„Moralisch ist, wer seine Haut aufs Spiel setzt“

Bild: © Edouard Caupeil


Der ehemalige Wallstreetbanker und Autor Nassim Nicholas Taleb verbindet Wahrscheinlichkeitsrechnung mit antiker Philosophie. In seinem neuen Buch klagt er all jene Politiker, Trader und Intellektuelle an, die für Entscheidungen kein Risiko eingehen – und fordert die Rückkehr zu alten Weisheiten
.

Das Gespräch führte Catherine Portevin



Nassim Nicholas Taleb in sechs Daten

• 1960
geboren in Amioun (Libanon)

• 1983
MBA an der Wharton Business School, University of Pennsylvania

• 1984
Taleb wird Trader an der Wall Street

• 1998
Ph.D. in Betriebswissenschaft an der Universität Paris-Dauphine. Er ist Mitgründer von Empirica LLC, Investmentgesellschaft und Forschungslabor (heute Universa)

• 2007
„The Black Swan“, zweiter Band der „Incerto“-Reihe, erscheint und wird zum Weltbestseller

• Seit 2008
Professor emeritus für Risikoanalyse am Polytechnischen Institut der New York University

Nassim Nicholas Taleb, geboren im Libanon, wird in den 1990er-Jahren zu einem der berühmtesten Trader der Wall Street. Er verdient ein Vermögen, doch eines Tages hängt er seine Karriere an den Nagel. 2007 erscheint sein Buch „Der Schwarze Schwan“, in dem er die Rolle unvorhersehbarer, extrem folgenreicher Ereignisse theoretisiert. Der Zusammenhang von Unvorhersehbarkeit, Risiko und Verantwortung bleibt Talebs zentrales Thema: Soeben ist sein Buch „Skin in the game“ (Random House) auf Englisch erschienen, zu Deutsch: „Seine Haut aufs Spiel setzen“. Nach Jahren an der Börse hasst es Taleb, seinen Terminkalender vollzustopfen, er antwortet nur auf fünf E-Mails täglich, isst und trinkt nur Lebensmittel mit griechischen oder althebräischen Namen (ausgenommen Kaffee), liest 60 Stunden pro Woche, mag weder Banker noch Intellektuelle noch Journalisten. „Wie alle, die das Risiko lieben, bin ich nicht besonders leicht im Umgang“, räumt er ein. Im folgenden Gespräch jedoch ist der Denker erstaunlich offen und zugänglich – und, wie es sich für einen geläuterten Trader gehört, ganz und gar präsent.

Philosophie Magazin: Als 1975 der Bürgerkrieg im Libanon begann, waren Sie ein Jugendlicher. Wie hat diese Erfahrung Ihr Denken über Ungewissheit und Risiko geformt?

Nassim Nicholas Taleb: Diese Erfahrung ist nicht mit dem Denken verknüpft, sie bedeutet Erinnerungen der Angst, des Überlebens im Unvorhersehbaren. Der Krieg gehört zu jenen extremen Ereignissen, die dazu zwingen, sich ihnen gegenüber eine Haltung anzueignen. Doch für mich ist der Krieg nicht das Entscheidende gewesen. Ich bewahre vom Libanon ein tieferes Andenken, in dem meine Liebe zur westlichen Zivilisation verankert ist, die ja in jener Region entstand, in der ich selbst zur Welt kam. Vor Athen, Rom, Konstantinopel gab es Phönizien. Das natürliche und historische Europa ist der Mittelmeerraum. Sie wissen ja: Der Legende nach war Europa die Tochter des Königs von Tyros, die von Zeus bis nach Kreta entführt wurde. Ich fühle mich der antiken mediterranen Welt tief verbunden.

Haben Sie schon Cicero, Sextus Empiricus und Seneca gelesen, bevor Sie in den Vereinigten Staa
en mit Wertpapieren handelten?

