Kann Schlachten human sein?


Diese Frage steht nicht nur im Mittelpunkt des viel diskutierten Tierwohl-Labels. Sie betrifft alle, die Tiere lieben, aber trotzdem nicht auf ihren Verzehr verzichten wollen. Ein Besuch auf einem Schlachthof in Vermont

Von Jana C. Glaese / Fotos von Erika Larsen


Bevor ich sie sehe, höre ich sie. Hufe klackern auf Beton, dann auf Metall. Jetzt betritt die Kuh die Betäubungsbox. Die Edelstahlwände ragen hoch über ihren Körper. Gewehrt hat sich die Kuh nicht, als sie aus dem angrenzenden Stall geholt wurde. Aufgrund der besonderen Architektur des Gebäudes hat sie, so scheint es, keine Gefahr gewittert.

Durch ein großes Fenster sehe ich zu, wie das Tier nun folgsam seinen Kopf durch eine rechteckige Öffnung am vorderen Ende der Box schiebt. Sein Fell schimmert schwarz, genauso seine großen Augen.

Gleich wird die Mitarbeiterin seinen Hals mithilfe eines Metallstücks herunterdrücken, dann Kinn und Kiefer durch ein zweites Stück anheben. Als wäre es beim Zahnarzt, wird das Tier seinen Kopf in den Nacken legen. Es wird ihn nicht bewegen können, wenn die Bolzenpistole gegen seine Stirn presst.

Es ist ein kühler Freitagmorgen in Springfield, Vermont, fast 400 Kilometer nördlich von New York. Am Rande der Kleinstadt, in einer ehemaligen Ben & Jerry’s Fabrik, befindet sich der Schlachthof Vermont Packinghouse. Mit dem Betreiber, Arion Thiboumery, gehe ich über das Gelände. „Beim Wort Schlachthof haben die Leute einen Albtraum im Kopf“, sagt er. „Den sehen sie hier nicht.“

Fast wöchentlich führt Thiboumery Besucher, oftmals Schüler- oder Studentengruppen, durch den Betrieb. Sechs Fenster geben dabei den Blick auf die Innenräume frei, in denen die Tiere geschlachtet, zerlegt und verarbeitet werden. Das Prinzip: totale Transparenz. Nur Verbrechen ereignen sich im Dunklen, hinter hohen Mauern. Wer nichts zu verbergen hat, kann also auch nichts Falsches tun? Natürlich, sagt Thiboumery, würden hier Tiere getötet. „Aber wir machen es auf eine Weise, die ihnen gegenüber respektvoll ist.“

Die Entscheidung, einen Schlachthof zu eröffnen, traf er zum Ende seines Studiums in Agrarsoziologie und nachhaltiger Landwirtschaft. Der 37-Jährige mit blondem Schnurrbart, Daunenweste, leicht in einem hippen Wanderladen vorstellbar, spricht bestimmt. Worum es ihm gehe, sei eine alternative Landwirtschaft, in der jede Region ihre Nahrungsmittel eigenständig und nachhaltig produziere. Bisher sei aber nicht nur der Anteil an Biohöfen minimal. Es fehle auch an Orten, wo diese ihre oft wenigen Tiere schlachten können.

Stattdessen stammt das meiste Fleisch aus der Massentierhaltung und -schlachtung. Ebenso wie in Deutschland gibt es in den USA einige wenige Unternehmen, die den Markt dominieren. „Für die bist zu klein, wenn du 100 oder 200 Schweine hast“, sagt Thiboumery. „Deren Prozesse sind gemacht für 1000 Schweine.“ In den USA schlachtet ein einziger dieser Großbetriebe über 20 000 Schweine pro Tag. Am Ende eines Jahres sind es über vier Millionen.

