Rückkehr der Horrorclowns

Joey Grimaldi, portraitiert von George Cruikshank ca. 1820

Sie erschrecken uns zu Tode, bringen das Unheimliche in die heimische Lebenswelt zurück. Weshalb die neuen Gruselgestalten in Wahrheit nichts als eine Normalisierung unserer sozialen Verhältnisse bedeuten.

Von Philipp Felsch

Bild: © Jan Single

 

Philipp Felsch

ist Historiker und Kulturwissenschaftler und unterrichtet als Juniorprofessur für Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Schon seit Monaten wurden die Medien beherrscht von Meldungen über Bürgerkrieg, Hass und Terror und einem alle Schamgrenzen unterbietenden US-Wahlkampf. Da gesellten sich zu allem Überfluss auch noch böse Clowns hinzu, die nichts ahnende Passanten mit Messern und Kettensägen verfolgten. Verletzungen, gar Todesfälle gab es zum Glück kaum zu beklagen. Die ersten Fälle wurden aus der Heimat eines bösen Clowns namens Donald Trump gemeldet. Aber auch hierzulande schien sich das Phänomen zu einer regelrechten Epidemie auswachsen zu wollen.

Die Polizei verbreitete Ratschläge übers Internet, wie wir im Fall eines Angriffs am besten reagieren sollten. Der Bundesinnenminister gab die Richtlinie aus, den Tätern „hart und mit null Toleranz“ zu begegnen. Die allgemeine Verunsicherung, die kurz vor Halloween in Hysterie umzuschlagen drohte, speiste sich vor allem aus einem Bündel ungelöster Fragen: Woher kamen diese Clowns? Warum flößten sie uns solche Angst ein? Verrieten sie uns irgendetwas über den Zustand der Welt?

Wie in so vielen Fällen kann auch hier ein Blick in die Geschichte helfen. In ihrem Licht betrachtet erweist sich der Clown nämlich als eine immer schon unheimliche Figur. Das liegt zunächst an seiner dicken Schminke. Wie jedes Kind weiß, verbirgt sich hinter dem erstarrten Grinsen in Wirklichkeit ein Abgrund von Traurigkeit. Dabei handelt es sich um die ins Psychologische gewendete Schwundstufe einer jahrhundertealten soziokulturellen Ambivalenz. Sowohl der archimimus , der bei römischen Begräbnisritualen den Verstorbenen nachäffte, als auch der Narr der europäischen höfischen Kultur waren Kippfiguren, deren gesellschaftlich sanktionierte Grenzüberschreitungen nur insofern zu ertragen waren, als sie sich in erwartbarem Gelächter entluden. Aus Versatzstücken dieser Tradition erschuf der Italiener Giuseppe „Joey“ Grimaldi im London des frühen 19. Jahrhunderts die moderne Clownsfigur. Wie seine Fans bereits kurz nach seinem Tod aus seiner von Charles Dickens redigierten Lebensgeschichte erfuhren, war er ein an chronischen Schmerzen leidender, alkoholabhängiger Melancholiker.

In Licht der Geschichte betrachtet erweist sich der Clown als eine immer schon unheimliche Figur.


 

Die Ära des liebenswerten Clowns begann erst nach Grimaldi. Im viktorianischen England verwandelte er sich in einen über seine zu großen Schuhe stolpernden, mit Bonbons werfenden Kinderfreund. Laut Sigmund Freud rührt die Empfindung des Unheimlichen daher, dass sich etwas vermeintlich ganz Vertrautes auf den zweiten Blick als fremd erweist. Der Clown mit seiner undurchdringlichen, puppenhaften Miene hätte seiner Theorie als Paradebeispiel dienen können. Doch taucht er nur kursorisch in seinem Essay zur Komik auf. Vom Zeitgeist eingelullt, hielt Freud ihn womöglich für eine harmlose Gestalt. Dass sich die Moderne jedoch auch die Erinnerung an den bösen Clown bewahrte, geht aus so grauenhaften Figuren wie Batmans Joker oder Pennywise von Stephen King hervor. Es sieht so aus, als würden sie die Oberhand zurückgewinnen. Das passt zur Unheimlichkeit der Gegenwart. Falls 2016 sich als Jahr erweist, von dem an Clowns nicht länger lustig waren, mag eine Erkenntnis immerhin tröstlich sein: Es handelt sich dabei nicht um eine Pervertierung. Als Unhold fällt der Clown stattdessen in seinen kulturellen Naturzustand zurück.

Dieser Beitrag wird in Ausgabe Nr. 1 / 2017 veröffentlicht.

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