Seiner Zeit voraus

Bild: Unbekannter Autor (gemeinfrei)



Der Philosoph K. C. F. Krause ist hierzulande so gut wie vergessen. Völlig zu Unrecht. Denn von heute aus betrachtet, wirken viele seiner Positionen geradezu prophetisch.

Von Claus Dierksmeier



Der Philosophie Karl Christian Friedrich Krauses (1781-1832) wurde hierzulande bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt. Der Musterschüler Fichtes, mehrfach promoviert und habilitiert, galt zu Anfang seiner Karriere bei Studenten und Kollegen in Jena als Senkrechtstarter. Obschon er sein Glück in Dresden, Berlin und Göttingen probierte, schaffte er nirgends den Sprung auf eine reguläre Universitätsprofessur und ging daher in viele Philosophiegeschichten, wenn überhaupt, als unbedeutender Privatdozent ein. Zu Unrecht.

Denn zum einen sind Krauses Theorien von hohem historischem Interesse, inspirierten sie doch den „krausismo“, eine progressiv-liberale Geistesströmung, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts von Spanien und Portugal aus ihren Weg nach Lateinamerika fand, dort in etlichen, soeben ihre koloniale Vergangenheit abstreifenden Staatswesen Fuß fasste und durchgreifenden Einfluss auf Verfassungsrecht, Sozialpolitik, Völkerrechtsdenken sowie Bildungs- und Kulturpolitik ausübte; ein Einfluss übrigens, der vielerorts, zum Teil allerdings auch unter anderen Namen wie etwa als ‚battlismo‘ (in Uruguay) oder ‚radicalismo‘ (in Argentinien), bis heute fortwirkt.

Zum anderen ist Krauses Philosophie systematisch relevant. In auffälligem Kontrast zum Zeitgeist um 1800 vertrat Krause Positionen, die von heute aus betrachtet geradezu prophetisch wirken. Während, überspitzt gesagt, es für die meisten deutschen Philosophen damals typisch war, Mensch über Natur, Mann über Frau, Eltern über Kind und Deutschland über alles zu stellen, stritt Krause für die Emanzipation und Gleichberechtigung der Frau, den Schutz des ungeborenen Lebens, die Rechte von Menschen mit Behinderungen, einen nachhaltigen Umgang mit der Natur, für Tierrechte sogar, sowie für sozialpflichtiges Eigentum und dessen solidarischen Gebrauch zugunsten aller Bedürftigen, nicht zuletzt zur Kompensation von durch kolonialistisches Unrecht geschädigten Völkern. Krause war Kosmopolit. Er vertrat ein Weltbürgerrecht für alle Menschen und entwarf zu dessen Umsetzung eine Musterverfassung für sowohl eine europäische Völkerunion als auch einen Weltbund der Nationen.


Die Sprache gehört allen. Alle können über alles sprechen, und niemand hat dabei irgendein unveräußerliches Erfahrungsprivileg


 

Der rote Faden, der diese ungewöhnlich progressiven Forderungen verband, ist seine Theorie der Freiheit. Für Krause begründet die Idee der Freiheit keineswegs nur negative Abwehrrechte gegen den Staat, sondern auch positive Ansprüche gegenüber der Gesellschaft. Sie ist zudem stets auf Verantwortung ausgerichtet und auf das Gute bezogen, aber geht doch niemals in einer bestimmten Teleologie auf beziehungsweise unter. Freiheit soll alle Menschen befähigen, persönliche Vorstellungen des Guten sowie das Gemeinwohl zu verfolgen, dies aber nirgends erzwingen. Denn Freiheit markiert nicht lediglich das hehre Ziel aller Philosophie, sie gibt ihr Krause zufolge auch die Methode vor.

Anstatt letzte Weisheiten vom Katheder herab zu verkünden, geht Krause zumeist dialogisch und stets phänomenologisch vor. Er holt seine Leser bei ihrem alltäglichen Selbstverständnis ab und entwickelt seine Gedanken unter aktiver Einbindung ihrer tatsächlichen und denkbaren Einsprüche: mit dem Ziel einer fortlaufend sich durch kritische Gegenrede fortbildenden Lehre. Und dabei sprach er gerade auch den empirischen Wissenschaften eine wichtige Rolle zu, die Philosophie stets aufs Neue herauszufordern und so zur kontinuierlichen Verbesserung ihrer Lehren anzutreiben.

Besonders wichtig war es Krause, transkulturell und interreligiös anschlussfähig zu denken. Er bemühte sich nach Kräften, nicht nur westliche Philosophien zu berücksichtigen, sondern auch den Weisheitstraditionen des Mittleren Ostens, Indiens und Chinas gerecht zu werden. Dass jedoch eine konsequent kosmopolitische Philosophie nicht von ihm allein geschaffen werden konnte, war Krause klar. Deswegen stellte er gezielt Denkwerkzeuge bereit, um seine Leser in den Stand zu setzen, über das von ihm Erreichte hinauszugehen und sein Denken kritisch fort- und umzubilden; ganz anders übrigens als manche seiner philosophischen Zeitgenossen, die recht ungeniert den Weltgeist in ihren Systemen und im deutschen Volksgeist kulminieren ließen.

Damals erschienen Krauses Positionen der akademischen Zunft und der Öffentlichkeit in Deutschland als weltfremd-utopisch; heute urteilen wir anders. Höchste Zeit also, Krauses mutig allem nationalen wie sexuellen Chauvinismus die Stirn bietende Lehre neu zu entdecken – und, ganz in seinem Sinne, kritisch fortzuentwickeln. •

 

Zum Weiterlesen


• Einen guten Einstieg in die Philosophie Krauses bietet das Krause-Kapitel in Claus Dierksmeiers „Qualitative Freiheit – Selbstbestimmung in weltbürgerlicher Verantwortung“ (Transcript 2016).

• Ausführlichere Informationen zu Krauses Philosophie finden sich in Claus Dierksmeiers „Der absolute Grund des Rechts. Karl Christian Friedrich Krause in Auseinandersetzung mit Fichte und Schelling“ (Frommann-Holzboog 2003) sowie Benedikt Göckes „Alles in Gott? Zur Aktualität des Panentheismus Karl Christian Friedrich Krauses“ (Friedrich Pustet 2012).

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