Sunzi und das strategische Denken

Illustration: Emmanuel Polanco; Bildvorlage: picture-alliance


In „Die Kunst des Krieges“, einem mehr als tausend Jahre alten Meisterwerk, beschreibt Sunzi Kriegslisten, mit denen sich ein Feind bezwingen lässt. Doch auch im Alltag vermag die Schrift zu lehren, wie man sich beim nächsten Kräftemessen die Weisheit der chinesischen Strategie zunutze macht.

Von Rémi Mathieu


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Bild: © privat

Rémi Mathieu

ist Professor für Sinologie an der Universität Paris-Diderot, Forschungsdirektor im französischen Forschungsverbund CNRS und ein Kenner taoistischer und konfuzianischer Philosophie. Zudem setzte er sich intensiv mit den Vorbehalten und Ängsten auseinander, die der Aufstieg des modernen China im Westen hervorruft.

Es lässt sich nicht bestreiten: Sunzi gehört neben Laotse und Konfuzius zu jenen chinesischen Autoren, die man kennen muss. Es macht sich immer gut, im Laufe eines Gesprächs ein paar seiner Aphorismen einzustreuen. Ob sie historisch verbürgt sind, ist dabei zweitrangig. Sunzi ist Teil einer mehr als tausend Jahre alten Gelehrtenkultur, die sich auch Bereichen zugewendet hat, für die sich damals nur wenige Zeitgenossen interessierten. Sein Denken scheint über die Jahrhunderte hinweg nichts von seiner Aktualität eingebüßt zu haben und wirkte weit über Asien hinaus. Verbunden wird sein Name vor allem mit der „Kunst des Krieges“. So heißt es, dass Mao sich als Guerillachef von dieser Schrift leiten ließ. Immer wieder liest man, dass selbst Guerillatruppen in Südamerika Sunzi für sich in Anspruch nahmen. Und vielleicht lassen sich die strategischen Konzepte von Meister Sun ja auch auf andere Aspekte unseres gesellschaftlichen und privaten Lebens anwenden.


Eines sollte allerdings von Anfang an klar sein: Wie auch andere Autoren des alten Chinas hat Sunzi wohl nie existiert. Ein kurzer biografischer Hinweis – den wir Sima Qian verdanken, der im 1. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung mit den „Aufzeichnungen des Chronisten“ das erste bekannte Exempel offizieller chinesischer Geschichtsschreibung verfasste – verortet ihn im 6. Jahrhundert vor unserer Zeit, als auch Konfuzius und, so will es die Legende, Laotse ihre Werke niederschrieben. Es ist jedoch keineswegs gesichert, dass er sich, wie Sima Qian behauptet, in jenem oder irgendeinem anderen Jahrhundert als brillanter Feldherr profilierte. Doch das Werk, dessen Autor er angeblich ist, lässt sich ab dem 3. Jahrhundert vor unserer Zeitrechnung nachweisen. Bereits im darauffolgenden Jahrhundert war es unter dem Titel „Meister Sun über die Methoden der Kriegführung“, der später dann verkürzt wurde, sehr weit verbreitet. Wie so oft bei Werken des chinesischen Altertums handelt es sich bei der „Kunst des Krieges“ in Wahrheit um ein Opus, das auf mehrere Autoren zurückgeht, die dem Text nach und nach seine heutige Form gegeben haben.

Das Werk entsteht und zirkuliert in einem einzigartigen Moment der chinesischen Geschichte. In dieser als „Zeit der streitenden Reiche“ bekannten Epoche (453 bis 221 v. Chr.) geht eine Welt zugrunde. Die widerstreitenden Herrschaftsansprüche der Feudalherren lassen für traditionelle Moralvorstellungen keinen Platz mehr. Fürsten versuchen sich rücksichtslos die benachbarten Territorien einzuverleiben. Sie geben vor, ihre Ehre und ihr moralisches Prestige zu verteidigen, doch das sind fadenscheinige Vorwände. Neue Verfahren der Waffenherstellung, die Einführung des Wehrdiensts und der Einsatz von Kavallerie – die sogenannten Barbaren aus dem Norden waren beritten und brachten auf ihren Raubzügen auch Pferde nach China – veränderten Mittel und Zweck militärischer Auseinandersetzungen grundlegend. Da kam eine Schrift wie die Sunzis gerade richtig. Zum ersten Mal wurden hier strategische Erwägungen mit gesellschaftlichen und politischen Herausforderungen verknüpft. „Die Kunst des Krieges“ lässt sich nur vor dem Hintergrund der Konflikte zwischen verfeindeten Fürstentümern verstehen, die im Umkreis des Herrschaftsgebiets des Königs um die Hegemonie in China kämpften. Fragen der militärischen Strategie wurden zunehmend gesondert behandelt und nicht länger diplomatischen, politischen oder wirtschaftlichen Angelegenheiten untergeordnet.

