„Nur Menschen teilen ihre Welt“

Bild: © Jussi Puikkonen

Primatenforscher, Sprachwissenschaftler, Philosoph: Michael Tomasello ist all das – und mehr.
Der Amerikaner erklärt, warum sich der Mensch so anders verhält als jedes andere Wesen auf
diesem Planeten. Ein Gespräch über asoziale Schimpansen, hilflose Kleinkinder und den Zwang
zur Kooperation.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger


 

Nach 18 Jahren als Leiter des Max-Planck-Instituts für Evolutionäre Anthropologie in Leipzig kehrte Michael Tomasello diesen Herbst an seine Heimatuniversität in North Carolina, USA, zurück. In den vergangenen zwei Jahrzehnten schuf der Amerikaner eine Theorie, die nichts Geringeres anstrebt als die Beantwortung der Frage nach dem Ursprung des Menschen. In der Tradition des amerikanischen Pragmatismus und der deutschen Kulturphilosophie sieht Tomasello den Menschen als ein animal symbolicum: als ein symbol- und vor allem sprachverwendendes Tier. Und legte in Studien mit Schimpansen und Kleinkindern die evolutionären Vorbedingungen unseres Sprachvermögens frei. Letztlich, so seine Überzeugung, geht alles auf die Notwendigkeit des Homo sapiens zur Kooperation zurück. „Dort den Gang entlang“ und „dann rechts“, erklärt er dem Besucher nach dem Gespräch den Weg hinaus aus dem riesigen Forschungsgebäude. Da ist sie, die Zeigegeste. So etwas können nur wir.

Herr Tomasello, Sie haben Ihr Leben der Erforschung einer ganz besonderen Spezies gewidmet, nämlich der Spezies Mensch. Kann man das so sagen?

Ja, vor allem in Abgrenzung zu dem, was beispielsweise die meisten Psychologen tun: Sie studieren das Verhalten von Menschen. Ich hingegen studiere den Menschen so, wie man jede andere beliebige Spezies auf diesem Planeten auch studieren würde. Was mich interessiert, ist: Wie kommt es dazu, dass sich diese Spezies so überaus eigenartig und komplex verhält, wie sie es nun einmal tut.

Was sofort auffällt: Diese Spezies spricht. Die menschliche Lebensform ist eine Lebensform des Sprechens.

Gewiss, Sprache ist das Differenzmerkmal. Entscheidend für meinen Werdegang dabei war die frühe Auseinandersetzung mit den Arbeiten des Biologen und Entwicklungspsychologen Jean Piaget. Er studierte Kleinkinder so, als ob sie eine eigene Spezies wären. Und er argumentierte, dass diese Wesen in ihrer eigenen Welt leben, die einer ganz eigenen Logik folgt.

Sie waren damals selbst gerade Vater einer kleinen Tochter geworden. Hatten solch ein „Wunderwesen“ also gleich bei sich zu Hause.

Meine Frau und ich führten damals ein sehr detailliertes Tagebuch über die Sprachentwicklung unserer Tochter. Diese Aufzeichnungen bildeten die Basis meiner Doktorarbeit. Es ging dabei vor allem darum, welche Rolle Verben, also Tätigkeitswörter, für die geistige Entwicklung und das Weltverständnis von Kindern spielen.

Die Konzentration auf Tätigkeitswörter trifft gleich eine zentrale These Ihres Forschungsansatzes, gerade auch in Abgrenzung etwa zu den bis heute einflussreichen Theorien von Noam Chomsky über menschlichen Spracherwerb.

Chomskys Ansatz ist letztlich ein platonischer. Nach ihm gibt es eine Grundstruktur unseres sprachlichen Denkens, die bei jedem Menschen vorliegt und die allen menschlichen Sprachen eigen ist – mögen diese Sprachen auf den ersten Blick noch so verschieden scheinen. Wie und weshalb sich diese Grundstruktur im Laufe der Evolution ausgebildet hat, interessiert Chomsky allerdings so wenig wie die Frage, wie Menschenkinder sprechen lernen. Es interessiert ihn nicht einmal, dass Menschen diese Sprache tatsächlich verwenden, um zu reden und sich Nützliches über die Welt mitzuteilen. Genau diese Punkte halte ich für die entscheidenden.

