Soldaten des Gleichmuts

Soldaten der U.S. Army lauschen den Anweisungen eines Yogalehrers im Camp Bundela, Indien


Die Gelassenheit hat eine dunkle Seite. Sie birgt eine Ethik des kompromisslosen Kampfes, wie ein Blick in die Zeit des Nationalsozialismus zeigt – und auch noch im heutigen Silicon Valley zu beobachten ist.


Gelassenheit, das klingt nach meditativem Lotossitz, lächelnder Sanftmut und idyllischer Friedfertigkeit. Und es stimmt ja auch: Insofern es Menschen hilft, ihr Stresslevel mittels Yoga runterzupegeln oder durch Zen-Übungen vom Arbeitsalltag abzuschalten, wäre es falsch, den gegenwärtigen Gelassenheitshype lediglich als esoterische Wohlstandsverwahrlosung der Manufactum-Mittelschicht zu verbuchen. Dennoch sollte das nicht darüber hinwegtäuschen, dass das Gelassenheitsdenken auch eine dunkle Seite besitzt. Denn ganz gleich, ob man es aus seinen westlichen Wurzeln, der Stoa, oder seinen östlichen Wurzeln, allen voran dem Buddhismus, herleitet: Stets birgt dieses Denken eine Ethik, die sich buchstäblich brutal auslegen lässt. Oder zugespitzter gesagt: Gelassenheit kann auch die Grundstimmung von fanatischen Kriegern, totalitären Ideologen oder skrupellosen Turbokapitalisten sein.

Gelassenheitskonzepte, wie sie sich im Stoizismus und Buddhismus offenbaren, sind nämlich oft mit einem geradezu soldatischen Tugendkatalog verbunden, der Seelenruhe schnell in Kaltblütigkeit verwandeln kann: Opfer- und Leidensbereitschaft, Emotionslosigkeit, Ich-Verzicht, Disziplin und Gehorsam. Nimmt man exemplarisch Senecas Text „Vom glücklichen Leben“, eines der wichtigsten und einflussreichsten Werke der jüngeren Stoa, strotzt dieser nur so vor militärischer Rhetorik. So marschiere die Tugend, für Seneca das höchste und unverhandelbare Gut, nicht nur „im ersten Glied“ und trage dabei „das Feldabzeichen“, sondern im Angesicht widriger Umstände solle die Tugend auch „wie ein guter Soldat ihre Wunden ertragen, ihre Narben zählen und, von Geschossen durchbohrt, noch im Tod den Feldherrn lieben, für den sie fällt; sie wird jene alte Vorschrift im Herzen bewahren: Folge Gott!“ Denn schließlich, so fasst Seneca eine Grundformel der Stoiker zusammen, seien Letztere auf „diesen Fahneneid (…) eingeschworen worden: das, was uns als Sterblichen zukommt, zu ertragen und sich nicht durch das verwirren zu lassen, was zu vermeiden nicht in unserer Macht steht. In einem Königreich sind wir geboren: Gott gehorchen ist Freiheit.“

Nun könnte man relativierend einwenden, dass derlei martialische Gehorsams- und Aushalteparolen im Kontext antiker Alltagsverhältnisse entstanden und in einen größeren philosophischen Kontext eingebunden sind, zu dem etwa auch starke Gerechtigkeits- und Fürsorgepflichten zählen. Dabei verkennt man aber, dass die mentale Militanz der Stoa auch im Denken selbst wurzelt, allem voran im Imperativ der apátheia, also der avisierten Ausschaltung der Leidenschaften. Gehört die totale Affektkontrolle, die Verachtung von Lust und Schmerz, nämlich zum Kern des Gelassenheitsdenkens, so ist das im Grundsatz ja jene Geisteshaltung, die seit jeher auch Elitesoldaten mühsam antrainiert wird.

Transreligiöses Eskalationspotenzial

Zumal die emotionslose Austarierung der inneren Mitte in der Stoa keineswegs eine kreative Einzelleistung ist, sondern vielmehr Resultat intellektueller Gefolgschaft. Oder wie Seneca sagt: „Solange wir freilich überall umherschweifen und nicht einem Führer folgen, sondern dem Lärmen und Durcheinanderschreien von Leuten, die uns in verschiedene Richtungen rufen, wird unser Leben mit Irrtümern vertan werden.“


Die Stoa besitzt eine mentale Militanz, die in ihrem Denken wurzelt: im Imperativ zur Ausschaltung der Leidenschaften


 

