Kann man Leben künstlich erzeugen?

Repräsentation einer DNA-Sequenz
Bild: © CC-by-SA 2.0 Andy Leppart

Bereits Schüler experimentieren heute mit Genbaukästen, Forscher dringen immer tiefer in die Geheimnisse der DNA ein, kreative Eingriffe auch in das menschliche Genom sind keine Zukunftsmusik mehr. Die Fortschritte der synthetischen Biologie wecken nicht nur ethische Bedenken. Sie zwingen uns auch, neu über die Frage nachzudenken, was Leben eigentlich ist – und wo die Grenze zur toten Materie liegt. Reportage aus den Zukunftslaboratorien unseres Zeitalters.

Von Cécilia Bognon-Küss

Bild: © privat

Cécilia Bognon-Küss

ist Doktorandin an der Pariser Sorbonne und forscht dort zur Philosophie der Biologie und Medizin. 2013 erhielt sie den Förderpreis für junge Forscher der Fondation des Treilles. Demnächst erscheint ihr Buch: „Philosophy of Biology before Biology“ (Routledge)

Es sind Studenten, die Jüngsten sogar noch Gymnasiasten. Über den Sommer kommen sie zusammen, um neue Lebensformen zu entwerfen: Bakterien, die nach Banane schmecken, im Dunkeln leuchten, Krebszellen aufspüren oder verschmutztes Wasser reinigen. Die angehenden Biowissenschaftler nehmen an einem Wettbewerb teil, bei dem sage und schreibe 5000 Personen in Teams gegeneinander antreten. So wie andere ihr Auto tunen, basteln diese Jugendlichen in den Labors der größten Universitäten an Mikroorganismen und haben den Anspruch, die Zwänge gegebener Tatsachen aufzuheben: das Leben zu verwandeln und neu zu schreiben. Sie erfinden, schreiben und kodieren DNA-Sequenzen, kreieren Genome, implantieren sie in „Chassis“ (meist ein Bakterium, dem seine „überflüssigen“ Gene entnommen wurden). In ihrem Werkzeugkasten befindet sich eine Sammlung online verfügbarer BioBricks – einzelne standardisierte DNA-Sequenzen, aus denen diese jungen Leute Organismen erzeugen werden, deren Herstellung einem bescheidenen Gemüt nie in den Sinn gekommen wäre.

Willkommen in Boston, Massachusetts, dem Tempel der International Genetically Engineered Machine (iGEM) Competition, dem internationalen Wettbewerb in synthetischer Biologie für Schüler und Studenten. Ins Leben gerufen wurde dieser spielerische Wettbewerb für Tüftler 2004 von zwei Pionieren auf dem Gebiet der Biotechnologie, Drew Endy und Randy Rettberg, damals Ingenieure am Massachusetts Institute of Technology (MIT). Ihr Anspruch war es, eine neue Generation von Bioingenieuren heranzubilden, deren Freude an der Herstellung exotischer Bakterien dazu genutzt werden sollte, neue verantwortungsvolle Ressourcen im Bereich von Energie und Landwirtschaft zu erschließen. In Zeiten, in denen die menschlichen Bedürfnisse exponentiell wachsen und die alten Industrien auf der Strecke bleiben, ein ehrbares Unterfangen. Man stelle sich vor: Algen werden Treibstoff produzieren, biologische Systeme Kohlendioxid binden, dünne Biofilme Umweltverschmutzung anzeigen … Die synthetische Biologie strebt nach einer radikalen Umwandlung von Lebewesen in Werkzeuge. Sie zähmt das Leben, plagiiert seinen Einfallsreichtum, seine Wandlungsfähigkeit und versucht, Maschinen eines neuen Typs hervorzubringen: flexibel, autonom und hyperproduktiv.