Man liest zwei Mal im Leben. Das erste Mal, wenn man noch grün hinter den Ohren ist – da stopft man sich mit Literatur voll. Genau das habe ich getan, vor allem mit Klassikern. Das zweite Mal, wenn man unabhängig geworden ist und gezielt nach geistiger Nahrung sucht. Montaigne ist mein Lehrmeister gewesen, dank ihm habe ich auch Zugang zu den antiken Autoren gefunden. Montaigne sprach nur wenig Griechisch, seine Inspiration bezieht sich überwiegend auf lateinische Quellen. Für mich gibt es zwei Schulen der Gelehrtheit: Erasmus und Montaigne. Erasmus repräsentiert das Bücherwissen; Montaigne die Denkfreiheit eines Menschen, der sich und seine Kenntnisse dahingehend befragt, was es heißt, sein Leben gut zu führen. Ich bevorzuge Montaigne.

In Ihrer Arbeit sagen Sie, richtig zu handeln, heiße nicht immer, richtig zu erkennen. Und umgekehrt. Sie haben zum Beispiel die „Schwarzen Schwäne“ analysiert, Ereignisse mit massiven Auswirkungen, die kein Wissen vorhersehen kann.

Ein Wissen vom Typus „alle Schwäne sind weiß“ ist ein falsches Wissen, weil es empirisch nicht zu verifizieren ist. Zahlreiche Theorien sind auf diese Art von unvollständigen Informationen aufgebaut. „Der Schwarze Schwan“ war eine von einer probabilistischen und statistischen Basis aus geführte Attacke gegen jene Banker und Experten, die in ihrem Kämmerlein hockten und meinten, sich in den Bereichen auszukennen, die vom Unvorhersehbaren regiert werden. Sie sind wie die Truthähne, die glauben, dass der Bauer nur sie füttert – bis zum Weihnachtstag! Mein Buch ist ein Jahr vor dem Börsenkrach von 2008 erschienen, und ich bin verbittert darüber, wie sich einige der Verantwortlichen heute das Konzept des Schwarzen Schwans zu eigen machen, als ob die Katastrophe, die sie verursacht haben, ein Schicksalsschlag wäre und die Ungewissheit eine Entschuldigung dafür! Tatsächlich unterhält die Entscheidung nur eine fragile Verbindung mit dem direkten Kenntnisstand: Sie hängt von vielen Faktoren ab, die wir nicht kennen können; oder es kann vorkommen, dass sogenanntes irriges Wissen zu einer richtigen Entscheidung führt. Zum Beispiel jene Bewohner eines Küstendorfes in Indonesien, die niemals nahe am Meer schliefen, weil sie glaubten, dass die Seelen der verstorbenen Vorfahren des Nachts ins Meer hinabsteigen: So entkamen sie dem Tsunami von 2005. Es gibt zwei Arten, die Welt zu erkennen. Man kann durch Epistemologie und Statistik verstehen, was man weiß, indem man es in ein Modell bringt. Oder man kann sehen, was man nicht versteht, sodass man Ungewissheit und Zufall berücksichtigt, ohne die statistische Strenge zu verlieren. Besser also, man hat ein Bewusstsein der Unkenntnis als die Gewissheit des Wissens. Anders gesagt: Wissenschaft ist nett, aber zunächst gilt es zu überleben!

Ich bin lieber dumm und antifragil als sehr intelligent und fragil


 

Im antiken Skeptiker Sextus Empiricus, der eine empirische Ärzteschule gegründet hat, haben Sie einen Bruder im Geiste gefunden und sogar Ihr Börsenhandelsunternehmen nach ihm benannt.

