Trauen wir uns zu trauern


Beim Umgang mit der Corona-Pandemie bleibt für das Betrauern unseres Normalitätsverlusts kaum Zeit. Dabei könnte gerade das die politische Gemeinschaft stärken. Ein Denkanstoß von Stephanie Rohde.


So viel unfassbar Unbetrauertes war selten. Unfassbar, weil sich uns das zu Betrauernde entzieht. Kein Newsblog und keine Talkshow kriegt es zu fassen. Die Informationsscheinwerfer sind derzeit ganz darauf gerichtet, Wissen zu schaffen, wo Ungewissheit ist; Kontrollierbarkeit, wo Angst herrscht. Zeit und Raum für Trauer bleiben da kaum.

Selbstverständlich werden die Verstorbenen in diesen Tagen betrauert. Was aber ist mit anderen Verlusten: dem des Jobs oder auch der Gewissheit, dass man sich frei im öffentlichen Raum bewegen darf – und nicht darüber nachdenken muss, ob man auf einer Parkbank verweilen darf oder nicht? Weltweit haben Menschen das Gefühl von „Normalität“ verloren. Diesen plötzlichen Einbruch der nackten Ungewissheit ins eigene Leben zu akzeptieren, braucht Zeit – und mehr. Der Verlust des alltäglichen Luxus, sich in Gewissheiten zu wiegen, muss aktiv betrauert werden, sonst droht bleierne Melancholie. Die Verlierenden müssen sich ins dialektische Verhältnis zum Verlorenen setzen und beispielsweise fragen: Was bedeutet mir die Gewissheit, ins Büro oder in die Fabrik zu gehen und Abnehmer für mein Produkt zu finden? Wie viel bedeutet es mir zu wissen, dass ich meine Freunde jederzeit zum Abendessen einladen und sie umarmen kann? Wie wichtig ist es, sich darüber im Klaren zu sein, wann die Kinder wieder in die Schule gehen oder wir in den Urlaub fahren?

Die innere Unruhe, die viele seit dem Ausbruch des Coronavirus spüren, weist auf eine Abwehrreaktion hin, meint der Trauerforscher David Kessler. Auf das Nichtanerkennenwollen unausgesprochener Verluste folge zunächst die Wut darüber, dass das Leben eingeschränkt wurde. Anschließend komme die Verhandlungsphase: Wenn ich einige Wochen zuhause bleibe, wird alles gut. Traurigkeit stelle sich mit dem Eingeständnis ein, dass das Ende derzeit nicht absehbar ist. In der fünften Phase akzeptiere man schließlich: Corona bestimmt mein Leben – welchen Sinn finde ich darin?


Statt die aktuelle Situation stoisch zu erdulden, könnte es lohnenswert sein, gemeinsam Rituale des Trauerns zu finden – nicht nur für die Verstorbenen


 

Verluste können aber auch gewinnbringend sein, wenn sie betrauert werden. Weil das einen Weltbezug herstellt, wie der Psychologe Adam Phillips konstatiert: „Die Trauer gewährt eine ungeheure Sicherheit, weil sie uns von etwas überzeugt, was wir sonst bezweifeln würden: von unserem Verhaftetsein mit anderen.“ Gerade in unsicheren Zeiten kann es also selbstvergewissernd und tröstlich wirken, zu verstehen, warum man so sehr an bestimmten Menschen oder Gewohnheiten hängt.

Darüber hinaus kommt in der Trauer auch das Entdeckerische zur Blüte, meint die Philosophin Judith Butler in ihrem Buch „Gefährdetes Leben“. Und zwar, wenn man akzeptiert, dass der Verlust einen möglicherweise für immer verändert. Anders als bei Platon, der öffentliches Trauern für schädlich hielt, betont Butler dessen politische Funktion, durch die „eine vollkommen andere Politik entstehen könnte, wenn eine Gemeinschaft lernen könnte, ihre Verluste und ihre Verletzbarkeit auszuhalten. So eine Gemeinschaft wüsste besser, was sie an andere bindet.“

Statt also die aktuelle Situation stoisch zu erdulden, könnte es lohnenswert sein, gemeinsam Rituale des Trauerns zu finden – nicht nur für die Verstorbenen. Deren politische Potenz läge darin,
dass diese nicht nur in Zeiten der Isoliertheit verbinden, sondern darüber hinaus auch einen bewussteren Umgang mit Verletzbarkeiten und Ungewissheiten eröffnen. Diese gemeinsam auszuhalten, könnte die politische Gemeinschaft stärken. Trauen wir uns also zu trauern. •

Erstveröffentlicht am 15.04.2020


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