Stille als Chance?


Das Coronavirus lässt die Welt stillstehen. Viele romantisieren diesen Zustand. Dabei ist es notwendig, inspirierende und dumpfe Stille voneinander zu unterscheiden. Ein Denkanstoß von Leyla Gleissner.


Von denjenigen von uns, die das Privileg genießen, sich in pandemischen Krisenzeiten in einen geschützten Bereich des Privaten zurückziehen zu können, tönen so manche: „Schluss mit der ewigen Beschallung. Schluss mit lauten Aufforderungen zu Konsum und Optimierung. Lasst die eigenen vier Wände zum reinigenden Schweigekloster werden! Lasst uns zurückkehren zu einer ursprünglichen, dem Menschen notwendigen Stille!“

Was hier anklingt ist der Versuch, die Effekte des viralen Ausnahmezustands – Kontaktverbot und Selbstisolation inklusive – als Chance zur stillen Besinnung auf wirklich Wichtiges zu nutzen. Was aber genau diese Stille ist, nach der so viele rufen, bleibt dabei unklar.

Eine Antwort bietet die Philosophie. Dort markiert die Stille häufig ein Ereignis, einen Einschnitt im anonymen Fluss der Zeit. Der Moment, in dem die Wahrheit ans Licht drängt, vollzieht sich zunächst wortlos, so die Überlegung. „Wenn alles still ist, geschieht am meisten”, schreibt Kirkegaard. „Die größten Ereignisse – das sind […] unsre stillsten Stunden”, schreibt Nietzsche. Stille heißt in diesem Sinne: ein Aussetzen des Bekannten, Umbruch und Möglichkeit.

Genau das zeigt sich an Covid-19. Das alltägliche Hintergrundrauschen ist unterbrochen. Kein Stimmgemenge schallt von der Straße ins Fenster hinein. Das Ticken der Küchenuhr wird zur Stellvertreterin einer Zeit, die einfach nicht vergehen mag. Gleichzeitig ist vielen hier so klar wie selten zuvor, dass jede Minute ein Ereignis sein kann, das über nicht weniger entscheidet als über Leben und Tod.


Tatsächlich ist es nicht immer wichtig, was man sagt, aber überlebenswichtig, dass man überhaupt jemandem etwas sagen kann


 

Denn simultan zum monotonen Zeigerschlag versorgen Ärztinnen und Krankenschwestern auf der ganzen Welt Massen verletzlicher Körper in (Atem)Not, Körper, die es um jeden Preis zu retten gilt. Um in Worten zu erklären, was sie tun, bleibt den Retterinnen womöglich keine Zeit. Entscheidend ist aber, dass ihr Tun die Voraussetzung dafür ist, dass diese verletzlichen Körper irgendwann wieder sprechen können. Genau in diesem Sinne kann die Stille ein Ereignis sein: weil sie Raum und Möglichkeiten schafft für kommende Worte.

Neben dieser ereignishaften Stille gibt aber noch eine ganz andere. Diejenige nämlich, in der Worte unmöglich werden: die Stille der Einsamkeit. Wenn keine an die Tür klopft, keine lacht und jeder vernommene Laut von einem selbst ausgelöst wurde. Diese Stille ist kein einmaliger Einschnitt, der unser Tun in ein klares „Vorher“ und „Nachher“ trennt. Sie ist ein anhaltender, lähmender Stillstand, ein auferlegtes Verstummen, das zum Verharren zwingt und unbeweglich macht. Manchmal droht die Stille der Einsamkeit die Betroffene zu absorbieren. Im schlimmsten Fall kann sie sogar tödlich sein. Denn tatsächlich ist es nicht immer wichtig, was man sagt, aber überlebenswichtig, dass man überhaupt jemandem etwas sagen kann.

Aus diesem Grund sollte man das Schweigen in friedlichen Sphären geschützter Privatheit, das manche von uns gerade genießen, nicht als Selbstzweck sehen, sondern als einen guten Anlass, um denen Gehör zu schenken, für die die Stille der Einsamkeit schwierige Normalität ist. Mit anderen Worten: Nutzt eure neugewonnen Stille, um diejenigen Stimmen vernehmbar zu machen, die grundsätzlich und ungefragt leise bleiben müssen. •

Erstveröffentlicht am 10.04.2020


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