Mit Genen Lego spielen

Wenn man den jungen Wettbewerbsteilnehmern zuhört, so ist das Herstellen von Leben aus ihren „Zutaten“ ein bisschen wie das Zusammensetzen von Legobausteinen. Ausgestattet sind sie mit einem Überlebensset, das eine Auswahl der besten Genschaltkreise enthält, die sich ihre Vorgänger ausgedacht haben. Damit machen sie sich an die Herstellung ihres Superbakteriums: Sie stellen ihre BioBricks in komplexen Folgen zusammen, in denen die Expression eines Gens die des nächsten Gens auslöst oder unterdrückt und so weiter. Man braucht die DNA nicht selbst herzustellen. Heutzutage reicht es, seine Sequenzen einem Unternehmen zu schicken, das diese Arbeit für einen übernimmt. Die synthetische Biologie sieht und entwickelt sich also wie ein großes Do It Yourself (DIY) des Lebendigen, das mit den vier Nukleinbasen der DNA jongliert, aus denen alles Leben besteht: A (Adenin), T (Thymin), G (Guanin) und C (Cytosin). In jeder Zelle des menschlichen Organismus (der insgesamt aus mehreren Milliarden Zellen besteht) befinden sich im Innersten des Zellkerns 23 Chromosomenpaare. Sie selbst sind wiederum aus mehreren Tausend Genen zusammengesetzt, die zusammen die DNA bilden: ein Makromolekül, das aus zwei langen ineinander verschlungenen, komplementären Ketten besteht und aus Hunderttausenden Proteinen, aus denen sich Lebewesen zusammensetzen und die sie in Bewegung halten.

Was ich nicht erschaffen kann, kann ich nicht verstehen, so das Mantra der synthetischen Biologie


 

Kann ein Biologe ein Radio reparieren?

Die Entdeckung der Struktur der Doppelhelix des DNA-Moleküls im Jahr 1953 verhieß die Enthüllung der Geheimnisses des Lebens. Die Molekularbiologie schien den Vitalisten jeglicher Couleur das Maul gestopft zu haben. Die Entstehung des Lebens, ein Rätsel, das die Religion und die Philosophie umtreibt, schien sich auf das völlig unmetaphysische Problem der Herausbildung des genetischen Codes zu reduzieren. „Das Leben war nun nichts weiter als die Summe der Eigenschaften der Makromoleküle, die in den Organismen vorlagen, und die nur enthüllt zu werden brauchten“, erklärt Michel Morange, Biologieprofessor und Direktor des Zentrums fürWissenschaftsgeschichte und -philosophie Centre Cavaillè in Paris. Obwohl sich inzwischen die Unzulänglichkeiten dieser Vorstellung gezeigt haben, basiert die Entwicklung der synthetischen Biologie doch auf diesem prinzipiellen Reduktionismus. Nach dem Zeitalter der Sequenzierung, in dem man die Basenfolgen der DNA entschlüsselte, konnte die Biologie in die Phase der Synthese und Veränderung von Lebewesen eintreten. Die DNA in Scheiben zu schneiden, um sie zu decodieren und diese voneinander getrennten Stücke wieder zusammenzufügen, um neue Modelle des Lebendigen zu erfinden, das ist, den Reformern der Biologie zufolge, der richtige Weg und die richtige Einstellung gegenüber dem Lebendigen. Die synthetische Biologie erschafft neue Lebewesen – und darin besteht ihr betörendster Aspekt. Die Akteure dieser jungen und schillernden Disziplin manipulieren das Leben nicht, um das Geheimnis seines Ursprungs zu klären, sondern um es neu zu erfinden, es zu verbessern. Ihre Herausforderung: Die 3,8 Millionen Jahre Evolutionsgeschichte übertreffen, Wege erkunden, die das Leben nie eingeschlagen hat. Sie wollen die überschüssige Irrationalität der Natur überwinden, ihr die Rationalität eines „intelligenten Planes“ entgegenstellen. Warum auch nicht?