Ich liebe die skeptischen Philosophen – von Pyrrhon und Al Ghazali bis zu Montaigne und Hume –, doch manche tendieren dazu, sich in spekulativen Sackgassen zu verlieren. Hume fand am Ende sogar seinen eigenen Skeptizismus lächerlich. Pyrrhon wiederum zieht die Existenz von allem in Zweifel, einschließlich der Hindernisse auf seinem Weg, weshalb er über diese stolpert. Sextus hingegen beugt der Gefahr, von einer Klippe zu stürzen, nicht vor, indem er entscheidet, dass diese gar nicht existiere. Sein Skeptizismus ist ein radikaler Antidogmatismus. Und vor allem ist er praxisorientiert. Sextus war ein Mann der Tat, ein Mediziner, der mit tastenden Versuchen Lösungen für konkrete Probleme finden musste. Gemeinsam haben die Skeptiker dieser Schule, dass sie Urteile in der Schwebe lassen. Sie respektieren nur die Zeit und die Ergebnisse der Praxis.

Und wie hat Seneca aus Ihnen einen guten Trader gemacht?

Seneca war ein Geschäftsmann und ich habe bei ihm eine einfache Idee wiedererkannt: Alles wird bestimmt durch die Asymmetrie von Gewinnen und Verlusten. Wenn Sie eine Entscheidung treffen, sollte Ihr Schaden, wenn Sie sich geirrt haben, weniger bedeutend sein als Ihr Profit, wenn Sie recht hatten. Nur wenige Philosophen haben sich für diese Idee interessiert! Aristoteles erzählt allerdings die Geschichte von Thales von Milet, der in den Sternen eine üppige Olivenernte vorhersah, worauf er sich die Rechte an allen Ölpressen sicherte. Als Trader glaube ich eher, dass er festgestellt hatte, dass die Ölproduktion systematisch schlecht lief, und er konnte seine Option zu einem Niedrigpreis setzen. Im darauffolgenden Jahr hat es viele Oliven gegeben, und er hat sein Nutzungsrecht für die Ölpressen zum Höchstpreis wieder verkauft. Thales war somit der erste Optionshändler! Er hat einen Vertrag auf Basis einer asymmetrischen Informationsverteilung abgeschlossen. Man braucht also nicht über alles in der Welt Bescheid zu wissen, wenn man für den Fall, dass man sich irrt, nur sehr wenig zu verlieren hat. Mein Konzept der Antifragilität ist ganz auf der Asymmetrie von Seneca aufgebaut: Antifragil ist derjenige, der aus einer gegebenen Situation mehr Vorteile als Nachteile ziehen kann.

Die Antifragilität lässt Manager neu darüber nachdenken, dass man mit Flexibilität etwaigen Schocks besser widersteht. Das Konzept wird manchmal mit „Resilienz“ übersetzt. Was halten Sie davon?

Für mich bezeichnet „Resilienz“ nur die Fähigkeit, nicht von einem Schock beeinträchtigt zu sein, eine Art Anpassungsfähigkeit. Das Antifragile hingegen passt sich nicht an, es wird besser mit den Schocks. Die zentrale Idee der Antifragilität ist die Konvexität: Ein konvexes System oder Individuum wird durch große Variationen, Volatilität, Beschleunigung, Unordnung, Stress noch stärker. Das Fragile jedoch ist konkav. Es funktioniert am besten in Regelmäßigkeit und Stabilität. Es glaubt an die Rationalität, an die Theorie. Der Bürokrat ist fragil; der Handwerker ist antifragil. Wir wissen ja, dass die Fonds mit sehr schwacher Variabilität auch die bankrottanfälligsten sind. Je stabiler er ist, desto schlimmer geht er kaputt! Für einen Antifragilen machen die Fluktuationen, also das Ausnutzen seiner Umgebung zum Überleben, den Mangel an Kenntnissen wett. Ich bin wie Seneca lieber dumm und antifragil als sehr intelligent und fragil!