Im Vergleich dazu ist Thiboumerys Betrieb winzig – klein genug, wie der Chef betont, um sich um das Wohl der Tiere zu sorgen. Er und seine Mitarbeiter schlachteten an einem Tag höchstens 100 Schweine oder 50 Rinder, je nach Wochentag. „Wir haben hier keine Fließbandarbeit“, sagt er. Stattdessen könne sich das Team Zeit nehmen. Und die Tiere auch. Das sei das Wichtigste für eine humane Schlachtung. Den Tieren mit Ruhe zu begegnen, Rücksicht zu nehmen, wenn sie nervös werden, und sie nicht unter Druck zu setzen. Zur Beruhigung soll auch die Architektur des Hofes beitragen. Es gibt weder scharfe Ecken noch dunkle Gänge oder laute Geräusche, die Stress auslösen könnten. „Wir machen alles Mögliche“, so Thiboumery, „um ihnen eine sichere, angenehme Umgebung zu bieten.“

Kein Wunder, dass solche Ansinnen Aufmerksamkeit ernten. In Umfragen des deutschen Bundesministeriums für Landwirtschaft sagen 85 Prozent der Befragten, dass ihnen das Wohl der Tiere am Herzen liege. Gleichzeitig essen in Deutschland rund 96 Prozent der Bevölkerung Fleisch; 2017 waren es im Durchschnitt 87,8 Kilo. In den USA lag der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch im selben Jahr bei 98,4 Kilo. Motto: Ich liebe Tiere. Aber essen will ich einige von ihnen trotzdem.

Auf dem Papier ist die Tötung in beiden Ländern schon jetzt reguliert – in den USA seit 1958 durch das „Gesetz zu humanen Schlachtmethoden“ und in Deutschland über die nationale sowie europäische Tierschutz-Schlachtverordnung. Diese formulieren Anforderungen sowohl für Umgang und Ausstattung als auch für Betäubungs- und Tötungsverfahren in den Schlachthöfen. Tiere sollen durch eine, wie es im US-Gesetz heißt, „schnelle und effektive“ Betäubungsmethode in einen Zustand der „Schmerzunempfindlichkeit“ versetzt und ihr Unwohlsein vor der Betäubung soll auf „ein Minimum“ reduziert werden.


„Wenn Tiere ein gutes Leben hatten und die Tötung leidfrei geschieht, ist sie womöglich vertretbar“
— Peter Singer, Philosoph


 

Oftmals werden diese Regulierungen aber missachtet. Beispielsweise, wenn Tiere trotz Verletzung transportiert oder bei Bewusstsein geschnitten werden. Auch greifen die Regeln an vielen Stellen zu kurz, kritisieren Tierschutzverbände. Nicht nur, weil sie schmerzhafte Verfahren wie eine hoch dosierte CO2-Betäubung zuließen, sondern auch weil viele Forderungen vage gehalten und kaum kontrolliert würden – so wird auch das Label von Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner als freiwilliges „Wischi-Waschi“-Siegel kritisiert. Besonders Bioverbände, beklagte die Zeitschrift Schrot & Korn 2014, müssten bei der Schlachtung höhere Ansprüche an den Tierschutz stellen.

Wann ist eine Tötung vertretbar?

Mit Rückgriff auf Begriffe wie „humane“, „stressfreie“ oder „schonende“ Schlachtung versprechen neue Initiativen, dass die Tötung von Tieren kein leidvoller Akt sein muss. Bei allen Unterschieden vereint sie der Glaube, dass sich Tierschutz und Tierverzehr verbinden lassen.

Attraktiv ist eine schonende Schlachtung zudem aus einem weiteren, ganz pragmatischen Grund: Die Fleischqualität ist schlichtweg besser. Zwar ist der Faktor Stress weitaus weniger wichtig als Haltung und Nahrung. Aber zu viel davon kann ein gutes Stück Fleisch ruinieren. Humanes Schlachten ist mithin auch eine Form optimaler Wertschöpfung.

Nichts von alldem ändert allerdings, dass den Tieren das Leben genommen wird. Für Kritiker dienen solche Initiativen nicht dem Tierschutz, sondern der Beruhigung des eigenen Gewissens. Durch schlaues Marketing soll ein gewaltsamer Akt normalisiert werden für eine Gesellschaft, die hohe moralische Ansprüche an sich selbst stellt, aber nicht auf Fleisch verzichten möchte.

Und so wirft die Diskussion um eine humane Schlachtung grundlegende, philosophische Fragen auf: Gibt es Bedingungen, unter denen die Tötung von Tieren ethisch vertretbar ist? Oder ist es grundsätzlich falsch, Tiere zu töten? Und gelten, wenn wir diese Frage beantworten, andere ethische Kriterien als für die Tötung von Menschen?