Bleibt die Frage: Sind neue Lebewesen, die sich chemisch radikal unterscheiden von dem, was in der Natur vorzufinden ist, noch Lebewesen? Mit anderen Worten: Was ist das innerste Wesen des Lebens? Die synthetischen Biologen prophezeien, dass wir mit unserer Fähigkeit, neue Organismen zu erzeugen, eine Antwort darauf finden werden. Sie berufen sich fast alle auf den Physiker Richard Feynman, dessen Mantra in ihren Artikeln an repräsentativer Stelle prangt: „Was ich nicht erschaffen kann, das kann ich auch nicht verstehen.“ In ihrem Forschungseifer reaktivieren Begründer der synthetischen Biologie die alte Idee des Mechanismus: Wenn man wissen will, wie ein Auto funktioniert, kann man es (naiverweise?) auseinanderbauen, seine Bestandteile einzeln betrachten, beschreiben, untersuchen und so weiter. Oder man kann auch versuchen, und das scheint ihnen weitaus vielversprechender zu sein, es aus seinen Einzelteilen zu rekonstruieren. Auf diese Weise kommt man wahrscheinlich zu einer genaueren und besseren Erkenntnis der Funktion seiner Einzelteile, vor allem aber hat man neue Möglichkeiten erschlossen. Später kann man vielleicht, um die Metapher weiterzuspinnen: „den Motor eines 2-PS-Autos durch einen Ferrari-Motor ersetzen“, amüsiert sich Thomas Heams, Molekularbiologe am Wissenschaftsinstitut AgroParisTech. Es bereitet ihm einiges Unbehagen, dass sich die synthetische Biologie von den Labors des MIT aus nun als „garage biology“ oder „DIY biology“ in Garagen und auf andere improvisierte Labortische von Biohacker-Studenten und Open-Source-Militanten ausgebreitet hat.

Im New Yorker Viertel Brooklyn gibt es mit Genspace das erste gemeinschaftsbasierte Labor, welches sich zum Ziel gesetzt hat, eine „Wissenschaft für Bürger“ zu fördern und ihnen „Zugang zur Biotechnologie“ zu verschaffen: Hier begegnen sich Hochschullehrer auf der Suche nach Inspiration, visionäre Unternehmer und neugierige Jugendliche. Gegen ein paar Dollar Mitgliedsbeitrag ist der Raum offen für alle und für alle Projekte. In solchen Experimentierräumen sieht die synthetische Biologie die Gelegenheit für wunderbare Impulse, frei von universitären Verkrustungen und bürokratischer Schwerfälligkeit.

Ein Kenner auf diesem Gebiet ist François Képè, Forschungsdirektor am staatlichen französischen Zentrum für Grundlagenforschung CNRS und Direktor am Institute of Systems and Synthetic Biology. Er definiert die synthetische Biologie als „das rationale Ingenieurswesen der Biologie“. Ihm zufolge wird dieses komplexe Feld durch drei Forschungslinien strukturiert: „Zunächst gibt es die Arbeit an den Protozellen, die man als experimentelle Erforschung des Übergangs vom Leblosen zum Lebendigen verstehen kann, das heißt als Versuch, das knifflige Problem der Entstehung des Lebens zu lösen. Dann gibt es die Veränderung des Genoms und die Gentechnologie. Und schließlich die Konstruktion von DNA-Maschinen. Diese drei Zweige können jeweils nach zwei unterschiedlichen Ansätzen aufgestellt sein, der sogenannte Bottom-up-Ansatz (hier stellt man aus Einzelteilen neue Konstrukte her) und der Top-down-Ansatz (man nimmt bereits existierende Mikroorganismen und verändert sie).“ Ausgehend von der Hypothese, dass das Leben zwangsläufig als sehr einfache Form begonnen hat,

