Maskuliner Trotz


In dem Medien sind es vor allem Männer, die eine Lockerung des Lockdowns fordern. Das ist kein Zufall. Ein Denkanstoß von Philipp Hübl.


Auf den Straßen Berlins zeigt sich immer dasselbe Bild: Die meisten Menschen achten auf Abstand und spazieren in Schlangenlinien umher. Doch ein bestimmter Typ Mann macht da nicht mit. Schon von weitem erkennbar am forschen Schritt läuft er in der Mitte des Bürgersteigs und weicht keinen Millimeter zur Seite. Die Vorsicht der anderen ist für ihn ein Affront, dem er mit Spott und Aggression begegnet, obwohl der Aufwand auszuweichen minimal wäre. Dieses distanzlose Verhalten hat mehrere Gründe. Einerseits sind Männer risikoaffiner und neigen mehr zur Selbstüberschätzung, wie die Forschung zeigt. Auch in Anbetracht von Corona sorgen sich Männer deutlich weniger um ihre Gesundheit als Frauen, obwohl sie in vielen Ländern doppelt so oft durch die Infektion sterben. Frauen sind ohnehin gesundheitsbewusster als Männer und waschen sich zum Beispiel nachweislich doppelt so oft die Hände nach dem Toilettengang.

Der tiefere Grund für die renitenten Männer auf der Straße lautet allerdings: Es geht um ihre moralische Identität. Sie empfinden die Regeln als Einschnitt in ihre Freiheit. Von anderen wollen sie sich nichts sagen lassen, vom Staat schon gar nicht. Prototypisch für dieses Renegatentum ist der ehemalige Volksbühnen-Intendant Frank Castorf, der jüngst im Spiegel-Interview konstatierte: „Ich möchte mir von Frau Merkel nicht sagen lassen, dass ich mir die Hände waschen muss“. Es ist kein Zufall, dass in den Medien vor allem Männer die Lockerungen des Lockdowns fordern und auf unsere verbrieften Grundrechte pochen.


Der wirtschaftliche Erfolg des Westens geht mit einer ‚Feminisierung‘ der Werte einher


 

Neben guten Gründen gibt dabei ihr spezielles Freiheitsverständnis den Ausschlag. Freiheit ist allen Menschen wichtig, aber sie verstehen nicht dasselbe darunter. Liberale und Wähler rechts der Mitte (deutlich mehr Männer) fassen Freiheit eher im negativen Sinn auf, als „Freiheit von Zwang“: von einem zu großen Einfluss des Staates auf das Individuum und die Wirtschaft.

Die Progressiven links der Mitte (deutlich mehr Frauen) sehen Freiheit eher positiv als „Autonomie“: Sie wollen, dass der Staat eingreift, um die freie Entfaltung besonders der Schwachen zu schützen. Während die Liberal-Konservativen die Abstandsregeln als Zumutung empfinden wie ein Fleischverbot oder ein Tempolimit, sehen die Links-Progressiven darin sinnvolle Regeln zum Schutz des Lebens. Die Männer auf der Straße verwechseln Freiheit mit Trotz. Den Liberal-Konservativen passiert das auch oft. Und sie übersehen, dass der wirtschaftliche Erfolg des Westens mit einem progressiven Wandel einhergeht, einer „Feminisierung“ der Werte, wie Politologen sagen: hin zu mehr Solidarität und Schutz für Minderheiten. Noch allgemeiner, mit Norbert Elias ausgedrückt: zivilisatorischen Fortschritt gibt es nur mit Selbstzwang und Langsicht. Auch auf der Straße. •

Erstveröffentlicht am 19.05.2020

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