Sunzi für den alltäglichen Gebrauch


Was lässt sich von dem chinesischen Strategen lernen, um den eigenen Alltag besser zu meistern? Drei Vorschläge, wie sich mithilfe der „Kunst des Krieges“ die kleinen Konflikte des Lebens lösen lassen.

1. In Beziehungen
Meine Frau will unbedingt, dass ich mit ihr ein Wochenende in einer Großstadt verbringe. Die Vorstellung behagt mir überhaupt nicht, aber mir ist jetzt schon klar, dass meine Argumente (zu teuer, schlechtes Wetter, zu viele Touristen) nicht auf Gehör stoßen werden, ja sogar eine Ehekrise auslösen könnten. Ich suche Zuflucht bei Sunzi, der bei Konfrontationen rät: „Ist der Feind im Innern geeint, spaltet man ihn. (…) Schüre Intrigen und Täuschung und säe Zwiespalt zwischen dem Herrscher und seinen Ministern.“ Von ihren Plänen wird sich meine Frau nicht abbringen lassen, aber ich weiß auch, worauf sie allergisch reagiert. Auf einen Freund von mir ist sie sehr schlecht zu sprechen, auch wenn sie das mir gegenüber nie zugeben würde. Also antworte ich gelassen, dass mir die Reisepläne zusagen und uns mit etwas Glück auch der besagte Freund über den Weg laufen wird, der sich dort zudem bestens auskennt. Ich bin siegesgewiss, spüre, wie ihre Vorfreude mit jeder Sekunde abnimmt. Die Aussicht auf diese unangenehme Begegnung verfehlt ihre Wirkung nicht: Es funktioniert! Meine Frau findet eine Ausrede, um diese Reise doch nicht antreten zu müssen.

2. Im Beruf
Mir ist mein Kollege im Büro sympathisch, aber er ist zögerlich und ergreift beruflich viel zu selten die Initiative. Eine neue Geschäftsmöglichkeit tut sich vor uns auf, aber er ist schon davon überzeugt, dass sich unser wichtigster Konkurrent diesen lukrativen Vertrag unter den Nagel reißen wird. „Es wäre Zeitverschwendung, dagegen angehen zu wollen“ – und damit ist die Sache für ihn erledigt. Ich hingegen glaube, dass sich diese Schlacht gewinnen lässt. Mehr noch: Sich jetzt nicht ins Getümmel zu stürzen, hieße, ein Signal der Schwäche auszusenden. Ich zitiere Sunzi: „Wenn der Feind einen Vorteil sieht und keinen Versuch macht, ihn zu nutzen, sind die Soldaten erschöpft.“ Die Zweifel meines Kollegen sind noch nicht ausgeräumt. Rein zufällig öffnet er eine Flasche Wasser und mir kommt ein weiterer Spruch Sunzis in den Sinn: „Wenn jene, die zum Wasserholen geschickt werden, zuerst selbst trinken, dann leidet die Armee an Durst.“ Jetzt ist der Groschen gefallen. „Okay, du hast recht“, erwidert mein Kollege. „Sie sollen ja nicht glauben, dass wir ihnen dieses Geschäft kampflos überlassen.“

3. Bei Streitigkeiten
Mein Diskussionsgegner kennt meine Schwachstellen und greift mich immer wieder persönlich an. Ich hätte nicht übel Lust, es ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. Aber Sunzis Weisheit gebietet Einhalt: „Das höchste Ziel bei allen taktischen Entscheidungen muss sein, sie geheim zu halten.“ Geschmeidig wechsele ich beständig die Taktik und versuche, keine Angriffspunkte zu bieten. Ich beginne mit einem statistischen Argument („Studien beweisen, dass 75 Prozent der Bevölkerung genauso denken wie ich“), beziehe mich sofort danach auf höhere Autoritäten („Schon in der Bibel steht geschrieben …“) und schaffe es sogar noch, eine persönliche Spitze unterzubringen („Sie haben doch selbst immer behauptet, dass … und müssten daher wissen, dass …“). Am Schluss relativiere ich das Ganze dann wieder („Das ist doch letztlich alles gar nicht so wichtig“). Mein Gegenüber gerät dadurch völlig aus dem Konzept, er sagt kein Wort mehr. Das bestätigt nur, dass ein solches Vorgehen „vor den Ränken der klügsten Köpfe“ schützt, wie es bei Sunzi heißt.