zielt die Erforschung von Protozellen darauf, mithilfe infrabiologischer Zutaten Leben zu erzeugen. Im Vergleich zu seinen Schwestern, der Gentechnologie und der Konstruktion von DNA-Maschinen, handelt es sich bei diesem Forschungszweig um den Bereich, der am wenigsten für industrielle oder gesellschaftliche Zwecke angewendet wird und darum auch die geringste finanzielle Unterstützung erhält. So waren es beispielsweise Studenten aus Cambridge, die im Rahmen des iGEM-Wettbewerbs eine Art lebende und ökologische Beleuchtungsmaschine kreierten. In harmlose Kolibakterien (die versteckt in unseren Gedärmen leben) schleusten sie die Gene eines anderen Bakteriums ein, welches mit bestimmten Meerestieren in Symbiose lebt (z. B. mit Tintenfischen) und Licht aussendet (was sich der Tintenfisch bei der Beutejagd zunutze macht). Für die Zukunft stellen sie sich leuchtende Bäume vor, die unsere Straßenlaternen ersetzen. Im medizinischen Bereich ist das große Anwendungsbeispiel die Synthese von Artemisinin – ein
pflanzlicher Wirkstoff, der im Einjährigen Beifuß vorkommt und für die Malaria-Bekämpfung verwendet wird – mithilfe einer bakteriellen Maschine.

Die Resonanz bei Medien und Finanzinvestoren auf diese Verfahren ist derweil enorm. Vielleicht erinnern Sie sich daran, wie der 21. Mai 2010 als Umwälzung in die Geschichte der Biologie und im Zuge dessen auch der Menschheitsgeschichte einging? Die Zeitschrift Science veröffentlichte damals die Forschungsergebnisse des Teams um Craig Venter, der zum ersten Mal das Genom eines Bakteriums (mycoplasma mycoides) synthetisierte, es in ein anderes Bakterium (mycoplasma capricolum) einfügte und damit dessen ursprüngliche DNA ersetzte. Verkündet wurde es als Erschaffung von Leben ex nihilo, doch eigentlich beschränkte sich diese – sicherlich beachtliche – Leistung auf das Copy-and-paste eines natürlichen Genoms in eine bereits existierende Zelle. Die Herstellung dieses hybriden und zur Selbstreproduktion fähigen Bakteriums zeigte, dass es nun möglich war, das Leben neu zu schreiben, sei es auch nur in seinen rudimentärsten Formen.

Säumen unsere Straßen bald leuchtende Bäume?
Bild: © CC-by 1.0 adege


 

Die Rückkehr der Zombies

Die synthetische Biologie reaktiviert hier ein jahrtausendealtes Lied: das Lebendige entmystifizieren, indem man es herstellt. Wenn Sie sich vorstellen, Sie könnten in Ihrem Labor, ausgehend von unbelebten Grundbausteinen, eine auch noch so unbedeutende lebendige Zelle nachbauen – Sie hätten dem Leben sein Geheimnis entrissen und damit alle Apostel des Kreationismus an die Wand gespielt! Das Leben würde sich so in seiner reinen Materialität zeigen: Weder ein Lebensprinzip oder eine Lebenskraft noch eine rationale oder sensitive Seele hauchte der leblosen Materie ihre Regungen ein. Das Leben wäre endlich erkannt, da generierbar: Seine Organisationsprozesse wären durchschaut und somit dem Menschen verfügbar. Doch ist das Leben damit wirklich bezähmt? Oder legen die relativ bescheidenen Ergebnisse der synthetischen Biologie – bislang haben weder Protozellen noch Biokraftstoff aus Bakterien das Licht der Welt erblickt – nicht vielmehr nahe, die fantastischen Versprechen ihrer Vertreter nach unten zu korrigieren? Kann man das Leben also herstellen oder nicht?

