Silicon Sowjets

Illustrationen von Julien Pacaud

Google, Amazon und Co entdecken das Unternehmen Unsterblichkeit. So wie knapp 100 Jahre zuvor eine Gruppe sowjetischer Denker. Die Schriften dieser kommunistischen Philosophen und die Utopie des Silicon-Valley-Kapitalismus weisen erstaunliche Parallelen auf. Sie verraten viel über unsere Bereitschaft, Freiheit gegen Erlösung einzutauschen

Von Nils Markwardt


Bild: © Johanna Ruebel

Nils Markwardt

ist leitender Redakteur des Philosophie Magazins. Veröffentlichungen u. a. „New Deal, bitte! Reden über die Flüchtlingskrise“ (Hanser, 2016)

Kalifornien, 2018: Eineinhalb Liter Blutplasma, verabreicht über zwei Tage, für schlappe 8000 US- Dollar. Dieses Angebot macht das Start-up Ambrosia seit kurzem seinen
zahlungskräftigen Kunden aus dem Silicon Valley. Ambrosia: Das ist die „Speise der Götter“ aus der griechischen Mythologie. Ihre Wirkung: Unsterblichkeit. Bei über 35-Jährigen wirke das Frischblut, das von unter 25-Jährigen stammt, wie ein buchstäblicher Jungbrunnen, so lautet das Versprechen der Unternehmer. Der Grund liege im vitalitätssteigernden Prinzip der Parabiose, also dem Zusammenschluss zweier Organismen. Neueste Experimente mit Mäusen lieferten dafür tatsächlich erstaunliche Ergebnisse. Die Körper älterer Nager regenerierten sich durch den Zusatz des Blutes von jüngeren: Die Muskelkraft stieg wieder, die Bauchspeicheldrüse erneuerte sich, die Gehirnleistung nahm zu. Doch gibt es bis dato keinerlei klinische Evidenz, dass diese Wirkung auch beim Menschen einsetzt. Der Attraktivität des Angebots von Ambrosia tut das keinen Abbruch. Dem Vernehmen nach soll das Start-up, für das Facebook-Investor Peter Thiel bereits reges Interesse zeigte, über 600 Kunden verfügen. Der Silicon-Valley-Kapitalismus hat das Innerste des Körpers erreicht.

Moskau, 1928: Alexander Bogdanow ist auf dem Höhepunkt seiner Karriere. Hatte der Arzt, Philosoph und Schriftsteller schon in seinem 1908 erschienenen Roman „Der rote Stern“ von einer revolutionären Steigerung der Lebensgeister durch die „wechselseitige Transfusion des Blutes zweier menschlicher Wesen“ geträumt, wähnt er sich seinem Ziel nun näher als je zuvor. Seit langem führt er dazu Experimente durch, seit zwei Jahren sogar an dem von ihm gegründeten Institut für Bluttransfusionen. Die Ergebnisse sieht er als vielversprechend an. In seinem Text „Der Kampf um die Vitalität“ berichtet Bogdanow von einem 50-jährigen Revolutionär, dem das Blut eines 20-Jährigen zugesetzt wurde. Bei Ersterem sei die Arbeitsfähigkeit gestiegen, die Sehkraft habe sich verbessert und sogar das Schnarchen nachgelassen. Für Bogdanow, früher Weggefährte Lenins und Vordenker des Bolschewismus, ist die Aussicht auf veritable Lebensverlängerungen jedoch nur ein erster Schritt. Als Teil einer damals einflussreichen Gruppe sowjetischer Intellektueller, die sich Immortalisten und Biokosmisten nennen, geht es ihm letztlich darum, Marx und Engels radikal zu Ende zu denken. Der Kommunismus müsse sich tief in den Körper einschreiben. Und dafür brauche es perspektivisch vor allem eins: das ewige Leben.

Paradoxe Parallelen

Völlig unterschiedliche Zeiten, Orte und Systeme, aber das gleiche Phantasma, die gleichen Methoden. Es scheint eine paradoxe Parallele, die sich hier zwischen dem futuristischen Denken der jungen Sowjetunion und dem Diskurs des Silicon Valley auftut. Und je genauer man sie betrachtet, so deutlicher wird sie. Man kann sogar sagen: Der Geist des kalifornischen Tech-Kapitalismus lässt sich erst vollständig verstehen, wenn man ihn vor der Folie seines kommunistischen Pendants liest. Man mag das „Tal der Zukunft“ zwar immer noch mit Smartphones, Software oder sozialen Netzwerken assoziieren, doch im Kern geht es hier längst schon um etwas anderes, Größeres. Das Silicon Valley wird zunehmend zum biotechnischen Großlabor. Ambrosia ist deshalb auch kein Einzelfall, sondern vielmehr exemplarisch: Die fast durchweg drahtigen, mit Chia-Samen und Gesundheitspräparaten vollgepumpten Tech-Pioniere haben in den letzten Jahren das Unternehmen Unsterblichkeit entdeckt.