„Ganz gleich, welches die Natur des Wesens ist, das Prinzip der Gleichheit erfordert, dass sein Leiden ebenso gilt wie ähnliches Leiden (…) eines anderen Wesens“, schreibt Peter Singer in „Animal Liberation“. Das Buch, erstmals erschienen 1975, gilt als ein Gründungstext der Tierbewegung. Der australische Philosoph knüpfte damals an die Bürgerrechts- und Schwulenbewegung an. Nachdem die willkürlichen Grenzen zwischen den Geschlechtern und „Rassen“ aufgehoben würden, erklärte er, sei es an der Zeit, ebenso die Tiere in die Moral einzubeziehen.

Ich erreiche den 72-Jährigen in Princeton, Heimatstadt der gleichnamigen US-amerikanischen Universität, an der er seit langem lehrt. „Was mich wirklich interessiert, ist, was ein Tier fühlen kann“, betont er. „Was empfindet es?“ Moralisch relevant sei zuallererst die Leidfähigkeit. Ungeachtet der Spezies. Auch unsere Mitmenschen achteten wir nicht nur dann, wenn sie intelligent oder sich ihrer selbst bewusst sind, sondern schlicht, weil sie fühlen. Für den Utilitaristen heißt richtig zu handeln zuallererst, Glück zu fördern und Leid zu vermeiden. „99 Prozent der Tiere, die in diesem Land gegessen werden, vegetieren aber unter schrecklichen Bedingungen vor sich hin“, so Singer. Eine solche Behandlung verstoße ganz und gar gegen das Gebot der Leidvermeidung. Was aber wäre, wenn die Haltungs- und Schlachtungsbedingungen bessere wären? Das, meint Singer, sei eine schwierige Frage. „Wenn Tiere ein gutes Leben hatten und die Tötung augenblicklich und leidfrei geschieht“, sagt er, „ist es womöglich vertretbar, sie zu töten.“

Die deutsche Philosophin Hilal Sezgin findet so eine Argumentation absurd. „Das Töten eines Tieres wird doch nicht dadurch richtig, dass ich sein Leiden im Leben reduziere“, sagt sie mir. Mit den Rechten von Tieren beschäftigt sich Sezgin nicht nur theoretisch. Die freischaffende Autorin beherbergt auf ihrem Hof in der Lüneburger Heide eine Herde von Schafen, Hühner und andere Tiere – ganz ohne Zweck. In ihren Texten, darunter das Buch „Artgerecht ist nur die Freiheit“, argumentiert sie gegen jegliche Nutzung von Tieren und für eine vegane Lebensweise.

Das Prinzip der Leidvermeidung, das Singer vertritt, greife ihr viel zu kurz, sagt Sezgin. „Das gute Leben besteht doch nicht nur darin, Angst und Schmerz zu verhindern“, wirft sie ein, „sondern es geht fundamental auch darum, die Welt zu erfahren.“ Ein Tier wolle nicht nur satt sein, sondern auch Nahrung suchen; nicht nur unversehrt, sondern auch in Gesellschaft von Artgenossen sein. Diese Bedürfnisse, sagt Sezgin, dürften wir nicht einfach unseren menschlichen Interessen opfern.


Von der Höhe der Wände bis zu den Windungen der Gänge ist die Gestaltung der Räume im Schlachthof Vermont
Packinghouse auf die Bedürfnisse der Tiere abgestimmt


 

Wäre eine Tötung dann aber nicht vertretbar, wenn all diese Bedürfnisse durch eine artgerechte Haltung geachtet würden? Nein, insistiert Sezgin. „Es ist doch trotzdem eine Tötung von jemandem, der leben will.“ Sobald man zugestehe, dass jemand glücklich sein kann, sagt sie, beinhalte das doch, dass dieser Jemand sein Leben wertschätze. „Wir hören zu früh mit dem Denken auf.“ Die Frage müsse sein, ob das Leben für das Tier selbst von Wert sei oder nicht. „Und es ist von Wert.“

Ursula Wolf, Professorin für Philosophie an der Universität Mannheim, teilt weder Sezgins noch Singers Sicht. „Die Rede von Werten ist mir suspekt“, sagt sie mir. „Das Wesen selbst hat keinen Begriff vom Wert seines Lebens.“ Und was wir Menschen damit meinten, sei oft strittig und schwer nachweisbar.