Das Leben als Maschine zu verstehen, ist kein neuer Gedanke. Er führt uns vielmehr einige Jahrhunderte zurück zu Descartes’ These von den Tieren als Maschinen. Die synthetische Biologie ist die neueste Form des Mechanismus und steht in der langen Tradition des Reduktionismus, der versucht, die Eigenschaften des Lebens mit rein physikalischen oder chemischen Prozessen gleichzusetzen. Im Kontext der Molekularbiologie und des genetischen Reduktionismus spricht man jedoch heute nicht mehr von Automaten, sondern hat sich Begriffe des IT-Bereichs angeeignet: Code, Programm, Information. An der Basis der synthetischen Biologie findet man also eine direkt aus der Informatik importierte Idee, der zufolge das Leben eine Software (ein Programm) ist, das unabhängig von der Hardware (dem Materiellen) sei. So werden auch die Genome als Informationsträger betrachtet, die in verschiedenen Systemen programmiert werden können (z. B. in verschiedenen Bakterien). Was ist die DNA also anderes als eine universelle Sprache, ein außerordentlich effizientes und ökonomisches Mittel, um Informationen zu speichern? Doch diese Analogien, die die Wissenschaft benutzt, sind alles andere als neutral. Sie liefern den Theorien Bilder, die das Verständnis erleichtern, es aber ebenso umgrenzen. Die grundlegenden Prinzipien der synthetischen Biologie wie die Standardisierung (z. B. austauschbare BioBricks), das rationale Design oder auch die Abstraktion bewegen sich unmittelbar im Kontext dieser wissenschaftlichen Vorstellungswelt.

Wesen oder Artefakte?

Definiert die synthetische Biologie, so ließe sich daher fragen, ihren Gegenstand nicht allzu abstrakt und im Widerspruch zur Realität? Wenn sie sich auf potenziell irreführende Analogien (mit dem Computer, dem Auto) stützt, missversteht sie dann nicht das Leben? Reduziert sie es nicht auf seinen rein mechanischen, mit anderen Worten: seinen toten Teil? Die Entkopplung zwischen der Funktion eines Gens und seiner zellulären Umgebung ist nicht nur in der lebendigen Natur nicht vorzufinden, es wäre auch unmöglich, sie a priori zu erreichen: Es gibt kein lebendes System, das von seiner Umgebung radikal abgeschottet wäre. Das Lebendige erscheint immer im Plural, kollektiv, relational, verbunden – anders gesagt: Das Lebendige braucht das Lebendige. Auch der atemporale Charakter der Gegenstände, mit denen die synthetische Biologie arbeitet, entfremdet sie essenziell dem, was das Leben ausmacht: eine sehr lange Evolutionsgeschichte, deren ganze Kunst darin besteht, die geringe Chance für das Entstehen von Vernunft zu vergrößern. Das Leben ist historisch gewachsen, vor allem ist es in permanenter, unvorhersehbarer Veränderung, ein ständiger Austausch von Materie zwischen innen und außen. Wer die Ambition hat, das Leben zu verändern, ist indirekt der Ansicht, dass sich das Leben, wenn es sich selbst überlassen bleibt, nicht verändert oder nicht genug oder nicht in die richtige Richtung. Die synthetische Biologie würde somit das Leben als Produkt zufälliger historischer Dynamiken mit einem Designobjekt verwechseln, das rational zu entwerfen und umzusetzen ist. In ihrer Blindheit für das, was am Leben einzigartig ist, würde sie geschichtslose Objekte hervorbringen, im Dienste geschichtsloser Funktionen.

Nun, da wir Genome selbst gestalten können, gerät unsere Definition des Lebens ins Wanken


 

Die synthetische Biologie lässt sich von ihren Kritikern nicht verunsichern, im Gegenteil, sie nährt sich an der Kritik, vereinnahmt sie und schlägt ihre Verächter mit deren eigenen Argumenten und Prinzipien. Die Evolution wird so von einem Hindernis zu einem Werkzeug in den Händen von Philippe Marlièe, der sie benutzt, um den Bakterien, die er verändert, zusätzliche Zwänge aufzuerlegen – er spricht von „gerichteter Evolution“. Der synthetischen Biologie ist es gleichgültig, dass sie ihren Gegenstand entgegen der Realität definiert, denn strenggenommen existiert ihr Gegenstand gar nicht: Sie bringt ihn hervor oder tut zumindest so, als würde sie ihn komplett hervorbringen. Wenn das Leben als Designobjekt neu definiert wird, ist es nicht mehr etwas Vorgegebenes, es ist kein Schicksal mehr, es wird zum Artefakt. Hier verwischen sich die Grenzen, mit denen wir dachten, die Realität klar ordnen zu können, und verschwimmen zu einem verwirrenden Kontinuum: natürlich/künstlich, tot/lebendig. Die meisten unserer traditionellen Definitionen des Lebendigen geraten so ins Wanken.

