Neu anfangen

Freiheitsdrang, Depression, Entfremdung – der Wunsch, sein Leben zu wenden, resultiert zumeist aus innerer Not. Umso drängender wird die Frage, wie ein wahrer Wandel herbeizuführen ist: Sollte ich an mir selbst arbeiten, oder muss ich die Verhältnisse ändern, in denen ich lebe?

Von Svenja Flaßpöhler

Bild: Johanna Ruebel

Svenja Flaßpöhler

Svenja Flasspöhler ist Philosophin und Publizistin und war stellvertretende Chefredakteurin des Philosophie Magazin.

Johanna Jahnke, Roland Wagner, Ulrike Hecking, Eric Markmiller, Axel Braig. So unterschiedlich ihre Lebenswenden sind, haben sie eines gemeinsam: Die Möglichkeit, alles beim Alten zu lassen, sah keiner dieser Menschen mehr. Und doch liegt existenziellen Veränderungen zumeist eine wegweisende Entscheidung zugrunde, die jeder Einzelne für sich treffen muss: Kann ich mein Leben ändern, indem ich hart an Körper und Geist arbeite, mich, meine Geschichte, meine Gewohnheiten schonungslos hinterfrage, unermüdlich ein „besseres“ Ich einübe? Oder ist mir eine Entfaltung meiner Persönlichkeit in der gegebenen Situation schlichtweg unmöglich, sodass ich mir notgedrungen andere, für mich passendere Lebensumstände suchen muss? Die Alternativen heißen: Evolution oder Revolution. Optimierung oder Umsturz. Therapie oder Trennung – vielleicht sogar von den eigenen Kindern, wie im Fall von Ulrike Hecking.

Arbeit am Ich

Sich für die erste Möglichkeit zu entscheiden, bedeutet, das eigene Ich als Hauptursache des Unglücks und als prinzipiell veränderbar zu begreifen. Die Methode der Veränderung liegt in der kritischen, oftmals psychotherapeutischen Selbstergründung; ganz gemäß dem delphischen Orakelspruch: Erkenne dich selbst. Durch Wiederholung und Durcharbeitung biografischer Erfahrungen soll sich, so die Hoffnung, der die Welt verdunkelnde Grauschleier heben, die Beziehungsangst verschwinden, die Neurose sich „in alltägliches Leid verwandeln“, wie Freud einst formulierte. Zentral für die psychotherapeutische Wende ist die Annahme, dass wahre Veränderung nur mit und durch einen anderen, ein Gegenüber, zu erzielen ist. Der Mensch ist sich selbst nie vollständig gegenwärtig, er kann sich nicht eigenständig analysieren, geschweige denn verändern. In seiner Rolle als Geburtshelfer findet der Therapeut in Sokrates sein antikes Vorbild: Indem der Philosoph seinen Gesprächspartnern unbequeme Fragen stellte, entlockte er ihnen nicht nur wertvolle Einsichten, sondern brachte sie auch dazu, stillschweigende Annahmen über sich selbst und die Welt zu hinterfragen, gar in ihr Gegenteil zu verkehren.

Eine autonomere Weise, an sich selbst zu arbeiten, ist, um einen Ausdruck Michel Foucaults zu gebrauchen, die „Selbstkunst“. Gemeint sind Techniken, die schon antike Denker wie Platon oder Aristoteles den Menschen an die Hand gaben, um sie zur „Sorge um sich“ anzuhalten. Durch Mäßigung und Übung ist eine ethische wie auch ästhetische Selbstformung zu erzielen und dem „ Taedium vitae “, dem Lebensüberdruss, vorzubeugen. In der hochkomplexen Konsum und Leistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts erfährt die Askese als Form einfachen Lebens (im doppelten Wortsinne) ihre Renaissance: Die latente Aggression wird beim Jogging ausgelaufen, Erschöpfungszuständen und Gewichtsproblemen mit einer radikalen Veränderung der Ernährung begegnet, eine tiefere Beziehung zu Menschen, Dingen, der Natur durch Meditation zu erlangen versucht. Die Lebenswenden von Roland Wagner und Johanna Jahnke stehen beispielhaft für diese Form der Selbstsorge. Ihre Begründung finden jene Praktiken in der These, dass der Mensch seine Identität maßgeblich durch unermüdliche Übung aus-, um- und weiterbildet. Durch mentale und physische „Übungsverfahren“, so Peter Sloterdijk, optimiert er sich selbst, wappnet sich gegen „Lebensrisiken“.