Solch soldatisches Denkertum zeigt sich nicht nur in der europäischen, sondern auch in der ostasiatischen Ideengeschichte. Dass sich der Buddhismus hinsichtlich seines gewalttätigen Eskalationspotenzials keineswegs von den anderen Weltreligionen unterscheidet, sieht man schon daran, dass es im heutigen Myanmar vor allem buddhistische Mönche sind, die mit ultranationalistischer und rassistischer Hetze Pogromstimmungen gegenüber Muslimen schüren. Eine politisch ähnlich aggressive Aufladung des Buddhismus kennt man aus dem kaiserlichen Japan, wo die religiösen Autoritäten des Zen bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs oft eine gleichermaßen militaristische wie nationalistische Agenda verfolgten.

Wie sehr bestimmte Elemente des Buddhismus anschlussfähig an faschistische Diskurse sind, zeigt sich exemplarisch auch daran, dass die deutschen Nationalsozialisten insgesamt zwar ein gemischtes, aber in weiten Teilen durchaus positives Verhältnis zum Buddhismus pflegten, ja bisweilen sogar auf gewisse ideologische Synergieeffekte hofften. Und dies galt für den Buddhismus im Allgemeinen und den japanischen Zen-Buddhismus im Speziellen.

Faschistische Instrumentalisierung

Auch wenn eine Reihe von NS-Ideologen den Buddhismus als weichmütig-passive „Lebensverneinung“ ablehnte, herrschte besonders in der SS ein gesteigertes Interesse an der ostasiatischen Religion. Wie der Religionswissenschaftler Volker Zotz in seinem 2017 erschienenen Essay „Zum Verhältnis von Buddhismus und Nationalsozialismus“ darlegte, firmierte Buddha beispielsweise für den Indologen Walther Wüst, SS-Standartenführer und zeitweise Rektor der Universität München, nämlich durchaus nicht als Daseinsflüchtling. Vielmehr hätte Buddha lediglich das „angefaulte Leben der indischen Großstädte“ hinter sich lassen wollen. Habe Buddha also „in einem welterschütternden Ringen sich seine tiefsten weltanschaulichen Erkenntnisse errungen“, so erkannte Wüst darin eine Parallele zu Adolf Hitler, dem dieses zweieinhalbtausend Jahre später abermals gelungen sei. Alfred Rosenberg, Chefideologe der Nazis, und Alfred Grunsky, „Hauptlektor für Philosophie im Amt Rosenberg“, verbuchten den Buddha ebenfalls als „arischen Mann der Tat“, der über einen „den Trieb meisternden und überwindenden Willen“ verfügte.

Neben Versatzstücken der Reinkarnationslehre, die einigen SS-Ideologen als eine Art spirituelles Bonussystem für den völkischen Opfertod zu gelten schien, war es vor allem diese affektive Gelassenheit, die geistige Eliminierung der Leidenschaften, die Nationalsozialisten als soldatische Willensstärke interpretierten. Und solch eine Lesart kam nicht nur von den Nazis selbst, sondern auch aus der damaligen buddhistischen Gemeinde Deutschlands. Der Buddhist Wolfgang Schumacher veröffentliche zwischen 1943 und 1945 eine Reihe von Schriften, zum Beispiel „Die Tugenden des geistigen Kämpfers“, um den deutschen Soldaten im Zweiten Weltkrieg spirituelle Unterstützung zukommen zu lassen. Und Wolfgang Bohn, ebenfalls ein deutscher Buddhist, hatte schon Jahrzehnte zuvor konstatiert, Buddha habe nicht „den semitisch-demokratischen Satz ‚jedem das Gleiche‘“, sondern vielmehr „jedem das Seine“ gelehrt – also jene Formel, die später am Tor des Konzentrationslagers Buchenwald prangen sollte.

Noch deutlicher offenbart sich der potenzielle Konnex zwischen Gelassenheitsdiskurs und faschistischem Willensdenken mit Blick auf den Zen-Buddhismus. Letzterer wurde hierzulande nämlich auch über den Nationalsozialismus hinaus vor allem von zwei einstigen NSDAP-Mitgliedern popularisiert. Zum einen von Eugen Herrigel, ein ursprünglich am Neukantianismus orientierter Philosoph, der bereits in den 1920er-Jahren als Gastprofessor in Japan lehrte und von 1944 bis 1945 als Rektor der Universität Erlangen diente.