Kant zum Beispiel betonte in seiner „Kritik der Urteilskraft“ die Selbstorganisation und innere Zweckmäßigkeit: Lebendig ist, was sich ganz von selbst reproduziert, wiederherstellt und entwickelt. Leuchtende Bakterien, die Straßenlaternen ersetzen, verwischen die Grenzen: Sind sie noch Lebewesen oder Werkzeuge? Sie sind ihrer inneren Zweckmäßigkeit beraubt und existieren nur durch und für den Ingenieur, der sie sich ausgedacht und hergestellt hat. Mit der synthetischen Biologie wird es unmöglich, die Zweckmäßigkeit als Kriterium für die Unterscheidung zwischen Lebewesen und Artefakt anzuwenden. Die Xenobiologie, die die genetische Isolierung der von ihr geschaffenen Kreaturen anvisiert (indem sie neue Nukleotide in die DNA einschleust), steigert diese Abhängigkeitslogik ins Extreme: Diese (zumindest im chemischen Sinne) widernatürlichen Kreaturen werden sich weder fortpflanzen noch mit Lebewesen Bastarde bilden können, da sie mit ihnen nicht mehr universelle Alphabet teilen, das jene konstituiert.

Die Moral, die man aus dieser Geschichte ziehen kann, überrascht: Nun, da wir das Leben immer besser zusammenbasteln können und uns dem Geheimnis seiner Entstehung nähern, beginnen unsere Definitionen ins Wanken zu geraten. Was zeigt, dass die Biologie ihren Gegenstand – das Leben – genau in dem Moment verlieren könnte, wo sie ihn durchdringt. Merkwürdig, nicht wahr?

„Ein herrlich Werk ist gleich zustand gebracht. (…) Es wird ein Mensch gemacht“ mit diesen Worten begleitet Wagner in „Faust II“ gebannt den Versuch, mithilfe einer Mischung von Gas, Flüssigkeit und Materieelementen, Leben zu erzeugen – wobei ihm Mephisto Gesellschaft leistet. Es bleibt nicht ohne Konsequenzen, sich der „chemischen Steuerung seines Schicksals“ wieder zu bemächtigen, wie es, etwas skeptisch, der Biologe und Wissenschaftshistoriker Jean Rostand (1894–1977) notierte. Er zweifelte daran, dass der Mensch reif genug dafür sei. Unabhängig davon, wie man zur synthetischen Biologie steht, gilt es, die von ihr betriebene „Frankensteinisierung“ von Lebewesen zu entmystifizieren.

Sind Manipulationen an DNA-Strängen bald so einfach wie das Zusammensetzen von Legoblöcken?
Bild: © CC-by 2.0 Michael Knowles

 

Die CRISPR-Cas9-Revolution

Vielleicht ist Ihnen in den Medien in letzter Zeit ein seltsamer Begriff begegnet: CRISPR-Cas9. Dahinter verbirgt sich eine Umwälzung auf dem Gebiet der Genetik, die in den vergangenen Jahren von zwei Wissenschaftlerteams entwickelt wurde, dem Team um Emmanuelle Charpentier von der Universität Umeån Schweden sowie dem von Jennifer Doudna von der Universität Berkeley in Kalifornien. Sie haben eine einfache Technologie entwickelt, mit der man Gene ausschalten und einfügen kann, ausgehend von einem 2007 bei Bakterien entdeckten adaptiven Immunsystem – einer besonderen DNA-Sequenz, CRISPR genannt, und einem Enzym, das DNA schneiden kann (Cas9). Da CRISPR-Cas9 auf schnellen, routinierbaren und preisgünstigen Technologien beruht, ist es innerhalb von zwei Jahren zum bevorzugten Instrument der Bioingenieure avanciert. Mit seiner Hilfe konzipieren sie frei erfundene Tiere, die vergangenen März auf Seite eins der Zeitschrift Nature landeten („The CRISPR Zoo“).

