Schluss mit dem TINA-Prinzip


Die kapitalistische Lebensform schien lange alternativlos. Die Corona-Krise zeigt: Das ist ein Irrtum.
Ein Denkanstoß von Rahel Jaeggi.


Die Corona-Krise ist die Krise einer Lebensform. Durch die Corona-Krise offenbart sich, welche strukturellen Defizite (aber natürlich auch Potentiale) unsere Gesellschaft hat. Dass ein neoliberal auf Gewinn ausgerichtetes und mit der Umstellung auf Fallpauschalen und ökonomische Effektivität kaputtgespartes Gesundheitswesen selbst in einem privilegierten Land wie Deutschland einer solchen Krise nicht in dem Maß gewachsen ist, wie es angesichts des Reichtums und des Entwicklungsstands des Landes zu erwarten wäre, wird von vielen Experten immer wieder betont.

Hier gibt es aber auch die Chance für ein Umdenken und die radikale Thematisierung des Problems: Man sollte, das hat selbst Macron angedeutet, die Gesundheit nicht dem Markt überlassen. Ebenso wie Bildung, Kultur, Wohnen handelt es sich hier um Güter, denen der auf ökonomische Effizienz und Steigerung ausgerichtete Markt nicht gerecht werden kann. Das wäre eine der Lehren, die wir aus Corona ziehen könnten – etwas, das uns dazu veranlassen könnte und sollte, eine breite gesellschaftliche Diskussion über das Verhältnis von Markt, Staat und Formen der Vergesellschaftung des Eigentums zu führen.


Krisen sind der Moment, an dem sich eine kritisch gewordene Situation entscheidet –
ein Umschlagspunkt


 

Es zeigt jedenfalls plastisch, dass die Ideologie des sich selbst regulierenden Marktes und der Individualismus des „es gibt keine Gesellschaft, nur Individuen“ eben das ist: eine Ideologie, die es jetzt angesichts ihrer dramatisch zu Tage liegenden Konsequenzen zu hinterfragen gilt.

Krisen sind der Moment, an dem sich eine kritisch gewordene Situation entscheidet – ein Umschlagspunkt. Die Chancen für das Leben nach Corona liegen darin, solche Defizite breiter und radikaler zu thematisieren, sie in Zusammenhänge zu stellen und politisch-emanzipativen Gestaltungsspielraum einzufordern. Dies umso mehr angesichts der verblüffenden Erfahrung, dass in einer solchen Situation eherne Gewissheiten, Praktiken, Regeln und Institutionen zusammen mit den Gewohnheiten unseres Alltags kollektiv gekippt werden können. So paradox es klingen mag: Das TINA-Prinzip (there is no alternative) ist es, das wir– angesichts des Corona-induzierten Ausnahmezustands durchbrechen sollten und vielleicht auch können. •

Erstveröffentlicht am 09.04.2020


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