Wolf plädiert wie Singer dafür, sich auf die Leidensfähigkeit zu konzentrieren. Damit stünde eine Ethik auf der Grundlage beobachtbarer Bedürfnisse. Allerdings, betont sie, dürfe Leid nicht allein als Schmerz oder Angst verstanden werden, wie es im Utilitarismus üblich sei. Das sei verkürzt. Es gehe durchaus auch um seelische und soziale Bedürfnisse, wie das der Mutterkuh, ihr Kalb zu umsorgen.

Was aber folgt aus dieser Position? Ist das Töten von Tieren für Wolf legitim?

„Bei Säugetieren würde ich mich dagegen aussprechen“, antwortet Wolf. Schließlich seien die nicht einfach „Gegenwartsgeschöpfe“. Säugetiere seien so hoch entwickelt, dass sie Wünsche und Pläne für die Zukunft haben – ein Eichhörnchen kann Nüsse für den Winter vergraben, ein Hund auf sein Herrchen warten, ein Schwein entwickelt Tricks zur Nahrungssuche. Nicht explizit, aber faktisch beziehen sich die Tiere auf ihre Zukunft, signalisieren einen Wunsch, diese zu erleben. Wolle man ein Wesen in seinen Zukunftswünschen respektieren, dann dürfe man „höhere Tiere“ daher eigentlich nicht töten.

Ein weiteres, gewichtiges Argument gegen das Töten greife bei Tieren allerdings nicht, gibt Wolf zu bedenken. Wäre das Töten unter Menschen erlaubt, würden wir ständig in Angst und Schrecken leben. Bei Tieren hingegen entfalle das Problem. „Sie haben keine Vorstellung davon, dass der Mensch sie nachher abschießen wird.“

Letztlich formulieren weder Singer noch Wolf ein striktes Tötungsverbot, betonen aber das Gebot der Leidvermeidung als notwendiges Kriterium. Woran sich die ganz praktische Frage anschließt: Ist es überhaupt möglich, Tiere leidfrei zu schlachten? Gemeinsam mit Thiboumery betrete ich den Stall. Hier verbringen die Tiere ihre letzte Nacht. Die weiße Scheune mit halbrundem Dach ist an zwei Seiten offen, sie selbst durchzieht eine u-förmige Gasse, von der mehrere große Boxen abgehen. Dort sind jeweils Tiere aus einer Herde untergebracht, bevor sie am nächsten Tag über einen schmalen Gang am Ende der Gasse in den anliegenden Schlachtraum geleitet werden.

Was fühlt ein Tier?

Das Design für Thiboumerys Schlachthof stammt von Temple Grandin, Tierwissenschaftlerin, Autistin und eine Art Guru der Tierindustrie. Grandin betont in ihren Büchern, ihr Autismus helfe ihr, Tiere zu verstehen. Ähnlich wie Tiere denke sie in Bildern anstatt in Worten.

Die Höhe der Wände, der rutschsichere Boden, die Aufteilung der Boxen, die Windung der Gänge – all das ist abgestimmt auf die Instinkte der Tiere, um Stress zu vermeiden. Zum Beispiel haben Kühe, da ihre Augen seitlich am Kopf liegen, Schwierigkeiten, Tiefe zu sehen. Also gibt es Kurven, keine scharfen Ecken. Weil es sie verunsichert, in dunkle Räume zu gehen, wird die Scheune durch Tageslicht und zusätzliche Lampen ausgeleuchtet. Das Design macht sich die Neigungen der Tiere aber auch zunutze. So suggeriert der bogenartige Gang, dass sie zum Eingang der Scheune zurückkehren anstatt in den angrenzenden Schlachtraum.

Kein Wunder, dass mittlerweile über die Hälfte aller Schlachthöfe in den Vereinigten Staaten Designs von Grandin nutzen. Ob es den meisten davon ebenso wie Thiboumery um das Tierwohl geht? Unwahrscheinlich. Immerhin wirbt Grandin auch ausdrücklich damit, dass ihre Designs Abläufe optimieren.

