Kontrakt und Koitus

Kann aus mehr Bindung größere Freiheit resultieren?
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Ausdrückliche Zustimmung beim Sex gehört zu den Kernforderungen der #metoo-Bewegung. Kritiker befürchten deshalb einen neuen Puritanismus. Dabei trifft das Gegenteil zu. Ein Plädoyer.

Von Nils Markwardt



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Nils Markwardt

ist leitender Redakteur des Philosophie Magazins. Veröffentlichungen u. a. „New Deal, bitte! Reden über die Flüchtlingskrise“ (Hanser, 2016)

Glaubt man den Kritikerinnen Kritikern der #metoo-Bewegung, erleben wir gerade eine Dialektik der feministischen Aufklärung. Hat der Feminismus einst die sexuelle Revolution befeuert, für Freizügigkeit und Libertinage gestritten, ist er mittlerweile zum Vorreiter eines „neuen Puritanismus“ geworden und spielt „Moralaposteln oder religiösen Extremisten in die Hände“: So lautete etwa der Vorwurf von Catherine Deneuve und weiteren 99 französischen Frauen in einem offenen Brief Anfang dieses Jahres. Und auch in Deutschland wird immer wieder polemisch davor gewarnt, man(n) könne zukünftig wohl keine Komplimente mehr verteilen, ohne als potenzieller Vergewaltiger zu gelten. Befeuert wird dieser Vorwurf durch das neue deutsche Sexualstrafrecht, das Ende 2016 eingeführt wurde. Die entscheidende Neuerung, ähnlich wie bei vergleichbaren Gesetzesverschärfungen in Kalifornien oder Schweden, besteht darin, dass sich nicht erst strafbar macht, wer einem anderen Gewalt zufügt, sondern wer gegen dessen Willen sexuelle Handlungen an ihm vornimmt. In Zweifelsfällen muss deshalb nun das explizite Einverständnis des Gegenübers eingeholt werden.

Erzeugt die #metoo-Kampagne also eine neue Verklemmtheit? Führt die Forderung nach expliziter Einvernehmlichkeit, die durch das neue Recht jetzt auch gesetzlich verbürgt ist, zu einer Bürokratisierung des Sexes und befördert damit das Verschwinden von Verführung und ambivalenter Erotik? Die Antwort lautet: nein. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Richtig verstanden besitzt die Kultivierung des expliziten Konsenses eine doppelt emanzipatorische Funktion. Ein solch sexueller Kontraktualismus wäre nicht nur ein weiterer Schritt zur Gleichberechtigung der Geschlechter, sondern auch ein Hebel zur finalen Befreiung des Begehrens. Und zwar für Frauen und Männer.

Gewiss, dass ein Wille missachtet wurde, wird in der konkreten Rechtspraxis ungleich schwerer zu beweisen sein als ein Gewaltakt, der erkennbare Spuren am Opfer hinterlässt. Ob das neue Gesetz mithin zu mehr Verurteilungen führt, bleibt ebenfalls zweifelhaft. Und ja, es ist auch klar, dass der demokratische Rechtsstaat das so sensible wie intime Feld der Sexualität nicht lückenlos regeln kann. Doch Gesetze sind nicht nur zum Bestrafen und Regeln da, sie verändern auch gesellschaftliche Werte – und damit wären wir beim entscheidenden Punkt. Das Recht vermag hier als Katalysator eines Kulturwandels zu dienen, den wir, genau das zeigen die #metoo-Debatten, so dringend brauchen. Mit der verstärkten Betonung der expliziten Einvernehmlichkeit hebt das neue Gesetz den Konnex von Kontrakt und Koitus ins gesellschaftliche Bewusstsein und gibt so den überfälligen Anstoß für einen kollektiven Sexualvertrag.

Ein sexueller Gesellschaftsvertrag wäre der Hebel zur finalen Befreiung des Begehrens


 

Ein solch kollektiver Kontrakt hat nichts mit einem Papier zu tun, das zwei Parteien unterschreiben müssen, ebenso braucht es kein öffentliches Bekenntnis. Vielmehr funktioniert der Kontrakt im Sinne des Gesellschaftsvertrags, wie ihn zum Beispiel Thomas Hobbes entwickelt hat. In seinem 1651 erschienenen Hauptwerk „Leviathan oder Wesen, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Gemeinwesens“ zeigt er, dass das gesellschaftliche Zusammenleben nur dann möglich ist, wenn die Individuen einen wechselseitigen Vertrag abschließen. Um Frieden und Sicherheit herzustellen, muss der Einzelne sich freiwillig selbst beschränken und bestimmte Freiheitsrechte an den Staat abtreten – denn nur so kann der Naturzustand des kriegerischen „jeder gegen jeden“ beendet werden. Im philosophischen Kontraktualismus ist der Vertrag folglich einer, der zwischen freien, gleichen und autonomen Individuen getroffen wird und gleichwohl eine metaethisch motivierte Verbindlichkeit besitzt. Meint: Die wechselseitige Bindewirkung des Vertrags ergibt sich nicht aus einer juristischen Verpflichtung so wie bei normalen Verträgen, sondern aus den rationalen Gründen, die für den kollektiven Kontrakt angeführt werden.