Das goldene Zeitalter der Unsterblichkeit verwandelt die Gesellschaft in ein Museum


 

Peter Thiel interessiert sich schon seit langem für transhumanistische Projekte und investiert in Unternehmen der Anti-Aging-Industrie. Zudem bemerkte er bereits 2009 in einem Essay für den libertären Thinktank Cato Institute, dass er die „Ideologie der Unvermeidlichkeit des Todes“ ablehne. Amazon-Chef Jeff Bezos steckte wiederum Geld in Unity Biotechnology, ein Start-up, das an der Verzögerung von Zellalterung arbeitet. Larry Ellison, Mitbegründer des Software-Giganten Oracle, spendete 370 Millionen Dollar für die Altersforschung, weil er die Tatsache des Todes „unfassbar“ findet. Google, dessen Mitbegründer Sergey Brin ebenfalls von der Abschaffung des Todes träumt, nahm 2013 gleich selbst eine Milliarde Dollar in die Hand, um mit Calico ein Institut zur Erforschung der Lebensverlängerung zu lancieren. Dessen Ziel brachte Bill Maris, Ex-Chef von Google Ventures, prägnant auf den Punkt: „Es geht um eine Star-Trek-Zukunft, in der niemand an vermeidbaren Krankheiten stirbt, in der das Leben fair ist.“

Ein faires Leben, das wollten auch die Immortalisten und Biokosmisten. Freilich unter anderen, nämlich kommunistischen Vorzeichen. Dieser losen Gruppe von Intellektuellen (deren Originaltexte 2005 in dem von Boris Groys und Michael Hagemeister bei Suhrkamp herausgegebenen Band „Die neue Menschheit“ gesammelt auf Deutsch erschienen) war dabei zunächst gemein, dass sie sich vom Werk Nikolai Fjodorows inspirieren ließen. Der 1903 verstorbene Denker, der seinen Lebensunterhalt vor allem als Grundschullehrer und Bibliothekar verdiente, entwickelte Ende des 19. Jahrhunderts seine „Philosophie der gemeinsamen Tat“. Die fand anfangs zwar nur eine überschaubare Verbreitung, hatte aber einige ausgewählte Anhänger, darunter auch Fjodor Dostojewski und Leo Tolstoi. Nach Fjodorow müsse die Menschheit eine kollektive technologische Anstrengung unternehmen, um die Natur unter totale Kontrolle zu bringen. Das heißt für ihn vor allem: Der Tod gehört abgeschafft. Und mehr noch: All jene, die im Kampf gegen das Kapital bereits gestorben sind, sollen wieder auferstehen. Das ewige Leben – ein Akt der Wiedergutmachung.

Futuristische Konservative

Boris Groys fasst Fjodorows Position deshalb wie folgt zusammen: Auch der herkömmliche Sozialismus funktioniere „als eine Ausbeutung der Toten zugunsten der Lebenden – und als Ausbeutung der heute Lebenden zugunsten der später Lebenden.“ Deshalb könne die wahre Revolution nicht ohne eine radikale Politik der biopolitischen Reparation auskommen. „Der vollendete Sozialismus muss sich nicht nur im Raum, sondern auch in der Zeit etablieren, indem er die Zeit mit den Mitteln der Technik in Ewigkeit verwandelt.“ Fjodorows Forderung zielt also auf die Abschaffung des letzten großen Privateigentums: der Lebenszeit. Das führt sein Denken wiederum zu einem Paradox. Fjodorow predigt zwar den futuristischen Fortschritt, jedoch mit dem Ziel, eine Art Hyperkonservatismus zu errichten. Das Ende der Geschichte, das planmäßig in ein goldenes Zeitalter der Unsterblichkeit mündet, verwandelt die Gesellschaft in ein Museum.Letzteres, erklärt Fjodorow in seinem posthum erschienenen Text „Das Museum, sein Sinn und seine Bestimmung“, entziehe sich als Institution dem „merkantilen, brutal utilitären Zeitalter“, weil es das Vergangene und Nicht-mehr-Nützliche verwahre. In ihm fristen die Dinge eine unendliche Existenz. Der Staat der Zukunft sei deshalb nur dann ein gerechter, wenn er sich mittels der Technik selbst musealisiert, also zum lebendigen Staatsarchiv der Unsterblichen wird. Damit adressiert Fjodorow jenen blinden Fleck des Sozialismus, auf den 1841 bereits Arnold Ruge aufmerksam machte. Der Schriftsteller, der mit Marx einst die „Deutsch-Französischen Jahrbücher“ herausgegeben hatte, bemerkte sorgenvoll, Marx und seine Mitstreiter hätten „den Atheismus und die Sterblichkeit zur Fahne erhoben. Gott, Religion und Unsterblichkeit wird abgesetzt und die philosophische Republik (…) proklamiert.“

