. •

Erstveröffentlicht am 02.06.2020

Hier für unseren Newsletter anmelden:


Ihre E-Mail-Adresse wird ausschließlich zum Versand des PhiloMag-Newsletters verwendet.
Sie können sich jederzeit abmelden und somit Ihre Einwilligung für den Erhalt des Newsletters widerrufen.
Eine Weitergabe der Daten an Dritte erfolgt nicht. Unsere Datenschutzerklärung finden Sie hier.


Liebe Leserinnen und Leser,

die Corona-Krise ist eine gesellschaftliche Herausforderung ungeahnten Ausmaßes, die den Behörden, dem Gesundheitspersonal oder auch den Mitarbeiter/innen in Supermärkten wenig vergleichbares abverlangt. Gerade weil die aktuelle Situation so außergewöhnlich ist, erfordert sie gleichzeitig aber auch philosophische Reflexion: Was bedeutet das „Social Distancing“ für unser Verständnis von Gemeinschaftlichkeit? Was kann der aktuelle Ausnahmezustand für die Zukunft bedeuten? Wie verändert sich die öffentliche Rolle der Wissenschaft?

Diesen und vielen anderen Fragen wollen wir nachgehen und werden von nun an mehrmals wöchentlich exklusive Texte, Interviews und Denkanstöße zur Corona-Krise kostenlos auf unserer Website veröffentlichen. Darüber hinaus laden wir sie herzlich dazu ein, den damit verbundenen Newsletter zu abonnieren. Dreimal wöchentlich präsentieren wir ihnen darin nicht nur unsere neuen Artikel zur Corona-Krise, sondern empfehlen auch ausgewählte philosophische Texte aus den internationalen Medien. Und für alle, die auch über etwas anderes als die Corona-Pandemie lesen möchten, gibt es Lektürehinweise aus unserem umfangreichen Archiv.

Unseren Newsletter und die Denkanstöße zur Corona-Krise stellen wir Ihnen gerne kostenlos zur Verfügung. Wir freuen uns jedoch über Ihre Unterstützung durch ein Probeabo oder auf anderem Wege.

Mit besten Wünschen
Die PhiloMag-Redaktion

Weitere Denkanstöße:


 
 
 

Die Zukunft hängt von unserem Handeln ab. Der Soziologe Hartmut Rosa deutet die Corona-Krise mit Hannah Arendts Begriff der Natalität. Ein Denkanstoß.

Lesen

Im Zuge der Corona-Pandemie erleben wir derzeit viele Einschränkungen. Aber ist das auch ein Freiheitsverlust? Kommt darauf an, ob wir ein quantitatives oder qualitatives Verständnis von Freiheit haben. Ein Denkanstoß von Claus Dierksmeier.

Lesen

Zur Abfederung der Corona-Krise müssen sich Staaten derzeit massiv verschulden. Darauf darf keine neue Ära der Austerität folgen. Vielmehr braucht es neue Formen der Umverteilung. Ein Denkanstoß von Jule Govrin.

Lesen
 
 
 

Anfang des 19. Jahrhunderts avancierte Xavier de Maistres Bericht aus der heimischen Quarantäne zum literarischen Bestseller. Heute liest er sich erstaunlich aktuell. Ein Denkanstoß von Emmanuel Alloa.

Lesen

Was zählt mehr: Jedes einzelne Menschenleben, die Regeneration der Natur, die wirtschaftliche Zukunft? Utilitarismus oder Deontologie? In seinem Denkanstoß entzieht Michael Hampe dieser Diskussionen den Boden.

Lesen

In Krisenzeiten treten oft ideologische Weltverbesserungsreflexe zu Tage – doch am Ende passiert meistens: nichts. Warum also nicht direkt mit der Praxis anfangen? Ein Denkanstoß von Martin Gessmann.

Lesen
 
 
 

Der Tod ist in der Corona-Krise so präsent wie lange nicht. Und doch ist unser Umgang mit ihm geprägt von Abwehr und Angst – mit schwerwiegenden Folgen. Ein Denkanstoß von Thomas Macho.

Lesen

Beim Umgang mit der Corona-Pandemie bleibt für das Betrauern unseres Normalitätsverlusts kaum Zeit. Dabei könnte gerade das die politische Gemeinschaft stärken. Ein Denkanstoß von Stephanie Rohde.

