Oliver Percovich: Der Antifragile


Der Umgang mit Unwägbarkeit ist sein Leben: Der Skater Oliver Percovich begeisterte Kinder in Krisengebieten für seine Leidenschaft – und machte einen Beruf daraus. Begegnung mit einem, der verfallene Städte in eine Halfpipe verwandelt.

Von Florian Werner / Foto von Jelka von Langen


Berlin-Kreuzberg, November. Im Café gegenüber wärmen sich die Dealer aus dem Görlitzer Park auf, ein paar Meter weiter nördlich drängeln sich die Touristen ums Schlesische Tor. Dazwischen, in einer unscheinbaren Altbauwohnung im Hochparterre, befindet sich das Hauptquartier von Skateistan. Dessen Regierungssitz, wenn man so will. Natürlich ist Skateistan kein Staat, den man auf einer Karte findet, aber doch eine internationale Größe. Mehr als 80 Mitarbeiter arbeiten für die NGO auf vier Kontinenten, sie betreibt Dependancen in Südafrika, Kambodscha und Afghanistan. Letzterem Land verdankt sich, unschwer zu erkennen, der Portmanteau-Name des Unternehmens: Skateistan wurde 2008 in Kabul gegründet. Und es schuldet seine Existenz der Begeisterung von Oliver Percovich für das Skaten.

Der Fremde mit dem rollenden Brett

Percovich, den alle nur Ollie nennen, so wie den Skateboard-Trick, bei dem man das Brett mit einem gezielten Tritt zum Fliegen bringt, ist der Gründer und Geschäftsführer des Unternehmens. Er besitzt die Gelassenheit eines Mannes, der seine Bestimmung gefunden hat. Percovich spricht bedächtig und mit weichem australischen Akzent. 2007 zog er von Melbourne nach Afghanistan, seiner damaligen Freundin hinterher – ohne konkreten Plan, aber mit drei Skateboards im Gepäck. Eigentlich, erzählt Percovich, sei Kabul denkbar ungeeignet für das Skaten, nicht bloß wegen der allgegenwärtigen Gefahr durch die Taliban, auch wegen des schlechten Zustands der Straßen: überall Schlaglöcher, Steine, Sand. Also machte er sich auf die Suche nach Skateboard-tauglichen Orten – und wurde nordöstlich des Stadtzentrums, in einer von den Sowjets erbauten Siedlung, fündig. Dort, im Park von Mekrojan, stand eine ausgetrocknete Brunnenschale, etwa zehn Meter im Durchmesser, vor allem aber mit sachte ansteigenden konkaven Wänden: „Eine natürliche Halfpipe!“ Der Fremde mit seinen rollenden Brettern zog bald die Aufmerksamkeit der örtlichen Kinder und Jugendlichen auf sich, Angehörige aller sozialen Schichten, Jungen und Mädchen. „In ihren Gesichtern“, sagt Percovich, „sah ich die gleiche Begeisterung für das Skaten, die mich seinerzeit gepackt hatte.“

1979. In Kabul marschieren sowjetische Truppen ein, um die neuen kommunistischen Machthaber gegen die Mudschaheddin zu unterstützen. In Melbourne sitzt der fünfjährige Oliver Percovich im Zimmer seines älteren Cousins und erblickt sein erstes Skateboard. „Ich sehe es noch genau vor mir: Es lehnte da an der Wand, schmal und gelb, ein Banana Board aus Fiberglas. Ich fragte meinen Cousin: Was ist denn das?! Und er meinte nur: Probier’s doch mal aus. Ich stellte mich also drauf. Das Board bewegte sich … und im nächsten Augenblick lag ich auf dem Boden. Der Rücken tat mir weh, aber ich dachte: Davon lass ich mich nicht unterkriegen! Dieses Ding will ich bezwingen! And it hasn’t left me ever since.“

Aber warum sollte man sein Leben einem Gegenstand widmen, dessen Betreten ganz offensichtlich mit der Gefahr von Schmerz und Verletzung verbunden ist? Eine Antwort bietet das Prinzip der „Antifragilität“, das der Philosoph und Risikoforscher Nassim Nicholas Taleb in seinem gleichnamigen Buch entwickelt hat. Antifragile Menschen, schreibt Taleb – der selbst aus einem krisengeschüttelten Land, dem Libanon, stammt – stehen den Unwägbarkeiten des Lebens aufgeschlossen gegenüber. Sie „profitieren von Erschütterungen; wenn sie instabilen, vom Zufall geprägten, ungeordneten Bedingungen ausgesetzt sind, wachsen und gedeihen sie; sie lieben das Abenteuer, das Risiko und die Ungewissheit.“ Antifragilität sei daher „mehr als Resilienz oder Robustheit. Das Resiliente, das Widerstandsfähige widersteht Schocks und bleibt sich gleich; das Antifragile wird besser.“


Skateboarden hat eine geradezu meditative Qualität: Man ist dadurch sehr präsent, extrem fokussiert


 

