Sterben in Zeiten der Pandemie


Der Tod ist in der Corona-Krise so präsent wie lange nicht. Und doch ist unser Umgang mit ihm geprägt von Abwehr und Angst – mit schwerwiegenden Folgen. Ein Denkanstoß von Thomas Macho.


Wie verändern die Erfahrungen der aktuellen Pandemie unser Verhältnis zum Tod? Häufig wird ja behauptet, die Moderne habe den Tod verdrängt. Diese Diagnose ist jedoch unscharf: Denn sie betrifft unsere prinzipielle Unfähigkeit, das eigene Tot-Sein zu imaginieren, aber auch unseren Umgang mit Sterbenden und Toten, die Möglichkeiten der Planung und Gestaltung des eigenen Sterbens, und schließlich die Wahrnehmung geteilter Verletzlichkeit und Sterblichkeit. Die Unterscheidungen erlauben mehrere konkrete Antworten. Natürlich kann auch die Erfahrung einer Pandemie nichts daran ändern, dass wir uns das eigene Tot-Sein nicht vorstellen können, weil wir bei jedem Versuch, wie Sigmund Freud bereits 1915 bemerkte, stets beobachten, dass wir „als Zuschauer weiter dabei bleiben“. Dramatisch verändern sich dagegen in Zeiten der Pandemie die Umstände der Begleitung von Sterbenden und der Trauer um die Toten. Wir dürfen die Sterbenden auf der Intensivstation nicht mehr besuchen, sprechen oder sehen; die gewohnten Rituale der Verabschiedung und der Beisetzung können nicht durchgeführt werden, in Italien, Spanien oder New York werden Massengräber ausgehoben.


Leben wird als Überleben demaskiert; die Frage nach dem guten und richtigen Leben verstummt


 

Zugleich sollen die verordneten Praktiken sozialer Distanzierung einen Zusammenbruch des sozialen Lebens verhindern, wie er in Erzählungen von Pestepidemien – seit Boccaccios „Decamerone“ oder Defoes „Journal of the Plague“ Year 1665 in London – beklagt wird. Verschärft wird also „die Einsamkeit der Sterbenden in unseren Tagen“ (Norbert Elias), aber auch die Einsamkeit der Trauernden. Die Möglichkeit der Gestaltung des eigenen Sterbens verengt sich in erschreckendem Maß: Jede Patientenverfügung wirkt fast lächerlich angesichts der in manchen Kliniken praktizierten Triage, der erzwungenen Entscheidung über die Zuteilung von Beatmungsgeräten. Die häufig wiederholte Aufforderung zum Schutz der Risikogruppen erzeugt darüber hinaus einen demographischen Riss: auf der einen Seite die Alten und Kranken, auf der anderen Seite die Jungen und Gesunden. Wer aber wird vor wem geschützt? Und wie soll unter diesen Bedingungen eine Wahrnehmung gemeinsamer, geteilter Vulnerabilität und Sterblichkeit gelingen? Manchmal zwingt sich geradezu der Eindruck auf, die übermächtige Präsenz des Todes in Bildern, Nachrichten und Statistiken verstärke nur die Abwehr, eine kollektive Angst, die sich jedem Gespräch und Trost energisch widersetzt. Leben wird als Überleben demaskiert; die Frage nach dem guten und richtigen Leben verstummt. •

Erstveröffentlicht am 18.04.2020


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