Ihre Forschungen zum Ursprung des Menschen setzen deshalb zum einen bei den Menschenaffen an, die uns evolutionär am nächsten stehen, zum anderen beim Spracherwerb von Kleinkindern.

Zunächst einmal ist aus evolutionärer Sicht ja bemerkenswert: Die Fähigkeit zu lernen – auch sprechen zu lernen – ist bei Menschenkindern ein natürlicher Teil des Prozesses. Das ist durchaus nicht bei allen Tieren oder Arten so. Viele kommen weitgehend ausgereift zur Welt. So ist bereits das, was wir Kindheit nennen, eine evolutionäre Besonderheit. Beim Menschen ist diese Lernphase nun besonders lang. Selbst mit drei oder vier Jahren kann ein Kind noch lange nicht selbst für sich sorgen. Will es überleben, muss es lernen, sich sowohl an seine Umwelt als auch an das Verhalten der Gruppe anzupassen, in die es hineingeboren wird.

Bild: © Jussi Puikkonen

Michael Tomasello
in sechs Daten

l
1950
Geburt in Bartow, Florida, USA

1980
Erlangung des PhD in Psychologie an der University
of Georgia

1980–1988
Lehrbeauftragter an der Emory University in Atlanta,
Mitarbeit im Yerkes Primate Center

1998
Codirektor am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie (bis heute)

1999
Honorarprofessur an der Universität Leipzig (bis heute)

2009
Verleihung des Hegel-Preises durch die Internationale Hegel-Vereinigung

Was haben die großen Menschenaffen wie Schimpansen und Gorillas, die Sie ebenfalls eingehend studieren, damit zu tun?

Sie bilden den zweiten Ausgangspunkt unserer Menschheitsgeschichte. Denn was diese Wesen tun und können, beruht eben nicht auf einem langen kulturellen Gewöhnungsprozess, nicht auf Sprache. Die für mich entscheidende Frage lautet deshalb: Worin besteht, aus einer Entwicklungsperspektive heraus, der entscheidende Unterschied zwischen der Art, wie Affen miteinander kommunizieren, und wie Menschen es tun?

Gibt es da wirklich den einen, alles entscheidenden Unterschied?

Ja, er besteht zunächst in einem gestischen Verhalten, genauer, in einer Zeigegeste: Ein Mensch weist einen anderen Menschen auf einen Gegenstand hin, den beide sehen können oder könnten, auf diesen Stuhl oder eine Antilope … Das ist die menschliche Ursprungssituation.

Und dieses besondere Zeigeverhalten sieht man bei keinem Affen und auch sonst bei keinem Säugetier auf diesem Planeten?

Nein, das werden Sie niemals beobachten.

Warum nicht? So komplex scheint dieses Verhalten doch gar nicht?

Letztlich geht es darauf zurück, dass die menschliche Lebensform auf Kooperation basiert. Unsere Spezies begann in Form von miteinander kooperierenden Jägern und Sammlern. Sicher, auch gewisse Affenarten jagen in kleinen Gruppen, aber spätestens, wenn die Beute erlegt wurde, ist es mit der Kooperation vorbei. Dann setzt sofort ein Verteilungswettbewerb ein. Wenn menschliche Jäger und Sammler aber ihre Antilope erlegten, dann trugen sie ihre Beute zurück zum Dorf der Gesamtgruppe und teilten sie dort mit allen. Diese kooperative Lebensform motiviert dann auch kooperative Verhaltensweisen, wie etwa die Zeigegeste.

Und dieser Drang zur Kooperation hängt letztlich damit zusammen, dass wir allein zu schwach zum Überleben sind?

Exakt, in meinem jüngsten Buch spreche in diesem Zusammenhang von „kooperativer Rationalität“. Mein Ansatz ist, philosophisch gesprochen, ein tief pragmatischer. Ich gehe immer vom Menschen als einem handelnden Wesen aus und dabei wiederum von zielgerichteten Handlungen. Bleiben wir bei der Jagdsituation. Es ist für mich kooperativ rational, dir als meinem Partner zu helfen. Ich hänge von dir ab und du von mir. Ich möchte, dass du deinen Part während der Jagd so gut wie möglich erfüllst. Deshalb weise ich dich darauf hin, dass du beispielsweise deinen Speer verloren hast. „Schau, da liegt er!“ Per Zeigegeste.

Inwiefern bildet diese Geste nun die Basis unseres Sprechens, des Phänomens der Sprache?