Thiboumery und ich stehen neben dem Gang, in dem gerade vier Tiere auf ihre Weiterleitung in den Schlachtraum warten. Plötzlich wird es lauter. Angestrengt dreht eine Kuh ihren Kopf und versucht, ihn rechts an der eigenen Schulter vorbei zurück Richtung Stall zu schieben. Sie will umkehren. Beruhigt Grandins Architektur doch nicht verlässlich? Die Kuh drückt, drängelt, die metallenen Wände bollern dumpf. Die vorgegebene 30-Zoll-Breite bietet genug Platz, um bequem zu stehen, aber zu wenig zum Drehen. Vor und zurück kann sie auch nicht, denn ein Gatter trennt sie vom Tier vor und hinter ihr. „Diese hier ist ein bisschen aufgeregt, sie mag die Box nicht.“ Thiboumery deutet auf die Kuh dahinter: „Aber der anderen ist es egal. Die Box ist in Ordnung.“

Ich stimme ihm innerlich zu. Die meiste Tiere wirken tatsächlich ausgesprochen entspannt. Doch kaum eine Stunde vergeht, da passiert es ein zweites Mal. In der Betäubungsbox wird ein Tier panisch. Es versucht, die hohen Wände zu erklimmen, und rutscht dabei mit einem Bein in die Öffnung, in die es eigentlich seinen Kopf schieben soll. Zwei Mitarbeiter versuchen das Tier zu befreien. Ohne Erfolg. Schließlich beugen sie sich über die hohen Wände in die Box hinein und versetzen dem Tier den Bolzenschuss.

Nennt man das nun Aufregung oder schon Leiden? Und überhaupt: Wie bewerten wir, was Tiere fühlen?

Am besten gar nicht, würden wohl Skeptiker sagen. Schließlich ist uns der Schmerz eines anderen nie unmittelbar zugänglich – und schon gar nicht der von anderen Spezies, die nicht in Worte fassen können, was in ihnen vorgeht. Und noch subjektiver, ließe sich anfügen, ist die Angst. Eine genauso gewichtige Ursache von Leiden.


Der Schmerz eines anderen ist uns nie unmittelbar zugänglich – schon gar nicht der von anderen Spezies


 

Jede Bewertung als eine vermenschlichende, verzerrende Projektion abzutun, überzeugt bei genauerem Hinsehen allerdings nicht. Tierwissenschaftler beschreiben sehr genau, wie sich Angst und Stress nach mindestens zwei Kriterien bemessen lassen. Einmal gibt es physiologische Indikatoren wie erhöhte Level an Kortisol, Beta Endorphin, Körpertemperatur oder Herzrasen. Zudem kommunizieren auch Tiere ihr Leiden durch Verhalten: Hinken bei Schmerz. Lautäußerungen, Zappeln oder Zurückschrecken bei Angst. Weil es keines besonderen Einfühlungsvermögens bedarf, um diese Signale zu erkennen, sind mehrere davon Teil gängiger Tierwohl-Überprüfungen. Um starkes Leid zu erkennen, muss man also kein Tier oder Temple Grandin sein.

Allerdings dienen diese Kriterien dazu, Extreme zu erfassen. Bis zu welchem Punkt aber ist Leid zumutbar? Ursula Wolf schlägt in ihren Texten vor, die Grenze zwischen einzelnen Momenten des Unbehagens und systematischem, also andauerndem, Leiden zu ziehen. Für die Philosophin sind Schlachthöfe, wie sie auf Nachfrage erklärt, ein Beispiel für systematisch erzeugtes Leid – wenn auch, wie im Falle von Vermont, auf niedrigerem Niveau. So seien kleinere Betriebe und kürzere Transportwege ohne Zweifel eine Verbesserung. Dennoch bleibe ein gewisser Stress bestehen. „Letztendlich“, sagt sie, „ist es das Gleiche nur in Klein.“

Thiboumery ist naturgemäß anderer Ansicht. Er erwähnt Studien, die zeigen, dass bei Tieren, die für Impfungen eingesperrt wurden, ein ähnlicher Grad an Stresshormonen gemessen wurde. Und die Tiere hier seien an Impfungen gewöhnt. Sie in diese kleine Box zu stecken, sagt er, sei also so stressig wie eine tierärztliche Behandlung.

Aber kann man überhaupt pauschal von den Tieren sprechen? Sind nicht auch sie im Grunde Individuen mit unterschiedlichen Wesenszügen? Eine Kuh wird panisch, eine andere nicht. Gerade für Tiere aus extensiver Weidehaltung, die wenig Kontakt mit Menschen haben, ist der Stress der Schlachtung höher.

