Isolation als Kontrollverlust


Müsste man nicht gerade jetzt in Zeiten der Kontaktbeschränkungen besonders produktiv sein? Nein, denn was wir aktuell erleben, ist ein Mangel und kein Verzicht. Ein Denkanstoß von Josefine Berkholz.


In der Philosophiegeschichte taucht die Isolation vor allem als produktiver Zustand auf. Ludwig Wittgenstein baute sich 1914 eine Denk- und Schreibhütte in Norwegen, Elfriede Heidegger ihrem Mann eine tief im Schwarzwald. In wirklich relevante theoretische Tiefen, so hat es den Anschein, dringt man nur zurückgezogen vor, abgeschirmt von der Ablenkung durch andere Menschen. Sind die seit 16. März andauernden Kontaktbeschränkungen also eigentlich perfekte Bedingungen für gründliches Nachdenken? Nein. Denn es gibt einen entscheidenden Unterschied zwischen Verzicht und Mangel.

Verzichtsforderungen, oft lose abgeleitet aus der Stoa oder der buddhistischen Philosophie, erfahren seit einiger Zeit einen Popularitätsschub und stehen meist im Kontext einer umweltethisch begründeten und auf (Kauf-)Entscheidungen des Individuums fixierten Konsumkritik. Das Wort „Verzicht“ leitet sich vom mittelhochdeutschen „verzī(h)en“, für: „versagen, abschlagen, sich lossagen, aufgeben, verlassen“ ab. Hierin wird eine definierende Eigenschaft des Verzichts besonders deutlich: Im Gegensatz zum Mangel impliziert er Verfügbarkeit.

Wer sich also wie Wittgenstein aus dem Trubel der Gesellschaft und von einer „unangenehmen Umgebung (…), in der er die meisten Menschen verachtet und mit seinem nervösen Charakter stört“, wie er selbst schreibt, in die norwegische Einöde zurückzieht, verzichtet auf die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben. Wer gerade wegen einer Pandemie nicht in die Universität, in die Kneipe, und an all die anderen Orte kann, an denen man einander begegnet, dem mangelt es genau an dem, wovor der andere bewusst flieht. Dieser Umstand verändert alles.


Während der Verzicht bestärkt und sichert, macht der Mangel machtlos. Auch wenn man in beiden Zuständen nicht vor die Tür geht


 

Insofern ist es nicht widersprüchlich, sich noch vor einigen Monaten nach Abgeschiedenheit gesehnt zu haben und jetzt im Minutentakt die Anpassungen der Kontaktbeschränkung zu überprüfen. So man überhaupt den Luxus der Langeweile hat, weil man nicht damit beschäftigt ist, Kinder zu hüten, in gleichermaßen systemrelevanter wie prekärer Anstellung zu arbeiten, oder beides zugleich.

Im Verzicht manifestiert sich Kontrolle in zweifacher Hinsicht. Zum einen Kontrolle über sich selbst, über die eigenen Impulse, den Körper oder die Lust an der Verschwendung. Zum anderen über die betreffenden Ressourcen, denn es gehört zum Verzichten dazu, dass man jederzeit wieder damit aufhören könnte. Doch wieder Fleisch essen, in die nächste Stadt fahren oder ein Bier bestellen.

Mangel hingegen ist gerade ein Ausdruck von fehlender Kontrolle. Er zeichnet sich dadurch aus, dass etwas Notwendiges oder auch nur Erwünschtes nicht verfügbar ist. Völlig unabhängig von der Selbstdisziplin oder den Bemühungen derer, die ihn erleiden. Während also der eine Zustand bestärkt und sichert, macht der andere machtlos, auch wenn man in beiden nicht vor die Tür geht. In diesem Sinne macht die Unruhe in der Selbstisolation etwas sichtbar, das auch auf einer gesamtgesellschaftlichen Ebene gilt: Verzicht kann man nur von denjenigen fordern, die etwas haben. Den Kontrollverlust des Mangels hingegen muss man aushalten. Allein: dabei kann man einander unterstützen. •

Erstveröffentlicht am 22.05.2020

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