„Man muss nicht reisen, um kosmopolitisch zu sein“


Die Paradoxien der Gegenwart zeigen sich aktuell deutlicher denn je, meint der Politologe Ivan Krastev. Ein Interview über die Lehren aus der Coronakrise.

Das Gespräch führte Dominik Erhard


Herr Krastev, eine der Paradoxien der Pandemie, die Sie in Ihrem Buch benennen, lautet: Das Virus ist zwar ein Produkt der Globalisierung, führt gleichzeitig jedoch zu einer Deglobalisierung. Was bedeutet das für den internationalen Waren- und Informationsaustausch?

Die Coronakrise mutet im Vergleich zu anderen Krisen erstmal relativ globalisierungsfreundlich an. Sie unterstreicht die Bedeutung weltumspannender Unternehmen, im Gegensatz zu Kriegen wenden sich keine Nationen gegeneinander und anders als bei lokalen Naturkatastrophen betrifft sie uns alle. Die Tatsache, dass wir dennoch keine global koordinierten Maßnahmen einleiten konnten, stellt die Fähigkeiten unser politischen Führungen in Frage. Auch wenn es noch zu früh ist, um über die Folgen dieser Pandemie für die Globalisierung zu sprechen, ist es wahrscheinlich, dass sie zu einer Deglobalisierung sowie zu mehr Nationalismus führen wird.

Die nationalistischen Tendenzen, die wir in Europa seit der Flüchtlingskrise beobachten, werden sich also weiter verstärken?

Während das „Wir“ in der sogenannten „Flüchtlingskrise“ mittels kultureller Kategorien wie Herkunft und Kenntnis der Sprache gedacht wurde, tritt aktuell etwas völlig anderes in den Fokus. Die Frage ist nicht mehr: „Wer wurde hier geboren?“, sondern: „Wer ist gerade hier?“ So machte etwa die portugiesische Regierung zeitlich begrenzt keine Unterscheidung zwischen Asylsuchenden und Bürgern. Wir können uns den Luxus des Ausschließens schlicht nicht mehr leisten.

Bedeutet das auch, dass autoritäre Regime nicht so stark von dieser Krise profitieren, wie viele erwartet haben?

Grundsätzlich funktionieren autoritäre Regime gut im Krisenmodus – allerdings nur, wenn sie die Krisen selbst produziert haben, sich also aussuchen können, auf welche sie reagieren wollen, wie es Carl Schmitt ausdrückt. Doch die Coronakrise ist anders. Sie war einfach da und zwar – was wichtig ist – für alle in vergleichbarem Maß. Das Virus erzeugte die Illusion, man könne die Effizienz von Regierungen objektiv vergleichen, indem man sich einfach die Zahlen ansieht. Darüber hinaus ist zu beachten, dass Diktatoren eher mit Angst als mit Furcht arbeiten. Erstere ist abstrakter. Wenn Menschen von diffusen Ängsten geplagt werden, wollen sie jemanden, der ihnen zuhört und ausspricht, was sie denken. Wenn es allerdings eine ganz konkrete Furcht gibt, wie aktuell jene vor einer Ansteckung, herrscht der Wunsch vor, dass sich jemand um das eigene Wohl kümmert. Etwas, worin Diktatoren nicht besonders gut sind.

Grundsätzlich funktionieren autoritäre Regime gut im Krisenmodus – allerdings nur, wenn sie die Krisen selbst produziert haben


 

Womit wir bei der Fürsorge wären. Ihrer Meinung nach ist es der EU nicht gelungen, ihre Mitglieder durch koordinierte Maßnahmen zu schützen. Was bedeutet das für ihre Zukunft?

Die Isolation vieler europäischer Staaten hat deutlich gemacht, dass der Nationalstaat kein wirtschaftlich tragfähiges Modell mehr ist. In Deutschland zeigte sich das unter anderem in der Abhängigkeit von osteuropäischen Erntehelfern; in anderen Ländern von ausländischer Medizintechnik. Paradoxerweise könnte also die Angst vor Tendenzen der Deglobalisierung die europäische Idee wirksamer festigen als das Vertrauen in die Globalisierung, die wir so lange erlebt haben.

Auf lange Sicht könnte Covid-19 die EU also mit Zusammenhalt und Solidarität infiziert haben?

Nicht nur die EU, auch den Rest der Welt. Neben all den verheerenden Folgen dieser Pandemie ist ein wirklich positiver Faktor, dass sie eine der größten optischen Täuschungen des 21. Jahrhunderts korrigieren kann: Dass man reisen muss, um kosmopolitisch zu sein. Denken Sie an Kant. Er hat seine Heimatstadt Königsberg nie verlassen und war einer der wichtigsten Denker des Weltbürgertums. Die Monate zu Hause haben uns näher zusammengebracht, weil wir zum ersten Mal in der Geschichte durch unsere Geräte alle gleich weit voneinander entfernt waren. Es ist jedoch entscheidend, dass wir eine gemeinsame Erzählung für diese Zeit finden und ihre Außergewöhnlichkeit nicht vergessen, was bei Pandemien schnell passiert.

Weshalb ist das so?

Da es keine Feinde und keine Helden gibt, ist es sehr schwierig, eine gute Erzählung zu finden. Deshalb verschwinden Pandemien oft aus dem kulturellen Gedächtnis. Das zeigt sich nicht nur am Beispiel der Spanischen Grippe, an die man sich kaum erinnert, wenn man über die größten Katastrophen des 20. Jahrhunderts spricht, obwohl ihr vermutlich 500 Millionen Menschen zum Opfer fielen. Wir haben eine Zeit erlebt, in der nichts passiert ist und sich dennoch alles verändert hat. Das nicht zu vergessen und es gleichzeitig als Chance zu sehen, wird unsere größte Herausforderung sein. •

Erstveröffentlicht am 24.06.2020

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