Lesen

Die Corona-Krise zeigt in aller Deutlichkeit: Soziale Fürsorge muss von der Verletzlichkeit der anderen ausgehen, nicht von der eigenen Immunität. Ein Denkanstoß von Sabine Hark.

Lesen
 
 
 

Das Virus bestimmt unser Leben. Höchste Zeit, sich den Begriff des Erhabenen zu vergegenwärtigen – und so ein Stück Souveränität zurückzugewinnen. Ein Denkanstoß von Stefan Willer.

Lesen

Das aktuelle Kontaktverbot ist epidemiologisch zweifellos notwendig. Für die Demokratie wird der verordnete Rückzug ins Private dennoch ein Problem. Ein Denkanstoß von Arnd Pollmann.

Lesen

Menschen versuchen die Unheimlichkeit von Viren zu mildern, indem sie Metaphern wie die des „Feindes“ für sie finden. Letztlich kommt es jedoch darauf an, unsere biologisch-physische Vernetzung zu verstehen. Ein Denkanstoß von Eduard Kaeser.

Lesen
 
 
 

Fehlende Regeln für den Ausnahmezustand seien bereits eklatant. Auf uns werden zudem juristisch nicht legitimierbare medizinische Entscheidungen zukommen, meint Reinhard Merkel, Rechtsphilosoph und Mitglied des Deutschen Ethikrats, im Interview.

Lesen

Pandemien erfordern von unserer modernen Gesellschaft eine paradoxe Reaktion: Um ausdifferenziert zu bleiben, darf sie einstweilen keine Unterschiede machen. Ein Denkanstoß von Marcel Schütz.

Lesen

Apokalyptische Mahner versuchen aufmerksamkeitsökonomischen Profit aus der Corona-Krise zu schlagen. Dabei käme es gerade jetzt darauf an, mit solch eingespielten Mustern zu brechen. Ein Denkanstoß von Andrea Geier.

Lesen
 
 
 

Jene, die sich nicht an die Ausgangsregeln halten, werden in den sozialen Medien geächtet. Ein fataler Fehler, meint die Philosophin Susanne Schmetkamp.

Lesen

Krisenzeiten schärfen die Wahrnehmung. Etwa darauf, was wirklich „systemrelevante“ Berufe sind. Aber auch, wie Autorität funktioniert, lässt sich in Zeiten von Corona klarer beobachten. Ein Denkanstoß von Catherine Newmark.

Lesen

Die Überwindung von Seuchen stellten Gemeinschaften immer wieder auf ein neues Fundament. Ob uns das bei Corona auch gelingen wird? Ein Denkanstoß von Barbara Vinken.

Lesen
 
 
 

Oft heißt es: das Virus sei egalitär, weil es jeden treffen könne. Das mag an sich stimmen. Doch Gesundheitsrisiken sind auch eine Frage der Sozialstruktur. Ein Denkanstoß von Oliver Nachtwey.

Lesen

Auch Talkshows reagieren auf Corona: kein Publikum und Abstand zwischen den Gästen. Das führt zu einer überraschend neuen Debattenkultur. Ein Denkanstoß von Samira El Ouassil.

Lesen

Die Coronakrise stellt die Systemfrage. Unsere Reaktion auf sie müssen wir deshalb auch vor zukünftigen Generationen verantworten. Ein Denkanstoß von Armen Avanessian.

Lesen
 

Politiker sprechen vom „Krieg“ gegen das Coronavirus. Der Systembiologe Emanuel Wyler plädiert dafür, Viren nicht als „Feinde“, sondern als Prozess zu verstehen. Das helfe auch beim Umgang mit der Pandemie.

Lesen

Abstand halten ist das Gebot der Stunde. Doch gerade dadurch können wir uns näher kommen.
Ein Denkanstoß von Slavoj Žižek.

Lesen

Vielleicht erinnert uns die Epidemie daran, dass die Welt letztlich unverfügbar ist, dass wir sie nie ganz beherrschen können, wenn wir keine Monster erschaffen wollen? Das meint der Soziologe Hartmut Rosa, mit dem wir sprachen, während er sich selbst in Quarantäne befand.

Lesen