Von Nicolas Tenaillon

 
Eine Kunst der Täuschung und der List

Das heißt auch: Das Militärische hat fortan eine Eigendynamik und folgt eigenen Regeln und Kriterien. „Die Kunst des Krieges“, so hält Sunzi fest, „ist für den Staat von entscheidender Bedeutung.“ Vom Krieg hängen die Geschicke der Nationen ab, die sich nie in Sicherheit wiegen können.

Mit Sunzi vollzieht sich ein intellektueller Einschnitt, der moralisches Handeln neu definiert: Als etwas, das sich nicht länger am Wohl des Gegenübers orientiert, sondern zuvorderst die fürstliche Agenda voranzubringen hat und in strategische Überlegungen die Unterscheidung zwischen der kurz- und langfristigen Zweckmäßigkeit militärischer Manöver einführt. Seine Theorie hat philosophische Wurzeln, die sich im gesamten Werk bemerkbar machen: Sunzi steht der taoistischen Tradition nahe. Der Taoismus rät dazu, den Lauf der Dinge hinzunehmen. Das Ziel besteht darin, zu „handeln, ohne einzugreifen“, was bedeutet, immer dann nicht einzugreifen, wenn sich das gewünschte Ergebnis auch von allein einstellen wird. Im Taoismus wird der Rezeptivität und Passivität (Yin) der Vorrang vor Aktivität und aggressivem Voranpreschen eingeräumt (Yang). Yin und Yang sind die beiden gegensätzlichen, sich ergänzenden Pole des Tao beziehungsweise Dao, jenes „Weges“, der das höchste metaphysische und kosmologische Ordnungsprinzip darstellt. Als wichtigster Vertreter des Taoismus gilt Laotse, der für Anpassung an das Gegebene plädiert. Man solle sich ein Beispiel am Wasser nehmen, das Hindernisse sanft umspült, und die direkte Konfrontation vermeiden. Sunzi verficht ein ganz ähnliches Credo: Seine Kriegskunst setzt vor allem auf Ausweichmanöver. Der frontale Angriff ist eine zerstörerische und zum Scheitern verurteilte Form der Auseinandersetzung. Da für Sunzi der Zweck die Mittel heiligt, scheut er auch vor Kriegslisten nicht zurück. Lügen und Täuschung sind ihm allemal lieber als Prestigesucht. Denn Krieg zu führen, heißt andere zu überlisten. Aus diesem Grund räumt er sogar der Spionage, die im Ruf steht, besonders unehrenhaft zu sein, bemerkenswert viel Platz ein, schließlich habe sie sich ein ums andere Mal als zielführend erwiesen. Wie man sieht, steht für Sunzi vor allem die Effizienz strategischen Handelns im Vordergrund. Insofern sie Erfolg versprechen, dürfe man folglich auch niederträchtige Methoden in Betracht ziehen.

Und dass die Empfehlungen der „Kunst des Krieges“ zum gewünschten Ziel führen, wurde nie ernsthaft bestritten. Die strategischen Ratschläge der Denker des chinesischen Altertums haben die Zeiten überdauert, weil sie in anderen Epochen, Kontexten und Kulturen nichts von ihrer Überzeugungskraft verloren haben. Bis in die Neuzeit beriefen sich politische Führer in China auf Sunzi und dessen Prinzipien, die eigenen Kräfte einzuteilen und einzusetzen. Als seine Ideen während des Ansturms des westlichen Imperialismus zeitweilig in Vergessenheit gerieten, kam diese Amnesie das Land teuer zu stehen. China ließ sich entgegen des weisen Rates der „Kunst des Krieges“ auf den offenen Schlagabtausch ein, was angesichts der westlichen Übermacht und der dürftigen materiellen Ausstattung der eigenen Truppen in einem Fiasko endete. Heute ist China bestrebt, die Umzingelung durch konkurrierende Mächte (Japan, die USA, Taiwan, Südkorea, Vietnam, Indien) zu durchbrechen. Um diese „Bedrohung“ einzudämmen, werden die Seestreitkräfte ausgebaut und die Grenztruppen verstärkt. Die chinesische Außenpolitik will Konflikte mit anderen Großmächten vermeiden, doch gestattet man sich immer wieder Provokationen, von den massiven Rüstungsausgaben, die vor allem der militärischen Modernisierung dienen, ganz zu schweigen. Auch die chinesische Vorliebe für nachrichtendienstliche Aktivitäten, die Cyber-Spionage ausdrücklich einschließt, knüpft an Sunzis Lehre an. Anders als in der präimperialen Zeit, in der die „Kunst des Krieges“ entstand, ist China heute allerdings eine militärische Großmacht, die sich vor Zusammenstößen mit hochgerüsteten Armeen nicht mehr fürchtet. Dazu kommt, dass die Hightech-Truppen des Westens in der Vergangenheit – ob in Vietnam, im Irak oder in Afghanistan – nicht zuletzt deshalb aufgerieben wurden, weil ihre Gegner sich genau jener Umgehungsstrategien bedienten, die Meister Sun befürwortete. Legen sie die entsprechende Anpassungsfähigkeit an den Tag, können selbst Armeen, die hoffnungslos unterlegen wirken, das Blatt zu ihren Gunsten wenden.