Nutzung als Daseinsgrund

Ich frage nach bei Steve Schubart. Seine Rinder verbringen den gesamten Sommer und Herbst im Freien, bevor er sie für die Schlachtung nach Springfield fährt. „Am Ende des Jahres sind das im Grunde wilde Rinder“, sagt er am Telefon. „Ich kann vielleicht 20 Prozent von ihnen streicheln.“ Ist ein Transport nicht zu viel für seine Tiere? Sicherlich, sagt er, seien das Verladen, die zweistündige Fahrt und die unbekannte Umgebung Stressfaktoren. Er denke aber, dass Wasser, Heu und Ruhe diesen Stress minimalisieren.

Aber Stress hin oder her: Befürworter der Tiernutzung betonen, dass Gegner einen entscheidenden Punkt übersähen. Ohne den Menschen existierten viele Tiere gar nicht. Ihr Daseinsgrund ist ihre Nutzung. Berücksichtige man den Gewinn, der darin besteht, überhaupt zu leben, argumentiert beispielsweise der Essayist und Starautor Michael Pollan, dann lasse ein Utilitarismus à la Singer nur einen Schluss zu: Nicht Fleischverzicht, sondern -verzehr ist moralisch geboten. „Für domestizierte Wesen“, schreibt Pollan, „kann das gute Leben (…) nicht ohne unsere Farmen und damit unseren Fleischverzehr verwirklicht werden.“ Entsprechend hält es Pollan für legitim, die Interessen einzelner Tiere dem „Überlebensinteresse“ ihrer Gattung unterzuordnen. Sich auf das einzelne Tier zu fokussieren, möge zwar unserer Kultur des Individualismus entsprechen, schreibt er, nicht aber der Natur.

Ich frage Peter Singer, was er von dieser Argumentation hält. Zwar wendet er ein, dass es in Wahrheit kein Abkommen zwischen Tier und Mensch gibt – denn, kein Schwein hat die Möglichkeit, sich gegen seine Zucht zu entscheiden. In der Sache pflichtet er Pollan aber bei. Wenn Tiere nur durch den Menschen überhaupt existierten und gut gelebt hätten, sagt Singer, dann halte er ihre anschließende Tötung „womöglich“ für vertretbar. Darf eine utilitaristische Abwägung so weit gehen, dass sie Geburt gegen Zukunft aufrechnet? Hilal Sezgin findet, dass dieser Logik ein bizarrer Besitzgedanke innewohnt. „Nur weil ich jemanden durch einen Akt der Befruchtung ins Leben gerufen habe“, sagt sie, „heißt das nicht, dass er mir gehört.“

Kacey Knight hat kräftige Oberarme, trägt kniehohe Gummistiefel, eine lange Schürze, und, seitdem es vor einigen Wochen nach einem Schuss im Ohr summte, Ohrenstöpsel. Knight ist Mitarbeiterin auf Thiboumerys Hof. Bewegen sich die Kühe nicht, wie sie sollen, nimmt sie ein Plastikpaddel, das wie eine überdimensionale Fliegenklatsche aussieht, schwenkt es oder berührt die Tiere damit am Hintern. „Wenn du zu schreien anfängst, macht sie das nur nervöser“, erklärt sie mir. „Du machst einfach langsam, und manchmal musst du auf sie warten, weil sie sich nicht bewegen wollen.“

Die 32-Jährige geht hinüber in den Schlachtraum. Sie steht neben der Betäubungsbox und ist dabei, den Kopf einer Kuh für den Bolzenschuss zu fixieren, als ihr Kollege sie bittet zu warten. Es sei noch keine Kette frei, um das Tier aufzuhängen und auszubluten. Die Halsschlagader muss unmittelbar nach dem Bolzenschuss durchtrennt werden; erst dann gilt das Tier als unwiderruflich tot. Sie löst die Halterung wieder und wendet sich dem Tier zu. Mit der Hand fährt sie behutsam über sein Nasenbein. Mehrere Male. Schließlich bekommt sie das Signal, dass sie fortfahren kann.