Mit seiner Idee des Menschenmuseums setzt Fjodorow dieser theologischen Leere eine materialistische Metaphysik entgegen: Der Mensch als unsterbliches Ausstellungsstück des Sieges über die Natur. So wunderlich diese Idee nun anmutet, scheint es indes nicht überraschend, dass sie nach der Oktoberrevolution bei Wissenschaftlern und Intellektuellen auf fruchtbaren Boden fiel. Insbesondere bei jenen, die später unter den Begriffen Immortalisten und Biokosmisten firmierten. Zu deren Vertretern gehörte neben dem bereits erwähnten Bogdanow der Raketenwissenschaftler Konstantin Ziolkowski, dessen Konterfei 1987 nicht nur auf der Ein-Rubel-Münze landete, sondern nach dem auch ein Krater auf dem Mond benannt wurde. Ferner der Dichter Alexander Svjatogor, der Philosoph Valerian Murawjev oder der Psychiater Aron Salkind.

 
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Erlösung vom Durchschnitt?

Das philosophische Erbe Fjodorows weiterzuentwickeln, schien ihnen aus zwei Gründen attraktiv. Zum einen hatten viele der Immortalisten und Biokosmisten zwar ihren Marx, bisweilen auch ihren Nietzsche gelesen, mit Fjodorow war aber nun ein Philosoph zur Hand, der für sie kein westlich importiertes, sondern genuin russisches Denken repräsentierte. Zum Zweiten passte seine „Philosophie der gemeinsamen Tat“ auch perfekt zum Zeitgeist. Zeigte sie sich doch als überaus
anschlussfähig an jene säkularisierten Erlösungsfantasien, die von ganz oben dekretiert wurden, etwa in Form des Konzepts vom „Neuen Menschen“. Durch „psychophysische Selbsterziehung“, so konstatierte beispielsweise Leo Trotzki, sollte der Proletarier der Zukunft zu einer „allseitig entwickelten Persönlichkeit“ werden, sodass sich der Durchschnittsgenosse bald „zum Niveau eines Aristoteles, Goethe und Marx emporschwingen“ könne. Waren Träume biopolitischer Optimierung in den 1920er-Jahren also tief im kollektiven Imaginären verankert, schien es nicht wenigen Zeitgenossen geradezu zwangsläufig, dass der Homo sovieticus nicht nur intellektuell überlegen, sondern auch unsterblich werden müsse. Zudem firmierten Fjodorows Ideen aber auch als willkommene Legitimation für einen konsequenten Materialismus, da mit der Aussicht auf das ewige Leben die christliche Erlösung alsbald obsolet würde. An die Stelle von Gott, der einst die Seele errettete, tritt nun die Sowjetmacht, die die technisch hergestellte Ewigkeit des Körpers garantiert. Dass dieses Geschenk der Unsterblichkeit jedoch eine völlige Unterwerfung des Einzelnen unter die staatlichen Machtapparate erforderte, verstand sich von selbst. Im kommunistischen Menschenmuseum würde schließlich die Partei den Einlass regeln. Das Zentralkomitee wird zum jüngsten Gericht.

Die Vertreter des sowjetischen Futurismus buchstabierten Fjodorows Philosophie allerdings durchaus unterschiedlich aus und setzten verschiedene Schwerpunkte. Bogdanow konzentrierte sich mit seinen experimentellen Transfusionen auf den Immortalismus und wollte in diesem Zuge einen „physiologischen Kollektivismus“ begründen. Seine Idee: Wenn jeder Genosse rund 80 Prozent seines Blutes im Jahr austausche, würde das den Kommunismus nicht nur in die Köpfe, sondern auch in die Kapillaren tragen. Damit entstünde ein buchstäblicher Volkskörper, eine Art sowjetischer Meta-Organismus.Vordem Hintergrund dieser utopischen Pläne wirkt es fast ironisch, dass der 54-jährige Bogdanow im April 1928 überraschend an einem seiner vielen Selbstversuche verstarb, weil er sich das Blut eines Studenten injiziert hatte, der an Malaria und Tuberkulose erkrankt war.