In Ihrem Denken geht es jedoch nicht nur um Selbstschutz und Selbstoptimierung, sondern auch klar um Moral …

Das stimmt. Wenn ich Geld gewinne, ist es meins; wenn ich welches verliere, zahlt der Lastwagenfahrer oder der pensionierte Grammatikprofessor: Da sind wir mitten in der Finanzkrise. Aber um es deutlich zu sagen: Die Fragilen sind es, die als Intellektuelle, Funktionäre oder Banker die größte Fragilität der Systeme verursachen. Reich zu werden, indem man eigene Risiken eingeht, bereitet mir keine Sorgen; aber sich zu bereichern, indem man andere für das Risiko einstehen lässt, stellt ein moralisches Problem dar. Was heißt es, „to have the skin in the game“, „seine Haut aufs Spiel zu setzen“? Ich möchte ein Führer sein und einen Krieg anzetteln, okay, aber dann stehe ich auf dem Schlachtfeld an vorderster Front und sitze nicht in einem Büro in Washington oder im Pariser Café. Für mich wäre eine gesunde Gesellschaft eine, in der nur diejenigen Leute, die Risiken eingehen und deren Folgen auf sich nehmen, eine Meinung von Belang hätten.

Ausgewählte Werke von Nassim Nicholas Taleb


Der Schwarze Schwan: Die Macht höchst unwahrscheinlicher Ereignisse (Hanser, 2008)

Der Ausbruch des Vesuv in Pompeji, die Erfindung des Rads oder die des Internets sind jene unwahrscheinlichen Ereignisse, die gleichwohl imstande sind, die Zivilisation auf den Kopf zu stellen. In seinem Bestseller geht Taleb dieser Fragilität theoretischer Systeme nach: Wie kann man, anstatt den „schwarzen Schwänen“ im Nachhinein Rationalität zuzuschreiben, das Unvorhersehbare nutzen und das Risiko von der Ausnahme her denken?

Antifragilität: Anleitung für eine Welt, die wir nicht verstehen (Knaus, 2013)


Neben Fragilität und Robustheit schlägt Nassim Taleb eine dritte Kategorie vor: die Antifragilität. Antifragil ist jenes System oder Individuum, das durch die Variationen aus Stress und Unordnung gestärkt wird. Antifragil ist eher der Handwerker als der Trust, eher das Dorf als die UNO, eher der Praktiker als der Experte. Genährt von der Weisheit der griechischen Skeptiker, verteidigt Taleb die geistige Beweglichkeit des Empirismus.

Skin in the Game: Hidden Asymmetries in Daily Life (Random House, 2018)

Indem Nassim Taleb die aristotelischen Tugenden der Gerechtigkeit, des Mutes und der Klugheit rehabilitiert, enthüllt er die „verborgenen Asymmetrien“ des Risikos, wenn der Entscheider nicht selbst für die Folgen aufzukommen hat. In der Finanzwelt, der Kriegskunst und der Politik sollten allein jene Respekt erfahren, die wirklich ihre Haut aufs Spiel setzen. Eine Reflexion, die weniger vorhat, die Gesetze neu zu begründen, als eine neue Theorie des Vertrags und der Verantwortlichkeit zu etablieren.

 

In Ihrem jüngsten Buch „Skin in the game“ schreiben Sie, „seine Haut aufs Spiel zu setzen“ sei „eine Frage der Gerechtigkeit, der Ehre und der Aufopferung“. Ist das nicht ein wenig martialisch?

Ich bin für eine Ethik der Tugend. Wenn ich von Gerechtigkeit und Ehre spreche, beziehe ich mich auf die „Nikomachische Ethik“. Bei Aristoteles gibt es keinen Widerspruch zwischen Mut und Klugheit (phronesis), die eine praktische Tugend ist, eine Art gesundes Urteilsvermögen. Mut kann nicht tugendhaft sein; das kann er nur, wenn etwas riskiert wird für eine Entität, die größer ist als man selbst. Ein törichter Spieler ist nicht mutig. Wenn ich aber mein Leben riskiere, um drei Kinder vor dem Ertrinken zu retten, deren kumulative Lebenserwartung höher ist als meine, dann ist das mutig und klug. Gehe ich mein Risiko ein, um eine Gemeinschaft zu schützen, bin ich ein Held. Gehe ich mein Risiko ein und bringe dabei eine Gemeinschaft in Unordnung, bin ich ein Dieb oder ein schlechter Intellektueller. Zwischen den beiden Extremen ist alle Welt angesiedelt; 99 Prozent der Leute behalten Bodenhaftung und verstehen es, nicht mehr Risiken einzugehen, als man sollte. Der Taxifahrer weiß sehr wohl, dass er, wenn er zu schnell fährt, mit seinem Fahrgast sterben kann. Die beiden wesentlichen Begriffe beim Risiko sind für mich Klugheit und Gerechtigkeit, das heißt Symmetrie.