Effizient ist oft humaner

Ich möchte wissen, wie Knight die Tötung der Tiere sieht. Findet sie das, was sie tut, human? „Ich mache es so gut, wie es eben geht“, sagt sie. „Es gibt keinen guten Weg, ein Tier zu töten.“ Sie fügt hinzu: „Aber jemand muss es ja tun. Und immerhin mache ich es mit Ruhe und Zuwendung.“ Das mag läppisch klingen. Aber im Vergleich zu dem, was der Politikwissenschaftler Timothy Pachirat in seinem Buch „Alle zwölf Sekunden“ beschreibt, mutet der Ablauf in der Tat human an. Pachirat arbeitete selbst sechs Monate in einem großen Schlachthof. Alle zwölf Sekunden – das ist das Tempo, das das automatisierte Förderband dort für die Tötung von 300 Tieren pro Stunde vorgibt.


Kacey Knight ist seit über vier Jahren Chefschlachterin auf dem Schlachthof Vermont Packinghouse


 

Eindrücklich beschreibt er den entfremdenden Effekt der Akkordarbeit. „Bei Leber Nummer 2394 oder Fuß Nummer 9576 ist es ziemlich egal, was da geschnitten, geschoren oder zerkleinert wird.“ Werde Effizienz erst einmal zur Priorität, werde es normal, die Tiere als Lebewesen zu ignorieren. Sie verwandeln sich in das, was der französische Philosoph René Descartes im 17. Jahrhundert in ihnen sah: Maschinen, gefühllose Gebrauchsgegenstände. Dass bei der Arbeit das Töten im Mittelpunkt stehe, schreibt Pachirat, verliere sich in der rasanten Routine und versetze die Arbeiter in einen „fast halluzinatorischen“ Zustand.

Doch Entschleunigung allein garantiert noch keine schonende Schlachtung, stelle ich bei meiner Recherche fest. Ende 2016 und 2017 kommt es im Schlachthof in Vermont mehrfach zu Fehlbetäubungen: Bolzenschüsse werden nicht richtig gesetzt, die Tiere bleiben bei Bewusstsein, und es muss mehrmals „nachbetäubt“ werden. Dass es unglaublich schmerzhaft sein muss, mit einem Bolzen im Kopf mehrere Minuten bei Bewusstsein zu bleiben, erklärt sich von selbst. Regulatorisch gelten wiederholte Fehlbetäubungen als „eklatanter Verstoß“ gegen das US-Schlachtgesetz.

Das Animal Welfare Institute (AWI), eine einflussreiche Tierwohl-Organisation mit Sitz in Washington D.C., erfasst solche Verstöße. Ihre Auflistung erstaunt mich. Ich finde darauf kaum große Schlachtbetriebe, dafür sehr viele kleine.

„Für ein Tier ist sehr viel wahrscheinlicher, in einem kleinen Betrieb inhuman behandelt zu werden“, bestätigt mir Dena Jones, Mitarbeiterin des AWI. „Da gibt es ein großes Gefälle.“ Der Grund sei, dass diese oft eine schlechtere Ausstattung hätten, sie seltener warteten und ihre Abläufe nicht standardisiert seien. Das sei auch in Vermont der Fall gewesen, sagt sie. Nun habe der Betrieb ja eine neue, sehr teure Betäubungsbox, die auch den Kopf der Tiere fixiere.

Sie halte große, effiziente Betriebe also für humaner?, hake ich nach. „Die effizientesten Betriebe schneiden beim Umgang mit Tieren tendenziell am besten ab“, sagt sie. „Und große Betriebe sind die effizientesten.“ Damit diene Effizienz- und Profitdenken einer besseren Behandlung der Tiere. Zumindest seitdem das Landwirtschaftsministerium in den letzten Jahren begonnen habe, strikter zu sanktionieren. „Nichts verlangsamt oder stoppt die Produktion mehr als inhumaner Umgang.“ Ein großes Unternehmen könne wegen eklatanter Verstöße immerhin bis zu einer halben Million US-Dollar pro Tag verlieren.

Schonung oder Täuschung?

Ob ihre Empfehlung also laute, bei Großschlachtereien zu kaufen, möchte ich wissen. Nein. Wenn Leute schon Fleisch äßen, dann bitte von Tieren aus artgerechter, nachhaltiger Landwirtschaft. Und damit zwangsläufig von kleinen Schlachthöfen. Die müssten unbedingt an sich arbeiten. Besser wäre es aber, meint sie, wenn die Tiere für die Tötung gar nicht den Hof verlassen müssten.

