Rupert Neudeck: Tätige Integration

von der Cap Anamur im Südchinesischen Meer aufgefundenes Flüchtlingsboot

Die Redaktion des Philosophie Magazins trauert um Rupert Neudeck, der am Dienstag verstorben ist. Der Menschenrechtsaktivist, Journalist und Philosoph wurde bekannt als Gründer der Hilfsorganisation Cap Anamur. Mit ihrem gleichnamigen Schiff rettete die Organisation Flüchtlinge, die in Booten wie diesem (heute als Denkmal in Troisdorf ausgestellt) das Südchinesische Meer zu überqueeren versuchten.

Im Dossier „Was tun?“ fragte das Philosophie Magazin Neudeck zu Beginn dieses Jahres nach seinen Erfahrungen im Umgang mit Flüchtlingen.

Was fördern, wen fordern? Was dulden, wen sanktionieren? Erfolgreiche Integration muss Regeln folgen – aber welchen? Und konkret:

Welches sind die wichtigsten Aspekte für gelingende Integration?

Rupert Neudeck

Am 31. Mai starb Neudeck an den Folgen einer Herzoperation.

Der Begründer des Hilfskomitees Cap Anamur, 1939 in Danzig geboren, erhielt für seine humanitäre Arbeit zahlreiche Auszeichnungen. Der promovierte Philosoph veröffentlichte zuletzt: „Es gibt ein Leben nach Assad. Syrisches Tagebuch“ (C. H. Beck, 2013)
Bild: © CCJ-by-SA 4.0 Dontworry

Rupert Neudeck:
„Eine Integration kann nur gelingen, wenn sie vom ersten Tag des Betretens deutschen oder europäischen Bodens vorbereitet wird. Jeder, der in eine Erstaufnahme hineinkommt, muss ein Papier – heute sagt man Flyer – in die Hand bekommen in seiner Muttersprache.
In dem Papier wird klar gesagt: Dieses Geschenk der Deutschen, dass man erst mal ohne Bezahlung eine Unterkunft, einen Schlafplatz und eine Vollversorgung plus Taschengeld bekommt, muss durch eigene Anstrengungen im Asylheim beantwortet werden. Man erwartet die Teilnahme an allen Veranstaltungen im Heim. Der Deutschunterricht muss besucht werden, es muss in den ersten Tagen fleißig Deutsch gelernt werden. Für besonders Eifrige gibt es noch die Nachrichtensendungen der Fernsehkanäle auf Deutsch. Es müssen alle Arbeiten im Haus oder Heim von den Flüchtlingen erledigt werden, auch die Toilettenreinigung. Es müssen kommunale Arbeitsdienste, auch ohne Bezahlung geleistet werden.

Ein solches Papier muss nach Lektüre unterschrieben werden. Es gibt wenige Fälle, in denen sich Flüchtlinge nicht bereitfinden, den Deutschunterricht zu besuchen. Dann muss ihnen gesagt werden, dass sie in diesem Fall wieder abgeschoben werden. Und das muss auch sofort durchgeführt werden.

Jeder Mensch lebt durch Tätigsein, nicht unbedingt durch tariflich entlohnte Arbeit, aber durch Tätigsein. Deshalb müssen die Asylbewerber – nicht unbedingt in der Erstaufnahme, aber es wäre gut, wenn das auch da schon beginnen würde – zu ausgreifenden Tätigkeiten im Natur- und Umweltschutz eingeführt werden. Das schlimmste Hindernis der Integration sind die Untätigkeit und Passivität, zu denen das deutsche Asylbewerbersystem nicht nur neigt, sondern die es verfügt. Die Menschen, die hier auf ihr Einleben warten, dürfen bis zu 17 Monate nichts tun, dürfen sich außerhalb der Bannmeile ihres Ortes nicht bewegen. Sie werden geradezu stillgestellt. Das ist für die Entfaltung der Selbstorganisation und die Integration von Menschen in unsere Gesellschaft schmerzlich hinderlich. Diese Bestimmungen müssen geändert oder gebrochen werden. Es ist auch für einen Asylbewerber, der später abgeschoben wird, gut, wenn er schon mal Deutsch lernt und die ersten Schritte in der Berufsausbildung macht.

„Die Aufnahme muss durch eigene Anstrengung beantwortet werden“
 

Was ein Hindernis sein würde, wären die Verpflichtungen zu bestimmten zum Teil sogar in Deutschland umstrittenen politischen Forderungen. So meinte die CDU Rheinland-Pfalz, die Asylbewerber zu einem Treuegelöbnis zur Bundesrepublik verpflichten zu müssen, in dem die Zustimmung zur Existenz Israels abgefordert wird. Das öffnet natürlich Tür und Tor für andere politische Forderungen. Wichtiger ist die Teilnahme am Unterricht in deutschen Schulen und damit auch die Teilnahme an Klassenfahrten und am Sportunterricht. Das muss vorher schon klar sein, und das alles muss auf dem Zettel stehen, den der Asylbewerber bekommt, wenn er seine Registrierung hat.“

Dieser Beitrag wurde in der Ausgabe Nr. 2 / 2016 veröffentlicht.

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