Sie hinterfragen den Abstand zwischen der Moral und der Legalität. Wie kann man das Ethische wieder, und zwar wortwörtlich, ins Recht bringen?

Indem man wieder Symmetrie herstellt und dafür eher dem Vertrag als dem Gesetz den Vorzug gibt, denn die großen Unternehmen haben solche Macht, dass sie die Gesetze zu ihren Gunsten ändern lassen können. Fairness wird also nicht durch mehr Reglementierungen wiedererlangt, sondern durch ein Deliktsrecht im Sinne des Tort Law. Das Tort Law ist kein Gesetz, das verbietet, sondern ein Vertrag, der für eine rechtliche Haftung und für ein Handeln im Schadensfall bürgt. Zumindest im angelsächsischen Recht ist der Vertrag notwendigerweise symmetrisch. Das ist der Unterschied zwischen dem Codex Iustinianus, aus dem das auf Grundsatzurteilen gegründete Common Law entstanden ist, und dem Code Napoléon, der das französische und kontinentaleuropäische Recht bestimmt. Wenn Sie in Frankreich oder Deutschland eine Regelung streichen, wissen Sie nicht, wodurch Sie sie ersetzen sollen – Ihr Recht ist strukturell nicht an die Theorie der Verträge angepasst. Im amerikanischen Recht hingegen kann ich die Geschwindigkeitsbegrenzung abschaffen, kompensiere das aber durch eine zivile Haftung, die noch härter für die Fahrzeugführer ist. Auch die Finanzmärkte können durch die zivile Haftung reguliert werden. Es braucht nur gute Gerichte! Um es zusammenzufassen: Man kann leicht zu sehr einfachen Regeln zurückkehren, wie jenen, die vor 3800 Jahren in Babylonien durch den Codex Hammurapi verfügt wurden. „Wenn ein Haus einstürzt und seinen Eigentümer tötet, wird der Maurer, der es erbaut hat, hingerichtet.“ Wenn man die Symmetrie des Ius talionis, also des „Auge-um-Auge“-Prinzips nicht wieder einführen will, wäre es sinnvoll, über den folgenden Gedanken nachzusinnen: „Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem andern zu.“ Es besteht kein Bedarf an Kants universalen Prinzipien, um diese ethische Regel wirksam zu machen.

Was werfen Sie Kants Universalismus vor?

Dass er die Fragen des Maßstabs nicht verstanden hat. Wir räsonieren über die Menschheit, als sei sie ein Land, über das Land, als sei es ein Dorf, über das Dorf, als sei es eine Familie, ohne den Fraktaleffekt zu begreifen. Der Universalvertrag zwischen der Natur und dem Individuum ist eine reine Abstraktion. Kants kategorischer Imperativ sieht keine andere Entität vor als das Individuum und die Welt als Ganzes. Doch man kann sich nicht mit aller Welt symmetrisch verhalten. Ein Bienenstock verhält sich anders als jede Biene im Inneren des Stocks. Alle Systeme, die von der Biene auf den Stock verallgemeinern, sind falsch.

Ich bin gegen alles, was uns in asymmetrische Beziehungen bringt


 

Woraus Sie ableiten, man müsse zum Lokalen zurückkehren.

Ja, die föderale Regierungsform der Schweiz scheint mir eine gute Lösung zu sein. Und die jüdische Ethik, die auf den Beziehungen von nahem und fernem Blut gegründet ist, versteht das sehr gut: Man muss sich der ganzen Welt gegenüber ethisch verhalten, doch man wird in der Praxis mit seinen Brüdern, seinen Cousins oder mit Fremden jeweils anders umgehen. Die Herausbildung der Ethik geschieht nicht durch das Universale. Allerdings kann sie sich sehr wohl durch Minoritäten herausbilden.