Das sagt auch eine kleine, aber wachsende Zahl an Landwirten. Sie wollen die Tötung auf Heimathof oder -weide stattfinden lassen. Weil die Tiere nicht transportiert und in eine fremde Umgebung gebracht würden, entfielen damit die meisten Ursachen von Stress. In den USA sind solche Ansätze, obwohl immer wieder thematisiert, allerdings kaum verbreitet. Zu viele Vorschriften. Zu teuer. 14 staatlich kontrollierte, mobile Schlachtanlagen – Anhänger, in denen Tiere vor Ort getötet werden – operieren laut Ministerium für Landwirtschaft derzeit im gesamten Land.

Anders sieht das in Deutschland aus. 2016 schlachteten schätzungsweise 150 bis 300 Landwirte nach einem sogenannten „Kugelschuss“-Verfahren. Während die Tiere auf der Weide stehen, werden sie von einem Jäger, oft von einem Hochsitz aus, mit einem Gewehr erschossen oder, genauer, betäubt. Ein norddeutscher Bauer erklärt auf seiner Website stolz: „Es ist ein Verfahren, bei dem das Tier ohne Stress in Sekunden mitten aus dem Leben geholt wird.“

Setzt man die Leidvermeidung als Kriterium für ethisches Handeln an, dann lässt sich an solch einer Prozedur wenig aussetzen. „Wenn man Tiere tötet“, bestätigt Ursula Wolf, „ist die Weideschlachtung sicher das beste Verfahren.“ Die Tiere merken schließlich nichts von ihrem nahenden Ende. Ganz überzeugt, dass ein Schuss das Bewusstsein unmittelbar und schmerzlos auslösche, sei sie allerdings nicht, ergänzt die Philosophin. Lieber wäre ihr es, man könnte dem Tier eine Spritze geben und es würde friedlich einschlafen.

Hilal Sezgin kann eine solche Argumentation nicht nachvollziehen. Wenn man jemanden nicht noch foltere, bevor man ihn ermorde, sagt sie, gäbe es dafür doch auch keinen Menschenrechtspreis. Mehr noch: Eigentlich sei gerade der Versuch, so plötzlich wie möglich zu töten, perfide. „Angst ist nicht nur ein unangenehmer Zustand, den ich vermeiden muss“, wirft die Tierrechtsaktivistin ein. „Die Angst ist ein Indikator dafür, dass das Tier leben will.“ Eine überraschende Tötung nehme dem Tier nicht nur negative Empfindungen. Ebenso raube sie ihm die Möglichkeit, seine Präferenzen zu äußern.

So betrachtet, ist die Weidetötung die perfektionierte Täuschung. Keine löbliche Schonung, sondern eine Intrige. Sie erreicht dabei, was die ausgefeilten Schlachthofdesigns von Grandin versuchen, aber niemals ganz schaffen: die Tiere hinters Licht zu führen, um jegliche Gegenwehr zu vereiteln.

Was wir sehen wollen

Drei Stunden später schaue ich Knight ein letztes Mal zu, wie sie vorsichtig das Gatter der Betäubungsbox öffnet und schließt. Als die Kuh ihren Kopf vorschiebt, folgen ihre letzten Handgriffe. Hals runter, Kinn hoch, Kopf im Nacken. Die Kuh reißt die Augen auf.

„Viele Besucher“, sagt Thiboumery, „kommentieren das, was sie sehen mit dem Satz: ‚Oh, das ist ja gar nicht so schlimm.‘“ Aber was heißt ‚nicht so schlimm‘? Gut genug, um Tiere zu essen? Unsere Antwort hängt nicht davon ab, ob wir überzeugt sind, dass die Schlachtung – von Transport bis Tötung – schonend genug war. Entscheidend ist, was wir in der Schlachtung sehen wollen: ein Tier, dessen Leben wir nehmen dürfen, da es ohne den Menschen gar nicht existierte? Ein Wesen, dessen Tod weniger tragisch ist, da es keine ausgereiften Zukunftspläne hat? Oder blicken wir auf jemanden, der gerade gewaltsam aus seinem ihm einzigen Leben gerissen wird? Ich sehe Letzteres. Und Sie? •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe Nr. 4 / 2019