Spinoza und die Lebenslust

„Freude ist ein Übergang des Menschen von einer geringeren zu einer größeren Vollkommenheit.“ Aufbauend auf diese Grundüberzeugung revolutionierte Baruch de Spinoza (1632-1677) das Denken seiner Zeit. Der Amsterdamer Philosoph entwirft ein Bild der menschlichen Existenz, in dem eine vernunftgeleitete Maximierung der Lebenslust das eigentliche Erkenntnisziel darstellt.

Von  Michael Hampe / Illustration: © Nazario Graziano/Colagene, Foto: The Bridgeman Art Library


Manche Philosophen neigen wie Pfarrer zum Moralisieren. Menschen würden den Idealen, die uns die Heiligen vorgelebt hätten, in keiner Weise gerecht. Eitel und gierig sei der Mensch, nur auf seinen eigenen Vorteil aus. Er vergesse über dem Genuss der Lust das Gemeinwohl, die Arbeit, das aus Vernunft Notwendige. Baruch de Spinoza war kein Moralist. In seinen Büchern wird niemandem ins Gewissen geredet. Im Vorwort zum dritten Teil seiner „Ethik“ schreibt er, dass er die menschlichen Fehler und Torheiten auf „geometrische Weise“ behandeln will. Es werden keine Heiligenlegenden erzählt, die als Orientierung dienen könnten. Spinoza deduziert. So wie ein Astronom geometrisch bestimmen kann, wann die Sonne am höchsten stehen oder sich verfinstern wird, ob und wenn ja, wann ein Meteorit einschlägt, ebenso will Spinoza geometrisch über Unfreiheit und Freiheit, das gelingende und misslingende Leben, über Schmerz, Trübsal, Lust und Liebe nachdenken.

Der Mensch ist für Spinoza eine Naturerscheinung wie die Steine, die Pf lanzen und die Tiere. Sowenig sinnvoll es ist, die Natur eines Steines anzuklagen oder zu loben, genauso absurd wäre es für den Amsterdamer Philosophen gewesen, die Menschennatur zu beklagen oder zu verherrlichen. Sie unterliegt den Gesetzen der Natur, die streng mathematischen oder logischen Charakter haben. Doch Spinozas Natur überhaupt ist nicht nur gesetzmäßig, sondern auch kreativ, eben schöpferische Natur (natura naturans). Das Bild des mechanischen Korpuskelspiels, das manche seiner Zeitgenossen, wie etwa Descartes oder Hobbes, so überzeugend fanden, gibt in seinen Augen lediglich Oberflächenphänomene wieder. Die Kreativität der Natur zeigt sich dagegen „im Inneren“ eines jeden Einzelwesens: als das „Streben“, da zu sein und dazubleiben.

Die Trägheitsbewegung der Steine, das Wachsen und die Selbsterhaltungsbemühungen der Lebewesen sind Manifestationen natürlicher Schöpfungskraft. Sich zu erhalten, ist der grundlegende „Trieb“ eines Wesens. Alle Wesen sind deshalb in Spinozas Verständnis auch immer mehr oder weniger aktiv. Sie bemühen sich darum, auf der Welt bleiben zu können. Sie können das als endliche Wesen naturgemäß nicht für immer und ewig, weil ihre Macht begrenzt ist und ihre Handlungsmöglichkeiten irgendwann ausgeschöpft sind. Doch es gibt nichts auf der Welt, das nicht in irgendeiner Form tätig ist. Rein passive Materie existiert für Spinoza nicht.

Lustiger Kerl oder trauriger Herr?