Strategie und List statt eines offenen Schlagabtauschs: Bis heute wirken Sunzis Prinzipien im chinesischen Denken nach


 

Der Westen machte sich Sunzis Ideen bislang kaum zu eigen. Das lag zunächst daran, dass man „Die Kunst die Krieges“ lange Zeit nicht kannte. Noch schwerer wog allerdings, dass militärische Interventionen – man denke nur an die beiden Weltkriege – im Westen einem völlig anderen Muster folgten: Wo chinesische Strategen ihr Vorgehen recht undogmatisch auf die jeweiligen Umstände und Gegebenheiten zuschnitten, postulierten westliche Militärs einen Primat des Frontalangriffs, der von Napoleon praktisch erprobt und von Clausewitz nachträglich theoretisch legitimiert wurde.

Freilich finden sich in der „Kunst des Krieges“ militärische Erfahrungswerte, die auch in absehbarer Zukunft noch relevant sein werden. Mithilfe von Spionen und anderweitiger Informationsbeschaffung möglichst genaue Auskünfte über die Stärke der gegnerischen Kontingente einzuholen, die eigenen Ressourcen schonend einzusetzen, einheitliche und klare Kommandostrukturen, die Durchführung einer Folgenabschätzung vor jedem Einsatz – mit alldem sind auch die Generäle der Gegenwart noch gut beraten.

Eine Anleitung für den Wirtschaftskrieg?


Möglicherweise zeigt sich die Aktualität Sunzis aber vor allem auf dem Gebiet der Wirtschaft. China hat sich auf einen „Eroberungszug“ begeben, der auf bewaffnete Truppen weitgehend verzichtet und dem bislang nichtsdestotrotz ein durchschlagender Erfolg beschieden ist. Jenseits seiner unmittelbaren Grenzregion hat das Land ohnehin nie eine sonderlich ausgeprägte Eroberungslust an den Tag gelegt. So war China nie eine Kolonialmacht, was sicher nicht an den fehlenden Mitteln lag. Eine Weltanschauung, die darauf drang, sich die gesamte Welt untertan zu machen und auf die eigenen religiösen oder ideologischen Überzeugungen zu verpflichten, sucht man in der chinesischen Geschichte vergebens. Das Land verfügt heute über die nötigen finanziellen Ressourcen, um seinen Einfluss auf rein ökonomischem Wege auszuweiten. In Afrika sind chinesische Unternehmen federführend an Infrastrukturprojekten, insbesondere Flughäfen und Autobahnen, beteiligt. Als „Gegenleistung“ wird China ein bevorrechtigter Zugang zu lokalen Märkten gewährt. In Europa übernehmen chinesische Staatsunternehmen Hafenanlagen, wie etwa in Piräus, dem Hafen Athens, und investieren bevorzugt in Staatsanleihen. Der Eroberungsfeldzug ist also in vollem Gange. Chinas Lage hat sich spektakulär zum Besseren gewendet und ist historisch fast präzedenzlos. Es steht außer Frage, dass das Land wohl auch weiterhin die Prinzipien beherzigen wird, die diesen Erfolg ermöglicht haben. China ist mit seiner eigentümlichen Mischung aus politischem Zynismus und kapitalistischer Leistungsfähigkeit erstaunlich gut gefahren. Die Frage der Verteilung des so produzierten Wohlstands stellt man sich indes genauso wenig, wie Sunzi und die Denker des klassischen Chinas dies taten. Die chinesische Regierung ist auf die wachsenden inneren Spannungen daher denkbar schlecht vorbereitet. Bereits jetzt ist zu erkennen, dass darin in absehbarer Zeit die größte Schwachstelle des Reiches der Mitte liegen wird. •

Aus dem Französischen von Danilo Scholz

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2018