Die russischen Biokosmisten

Der Philosoph gilt als geistiger Vater der Immortalisten und Biokosmisten. Sein Programm war eine „Philosophie der gemeinsamen Tat“: der „vollständige Sieg über Raum und Zeit“, um so den neuen Sozialismus auf Ewigkeit zu stellen. Fjodorow spekulierte über technologische Projekte zur Unsterblichkeit und die Transformation der Erde in ein Raumschiff.

Die Utopisten des Silicon Valley

ist technischer Entwicklungsleiter von Google und gilt als Vordenker des Transhumanismus. Für 2045 prognostiziert er die „technologische Singularität“, jenen Moment, in dem sich künstliche Intelligenz derart selbst verbessert, dass ihre Verschaltung mit dem Menschen Unsterblichkeit ermögliche.

 
Freisetzung der Seelen

Als Raketenwissenschaftler fokussierte Konstantin Ziolkowski wiederum den Biokosmismus, also die interplanetarische Besiedlung des Universums. Vor allem auch deshalb, weil die Menschheit, sollte sie in der Lage sein, das ewige Leben herzustellen und die Toten auferstehen zu lassen, freilich mehr Platz bräuchte, als die Erde zu bieten hätte. Doch Ziolkowski dachte auch die Biopolitik radikal weiter. Die zukünftige Übermenschheit sollte ihre anfällige Körperlichkeit am besten ganz ablegen und zu einer Art hochkonzentrierten Energie im Kosmos avancieren. In dieser zukünftigen „Strahlen-Menschheit“ würden die Seelen dann kollektiv ins Universum freigesetzt. So obskur das alles klingt, umso erstaunlicher ist es, welche Ähnlichkeiten sich zwischen dem radikaloptimistischen Fortschrittsglauben der sowjetischen Utopisten und jenem des Silicon Valley offenbaren. Diese Ähnlichkeiten beschränken sich keineswegs auf den unbedingten Willen zur Akzeleration, der geradezu evangelikalen Affirmation von Technik und der Heroisierung von Arbeit, die im kalifornischen Kapitalismus als Mantra vom „Super-Achiever“ und „Mehrleister“ wiederkehrt, sondern auch auf konkreter, biotechnischer Ebene. Bogdanows Traum vampiresker Vitalitätssteigerung spiegelt sich heute in Start-ups wie Ambrosia. Die Kryokonservierung, also das Einfrieren von Leichnamen zur späteren Wiederbelebung, die in den USA etwa von der Alcor Life Extension Foundation angeboten wird, ist wiederum nichts anderes als eine Light-Version von Fjodorows Menschenmuseum. Und selbst Ziolkowskis biokosmistische Visionen finden mittlerweile ihre Wiedergänger. Während Elon Musk mit seiner Firma Space X den Mars besiedeln will, forschen Googles Entwicklungsleiter Ray Kurzweil oder der bekannte KI-Forscher Eliezer Yudkowsky an der Freisetzung der Seelen, da sie der festen Überzeugung sind, dass sich das menschliche Bewusstsein, das momentan noch im organischen Käfig unseres Gehirns eingesperrt ist, in nicht allzu ferner Zukunft auf künstliche Trägermedien überspielen lässt.

Man mag nun einwenden, dass diese Ähnlichkeiten am Ende doch eher Oberflächenphänomene darstellen, die Unterschiede zwischen dem sowjetischen Futurismus und dem Geist des Silicon Valley indes wesentlich tiefer gehen. Und es stimmt natürlich: Ideologisch haben der kommunistische Utopismus, der einen totalen Kollektivismus anstrebte, und der kalifornische Tech-Kapitalismus, in dem es vornehmlich um die Gewinnsteigerung von Unternehmen geht, zunächst wenig gemein. Während hier der Staat im Mittelpunkt steht, ist es dort der Markt. Ebenso handelte es sich bei den russischen Immortalisten und Biokosmisten um eine intellektuelle Avantgarde, denen der Rest der Sowjetbürger irgendwann folgen sollte, während die Digital-Entrepreneure eine gleichermaßen milliardenschwere wie abgeschlossene Elite bilden, bei der das body enhancement als individuelle Selbstoptimierung gilt, die man sich erst einmal leisten können muss.

