Reisen im eigenen Zimmer


Anfang des 19. Jahrhunderts avancierte Xavier de Maistres Bericht aus der heimischen Quarantäne zum literarischen Bestseller. Heute liest er sich erstaunlich aktuell. Ein Denkanstoß von Emmanuel Alloa.


Fernreisen finden momentan nur innerhalb der vier Wände statt, und unter Vorbehalt einer gehörigen Prise Einbildungskraft. Einer hat es vor zwei Jahrhunderten vorgemacht: Xavier de Maistre, mit seiner „Reise um mein Zimmer“. Während Europa vom Fieber exotischer Weltreisen erfasst und nichts in der literarischen Öffentlichkeit erfolgreicher ist als Reiseberichte, befindet sich der savoyische Offizier de Maistre 1790 in Turin und ist gerade wegen eines Duells zu sechswöchigem Hausarrest verurteilt. In seiner beengten Wohnung sucht er nach Ablenkungen, um die Zeit totzuschlagen. Da fällt ihm ein, er könne sich einer Art Spaziergang im Geiste hingeben.

Im Kontrast zu seinem ungleich berühmteren Bruder, dem Staatsphilosophen Joseph de Maistre, schrieb Xavier nur wenig, doch sein Selbstexperiment „Reise um mein Zimmer“ geriet im 19. Jahrhundert zu einem kleinen Bestseller. 42 Kapitel umfasst das Buch, ein Kapitel pro Tag seiner Zwangsisolierung. Jedes Möbelstück der Quarantäne wird abgeschritten, vom Bett zum Lehnstuhl und wieder zurück zum Schreibtisch. Diverse Gemälde und Kunstdrucke, die die Wohnungswände tapezieren, rechtfertigen phantasievolle Abschweifungen, während Schreibzubehör oder Waschutensilien zu eloquenten Dialogpartnern werden.

Die gegenwärtige Corona-Krise lässt de Maistres Zimmerreise unvermutet in ein neues Licht rücken. Auffallend ist etwa, dass der Erzähler im Laufe der Quarantäne alle Gemütszustände durchmacht: Die Fassade des vorsätzlichen Optimismus bröckelt immer wieder und lässt Ermattung und Fassungslosigkeit aufblitzen. Ferner will das Einrichten in den vier Wänden nicht recht gelingen; immer wieder schweift der Geist ab in die Ferne, und nichts wird inständiger ersehnt, als dasjenige, was gerade fehlt. In seiner kleinen Phänomenologie des Kontaktverbots brechen sich Erfahrungen Bahn, die heute seltsam vertraut scheinen. Das ganze Elend der Menschheit – so steht es schon bei Blaise Pascal – rühre nur daher, dass der Mensch nicht in der Lage sei, ruhig in einem Zimmer zu verharren.


Der Mensch bleibt, auch wenn ihm Gesellschaft verwehrt bleibt, ein Gesellschaftstier


 

De Maistre gehört freilich, bei allen Einschränkungen, weiterhin zu den Privilegierten, und wer sich in Westeuropa momentan gerade mit derlei Lektüren vertröstet, muss sich zweifellos auch dazu zählen. Imaginäre Reisen im eigenen Zimmer kann nur unternehmen, wer überhaupt eines hat oder aber die Muße dazu aufbringen kann. Was dem verurteilten Soldaten in der Dachgeschosswohnung zudem fehlte, waren Kommunikationstechnologien wie Telefon und Internet, die heute vorführen, warum gesellschaftlicher Zusammenhalt aufgrund von Distanz nicht gleich zusammenbrechen muss. Waren für den savoyischen Offizier die Wandbilder Anlass, aus seinem Hausarrest imaginär auszubrechen, bricht heute die Welt über die Bildschirme ins eigene Zuhause ein.

Der Autor der „Reise um mein Zimmer“ hatte 1811 auch noch eine andere kleine Novelle veröffentlicht: „Der Aussätzige von Aosta“ heißt sie, und geht auf de Maistres Aufenthalt zwanzig Jahre früher im norditalienischen Aosta-Tal zurück. Was nur ein kurzfristiges Winterlager für sein Regiment darstellen sollte, dauerte schließlich mehrere Jahreszeiten. Bei dieser erzwungenen Entmobilisierung lernt de Maistre 1797 auch einen Leprakranken namens Guasco kennen, der abgeschieden in einem mittelalterlichen Turm lebt. Der grausam entstellte Guasco berichtet, wie er bemüht ist, selbst in dieser Verbannung noch einem gesellschaftlichen Leben nachzugehen. Besonders überrascht zeigt sich de Maistre über den gepflegten Gemüsegarten. Guasco betont, dass es sich hier nicht um seinen Eigenbedarf handelt: Er habe sich aus ganz Italien die besten Pflanzensamen liefern lassen, und veredle in seinen Beeten Blumen, die er bewusst nicht anrührt, damit die Kinder der Stadt sie später pflücken können. De Maistre will darin vor allem ein Zeichen christlicher Nächstenliebe sehen. Man darf die Novelle aber auch anthropologisch lesen: Der Mensch bleibt, auch wenn ihm Gesellschaft verwehrt bleibt, ein Gesellschaftstier. •

Erstveröffentlicht am 22.04.2020


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