Diese erste Informationshandlung, die ich gegenüber einem anderen ausführe und die in Kontexten geschieht, in denen wir ein gemeinsames Ziel verfolgen, schafft eine gemeinsame Basis, man könnte auch sagen, eine geteilte Welt, die dann, nicht zuletzt dank der Sprache, sehr schnell sehr viel größer wird. Weil man sich mit Sprache ja auch über Dinge verständigen kann, die nicht im gerade geteilten Blickfeld liegen, die für die Beteiligten nicht präsent sind.

Der Philosoph und Pragmatist John Dewey machte der gesamten modernen Philosophie von Descartes ausgehend den Vorwurf einer „Vogelscheuchen-Anthropologie“. Ein einzelnes Individuum steht demnach reflektierend der Welt gegenüber, ohne jemals selbst in ihr zu handeln. Während es bei Ihnen immer mit zwei Menschen beginnt, die ein gemeinsames Ziel verfolgen?

Das trifft einen wichtigen Punkt, denn genau in diesem Sinne sind beispielsweise Schimpansen ausgesprochene Cartesianer. Sie teilen ihre Interessen nicht eigentlich mit ihren Artgenossen und teilen sich ihnen deshalb auch nicht in besagter Weise mit. Natürlich, auch sie kooperieren während der Jagd hin und wieder. Aber ihr Kooperationsverhalten ist letztlich immer wettbewerbsorientiert und individualistisch. Ich spreche hierbei von „individueller Intentionalität“. Das hat wichtige philosophische, nicht zuletzt erkenntnistheoretische Auswirkungen. Denn ein Schimpanse fragt sich niemals, ob das, was er gerade wahrnimmt, nun nur Schein oder Wirklichkeit ist, ganz einfach, weil er sich niemals fragt, wie der andere Schimpanse neben ihm die Welt gerade wahrnimmt. Es gibt für ihn immer nur seine Welt.

 

„Schau mal da!“ Ein Kind und eine Frau deuten auf einen entfernten Gegenstand.
Nach Tomasello ist das die menschliche Ursprungssituation.

Bild: © CC-by-SA 4.0 DLR German Aerospace Center


 

So sprengt die unscheinbar wirkende Aktivität der Zeigegeste bereits im Anfang den cartesischen Erkenntnisrahmen des einen, einzigen und vereinzelten Subjekts?

In der Tat. Diese menschliche Fähigkeit zur gemeinsam geteilten Aufmerksamkeit, zur „shared attention“, wie ich es nenne, macht das menschliche Weltverhältnis so einzigartig. Wenn ich auf diesen Stuhl zeige – oder eine Antilope –, nehmen wir sie beide wahr. Und beide natürlich anders. Und damit ist schon Entscheidendes geschehen. Denn damit begreife ich ja auch schon – sonst würde meine Zeigegeste gar keinen Sinn machen! –, dass meine eigene Perspektive auf die Welt nur eine unter anderen ist. Nach dem Motto: „Oh, ich sehe die Welt so, und du siehst sie so.“

Ihre Theorie legt auch einen bruchlosen Übergang von der Erkenntnistheorie zur Moral nahe. Wie ist das zu verstehen?

Ich bediene mich hierbei auch eines Begriffs des Philosophen Thomas Nagel, der von der Wichtigkeit der sogenannten Vogelperspektive, dem „Bird’s Eye View“ spricht. Im Kern ist es die Fähigkeit, im Rahmen eines gemeinsamen Handlungszusammenhangs zu begreifen: Meine Rolle und deine Rolle könnten in diesem Kooperationszusammenhang austauschbar sein. Da, wo du jetzt bist, könnte auch ich sein – und umgekehrt.

Also ist es aus Ihrer Sicht die pure evolutionäre Hilflosigkeit, die uns zur Moral befähigt?

Ich würde anstatt von Hilflosigkeit lieber von Interdependenz sprechen. Wer überleben wollte, der musste vor allem gut kooperieren können. Also jemand sein, auf den sich die anderen verlassen können, jemand, der fair ist, der seinen Teil zum Ganzen beiträgt. So entstand aus dem, was ich „kooperative Rationalität“ nenne, Rationalität innerhalb einer kooperativen Lebensform – eben der menschlichen.

