Nietzsche als Erzieher

Friedrich Nietzsche im Alter von 17 Jahren und ohne Bart in Naumburg.
Bild: © CC-by-SA 1.0 Ferdinand Henning

Nietzsche ist seit jeher ein Denker, der vor allem junge Menschen begeistert. Was macht ausgerechnet den kränklichen, unglücklichen Schreibtischtäter für sie so attraktiv?

Von Nils Markwardt


Bild: © Johanna Ruebel

Nils Markwardt

ist leitender Redakteur des Philosophie Magazins. Veröffentlichungen u. a. „New Deal, bitte! Reden über die Flüchtlingskrise“ (Hanser, 2016)

Kaum ein anderer Denker hat eine so wechselvolle Wirkungsgeschichte wie Friedrich Nietzsche. Das zeigte sich schon kurz nach seinem Tod. Avancierte er Anfang des 20. Jahrhunderts zunächst zum Posterboy von Lebensreformern und Nonkonformisten, sodass seine Schriften in Künstlerkolonien und alternativen Kooperativen kreisten, galt sein Werk im Ersten Weltkrieg dagegen als geistiges Munitionslager für den wilhelminischen Waffengang. Denn obschon die sprichwörtlich gewordene Behauptung, dass jeder deutsche Soldat seinen „Zarathustra“ im Tornister hatte, ein politisch kultivierter Mythos war, der die vermeintliche Geisteshoheit des deutschen Heeres untermauern sollte, geriet Nietzsches Hauptwerk zwischen 1914 und 1918 mit über 200.000 verkauften Exemplaren tatsächlich zum Bestseller.

Trotz dieser politisch unterschiedlichen Lesarten, offenbart sich hier aber auch schon jene Konstante, die die Nietzsche-Rezeption auch weiterhin prägen wird. Ganz gleich von wem der Philosoph kulturkämpferisch auch mobilisiert wurde, ob von Aussteigern oder Armeeangehörigen, Nationalsozialisten oder Anarchisten, Hippies oder Identitären, es waren und sind vor allem junge Menschen, die sich besonders für Nietzsche begeistern. Wobei man vielleicht genauer sagen müsste: junge Männer.

Das offenbart auch die amerikanische Filmindustrie. Sei es in „Good Will Hunting“, wo Matt Damon als titelgebender Antiheld bekennt, dass Nietzsche sein „Seelenverwandter“ sei; im oscarprämierten Film „Little Miss Sunshine“, wo der melancholisch-misanthrope Teenager Dwayne ein riesiges Konterfei des Denkers an seine Zimmerwand malt, oder in der Serie „The Big Bang Theory“, wo der verschrobene Physiker Sheldon Cooper seinem Mitbewohner mit einem kleinen Nietzsche-Exkurs aus einem moralischen Dilemma hilft. Doch was ist es, das Nietzsche für junge, zumeist auch einzelgängerische, ja tendenziell neurotische Männer so attraktiv macht?

Die Antwort enthält drei Aspekte: die Aura der Person, der Freimut der Form und die Militanz des Denkens. Alle drei finden sich in geradezu exemplarischer Weise in Nietzsches 1874 veröffentlichtem Aufsatz „Schopenhauer als Erzieher“. In diesem Text, der sich tatsächlich weniger um Schopenhauer als um Nietzsche selbst dreht, liefert der damals 30-jährige Philosoph eine Art Grundsatzrede an die dissidente Jugend. Nietzsches erste Maßgabe besteht darin, dass der, der wirklich denken wolle, den Universitäten entfliehen müsse. Sei man in diesen staatlichen Wissenskasernen nämlich immer an die Ketten höriger Philosophieverwalter gelegt, brauche es zum Denken völlige Freiheit. Und mehr noch: „Ein großer Philosoph“, so Nietzsche, ist „nämlich nicht nur ein großer Denker, sondern auch ein wirklicher Mensch.“ Das heißt, er muss sich „durch das sichtbare Leben und nicht bloß durch Bücher“ beweisen, durch „Miene, Haltung, Kleidung, Speise, Sitte mehr als durch Sprechen oder gar Schreiben“.

