Mehr Freiheit? Bessere Freiheit!

Was heißt hier eigentlich Freiheit? Angesichts der ökonomischen und ökologischen Weltlage ist es höchste Zeit, den Begriff ganz neu zu fassen. Ein Plädoyer für einen neuen Liberalismus.

Von Claus Dierksmeier



Freiheit, darunter verstehen wir heute in aller Regel: Optionenvielfalt. Je größer der Radius meiner Handlungsmöglichkeiten, je uneingeschränkter ich wählen kann zwischen Lebensstilen, Waren, Jobs, Wohnorten, vielleicht auch Partnern, je weiter ich reisen und je mehr ich konsumieren kann, desto freier bin ich. Dieses quantitative Verständnis von Freiheit – nach der Maxime „Je mehr, desto besser!“ – hat aber seine Tücken. Die Natur ist dieser Logik zufolge ein beliebig zu bearbeitender Gegenstand, wenn nicht sogar Widerstand zum eigenen Freiheitsverlangen, den man durch Technik bändigen muss. Wer seine Optionen maximieren will, muss Um- und Mitwelt kontrollieren, um deren störenden Einfluss zu minimieren. Mitmenschen – etwa jene, die mit leeren Händen aus anderen Teilen der Welt zu uns kommen – erscheinen in diesem Modell als potenzielle Gefährder der eigenen Freiheit und Güter. Das Diktat einer rein quantitativen Freiheit spielt daher denen in die Hände, welche Freiheit nicht zu, sondern von Verantwortung und Bindung anstreben. Das Loblied auf die Freiheit verkommt so schnell zu einer Hymne an die niederen Instinkte; dem Liberalismus droht der moralische Kältetod. Wer Freiheit allein zur Verteidigung bereits etablierter Freiräume oder Besitzstände willen verficht, der oder die wird die offene Gesellschaft aufgeben, sobald sich diese Interessen mit anderen Regierungs- und Gesellschaftssystemen besser realisieren lassen.

Wir sollten uns daher dringend von der stupiden Armut des Optionenzählens lösen, um für den wahren Reichtum der Freiheit empfänglich zu werden. „Je besser, desto mehr!“ – unter dieser Maxime einer qualitativ bewerteten Freiheit sollten wir bessere gegenüber schlechteren Freiheiten priorisieren, bevor wir uns ans Vermehren von Optionen machen. Freiheit, meine ich, hängt primär an der Klasse und nicht an der Masse unserer Chancen. Qualitatives Abwägen kommt vor quantitativem Abwiegen!

Nicht rechnen, werten!

Unsere Vernunft rechnet bei der Freiheit nicht, sie urteilt; sie misst nicht, sondern wertet. So zeigt sich wahre Freiheit oft im Reduzieren von Optionen; weniger kann zwar niemals mehr, wohl aber bisweilen besser sein. Privat machen wir von dieser Einsicht vielfach Gebrauch. Eine Ästhetik der Demut, Bescheidenheit und Genügsamkeit zieht bereits weite Kreise: Was wir essen und trinken, wie wir uns kleiden und wohin wir reisen oder wie wir uns fortbewegen, wird von vielen schon lange nicht mehr im Sinne eines ständigen „höher, schneller, weiter“, sondern zusehends unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit entschieden. Individuell. Aber gesellschaftlich? Da wird es knifflig. Wie sollten wir politisch miteinander füreinander festlegen, welche Freiheiten mehr oder weniger sinnvoll sind? Lässt sich da Paternalismus überhaupt vermeiden? Wessen Freiheiten haben Vorrang, wenn die Freiheit der einen mit den Freiheiten der anderen kollidiert?


Freiheit ist uns nicht nur gegeben, sondern im Namen und Interesse aller Weltbürger aufgegeben


 

Vom Partikularen zum Universellen

Ich meine: Wir müssen endlich ernst damit machen, dass nicht die Partikularität – unser Geschlecht, Stand, unsere Einkommensklasse, ethnische oder religiöse Zugehörigkeit etwa –, sondern die Personalität unserer Existenz – unsere Fähigkeit, Autoren unserer eigenen Biografien zu sein – unser Anrecht auf Freiheit begründet. Wenn uns allen aber Freiheit zusteht, weil und insofern wir Personen sind, dann steht sie allen Personen zu – auch weit entfernt lebenden Menschen und zukünftigen Generationen. Und deshalb folgt aus der qualitativen Formel „Je besser, desto mehr!“: Je intensiver unsere individuelle Freiheit mit universeller Freiheit – den Freiheiten aller Personen – harmoniert, desto mehr entspricht sie der eigentlichen Idee der Freiheit; und daraus folgt: Umso stärker sollten wir sie schätzen, schützen und stärken. Die entscheidende Frage der Freiheitsphilosophie lautet daher nicht, wie viele, sondern welche und wessen Freiheiten wir zuhöchst und zuerst sichern sollen. Und die Antwort auf jene Frage findet sich, wenn wir individuelle Selbstbestimmung mit weltbürgerlicher Verantwortung verschränken. Freiheit wird zwar um ihrer selbst willen gesucht, kann sich aber nicht selbst genügen. Wir müssen frei sein, um uns zu binden, aber wir müssen uns auch binden, um wahrhaft frei zu bleiben. In einer ökologisch ruinierten Welt geht es nicht besonders freiheitlich zu. Und wer sich nicht an Werte und Regeln zu binden weiß, versinkt im Chaos seiner Triebe. Ohne bestimmte kulturelle Formen und soziale Normen verkümmert der Mensch, und seine Freiheit verkommt.

Autonomie als Aufgabe

Wo Freiheit von ihrer Idee her individuelle auf universelle Freiheit verweist, führt dies zu einer Neubewertung der Forderung nach moralischer, sozialer und ökologischer Nachhaltigkeit. Von qualitativer Warte aus betrachtet reduziert die Forderung nach globaler und intergenerationaler Verantwortung unsere Freiheit keineswegs, sondern – sofern und insoweit sie dabei der Freiheit aller Personen dient – realisiert vielmehr die liberale Grundidee. Denn Freiheit ist uns nicht nur gegeben, sondern im Namen und Interesse aller Weltbürger aufgegeben. In der Tat: Freiheit verpflichtet! – Darin liegt die Bürde sowohl als auch die Würde unserer Autonomie. Die Idee der qualitativen Freiheit ist daher, kurz gesagt, eine, die ihre weltbürgerliche Verantwortung nicht meidet, sondern sucht. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 5
/ 2018