Pro & Contra: Gibt es eine moralische Pflicht, sein Kind impfen zu lassen?


Auch in Deutschland gibt es immer wieder Todesfälle, allein in diesem Jahr sind bereits mehr als 1000 Menschen an Masern erkrankt. Verhält sich, wer seinem Kind den Piekser erspart, asozial?



Ja

Die Regel, dass man anderen kein vermeidbares Leid zufügen soll, kann wohl bei allem Dissens in moralischen Fragen als akzeptierte Norm gelten. Es kann als Fall eines solchen Prinzips verstanden werden, das eigene Kind gegen hochansteckende Krankheiten impfen zu lassen, um dieses selbst und andere vor diesen Krankheiten zu schützen. Die empfohlenen Impfstoffe schützen nicht nur vor den Krankheiten selbst, sondern auch vor dem Risiko von Komplikationen, die in seltenen Fällen sogar zum Tod führen können. Wenn mein Kind zum Beispiel nicht gegen Masern geimpft ist, riskiere ich nicht nur dessen Erkrankung, sondern nehme auch die von anderen in Kauf. Da die Krankheit in der Regel bereits ansteckend ist, bevor die Symptome sich zeigen, kann ich andere nicht sicher vor dieser Erkrankung schützen. Die Masernerkrankung ist ein durch eine Impfung vermeidbares Leid, dem ich weder mein Kind noch andere Personen aussetzen sollte.
Nehmen wir einmal an, dass auch Impfgegner das moralische Prinzip der Nichtschädigung anderer akzeptieren. Ihre Weigerung zu impfen, muss an einer anderen Auffassung von Krankheit und „vermeidbarem Leid“ hängen. Die Impfung selbst wird als Belastung des Körpers mit einem Fremdstoff und damit als vermeidbares Leid angesehen. Große Angst herrscht auch angesichts zahlreicher Berichte über sogenannte „Impfschäden“. Nichtimpfung ist dann also ein Fall von Pflichterfüllung gegenüber dem eigenen Kind. Krankheiten wiederum werden als natürliche Vorgänge gesehen, also nicht als vermeidbares Leid, sondern nur als immunsystemstärkendes natürliches Leid. Nützen würden Impfstoffe vor allem der Pharmaindustrie.

Es kann eingeräumt werden, dass die ökonomischen Interessen, die das Handeln von Pharmaunternehmen – naturgemäß – leiten, die Situation tatsächlich unübersichtlich machen. Hier wäre mehr gesetzlich gesicherte Objektivität notwendig. Dies wäre unter anderem durch Veröffentlichungspflicht auch für nicht erfolgreiche Studien erreichbar. Die anderen Gründe der Impfgegner sind indessen nicht triftig. Vermeintliches Wissen über die Schädlichkeit von Impfungen sowie der Glauben an unbelastete Natürlichkeit begründen ihre impfkritische Haltung. „Natürlichkeit“ ist nun aber kein ursprünglicher, sondern selbst ein kulturell errungener Wert. Zudem gibt es kein methodisch gesichertes Wissen über Impfschäden oder den Nutzen von Krankheiten für das Immunsystem. Wir wissen hingegen sicher von Risiko und Leid hochansteckender Krankheiten. Wir wissen auch sicher, dass Impfungen gegen dieses Leid schützen. Dieses Wissen macht die Krankheiten mit Gewissheit zu einem vermeidbaren Leid und also die Schutzimpfung zu einem Fall moralischer Pflichterfüllung angesichts des Prinzips der Nichtschädigung anderer.



Nein

In einer Welt, in der Kinder nicht als bloße Zahlen, sondern als menschliche Individuen mit unterschiedlichen Charakteristiken geboren werden, und in der diese Individualität anerkannt, respektiert und unterstützt werden sollte, kann es keine moralische Pflicht geben, sein Kind irgendeiner medizinischen Intervention zu unterziehen. Dazu gehören auch Impfungen.

Es gibt Impfungen, die zu bestimmten Zeiten in bestimmten Situationen für bestimmte Individuen sicherlich sinnvoll sind. Es gibt aber auch Impfangebote, die manch durchschnittlicher Hausarzt unter dem Einfluss der profitorientierten Pharmaindustrie auf pauschale Weise empfiehlt, ohne die Person, die vor ihm steht, zu berücksichtigen. Bestenfalls sind manche dieser Impfungen überflüssig. (Tetanus z. B. ist nur relevant im Falle einer tiefen Wunde. Es wäre also durchaus rational, erst im Falle einer solchen Wunde zu impfen.) Schlimmstenfalls hat eine flächendeckende undifferenzierte Impfpraxis unvorhersehbare Auswirkungen auf den menschlichen Organismus, von denen einige möglicherweise erst in der Bevölkerung der Zukunft sichtbar werden. Tatsache ist, dass wir das nicht genau wissen. Seriöse Studien zum eventuellen Zusammenhang zwischen Impfpraktiken in den vergangenen 50 Jahren und beispielsweise der deutlichen Zunahme von Allergien und Krebserkrankungen gibt es bis dato nicht.

Eltern müssen sich daher über die Vor- und Nachteile von Impfungen gründlich informieren, um eine bewusste Entscheidung darüber treffen zu können, ob beziehungsweise wogegen und wann ihr Kind geimpft werden sollte. Darin – und nur darin – liegt möglicherweise eine moralische Pflicht. Umso problematischer ist es insofern, dass aus Kostengründen manche Impfungen nur noch in
Kombination mit anderen (zum Teil in Form von Sechs- oder Siebenfach-Impfungen) zur Verfügung stehen. Damit ist es zunehmend schwierig, eine freie, differenzierte Entscheidung zu treffen.

Bei der hier zu verhandelnden Frage geht es fundamental um unser Verständnis von Leben – und um die Bedeutung von Krankheit. Für die Schulmediziner des Abendlands gilt es, Krankheiten jeder Art so schnell als möglich auszurotten, den Tod möglichst lang zu verschieben und vor allem alles kontrollierbar und kalkulierbar zu machen. Doch das ist reine Illusion: Das Leben ist weder ganz vorhersehbar noch kontrollierbar. In der Natur sind Krankheit und Tod wichtige Weisen, durch die Organismen sich selbst regulieren: Sie sind nicht das Andere, sondern Teil des Lebens. Wenn an einer Stelle die Verhältnisse verändert werden, kommen Konsequenzen anderswo zum Ausdruck. Wenn Krankheiten unterdrückt werden, führt dies also nicht zwangsläufig zu gesünderen Lebewesen. Das Problem verschiebt sich nur. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 6 / 2013