Bereits früh hat Spinoza die Freude zum Mittelpunkt seines Lebens gemacht. So schreibt er schon in der Einleitung seines ersten Werkes, der Fragment gebliebenen „Abhandlung über die Verbesserung des Verstandes“: „Nachdem mich die Erfahrung belehrt hat, dass alles, was das gewöhnliche Leben bietet, eitel und nichtig ist, (…) so beschloss ich endlich, zu erforschen (…) ob es Etwas giebt, durch dessen Auffindung und Erlangung eine stete und höchste Heiterkeit für immer gewonnen werden kann.“ Dieses Fragment fasst den Werdegang eines jungen Mannes zusammen, der 1632 in Amsterdam geboren wird und nach dem Tod seines Vaters den Familienbetrieb übernimmt, bevor er das Geschäftsleben und die Suche nach dem flüchtigen Gewinn aufgibt. Seine radikale Entscheidung, eine Freude „frei von jeder Traurigkeit“ zu suchen, ist auch eine Reaktion auf den Hass, der über ihn hereingebrochen ist: Im Jahr 1656 wird Spinoza aus seiner jüdischen Heimatgemeinde verbannt. Die Gründe für diesen Bann sind noch heute unklar: Der Cherem, der Text seiner Exkommunikation, erwähnt die „bösen Ansichten“ und „Häresien“ des Ausgeschlossenen, der zu diesem Zeitpunkt noch nichts publiziert hat. Aber es scheint, als hätte Spinoza frühzeitig die Existenz eines transzendenten, richtenden Gottes geleugnet. Sein Gott, wie er es auch später formulieren und damit ein Blitzgewitter vonseiten der Theologen hervorrufen wird, ist die Natur. Doch die Vertreibung aus seinem Viertel ist für Spinoza kein Grund, sich in die holländischen Tavernen zu flüchten. Im Gegenteil. Er poliert optische Linsen, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, verbringt den Rest der Zeit mit dem Studium und wählt eine äußerst schlichte Lebensweise. Seine Wohnung ist minimal ausgestattet, seine Ausgaben strikt kontrolliert, seine Ernährung karg; einer seiner Biografen, der Pastor Jean Colerus merkt an, dass er sich mit zwei Gläsern Wein im Monat zufriedengab und an einem Tag „nichts als eine mit Rosinen und Butter zubereitete Hafergrütze“ gegessen habe. Nicht gerade ein Festmahl … Sein einziges Laster? Das Pfeiferauchen. Seine liebsten Freizeitaktivitäten? Fliegen in Spinnennetze werfen, um dann lachend ihren Todeskampf zu beobachten. Spinoza ist weder ein von der Welt abgeschnittener Einsiedler – er hat viele Freunde, führt einen regen Briefwechsel, zeigt sich mit seinen Gästen gesellig – noch ist er Hallodri oder hemmungsloser Hedonist. Er lebt im Einklang mit seinen Gedanken: Sein Hauptwerk, die „Ethik“, schreibt keinen Asketismus vor, sondern einen gemäßigten Genuss der täglichen Freuden. Dieser soll den Menschen aus seiner „Knechtschaft“ befreien , die als Unfähigkeit definiert wird, „seine Affekte zu beherrschen“. Wie Colerus schreibt, verstand es Spinoza „über die Maßen wohl, über seine Leidenschaften Herr zu sein. Man hat ihn niemals weder sehr traurig, noch sehr fröhlich gesehen.“ Die „höchste Heiterkeit“ nämlich, die er anstrebt, nährt sich vielmehr aus dem Gebrauch des Verstands. Man muss also zu dem Schluss kommen, dass der größte Philosoph der Freude nicht unbedingt „lustig drauf“ war.

Von Martin Duru

 
Lust ist Macht

Nun sind die Einzelwesen jedoch unterschiedlich erfolgreich in ihrer Selbsterhaltung. Sie haben zu unterschiedlichen Zeiten unterschiedlich viel Macht und Handlungsfähigkeit. Wesen, die von ihrem Selbsterhaltungstrieb wissen, sind im Zustand der „Begierde“ (cupiditas), so schreibt Spinoza in der Anmerkung zu Lehrsatz 9 des dritten Teils der „Ethik“. Lust (oder auch Freude, lat. laetitia) und Unlust stellen sich dann ein, wenn es bei einem bewussten Wesen durch äußere Einf lussnahme zu Schwankungen in der Fähigkeit kommt, sich selbst zu erhalten. Warum macht das Essen und Trinken Lust? Die Nahrung hilft uns bei der Selbsterhaltung. Warum rasen die Hunde offensichtlich lustvoll über die Wiese? Sie spüren ihre Fähigkeit, etwas zu tun, und steigern sie dabei gleichzeitig.
Lust und Unlust beziehen sich für Spinoza auf Geist und Körper zugleich. Denn die beiden sind ohnehin nur zwei Aspekte ein und desselben Wesens. Geschieht etwas, was unsere allgemeine Fähigkeit zu handeln und uns zu erhalten erhöht, verspüren wir Lust. Geschieht das Gegenteil, wird unsere Selbsterhaltungskompetenz kleiner, wir verspüren Unlust. Lust und Unlust sind also Wahrnehmungen von „Übergängen“. Weil die Übergänge vorübergehend sind, können Zustände von Lust und Unlust ebenfalls nicht stabil sein. Irgendwann hat die Steigerung unserer Handlungsfähigkeit ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht und erlischt. Irgendwann ist die entsprechende Verminderung an ihr Ende gekommen, und die Unlust hört auf, in schlimmen Fällen mündet sie in Ohnmacht oder Tod, den Grenzen der bewussten Selbsterhaltung.