NS-Ideologen galt buddhistische Seelenruhe als Vorbild soldatischer Willensstärke


 

Herrigel, dessen 1948 erschienenes Buch „Zen in der Kunst des Bogenschießens“ zum Bestseller der jungen Bundesrepublik avancierte und bis heute ein viel verkauftes Traktat ist, schwärmte schon in den 1930er-Jahren von der vermeintlich völkischen Willenskraft der Samurai-Krieger und pries deren kompromisslose Opferbereitschaft: „Es ist für den Japaner nicht nur selbstverständlich sich reibungslos in die gewachsenen Ordnungen seines völkischen Daseins einzufügen, sondern sogar um ihretwillen das Opfer der eigenen Existenz bringen zu können in einer Gelassenheit, die kein Aufhebens davon macht.“ Vor diesem „inneren Lichte“ der Gelassenheit erhalte „der Tod, ja sogar der Freitod um des Vaterlands willen seine erhabene Weihe und verliert somit allen Schrecken von Grund aus.“

Aggressive Selbstmobilisierung

Einen ähnlichen Ansatz wie Herrigel verfolgte Karlfried Graf Dürckheim, ein glühender Nationalsozialist, der die meiste Zeit des Zweiten Weltkriegs zu Forschungs- und Propagandazwecken in Japan verbracht hatte. Der 1988 verstorbene Philosoph und Publizist, der in den 1960er- und 1970er-Jahren zu einem Star der alternativreligiösen Szene und der christlichen Meditationsbewegung aufstieg und ebenfalls bis heute gelesen wird, war von der zen-buddhistischen Aufopferung des Willens und dem Einswerden mit dem Absoluten fasziniert. Dürckheim, so hat es der Religionswissenschaftler Karl Baier in seinem Aufsatz „NS-Mystik und militanter Zen“ nachgezeichnet, empfand die Freiheit von Furcht und Trauer sowie die Kultivierung eines „inneren Raumes“, die nicht zuletzt durch rituelle Teezeremonien in den Kampfpausen erlangt werde, als geradezu vorbildlich. „Der echte Japaner“, so Dürckheim, „ist nie überspannt, sondern vermag immer wieder zurückzuschwingen zu den Quellen. Und gerade der Japaner, der als ‚Mann der Wirklichkeit‘ als Soldat und Politiker, wollend und planend, hart und zielbewusst seine Aufgaben meistert, kennt das Geheimnis jenes ‚inneren Raums‘, der das Herz still macht“. Dementsprechend sei die „Neigung und Gabe, sich dem Ansturm des Daseins auf das Ich, sei es Kälte, Lärm, Hunger, Kummer, Kränkung, Vorwürfe (…) zu entziehen“, eine Lektion, die auch deutsche Soldaten lernen sollten.

Verstanden viele NS-Ideologen den Buddhismus also als eine Art spirituelles Instrument zur Erzeugung kriegerischer Resilienz, als geistiges Immunsystem für die Nebeneffekte soldatischer Selbstmobilisierung, so ist das einerseits natürlich eine verkürzte und faschistisch entstellte Lesart buddhistischer Weisheitslehren und Gelassenheitspraktiken. Andererseits rekurriert sie aber eben auf einen problematischen Kern, der im Gelassenheitsdenken selbst angelegt ist: das tendenziell autoritäre Zusammenspiel von Leidenschaftslosigkeit, Disziplin und Willensphilosophie.

Solch eine kaltblütige Auslegung des Gelassenheitsdenkens ist allerdings keineswegs Geschichte. Denn auch wenn sie heute nicht mehr in faschistischer Form daherkommt, werden buddhistisch inspirierte Ratgeber und Entspannungsübungen von Managern und Unternehmern schon lange benutzt, um im kompromisslosen Kampf um Marktanteile einen klaren Kopf zu bewahren. Auch im Silicon Valley feiert seit kurzem die Stoa eine erstaunliche Renaissance. So ist etwa Ryan Holiday, ehemaliger Marketing-Chef der Modemarke American Apparel und nun Berater von Facebook und Google, mit einer Reihe von neostoischen Businesstraktaten wie „Das Hindernis ist der Weg“, „Die Stille ist dein Schlüssel“ oder „Der tägliche Stoiker“ überaus erfolgreich. Holiday predigt darin Affektkontrolle, Widerstandsfähigkeit, Selbstfokussierung, Opferbereitschaft und Disziplin. Kein Wunder, dass das im disruptionsverliebten Silicon Valley einen starken Resonanzraum erhält. Denn gerade hier braucht der Kapitalismus schließlich seine Krieger. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 5 / 2019