 
isst nur noch Rohkost

„Als Alleinerziehende mit zwei Kindern habe ich kaum Zeit, der Körper hat wenige Stunden, um sich auszuruhen. Vor zwei Jahren hatte ich endgültig das Gefühl, es geht nicht mehr. Ich wollte etwas verändern. Das Naheliegendste war für mich, meine Ernährung umzustellen. Seitdem bin ich Rohköstlerin. Ich esse nichts Gebratenes oder Gekochtes, also auch keine Kartoffeln, keinen Reis, keine Hülsenfrüchte, zudem, als Veganerin, kein Fleisch und keine Milchprodukte.

Meine Mahlzeiten bestehen hauptsächlich aus rohem Obst und Gemüse. Morgens trinke ich einen Smoothie, mittags und abends esse ich Salat mit verschiedenen Saucen und Nüssen. Noch nie hat sich eine Ernährungsform so sehr auf mein Leben ausgewirkt. Seit meiner Umstellung fühle ich mich deutlich gesünder. Ich habe viel mehr Energie, brauche weniger Schlaf und bin selten krank.

Viele Menschen in meinem Umfeld waren von diesem Schritt irritiert. Klar, Rohköstlerin, das klingt schon komisch, fast sektenhaft. Ich muss mich häufig erklären und rechtfertigen. Oft wird mein Lebensstil als unzumutbare Einschränkung aufgefasst, wirkt unvorstellbar. Für mich ist das aber überhaupt nicht der Fall. Natürlich gibt es Situationen, in denen ich in einen Konflikt komme: Trinke ich auf der Geburtstagsfeier Wein, der vielleicht unvegan produziert wurde, oder lieber nicht? Mache ich Ausnahmen aus Gründen der Geselligkeit? Ich bin da nicht orthodox, esse hin und wieder auch ein Brot und trinke ein Gläschen mit.

In gewisser Weise hat sich mir durch die Rohkost eine neue Welt eröffnet. Mein Körper fühlt sich besser an, und das wirkt sich deutlich spürbar auf den Rest meines Lebens aus. Der Spruch ‚Man ist, was man isst’ bewahrheitet sich für mich auch als Sportlerin. Seit meiner Kindheit spiele ich Rugby, war vier Jahre im Nationalteam und stehe gerade mit Sankt Pauli im Finale um die deutsche Meisterschaft. Energie fehlt mir keine, ich bin sogar ein bisschen schneller als vorher.“

 
Revolution und Neubeginn

Die Arbeit am Ich ist anstrengend. Nicht jeder möchte beziehungsweise kann sich der eigenen Geschichte, den eigenen Abgründen stellen; und längst nicht alle Menschen besitzen die Kraft oder den Willen, durch Übung ein vitaleres Ich herzustellen. Häufig ist die Mühe aber auch schlichtweg vergeblich. Trotz Paartherapie bleibt die Beziehung unbefriedigend, der Aufenthalt in der Burnout-Klinik war erholsam, aber folgenlos, das Yoga hat zu keiner gesünderen Lebenshaltung geführt. Immer größer wird der Leidensdruck, die Enttäuschung darüber, dass sich nichts ändert. In solchen Situationen erscheint ein Neubeginn immer verlockender, ja zwingender: Trennung, Kündigung, Rückzug. Auswandern, Mönch werden. Alles auf null stellen.

In der hochkomplexen Konsum und Leistungsgesellschaft des 21. Jahrhunderts erfährt die Askese als Form einfachen Lebens (im doppelten Wortsinne) ihre Renaissance.


 

Philosophisch lässt sich ein solcher Umsturz auf zweierlei Weise begründen. Das marxistische Argument lautet: Wer sein Leben verändern will, muss nicht sich selbst, sondern die gesellschaftlichen und sozialen Bedingungen hinterfragen. „Es ist nicht das Bewusstsein der Menschen, das ihr Sein, sondern umgekehrt ihr gesellschaftliches Sein, das ihr Bewusstsein bestimmt“, so Marx in der „Kritik der politischen Ökonomie“. Sind die Lebensumstände mangelhaft, ist das menschliche Unglück unausweichlich. Sich in mühsamer Selbstanalyse zu zerfleischen und die Schuld nur bei sich zu suchen, erscheint aus dieser Perspektive als bürgerlich-christliche Ideologie.