Solche Prozesse der Steigerung oder Verminderung der Handlungsfähigkeit können uns nicht nur von unserem ganzen Wesen bewusst sein, sondern auch lediglich von Teilen von uns. Werden unsere Geschlechtsteile angeregt, empfinden wir eine spezifische Lust, die „Wollust“ (tittilatione). Verbrennen wir uns die Hand, sodass sie unfähig wird zu greifen, geraten wir in eine spezifische Form der Unlust, den Schmerz (dolor). Natürlich ist eine Person in erotischer Ekstase als ganze tätig, sie spürt ihre Fähigkeit, auf eine andere Person zu wirken, ihre Handlungsmacht, und das ist ein Zustand der Lust. Doch diese Lust hat auch einen Fokus in bestimmten Körperteilen. Ebenso leidet auch eine gefolterte Person als ganze, doch ihr Leiden hat einen Fokus in den Körperteilen, die gepeinigt werden und schmerzen. Die Fokussierung auf einzelne Körperteile bringt ein Problem mit sich: Der Gaumenkitzel oder der Geschlechtsgenuss können auch dann gesucht werden, wenn dies negative Folgen für die Erhaltung des ganzen Individuums hat. Wer genießt, wie der Whiskey die Kehle hinunterrinnt oder das Aroma der Zigarre in der Nase aufsteigt, empfindet Wollust im Sinne Spinozas. Doch es kann sein, dass nach der Wollust das Tätigkeitsvermögen auf ein niedereres Niveau absinkt als vorher: Der Kater nach dem Whiskey, der Kopfschmerz nach der Zigarre.

Lust ist nach Spinoza gut. Denn gut ist, was uns nützt, uns erhält, unser Tätigkeitsvermögen steigert. Doch um uns dem auszusetzen, was für uns gut ist, müssen wir wissen, was für Individuen wir sind. Und wir müssen wissen, was in der Welt unser Tätigkeitsvermögen steigert. Selbsterkenntnis und Welterkenntnis können unsere Lust steigern. Überhaupt sind wir, wenn wir erkennen, tätig, und wenn wir dabei Neues herausbekommen, steigern wir unsere Selbsterhaltungsfähigkeiten und empfinden Lust. Dieser für Spinozas Philosophie prägende Dreiklang von Steigerung der Selbsterkenntnis, Welterkenntnis und einer gesteigerten Lebensqualität wirkt bis heute stark in philosophischen wie psychologischen Erkenntnisprogrammen nach, insbesondere in der Psychoanalyse Sigmund Freuds, aber beispielsweise auch in der Philosophiekonzeption Ludwig Wittgensteins. Erkenntnis, so lautet Spinozas philosophische Botschaft, ist in sich lustvoll.


Die Heiterkeit ist eine Form der Lust und hat niemals ein Übermaß. In der Heiterkeit werden alle Teile des Körpers in ihrer Fähigkeit, tätig zu sein, gesteigert


 

Wir sind nicht nur schmeckende Zungen, schluckende Kehlen und erregbare Geschlechtsteile. Es mag sein, dass uns diese Teile unseres Körpers besonders auffallen, weil sie so empfindlich sind. Doch sich nur um sie zu kümmern, bedeutet Teile mit dem Ganzen zu verwechseln und eventuell die Erhaltung von uns als ganzen Individuen um der Steigerung des Tätigkeitsvermögens dieser Teile willen zu vernachlässigen. Die Wollust kann nach Spinoza ein Übermaß haben. Wir würden heute wohl, wenn sich jemand exzessiv lediglich auf einen Körperteil oder spezifischen Körperzustand bezieht, davon sprechen, dass diese Person einer Sucht verfallen ist, sich vielleicht sogar durch diese Sucht ruiniert.