Die totale Immunologie ist ein ideologischer Deal: Tausche Freiheit gegen Unendlichkeit


 

Gleichwohl ist die untergründige Verbindung zwischen beiden stärker, als es im ersten Moment den Anschein hat. De facto teilen Google, Facebook, Apple und Co mit den Sowjetintellektuellen nämlich sehr wohl die Abneigung gegen freie Märkte. Obschon unter unterschiedlichen Vorzeichen streben beide nach Monopolen, nach unteilbarer Macht, weshalb es auch keineswegs paradox ist, sondern geradezu folgerichtig erscheint, dass Peter Thiel einmal bemerkte, dass „Kapitalismus und Wettbewerb in Wirklichkeit fast inkompatibel“ seien. Oder einfacher gesagt: Google, Facebook und Amazon haben besonders gut verstanden, dass es Kapitalisten um Akkumulation von Kapital, nicht um Konkurrenz geht.

Die Unterscheidung zwischen Avantgarde und Elite entpuppt sich ebenso als Scheindifferenz. Auch wenn die Silicon-Valley-Unternehmer eine Elite bilden, die sich zunächst um die eigene Langlebigkeit kümmert, verstehen sie sich zumindest dem Selbstanspruch nach ja meist doch als Avantgarde, als Vorreiter technologischer Weltverbesserung, die am Ende allen zugutekomme: Lebensverlängerung als Trickledown-Effekt. Demgegenüber firmierte der sowjetische Futurismus zwar als Avantgardismus, als biotechnische Vorhut der Arbeiterklasse, wurde in der konkreten Ausformulierung aber schnell zum Eliteprojekt. Schon bald, so schreibt Michael Hagemeister im Band „Die Neue Menschheit“, zeigte sich, „dass Auferweckung und unbegrenztes Leben nicht für alle vorgesehen waren, sondern einer Elite – den ‚großen Persönlichkeiten‘, den sozialistischen Märtyrern, ‚roten Helden‘ und ‚Siegern der Geschichte‘ – vorbehalten blieben, während die historisch Unterlegenen, die Ausbeuter und ‚Feinde des Volkes‘, zu Unpersonen wurden, die spurlos untergehen sollten.“

Offenbaren sich die heutigen Tech-Pioniere und sowjetischen Futuristen also beide als marktfeindliche Hybride aus Avantgarde und Elite, liegt die entscheidende Gemeinsamkeit schließlich darin, dass ihr Traum von der totalen Immunologie, so unterschiedlich dieser motiviert ist, einer ähnlichen Logik folgt. Und zwar jener von Gabe und Gegengabe, von Utopie und Unterwerfung. In beiden Fällen handelt es sich um Big-Data-Projekte, die zur Verbesserung des Menschen dessen totale Vermessung einfordern. Es ist eine Art ideologischer Deal: Tausche Freiheit gegen Unendlichkeit, Autonomie gegen Erlösungsfantasie. Deshalb ist die Befreiung von der Diktatur der Natur jeweils mit freiwilliger Fügung verbunden. Denn in dem Moment, wo der Tod vom metaphysischen zum technologischen Problem umdefiniert wird, erscheint die Selbstauslieferung an die Biomacht als durchaus rationaler, ja heilsversprechender Akt.

Bei den sowjetischen Utopisten ist dieses Projekt gescheitert. Nicht zuletzt, weil sie technologisch nicht liefern konnten, was sie versprachen. Wurde ihre Forschung von Stalin deshalb zunehmend als Pseudowissenschaft gebrandmarkt, verschwanden nicht wenige von ihnen Anfang der 1930er-Jahre in Lagern. Allein Konstantin Ziolkowski sollte als späterer „Vater der russischen Raumfahrt“ zu Ruhm gelangen. Welche tatsächlichen Erfolge das Silicon Valley im Kampf gegen den Tod erreicht, wird sich zeigen. Auf die freiwillige Unterwerfung, die sich mit jedem Datenpaket aus iPhone, Facebook-Profil oder Fitness-Tracker vertieft, können die Tech-Unternehmen jetzt schon setzen. Im Gegenzug bekommt jeder User vom Silicon Valley schließlich das, was im politisch müde gewordenen Westen kaum noch produziert wird: eine radikale Fortschrittserzählung. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2018

Einfach leben