In diesem Zusammenhang sprechen Sie auch von jenem paradoxen Phänomen der „Dominanz der starrköpfigen Minderheit“.

Dieses kann mit einer Analysemethode aus der mathematischen Physik beobachtet werden, die „Renormierungsgruppe“ genannt wird und die Veränderungen komplexer Systeme durch Maßstabswechsel untersucht. Ein Marsmensch, der in den Vereinigten Staaten ankäme, würde feststellen, dass alle Limonaden koscher sind, und daraus schließen, dass alle Amerikaner orthodoxe Juden seien, obwohl sie kaum 0,3 Prozent der Bevölkerung ausmachen. Wie kommt es dazu? Weil die Hersteller der Meinung waren, dass es wirtschaftlicher sei, nicht zwei verschiedene Produktionsketten einzurichten, ausgehend von der prinzipiellen Annahme, dass alle Welt koschere Limonade trinken kann. Warum verschwinden die gentechnisch veränderten Lebensmittel nach und nach aus den Vereinigten Staaten? Es genügt ein Typ wie ich, der gegen genmanipulierte Lebensmittel ist: Wenn ich zum Essen einlade oder eingeladen werde, essen alle Gäste ohne gentechnisch veränderte Zutaten. Alle binären Regeln kommen von intoleranten Minderheiten, denn es gibt kein „ein bisschen mit Gentechnik“ oder „ein bisschen ohne“.

Dann gibt es für Sie keine universale Ethik?

Die Ethik ist universal, doch sie setzt sich nicht aufgrund der größten Anzahl durch. Die ethischen Präferenzen einer Gesellschaft werden durch die Dominanz unnachgiebiger Minderheiten durchgesetzt, die ab einer gewissen Schwelle Asymmetrien mit flexiblen Mehrheiten bestimmen können. Folglich kann es auch im Bösen eine Dominanz von Minderheiten geben: Wenn Sie einen Salafisten mit 15 Nichtsalafisten zusammenbringen, werden alle das Regime des Salafisten übernehmen müssen. Doch die Asymmetrie der Auswahl lässt sich auch umkehren und eine Ablehnung der Minderheitsentscheidungen hervorrufen.

Sie bezeichnen sich als Libertarian. Was heißt das für Sie?

Ich bin kein Mitglied der Libertarian Party. Was mich zum Libertarier macht, ist ein bestimmter Typus in der Europäischen Kommission in Brüssel, dem Sie einen Schreibtisch, einen Stempel und Macht geben und der mit Excel-Tabellen die Größe meines Toasters festlegen will, während seit der Tötung Gaddafis massenweise Flüchtlinge ankommen. Ich will nicht, dass der Staat mir sagt, was ich in meinem Privatleben tun oder nicht tun darf, ich bin gegen die Kriminalisierung von Drogen. Ich will durchaus Regeln, etwa in Bereichen des Umwelt- und Klimaschutzes, in denen das Tort Law unzureichend ist. Aber mit der Regierung möchte ich auf Augenhöhe reden können. Ich bin gegen jede Beherrschung des Individuums durch Mächte, die über ihm stehen, ob große Firmentrusts oder Staaten; ich bin gegen alles, was die Leute in asymmetrische Beziehungen bringt.

Wären Sie gern ein Pirat gewesen?

Ich wäre lieber ein Piratenjäger gewesen: gleiches Risiko, aber mehr Moral! Ich versuche nicht mehr, die Politik zu verändern. Ich habe Lust, die Welt zu verstehen, auch wenn ich weiß – und die islamische Theologie hat das ja ebenso wie der Atheismus Spinozas zur Genüge gesagt –, dass nur Gott das kann! •

Aus dem Französischen von Till Bardoux

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2018