Eier, die keine Eiweißallergie mehr auslösen, ausgestorbene Mammuts, die wiederauferstehen, Schweine, die gegen Viruserkrankungen immun sind, neue Tierformen ohne Hörner – die Anwendungen sind unerschöpflich. Und es scheint zu funktionieren. Letztes Jahr ist es dem Neurowissenschaftler Zilong Qiu und seinem Team von der chinesischen Akademie der Wissenschaften in Schanghai gelungen, bei Makaken eine Mutation jenes Gens zu erreichen, das mit dem Rett-Syndrom assoziiert ist, einer neurobiologischen Erbkrankheit, die bei Mädchen zwischen dem ersten und vierten Lebensjahr auftritt. Auf amerikanischer Seite haben Forscher der Auburn University (Alabama) CRISPR benutzt, um Gene auszuschalten, die beim schnell wachsenden AquAdvantage-Lachs des Unternehmens AquaBounty Technologies die Geschlechtshormone kontrollieren. Dies wiederum geschah, um zu verhindern, dass dieser „Frankensteinfisch“ sich mit dem Wildlachs paart und eine irreversible Kontamination der Ökosysteme verursacht.

Sollten diese Verfahren insgeheim den Menschen im Visier haben? Es spricht nichts dagegen, etwa über eine Vermählung von Transhumanismus und synthetischer Biologie zu fantasieren. Bei einem nichtöffentlichen Treffen im Mai 2016 an der Harvard Medical School diskutierten Spezialisten (deren Namen geheim gehalten wurden) die Möglichkeit, das gesamte menschliche Genom zu synthetisieren. Einigen von ihnen zufolge wäre es von diesem Punkt bis zur Schaffung eines Individuums ohne biologische Eltern nur noch ein kleiner Schritt. Doch ist es vernünftig, einen neuen Einstein oder maßgeschneiderte Soldaten in künstlichen Uterusgebilden wachsen zu lassen?

Bleiben wir zunächst auf dem Boden der Tatsachen: Im Moment steht lediglich zur Debatte, das menschliche Genom in einer Zelllinie zu synthetisieren, nicht Übermenschen heranzuzüchten. Bislang lag zwischen fantastischen Wunschvorstellungen und dem Stand der Technik ein Abstand, der uns ein Gefühl der Sicherheit vermittelte, doch dieser Abstand schmilzt unaufhaltsam dahin. Was steht hinter diesen Vorhaben? Hybris? Überheblichkeit? Wenn Ariel Lindner den Verächtern der neuen Technologien, aber auch den Partisanen für eine radikale und deregulierte Verwandlung unserer Umwelt (und des Menschen selbst) antwortet, trägt er Bescheidenheit zur Schau. Ihm zufolge hat der Mensch keine Sonderstellung in der Natur und unser Anthropomorphismus in Bezug auf die Natur ruft nur Wahnvorstellungen hervor. Die synthetische Biologie ist seiner Meinung nach für den Menschen nur eine Art unter vielen, „seinen Phänotyp, also die Menge aller beobachtbaren Merkmale eines Individuums, auszuweiten, um seine Lebensqualität zu verbessern. Die Hybris besteht weniger in der Ausweitung unserer Fähigkeiten, als vielmehr darin, welchen Gebrauch wir davon machen. Das ist eine der großen Herausforderungen, die sich der synthetischen Biologie heute stellen. Wir werden Grenzen ziehen müssen zwischen dem, was möglich, machbar, wünschenswert und nützlich ist. Und darum werden wir unsere Forschungsfragen und -ergebnisse auf transparente Weise mit der Zivilgesellschaft teilen. Denn je mehr Risiken eine Forschung birgt, desto mehr muss man die Türen der Labore für die Öffentlichkeit öffnen und die Gesellschaft und all ihre Akteure in die Diskussion einbinden.“