In Bezug auf einen kollektiven Sexualvertrag besteht der erste rationale Grund zur Zustimmung darin, dass er einer zivilisatorischen Selbstverständlichkeit zur Normalität verhilft – nämlich dass sexuelle Avancen im gegenseitigen Einverständnis geschehen und nicht von einer Partei als übergriffig empfunden werden. Vor dem Hintergrund der Tatsache, dass eben dieser Konsens offenbar längst noch nicht im gesellschaftlichen Bewusstsein installiert ist, ist die Etablierung des expliziten Konsensprinzips als „regulativer Idee“ schlichtweg eine gesellschaftspolitische Notwendigkeit. Immanuel Kant bezeichnete jene Prinzipien als regulativ, mit der die Vernunft „das Besondere aus dem Allgemeinen abzuleiten“ vermag. Und das hieße in diesem Fall: Es geht darum, den Schutz des sexuellen Selbstbestimmungsrechts nicht nur juristisch, sondern eben auch alltagspraktisch als Leitwert zu verankern. Das Recht vermag sexuelle Übergriffigkeit im Nachhinein zu ahnden. Ein Kontraktualismus, der sich an diesem Leitwert orientiert, lässt sie überhaupt nicht erst entstehen.

Die Notwendigkeit des freien Spiels

Bleibt noch die Frage: Kontrakt und Koitus, ist das nicht zumindest in erotischer Hinsicht ein Widerspruch in sich, ein buchstäblicher Liebestöter? Lebt lustvolle, befreite Sexualität nicht gerade von dem Spiel mit Beherrschung und Unterwerfung, von Exzess und Transgression? Das tut sie zweifellos. Aber die Betonung liegt hier eben fundamental auf dem Spiel. Setzt man voraus, dass sexuelle Freizügigkeit nur da wirklich ausgelebt werden kann, wo sie buchstäblich zwanglos ist, braucht sie eine Kultur des Konsenses. Ganz banal gesagt: Tiefe Dekolletees können vor allem dann getragen werden, wenn klar ist, dass sie keine Einladung zum ungefragten Antouchen darstellen.

Explizite Einvernehmlichkeit ist erotisches Atmosphärendesign im besten Sinne


 

Auch ambivalente Erotik und sexuelle Exzesse vermögen nur dann vollends ausgelebt zu werden, wenn sie sich auf explizites Einvernehmen stützen. Verspürt jemand etwa lustvolle Unterwerfungsfantasien, muss sie oder er sich sicher sein, dass der andere dabei bestimmte Grenzen nicht überschreitet oder ein Safeword respektiert. Die lustvolle Asymmetrie im Sexuellen benötigt die soziale Symmetrie der Geschlechter. Und genau darin liegt der zweite Grund, den Koitus kontraktualistisch zu denken. Er bedeutet keine Regression zum Blümchensex, sondern im Gegenteil: Es ist die Voraussetzung für lustvolle Transgression. Tatsächlich steht beispielsweise die BDSM-Szene, in der Bondage, Auspeitschen und sadomasochistische Rollenspiele zur Hardware sexueller Praktiken gehören, in einer guten alten kontraktualistischen Tradition. Immerhin verfügen Severin von Kusiemski und Wanda von Dunajew, die beiden Protagonisten von Leopold Sacher-Masochs berühmter Novelle „Venus im Pelz“ (1870), sogar über einen tatsächlichen Vertrag, der ihre dominant-submissive Beziehung zum beiderseitigen Lustvorteil regelt. Der Vertrag ist hier buchstäblicher Ausdruck der praktischen Vernunft, da sich dank ihm beide gleichermaßen autonom wie dialektisch zu einem sexuellen Ganzen fügen. Entsprechend verteidigte der französische Philosoph Gilles Deleuze in seinem 1968 erschienenen Aufsatz „Sacher-Masoch und der Masochismus“ die im Werk des österreichischen Schriftstellers vorgeführte Logik des Begehrens gegen einen allzu schnellen Kurzschluss mit brutalem Sadismus. Für die Libertins im Werk Marquis de Sade, dem Namensgeber des Sadismus, bestand die Lust am Strafen nämlich dezidiert darin, dass ihre Opfer tatsächlich leiden. Bei Sacher-Masoch ist es hingegen genau umgekehrt. Beherrschung und Unterwerfung funktionieren hier komplementär, sie sind die beiden Pole einer sich gegenseitig steigernden Lust.

Die #metoo-Bewegung und das Insistieren auf explizite Einvernehmlichkeit könnten also kaum anti-puritanischer sein. Den Koitus kontraktualistisch zu denken, ganz gleich ob beim konventionellen Sex, bei SM-Beziehungen oder irgendeiner anderen Praktik, ermöglicht erst die wahre Befreiung des Begehrens und ist erotisches Atmosphärendesign im besten Sinne: Alles geht, nichts darf aufgezwungen werden. Eigentlich ganz einfach, oder? •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2018