System ohne Differenz


Pandemien erfordern von unserer modernen Gesellschaft eine paradoxe Reaktion: Um ausdifferenziert zu bleiben, darf sie einstweilen keine Unterschiede machen. Ein Denkanstoß von Marcel Schütz.


In diesen Wochen schauen viele noch mal „Contagion“, jenen Seuchen-Thriller aus dem Jahr 2011, der von einem extrem tödlichen Virus handelt, welches die ganze Welt ins Chaos stürzt. Ein paar Parallelen mögen erstaunen. Doch bis zum globalen Corona-Chaos wäre es gottlob noch ein weiter Weg. Und doch ist wahr: Längst sorgen die Bilder aus Italien und anderswo für Kummer und Schrecken. Dabei konnten über die Jahrhunderte viele Seuchen des Menschen ausgerottet oder stark reduziert werden. Doch Rückschläge bleiben unvermeidlich. Wie will die Gesellschaft auf eine Lage reagieren, gegen die sie sich kaum zu wappnen vermag?

Für eine moderne – in den Worten des Soziologen Niklas Luhmann: funktional differenzierte – Gesellschaft sind Pandemien regelrechte Sozialkiller. Ähnlich wie Terror oder Umweltkatastrophen „entdifferenzieren“ Viren die wohlgeordnete Gliederung der Gesellschaft und unterbrechen dadurch jene Spezialisierung, die wir mit Betrieben und Schulen, Verwaltungen und Vereinen so sehr kennen wie schätzen. Entdifferenzieren heißt: zuerst Störung, dann Beschädigung, schlimmstenfalls Auflösung. Wenn beispielsweise Schulen, Erziehungs- und Care-Einrichtungen nicht mehr regelmäßig ihren Entlastungs- und Sicherungsaufgaben für die Gesellschaft nachkommen könnten und man sich damit abfinden müsste. Käme es irgendwann soweit, wäre das das Ende der Gesellschaft, wie wir sie kennen. Zur Ironie gehört es wohl, dass wir der gepflegten Durchorganisierung unserer Welt erst dann gewahr werden, wenn sie nicht mehr wie gewohnt funktioniert. Dies ist nun der Fall.


Der Gesellschaft muss es gelingen, sich vorläufig so zu organisieren, als sei auch sie eine Art Virus


 

In solche Lage verstrickt, kommt es auf eine paradoxe Fähigkeit an: Der Gesellschaft muss es gelingen, sich vorläufig so zu organisieren, als sei auch sie eine Art Virus, der ja, anders als gewöhnlich die Gesellschaft, keine Unterschiede macht und keine Rücksichten kennt. Das heißt, sie braucht „Waffengleichheit“. Dazu muss sie ihre übliche Differenzierung auf ein nötiges Maß schmälern und ihre Kraft zur Abwehr bündeln, um genau so – das ist die Pointe – die buchstäbliche Vitalität ihrer hohen Differenzierung vor dem Zerfall zu schützen. Genau das geschieht gegenwärtig. Not macht erfinderisch: die Schnapsbrennerei produziert Desinfektionsmittel, der Doktor trägt Prada.

Die öffentlichen Dienste, der Staat höchstselbst, garantieren den Erhalt der Ordnung. Mit Rettungspaketen, Nothilfen und nahezu geschenkten Krediten soll der „Laden“ am Laufen gehalten werden. Sogar, man glaubt es kaum, die Steuer muss notfalls nicht so eilig fließen. Ohne all das drohte gewiss Übles. Hat die Gesellschaft diese Wirren einmal erfolgreich überstanden, wird sie nicht mehr ganz die „alte“ sein, die sie war oder als die sie uns schien. Aber immerhin, und darauf kommt es an, eine solche, die auch künftig noch an sich selbst anschließen kann. •

Erstveröffentlicht am 02.04.2020


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