Recht auf Selbstbestimmung

Das zweite, individualistische Argument basiert auf dem Selbstbestimmungsrecht. Der Mensch ist weder die Summe der gesellschaftlichen Verhältnisse noch, dies ist der kapitalistische Traum, unendlich verformbar, sondern er besitzt eine spezifische Persönlichkeit, die er entfalten will und sollte. Ist die Situation dafür nicht geeignet, muss er sie ändern. Mit der individualistischen Wende sind Konflikte verbunden, die tief in Problemfelder der modernen Ethik hineinreichen: Wie stark ist mein Recht auf Selbstbestimmung? Heißt, meines eigenen Glückes Schmied zu sein, im Zweifelsfall, meinen Willen über den Willen anderer zu stellen? Das aufgeklärte Individuum hat sich aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit befreit, bedient sich des eigenen Verstands und wählt die Lebensweise, die das größtmögliche Glück verspricht. Gleichzeitig aber ist der Mensch als Sozialwesen nie vollkommen autonom. Er trägt Verantwortung, soziale wie auch gesellschaftliche, und befindet sich, um es mit Jean-Paul Sartre zu formulieren, immer schon im Blick des anderen, der ihn bewertet und spiegelt.

Der Schnitt

Die einen fühlen sich in ihrer Familie, in ihrem Beruf, in ihrem Land nicht länger zu Hause, die anderen in ihrem Körper. Was für Erstere, wie zum Beispiel Axel Braig, der biografische Schnitt ist, bedeutet für Letztere der Cut des Schönheitschirurgen. Und in der Tat haben die Sloterdijk’schen Anthropotechniken ja durchaus ihre Grenzen: Nicht jedem ist vergönnt, sich allein durch Askese zu optimieren. Nach der Geburt quälen die Schwangerschaftsstreifen, und was hilft schon bei einer zu großen Nase abendliches Jogging? Ob Fettabsaugen, Botox oder Facelifting, ob Schamlippenkorrektur oder Brustvergrößerung: Die Schönheitschirurgie birgt das Glücksversprechen der körperlichen Wiedergeburt.

 

Nun mag der Einwand naheliegen, dass es sich bei einer Operation kaum um eine substanzielle Lebensveränderung handeln kann: Wer seinem Leben mit chirurgischer Hilfe eine Wende zu geben versucht, täuscht sich selbst, ja, hat ein gänzlich oberflächliches Verständnis der menschlichen Existenz. Seine Grenze findet dieses Argument allerdings spätestens am Phänomen Transsexualität: Wer als Frau zur Welt kam, aber sich als Mann fühlt oder umgekehrt, durchlebt existenzielle, nicht selten tödlich endende Krisen. Wie das Beispiel von Eric Markmiller eindrücklich zeigt, können Transsexuelle das quälende Empfinden, im falschen Körper geboren worden zu sein, häufig erst durch eine Angleichung des Geschlechts loswerden. Die Abwertung des Körpers hat in der abendländischen Philosophie Tradition. Aber selbst Descartes konnte sein leibfreies „Ich denke, also bin ich“ nur niederschreiben, weil er einen Körper und im Übrigen auch ein Geschlecht hatte.

Die Radikalität des Augenblicks

Je irreversibler eine Lebenswende ist, desto größer ist naturgemäß die Angst, möglicherweise die falsche Entscheidung getroffen zu haben. Häufig tauchen die inneren Probleme, trotz äußeren Wandels, wieder auf; oder der Traum vom neuen Leben entpuppt sich, sobald er wahr wird, als sein gerades Gegenteil. Aber auch jene, die den Weg des selbstreflexiven, anthropotechnischen Fortschritts wählen, ihn möglicherweise gar erfolgreich beschreiten, sind keineswegs auf der sicheren Seite. „Der entscheidende Augenblick der menschlichen Entwicklung ist immerwährend“, so Franz Kafka. „Darum sind die revolutionären geistigen Bewegungen, welche alles Frühere für nichtig erklären, im Recht, denn es ist noch nichts geschehen.“ Evolution ist nicht das Gegenteil von Revolution, die Optimierung nicht das Gegenteil des Umsturzes. Vielmehr trägt das eine das andere in sich. In der Radikalität des Augenblicks vollzieht der Mensch den entscheidenden Schritt nach vorn. Wohin er führt, ist ungewiss. ¬

Dieser Beitrag wurde in Ausgabe Nr. 5 / 2012 veröffentlicht.

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