Das Risiko, so Percovich, gehöre zum Skateboarden wesentlich dazu: Die Tatsache, dass jeder noch so kleine Stein auf der Fahrbahn einen schmerzhaften Sturz verursachen kann, führe dazu, dass man als Skateboarder extrem achtsam sei. Auf dem Skateboard zu stehen, habe für ihn daher eine geradezu meditative Qualität: „Man ist dadurch sehr präsent, extrem fokussiert.“ Als er 2014, nach sieben Jahren in Kabul, nach Berlin umzog, habe er sich erst einmal daran gewöhnen müssen, dass man hier, von den üblichen Unfallrisiken abgesehen, so unglaublich sicher sei. In Kabul spüre man stets eine latente Lebensgefahr, eine background danger: Die Menschen dort würden sich daher mit geschärften Sinnen durch den Stadtraum bewegen. „Ein bisschen“, fügt Percovich hinzu, „ist es so, als würden sie die ganze Zeit auf einem Skateboard stehen.“

Umdeutung des öffentlichen Raums

Nur folgerichtig, dass Percovichs Hobby in Afghanistan auf so fruchtbaren Boden fiel. Zur Faszination könnte außerdem beigetragen haben, dass das Skateboarden eine Inbesitznahme und Umdeutung des öffentlichen Raums erlaubt. „Skateboarder lieben es, Orte und Strukturen zu benutzen, die eigentlich nicht zum Skaten gedacht sind“, erklärt Percovich. Die Kabuler Kinder und Jugendlichen skateten unter anderem in einem alten sowjetischen Militärschwimmbad, das unter den Taliban für Hinrichtungen genutzt wurde. Sie kurvten durch den verfallenen Palast von Darul Aman, der bei der Saurrevolution 1978 in Brand gesetzt wurde. Sie fuhren in einem aufgelassenen Brunnen vor der amerikanischen Botschaft, zu Füßen der Statue eines gefallenen Mudschaheddin-Kämpfers – zumindest bis der örtliche Parkwächter kam und sie mit Stockschlägen verjagte. Aus Schauplätzen der militärischen Repräsentation wurden so Orte des Spiels und des Sports, der kindlichen Freude an der Grenzüberschreitung. Die Skateboarder beteiligten sich, mit Henri Lefebvre gesprochen, an der „Produktion des städtischen Raums“.

Was bei der Popularisierung des Skateboardens half, war der unklare ontologische Status des Skateboards: Ist es ein Sportgerät? Ist es ein Fortbewegungsmittel? Ist es ein Lifestyle-Accessoire, eine subkulturelle Praxis, eine Philosophie? Den Eltern seiner ersten Schülerinnen und Schüler erklärte Percovich, dass es sich um ein Spielzeug handele – das ermöglichte ihm, auch Mädchen in den Unterricht einzubeziehen, denen sonst das Ausüben von Sport verboten war. Und der Enthusiasmus der Kinder ließ in Percovich noch einen anderen Gedanken reifen: Wenn sich die jungen Kabuler für das Üben von Skateboard-Tricks begeistern ließen – dann müssten sie sich auch für andere Lerninhalte erwärmen lassen. Im Rahmen von Skateistans Back-to-School-Programm bekommen die Kinder mittlerweile nicht nur Ollies und Flips beigebracht, sondern können innerhalb von elf Monaten den Stoff der ersten drei Schuljahre nachholen. Im vergangenen Jahr nahmen insgesamt 700 afghanische Kinder an den Bildungsprogrammen von Skateistan teil. Neben der Schule in Kabul gibt es inzwischen eine weitere in Masare Scharif, außerdem Einrichtungen im südafrikanischen Johannesburg und kambodschanischen Phnom Penh.

Für Oliver Percovich ist Skateistan längst ein Vollzeitjob, seine Leidenschaft ist zum Beruf geworden. Darüber hinaus ist Skateboarden die vielleicht treffendste Metapher für sein Leben – wurde ihm doch immer wieder, im wörtlichen wie übertragenen Sinn, „der Boden unter den Füßen weggezogen“. Kurz nach dem epiphanischen Erlebnis auf dem Banana Board seines Cousins zog die Familie nach Papua-Neuguinea. Als er zehn Jahre alt war, kehrte sie zurück nach Australien, an das er aber kaum noch Erinnerungen hatte, „ich habe mich dort kulturell nie heimisch gefühlt“. Als er 14 war, starb sein Vater. Als er seinen High-School-Abschluss machte, hatte er acht verschiedene Schulen besucht. In gewisser Weise ist Percovich der geborene Ex-Pat, ex patria, fern von zu Hause – kennt er überhaupt das Gefühl von Heimweh?

Oliver Percovich, der sonst ausführlich und druckreif redet, denkt lange nach. „Ich habe sieben Jahre lang in Afghanistan gelebt, und das war damals meine Heimat. Natürlich war das Leben dort manchmal hart … aber ich glaube, Heimweh ist ein Konzept, das für mich keine besondere Rolle spielt.“ Er schaut aus dem Fenster, draußen verfärbt sich der Berliner Himmel allmählich von Hellgrau zu Schwarz. Möglicherweise ist dies die Ironie in Oliver Percovichs Leben: Dass die größte Konstante ein wackliges, rollendes Brett ist. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 2 / 2020