Die Heiterkeit (hilaritas), die eine Form der Lust ist, hat jedoch niemals ein Übermaß, so Spinoza. Denn in der Heiterkeit werden alle Teile des Körpers in ihrer Fähigkeit, tätig zu sein, gesteigert. In diesem Zustand spüre ich, wie die Fähigkeit von mir als ganzem Wesen, mich zu erhalten, wächst. Ihr Negativbild ist der Trübsinn (melancholia). Es ist die Heiterkeit und nicht die erotische Ekstase, die die absolute Lust Spinozas darstellt. Sie ist immer gut, birgt kein Suchtpotenzial. Es mag sein, dass die Intensitäten der fokussierten Lust oder Unlust, eines organisch fixierbaren Hochgenusses oder Schmerzes viel größer sind als jede Heiterkeit und jede Melancholie. Doch wenn wir uns auf das konzentrieren, was unser Wesen ausmacht: unsere Fähigkeit, uns als Individuen zu erhalten, dann sind diese den Gesamtzustand betreffenden Lüste und Unlüste die relevanteren Zustände.

Göttliche Erkenntnisse

Sowenig Spinoza eine substanzielle Differenz zwischen Leib und Seele anerkannte, sondern die beiden als zwei Aspekte desselben Individuums betrachtete, ebenso wenig glaubte er, dass der Geist in unterschiedliche kleine Einheiten zerfällt: Wille, Verstand, Trieb, Begehrungsvermögen und wie sie alle heißen mögen. Es gilt für ihn lediglich, dass Geist und Körper in unterschiedlichen Formen leiden oder tätig sein können. Und das Erkennen ist eine besondere Form der geistigen Tätigkeit. Liebe stellt sich da ein, wo die Ursache eines Lustzustands betrachtet wird. Wenn wir uns selbst und die Welt richtig erkennen, so bereitet das Lust. Wenn wir den Zusammenhang zwischen uns und der Welt erkennen, so bereitet das noch mehr Lust. Die Welt als die tätige Natur, die uns ermöglicht, nennt Spinoza auch Gott: deus sive natura. Ihre Erkenntnis führt zur höchsten Form der Liebe, der intellektuellen Liebe zu Gott (amor intellectualis dei). Gott oder die Natur ist der Uranfang von uns, unserer Selbsterhaltungsfähigkeit und von allem anderen, was es als Einzelwesen gibt. Gott oder die Natur ist deshalb auch die Ursache all unserer Lüste. Erkennen wir dies an, können wir nichts anderes tun, als in den Zustand der Liebe zu verfallen. Lust, Liebe und Erkenntnis sind daher nicht dreierlei für Spinoza. Und die höchste Form der Erkenntnis führt zur höchsten Form der Liebe. Wir mögen die Zigarre lieben, weil sie uns Lust bereitet, unsere Bettgenossen, weil sie uns in erotische Ekstase versetzen. Und wir lieben Gott oder die Natur, sofern wir erkennen, wie wir durch sie als den kreativen Instanzen der Welt überhaupt erst in die Lage versetzt werden, Lust empfinden zu können. Es gibt so viele Arten der Liebe, wie es Objekte gibt, die uns in unserem Tätigkeitsvermögen fördern. Die Liebe zu den Zigarren ist anders als die Liebe zur Geliebten. Und die Liebe zu Gott oder der Natur ist wieder etwas anderes. Trotzdem haben sie alle einen gemeinsamen Kern: die Wahrnehmung der Steigerung unseres Tätigkeitsvermögens.
Die Erkenntnis der Gefahren der Sucht, der Fixierung auf die Lust an einem Organ hat den Geometer der Lust nicht zur Verdammnis dieses Zustands geführt. Im Gegenteil: Das glückliche Leben ist lustvoll, weil es von der Liebe zu den unpersönlichen Strukturen der Natur bestimmt ist. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2014