Diese kooperative Lebensweise war – über lange Zeiträume der Menschheitsgeschichte – auf Gruppen von maximal einigen Hundert Individuen beschränkt. Hat dieses Erbe bis heute begrenzende Auswirkungen?

Die typische Situation war die einer zahlenmäßig eng definierten Gruppe des „wir“. Die jeweilige „moralische Identität“ war eine Gruppenidentität, in der sich moralische Normen der Wechselseitigkeit auf die Mitglieder der Gruppe beschränkten. Dies stellt für den klassisch-
auf klärerischen Diskurs der Moderne, der bisweilen von einem abstrakt unbeschränkten „wir“ der gesamten Menschheit ausgeht, eine Herausforderung dar. Andererseits, wenn Sie an Szenarien wie in dem Film „Independence Day“ denken, wo die Weltbevölkerung von Außerirdischen attackiert wird, so kann man recht sicher sein, dass dieses „wir“ die gesamte Menschheit wirksam verbinden würde. Eigentlich müsste es mit dem Klimawandel genauso sein. Das Problem ist offen-
bar nur, dass sich bisher nicht jede Gemeinschaft, nicht jede Nation gleichermaßen betroffen fühlt.

Warum sprechen Sie bei dem Phänomen, dass in einer Gruppe jeder seine Rolle ausführt, überhaupt von Moral? Wenn in einer SS-Truppe zur Nazizeit jeder vorbildlich seine Rolle erfüllt, würde man ja auch nicht von moralischem Verhalten sprechen.

Selbstverständlich sind die Ziele in diesem extremen Beispiel alles andere als moralisch, nämlich menschenverachtend. Dennoch würde man selbst in diesem Fall aus der Innenansicht der Gruppe heraus sagen: Du hast eine Verantwortung anderen gegenüber, deine Rolle zu erfüllen. Es gibt die Erwartung, und damit auch Verpflichtungen, gewisse Funktionen zu erfüllen und den Mitgliedern deiner Gruppe Respekt zu zeigen. Wenn nicht, bis du nicht länger Teil dieser Gruppe! Worauf es mir ankommt, ist, dass diese Gruppendynamiken sehr eng mit der Analyse von moralischem Verhalten verbunden sind, jedenfalls aus evolutionärer Sicht.

Entscheidend bleibt hier also, dass dieser Gruppenbezug von dem Individuum selbst als verbindlich empfunden und erlernt wird?

Das ist der springende Punkt! Und er folgt aus dem, was ich zuvor „shared attention“ nannte. Oft wird in meinem Bereich, geht es um die Entstehung von Moral, mit dem Begriff des Rufes argumentiert: Ich muss dies und das tun, nett sein und fair sein, weil ich von den anderen sonst schlecht beleumundet werde. Nein! Nicht die anderen urteilen über mich, sondern meine Gruppe, zu der ich mich zugehörig fühle, deren Werte ich fraglos teile, weil ich sie von Kindesbeinen an internalisiert habe. Wenn ich etwas tue, nur um meinen Ruf zu wahren, dann handle ich, auch nach modernem Verständnis, eigentlich nicht moralisch. Sondern opportunistisch.

Was macht dann moralisches Handeln aus?

Moralisch handle ich, wenn ich die Gründe für mein Handeln selbst für die richtigen, für die gebotenen halte. Und genau dieses Gefühl habe ich ja auch, wenn ich die Normen meiner Gruppe ganz und gar verinnerlicht habe. Konkret: Wer auch immer in der Gruppe eine Rolle x zugewiesen bekam, muss das und das tun. Und zwar unabhängig davon, welches Mitglied der Gruppe es nun ist. Hierin steckt also schon, auf ganz basaler Ebene, die Norm der Unparteilichkeit, der Objektivität. Es sind die ersten sozial verbindlichen, von allen geteilten, für alle in gleicher Weise geltenden Handlungsstandards. Und das ist es, was wir mit Moralität bis heute meinen. Es gibt also, auf einer ganz fundamentalen Ebene unserer Lebensform, einen Sinn für Gleichheit und Gerechtigkeit, der sich, wie ich es sehe, aus unserer evolutionär gegebenen Interdependenz ableitet.

Werke von Michael Tomasello

Sie waren nun 18 Jahre lang in Deutschland, genauer, in Leipzig tätig und kehren dieses Jahr in die USA zurück. Wie, wenn überhaupt, hat sich Deutschland in dieser Zeit aus Ihrer Sicht verändert?