Und ist es nicht genau das, was Nietzsche zunächst zur präpotenten Männerfantasie macht? Ähnlich wie andere große Heroen der widerständigen Jugend, von Hölderlin über Hesse und Thomas Bernhard bis zu Jean-Paul Sartre und Michel Houellebecq, pflegte er nicht nur einen erratischen Lebensstil, der in seinem Fall dann in den Wahnsinn mündete, sondern bewegte sich trotz seiner Basler Professur auch immer an der Peripherie des Kultur- und Wissenschaftsbetriebs. Es ist zum einen also diese Aura des rücksichtslosen Solitärs, welcher Denken und Leben zur Deckung bringt, die dem Idealismus junger Menschen entspricht.

Nietzsches Denken offenbart sich als fein abgestimmte Mischung aus Negation und Affirmation, eine gleichermaßen radikale wie totale Kritik antiquierter Konventionen und falscher Autoritäten


 

Zum anderen spielt aber auch die Form seines Denkens eine Rolle. Nicht nur, weil der Stil der lyrisch inspirierten Aphorismen, wie man ihn beispielhaft im „Zarathustra“ oder in der „Morgenröthe“ findet, einen weiten Deutungsspielraum öffnet, an den jeder individuell anschließen kann, sondern auch, weil sich in Nietzsches Sprache bisweilen eine derart kalte Wut offenbart, dass die Lektüre für manch weltgefrusteten Teenager zur therapeutischen Ersatzhandlung wird. Wenn er in „Schopenhauer als Erzieher“ etwa „öffentlich meinende Scheinmenschen“, „Heiterlinge“, die „ekelhafte, zeitgötzendienerische Schmeichelei“ oder alle „Spaß- und Afterphilosophen“ geißelt, so ist das eben weniger Analyse als die Entfesselung jenes „furor philosophicus“, der für manchen eine regelrecht kathartische Wirkung entfaltet.

Schließlich ist es aber auch Nietzsches militante Denkart, die ihn für geplagte Jugendseelen so reizvoll macht. Lautet der nietzscheanische Imperativ, dass das Neue nur auf den Trümmern des Alten wachsen kann, führt das zu einer heroischen – was für Nietzsche immer heißt: männlichen – Ethik des Leidens. Denn der wirkliche Denker soll nicht nur seinen Weltschmerz bewusst akzeptieren, sondern er „muss selbst den Menschen, die er liebt, den Institutionen, aus deren Schoße er hervorgegangen ist, feindlich sein, er darf weder Menschen, noch Dinge schonen, ob er gleich an ihrer Verletzung mitleidet“.

Doch sei eben dieses Leiden nicht sinnlos, sondern vielmehr die Voraussetzung für wahre Vitalität. Oder wie es in „Schopenhauer als Erzieher“ heißt: „Wie hoffnungsvoll dürfen dagegen alle die sein, welche sich nicht als Bürger dieser Zeit fühlen; denn wären sie dies, so würden sie mit dazu dienen, ihre Zeit zu tödten und sammt ihrer Zeit unterzugehen – während sie die Zeit vielmehr zum Leben erwecken wollen, um in diesem Leben selber fortzuleben.“

Nietzsches Denken offenbart sich somit als fein abgestimmte Mischung aus Negation und Affirmation, eine gleichermaßen radikale wie totale Kritik antiquierter Konventionen und falscher Autoritäten, die das Leiden an Letzteren zugleich als ersten Schritt des kommenden Geistesaufstands adelt. Doch in der Frage, wohin genau dieser dann führen solle, darin liegt abermals die dramatische wie abgründige Deutungsoffenheit von Nietzsches Werk. Denn wenn Nietzsche schreibt, es sei nötig, „dass wir einmal recht böse werden, damit es besser wird“, mag das für den einen als Anlass dienen, sich lautstark gegen soziale Ungerechtigkeit zu engagieren. Ein anderer könnte es hingegen durchaus als philosophische Lizenz zum School-Shooting (miss-­)verstehen. •

Dieser Beitrag erschien in der 8. Sonderausgabe

„Also sprach Nietzsche“