Im Angesicht der Ohnmacht


Die Überwindung von Seuchen stellte Gemeinschaften immer wieder auf ein neues Fundament. Ob uns das bei Corona auch gelingen wird? Ein Denkanstoß von Barbara Vinken.


Wir arbeiteten in der Ruhe eines Bergdorfes, das wie ein Adlernest siebenhundert Meter über dem Comer See liegt, als Corona kam. Ein Freund aus Mailand erzählte erschrocken von den ersten Todesfällen in Mailand. Es war ein verschleiert sonniger Vorfrühlingstag im Februar.

Der Roman der I Promessi Sposi, ein italienisches Nationalepos, spielt zwischen dem Comer See, Mailand und Bergamo. Er erzählt von der großen Pest des Jahres 1630, die von Söldnern aus dem Norden eingeschleppt wurde und, von der spanischen Fremdherrschaft so gut wie nicht bekämpft, mehr als die Hälfte der Bevölkerung dahinraffte. Auch unser Dorf, das damals etwas höher am Gebirgsbach lag, starb aus. Es wurde etwas tiefer und zu unserem Glück mehr in der Sonne von einem Orden neu gegründet. Das verfallene Dorf liegt unter Bäumen wie die Pest im Unbewussten der heutigen Bewohner.

Seuchen, die Cholera, die Pest, die spanische Grippe, haben das kollektive Unbewusste bis heute im Griff. Bis heute begründet die Erinnerung an das Ende der Seuche, die Wiederkehr von Gesundheit und Leben das Gemeinschaftswesen. Die Wiener laufen täglich um ihre Pestsäule. Auch die soeben auf 2022 verschobenen Oberammergauer Passionsspiele gehen auf ein Gelübde des Jahres 1633 zurück, das die Stadt von der Pest befreien sollte.


Seuchen, die Cholera, die Pest, die spanische Grippe, haben das kollektive Unbewusste bis heute im Griff


 

Am 21. November jeden Jahres feiert Venedig das venezianischste aller Feste, Salute, mit einer Extrabrücke über den Canale Grande und Fettgebackenem. Alle Welt pilgert in die Votivkirche, die nach dem Ende der großen Pest zum Dank an die Madonna della Salute errichtet wurde, in deren Schutz sich die Venezianer bis heute in ihrer „Zerbrechlichkeit und Ohnmacht“ wissen. Der Patron des nach der Seuche auch in unserem Bergdorf neugebauten Kirchleins ist Rochus, der Heilige der Pestkranken.

Das Band, das Gesellschaft zusammenhält, wird geschlungen durch Begehen der Erlösung, der Überwindung von Krankheit, Tod, Vereinsamung und des damit drohenden (und oft eingetretenen) Rückfalls in die Barbarei des Sündenbocks und des brutalen Selbstinteresses. Dagegen begründet wurde immer neu ein sich der Ohnmacht und Hilflosigkeit bewusstes, schützendes Zusammenrücken. So hoffen wir, dass wir Salute so bald wie möglich in Venedig, in Mailand und in Oberammergau feiern werden. •

Erstveröffentlicht am 30.03.2020

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