Mit das Erste, was mir als Amerikaner auffiel, war, dass es in Deutschland wirklich den Begriff des „deutschen Volkes“ gibt – im Sinne einer historisch und ethnisch gewachsenen Gemeinschaft. Das gibt es in den USA so nicht. Ich kam ja 1998 nach Leipzig und da war das Gruppendenken zwischen Ossis und Wessis noch sehr präsent, aber eben auch das Gefühl, dass „wir alle Deutsche“ sind und nun wieder zusammenwachsen. Und das hat, soweit ich sehe, mittlerweile gut geklappt. Im Zuge der Flüchtlingskrise – und der Reaktionen darauf – sah man aber auch, dass es da immer noch Bewegung gibt.

Wie meinen Sie das? Im Sinne von einem „wir“, das sich von den Neuankömmlingen in seiner Gruppenidentität bedroht fühlt?

Sicher, das sehen Sie ja auch in den USA, wo eine ältere, meist weiße Bevölkerungsschicht die Angst hat, „wir verlieren unsere Gesellschaft“. In Deutschland ist es bei der Pegida-Bewegung ähnlich. Und diese Angst ist in gewisser Weise natürlich, denn das Phänomen, dass Menschen zu einer In-Group- und Out-Group-Denkweise neigen, gehört zu den besterforschten der Sozialpsychologie. Selbst bei Menschen wie Ihnen und mir, die sich in keiner Weise für fremdenfeindlich halten, lässt sich empirisch nachweisen, dass wir Menschen, die nicht zu unserer Gruppe gehören, weniger Vertrauen entgegenbringen und als potenziell gefährlicher einschätzen. Das gilt es als Befund zunächst anzuerkennen. So sind wir nun einmal, als Menschen. Das ist ein Teil von uns.

Was folgt daraus im Sinne politischer Strategien?

Ich glaube nicht, dass eine Verneinung oder Verdrängung dieses Phänomens der richtige Weg ist. Wir müssen vielmehr nach Strategien suchen, damit umzugehen. Und das bedeutet bereit sein, sich mit diesen Menschen zusammenzusetzen und ihre Sorgen durchzusprechen. Wenn es um Fragen der Identität und der Gruppenzugehörigkeit geht, reden wir von ganz basalen Bedürfnissen, die nicht leicht aus der Welt zu schaffen sind. Denken Sie an den Brexit. Alle waren überrascht, weil die Menschen ganz offensichtlich gegen ihre ökonomischen Interessen gestimmt haben. Aber sie haben eben auch für die Bewahrung dessen gestimmt, was sie als ihre kulturelle Identität wahrnahmen.

Wie wird man denn als Fremder möglichst unproblematisch Teil einer neuen Gruppe, eines neuen „wir“?

Vor allem durch tätiges Miteinander, gemeinsames Arbeiten in einem Team, das Gefühl: „We are in this together.“ Dem entgegen stehen andere empirisch belegte Dynamiken: Werden die Gruppen zu groß, spalten sie sich in Untergruppen oder „Stämme“ auf. Das sind dann noch immer welche „von uns“ – sie sprechen wie wir, sehen aus wie wir, essen wie wir –, aber ich habe nicht mehr direkt mit ihnen zu tun. Dennoch: Ein Grundvertrauen bleibt, über ein Vorliegen von Grundähnlichkeiten.

Genau diese Ähnlichkeiten weisen kulturelle Neuankömmlinge aber nicht auf.

Ja, und das ist eine Grundherausforderung der modernen, multikulturellen Gesellschaften. Denn man kann sagen, dass hier die Korrelation von Ähnlichkeiten in Aussehen und Verhalten und Gruppenmitgliedschaft zusammenbricht. Auf einmal sind Menschen Teil unserer Gruppe, die „uns“ in diesem Sinne nicht ähnlich sind. Die entscheidende Frage ist nun aus meiner Sicht, ob sich die Kooperationsstrukturen, die für kleine Gruppen gelten, auf die heutigen Probleme der modernen Welt erfolgreich übertragen lassen werden oder nicht.

Und, wie lautet Ihre Antwort?

Alles, was ich aus Sicht des Anthropologen sagen kann, ist: Bisher hat das irgendwie noch geklappt. Schließlich sind wir immer noch da. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 1 / 17