In einer Situation, wo Sicherheiten fehlen – denn Wissenschaft und Technik schreiben nicht a priori vor, wie sie angewendet werden –, appellieren die Biologen im rechten Moment an die Gesellschaft und ihre Akteure. Doch damit sich die Debatte nicht auf eine unfruchtbare Gegenüberstellung von Vorurteilen beschränkt, ist es nötig, dass sie informiert geführt wird. Die Gesellschaft zum Urteilen aufzufordern, ohne ihr dafür die Mittel an die Hand zu geben, wäre unverantwortlich. Darum werden bei der Propagierung dieser neuen Wissenschaft Open source und Transparenz betont. Sie gibt sich bürgernah – was sie in vielerlei Hinsicht auch ist, man denke nur an die massive Beteiligung von Studenten beim iGEM-Wettbewerb. Das neue Credo dieser Wissenschaftler scheint zu sein, auf Gegenkurs zu gehen und sich in Abgrenzung von den Forschungen der Industrie und zu genmanipulierten Organismen zu definieren, welche als undurchsichtig und marktorientiert gelten. Soll diese Position nur scharfe Proteste ausschalten oder ist das eine echte Wandlung in der Art, wie wissenschaftliche Erkenntnis erzeugt wird? Wohl ein bisschen von beidem – weshalb die demokratischen Gesellschaften dazu aufgerufen sind, ebenfalls die Ärmel hochzukrempeln.

Es gibt heute zahlreiche Biologen und Philosophen, die der Meinung sind, dass es zwischen dem Lebendigen und dem Unbelebten keine Grenze gibt, sondern eine Grauzone


 

In der Grauzone

In jedem Falle zwingt uns die ganze Biopiraterie zum Brainstorming: Wie soll man das Leben definieren, wenn es keine eindeutige Tatsache mehr ist, sondern neu erfunden wird? Da es nicht mehr nur darum geht zu sagen, was das Leben ist, sondern auch, was es sein soll? Eine Frage, die man nicht allein den Biologen überlassen sollte. Wenn die synthetische Biologie unsere essenzialistischen Definitionen in die Krise stürzt, so ist dies zweifellos, und ihr zum Trotz, einer ihrer größten Beiträge für unser Verständnis des Lebendigen. Sie bringt unsere undurchlässigen Kategorien durcheinander und zwingt uns, das Leben neu zu denken. Die heutigen Manipulationen an den einfachsten Lebensformen sprechen für eine gradualistische Konzeption des Lebens: Es gibt keinen identifizierbaren Punkt, an dem man zwischen Unbelebtem und Lebendem trennen kann, zwischen natürlichem Leben und künstlichem Leben. Höchstens können wir Kriterien ausmachen, die uns erlauben, das Lebende zu erkennen, wenn es auftritt. Es gibt heute zahlreiche Biologen und Philosophen, die der Meinung sind, dass es zwischen dem Lebendigen und dem Unbelebten keine Grenze gibt, sondern eine Grauzone, die uns unmerklich von einem Reich ins andere führt. Das Leben wäre ein permanenter Übergang, eine dynamische Entwicklung ohne feste Unterteilungen.

Just in dem Moment, wo wir die Fähigkeit erlangt haben, Genome zu gestalten und zu synthetisieren, scheinen wir paradoxerweise und vielleicht genau deshalb unsere Definition des Lebens verloren zu haben. Nicht, weil wir nicht wissen, was Leben ist, welche Mechanismen und Komplexität ihm innewohnen, sondern gerade, weil wir die – letztendlich relative – Fähigkeit erlangt haben, es zu kontrollieren und zu lenken. Wir stehen heute vor schwindelerregenden Herausforderungen: Das Leben zusammenbasteln, zähmen, neu erschaffen zu können, bedeutet gleichzeitig, entscheiden zu können, was es sein wird, und nicht mehr zu wissen, was es sein soll. •

Aus dem Französischen von Grit Fröhlich

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 2 / 2017

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