Rasender Stillstand


Die Corona-Krise stellt die Systemfrage. Unsere Reaktion auf sie müssen wir deshalb auch vor zukünftigen Generationen verantworten. Ein Denkanstoß von Armen Avanessian.


Als nicht systemrelevanter Philosoph mache ich dieser Tage die scheinbar paradoxe Erfahrung einer extremen Akzeleration bei gleichzeitigem Stillstehen des gewohnten Alltags- und Erwerbslebens. Sogar im Newsletter eines Kindergartens lese ich davon, dass wir alle in großem Tempo Neues lernen müssen, nicht zuletzt was es bedeutet mit unseren Nächsten auf oft engstem Raum zusammenzuleben und mit unseren Fernsten solidarisch zu sein. Hinter dieser subjektiven Verlangsamungserfahrung beschleunigt die gegenwärtige Krise jedoch Transformationen, die bereits seit geraumer Zeit als Tendenzen erkennbar sind, in der offiziellen Politik, Ökonomie und der real existierenden Universität aber „erfolgreich“ ignoriert wurden und werden.

Die Fragen die sich mit dem durch Covid19 manifest werdenden Paradigmenwechsel – denn nichts mehr wird danach so sein wie zuvor, nicht in drei Monaten, und auch nicht in drei Jahren – stellen, sind nicht neu, sondern nur noch dringlicher. Werden wir auf solche Herausforderungen und den Klimawandel sowie die damit verbundene Migrationstragödie (1,5 Meter Abstand in den Lagern an der EU-Außengrenze?) mit einer globalen Strategie reagieren oder mit einem ethno-nationalistischen Rückzug hinter vermeintlich sichere Grenzen (nach dem Muster Alle gegen Alle, Amerikaner gegen Chinesen, Europäer gegen Afrikaner, Deutsche vor Italienern, junge Corona-Partytiger ohne Rücksicht auf ältere Generationen, die ihnen zuvor den Planeten und die Zukunft versaut haben)? Werden wir die notwendigen Anstrengungen für einen rücksichts- und verantwortungsvollen Umgang mit der Pandemie auf demokratischer Basis leisten, oder wird der normalisierte Ausnahmezustand weiterhin – wie spätestens seit den Terroranschlägen von 2001 – autoritären Tendenzen Vorschub leisten, in denen bürgerliche Freiheiten zugunsten einer phantasierten Sicherheit geopfert werden?


Wir werden uns von zukünftigen Generationen die Frage gefallen lassen müssen, was wir beigetragen haben, um noch systemrelevant zu sein


 

Gelingt es uns eine für das 21. Jahrhundert adäquate Politik zu erfinden, die nicht nur Rücksicht nimmt auf die Ärmsten und Schwächsten, sondern als intergenerationale Politik auch die Interessen unserer Nachkommen wahrt, oder nimmt die auch zeitliche Kurzsichtigkeit qua „Denken“ in Legislaturperioden weithin zu? Werden wir die nunmehr noch beschleunigte Virtualisierung unserer Lebenswelt (Home-Office, E-Learning usw.) im Dienste unserer Lebensqualität gestalten können, oder wird sie für die meisten nur noch zusätzlichen Stress und Ausbeutung bedeuten? Werden Philosophen und Künstler, werden die systemimmanenten Akademiker nicht anders als die meisten systemrelevanten Entscheidungsträger in Wirtschaft und Politik weiterhin in fröhlicher Ignoranz gegenüber Big Data, computational sciences, Datenvisualisierung, Algorithmisierung ihre veralteten Betriebssysteme benutzen, oder wird der Virus, seine Ausbreitung und seine desaströsen Auswirkungen, sie endlich zu einem radikalen Update der digital humanities wie der digitalisierten Menschheit veranlassen? Werden wir – wie nach der Finanzkrise 2008 – wieder (neo)liberaler Kapitalismus weiterspielen oder -simulieren, oder diesen de facto Finanzfeudalismus endlich kollektiv zugunsten einer kollaborativeren und gesellschaftsfreundlicheren Ökonomie verabschieden, die auf dem gegenwärtigen Stand von Wissenschaft, Technologie, Automatisierung oder nicht-privatisierter Medizin längst möglich ist? Werden wir nach den systemrelevanten Banken diesmal unbedingt zuerst Tiroler Gondelbetriebe und die Lufthansa mit Staatsgeldern retten, oder ein allgemeines Grundeinkommen durchsetzen, das viele in den kommenden einkommensfreien Monaten ganz sinnvoll verwenden könnten.

In leichter Abwandlung Margaret Thatchers formuliert: There is always an alternative. Die Pandemie stellt ein weiteres Mal und auf drastische Weise die Systemfrage und wir werden uns von zukünftigen Generationen die Frage gefallen lassen müssen, was wir denn beigetragen haben, um noch systemrelevant zu sein. •

Erstveröffentlicht am 26.03.2020


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