„Ich halte nichts von Showkämpfen zwischen links und rechts“

Im medialen Fokus: Der AfD-Politiker Alexander Gauland
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Die Neue Rechte fordert die Kritische Theorie heraus: Das sagt die Philosophin Rahel Jaeggi, Direktorin des neu gegründeten Center for Humanities and Social Change. Was kann die Philosophie zur Lösung der Demokratiekrise beitragen?

Das Gespräch führte Svenja Flaßpöhler



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Rahel Jaeggi

ist Professorin für Praktische Philosophie an der Humboldt-Universität Berlin und Direktorin des Center for Humanities and Social Change. Ihr Buch „Fortschritt und Regression“ erscheint im Oktober bei Suhrkamp

Frau Jaeggi, wie kam es zur Gründung des Centers for Humanities and Social Change?

Rahel Jaeggi: Durch eine Spende von Erck Rickmers, einem vermögenden Hamburger Reeder, der mit seiner Stiftung Humanities and Social Change weltweit vier solche Center gegründet hat. Das Berliner Center wird sich mit der Krise der Demokratie und des Kapitalismus aus der Perspektive einer kritischen Theorie der Gesellschaft beschäftigen. „Demokratie“ verstehen wir dabei nicht nur als Regierungsform, „Kapitalismus“ nicht lediglich als ökonomische Formation, sondern als vielfältiges Geflecht von unterschiedlichen sozialen Institutionen und Praktiken, als gesellschaftlich-kulturelle Lebensform. Verstehen und Kritisieren sind hier eng miteinander verbunden. Und im Fluchtpunkt eines solchen Unternehmens steht natürlich die Hoffnung, durch solche Analysen und die Verständigung über die aktuellen Krisenerscheinungen etwas verändern zu können.

Wie genau kann das Philosophieren über die Krise in die Wirklichkeit eingreifen?

Sozialphilosophie leistet Begriffsarbeit, sie stellt Konzepte bereit, mit denen Problemstellungen, Krisen, soziale Erosionserscheinungen aufgespürt, sortiert und interpretiert – und letztendlich gesellschaftliche Verhältnisse verstanden, bewertet und kritisiert werden können. Philosophische Begriffe machen auf besondere Weise Erfahrungen artikulierbar, sie haben für die Praxis der Kritik eine erschließende und mobilisierende Kraft – und können so im besten Fall als Katalysatoren für Dynamiken sozialer Kämpfe und sozialer Veränderung wirken. Soziale Akteure machen keine „nackten“ oder unmittelbaren Erfahrungen sozialen Leids oder gesellschaftlichen Unwohlseins. Es sind immer auch Begriffe wie Ausbeutung, Entfremdung, Verdinglichung, Beschleunigung oder Entwürdigung, die dafür sorgen, dass bestimmte Erfahrungen überhaupt verstanden werden können. So etwas entfaltet im Zweifelsfall eine kollektiv mobilisierende Kraft. Auch das ist etwas, das wir im Center tun wollen: einen Austausch ermöglichen zwischen Theorie und Praxis, also auch: mit denen reden, die mit den Schlüsselproblemen unserer Gesellschaft täglich zu tun haben.

Nun beanspruchen auch rechte Bewegungen für sich, gesellschaftliche Verhältnisse zu kritisieren. Und ein Viktor Orbán oder ein Alexander Gauland würden ebenfalls behaupten, dass ihre ausländerfeindliche Politik einen Wandel zum Besseren anstößt.

In der Tat! Das ist eine herausfordernde Situation. Die, die Kritik üben, kommen nicht mehr verlässlich von links, soziale Bewegungen auch nicht. Aber so neu ist das auch wieder nicht. Eigentlich waren die Auseinandersetzung mit dem Faschismus und die Erfahrung rechter Massenbewegungen ja die Geburtsstunde der Kritischen Theorie. Aber ja, wir haben jetzt eine Rechte, die sich in ihren Protestformen an denen der Linken orientiert und um Hegemonie und Anerkennung kämpft. Es ist offensichtlich, dass diese Bewegungen nicht für Freiheit, Gleichheit oder Demokratie stehen, sondern für Ausschluss, Diskriminierung, Unfreiheit und Unterdrückung und eine Art von Gemeinschaft, die auf aggressiver Ausgrenzung beruht. Aber damit hat man eben noch nicht viel gesagt und nicht viel verstanden. Hier werden einige Züge der frühen Kritischen Theorie wieder sehr aktuell: Faschismus als Regressionsphänomen zu verstehen und nicht nur als Ausdruck des absolut Bösen war der Schlüssel zu einem Verständnis, das über die moralische Bewertung hinausging.

Was genau unterscheidet denn Fortschritt und Regression?

Fortschritt lässt sich als ein Prozess der Anreicherung begreifen, innerhalb dessen Probleme auf immer komplexeren Niveaus gelöst werden. Regression, und hier verorte ich die Neue Rechte, meint das genaue Gegenteil: Bestimmte Erfahrungsprozesse werden nicht gemacht, Probleme nicht gelöst. Deshalb spreche ich hier von einer Erfahrungsoder Lernblockade.

Angesichts der regressiven Neuen Rechten werden die Ansätze der frühen Kritischen Theorie wieder hochaktuell


 

Was würden Sie dem Schriftsteller Uwe Tellkamp antworten, der die „Gemeinsame Erklärung 2018“ unterschrieben hat und jetzt sagen könnte: „Ihr pragmatischer Ansatz ist schön und gut, Frau Jaeggi, aber die Lernblockade liegt leider auf der Seite der Linken. Immerhin ist sie es, die die Flüchtlingskrise total unterschätzt und immer noch an gesinnungsethischen Idealen festhält.“

Ich antworte, dass die Furcht vor Überfremdung auf irrationalen Affekten und Ressentiments beruht. Wie viel muss man eigentlich besitzen, damit man nicht mehr glaubt, auf Schwächere eintreten zu müssen? Natürlich gibt es auch hierzulande Menschen, die nicht viel besitzen. Das Problem sind aber nicht die Geflüchteten, sondern dass Arme gegeneinander ausgespielt werden und Umverteilung nicht funktioniert. Das ist eine Verschiebung: Das Gefühl, „fremd im eigenen Land“ zu sein, hat ja durchaus eine Grundlage. Ich fühle mich auch nicht mehr zu Hause, wenn ich sehe, wie der Kapitalismus das Grundbedürfnis des Wohnens und der Teilhabe als Luxusgut vermarktet, das Bildungssystem systematisch unterfinanziert, den Sozialstaat untergräbt.

Mir ist aufgefallen, dass die Philosophen und Philosophinnen, mit denen Ihr Center zusammenarbeitet, nahezu alle der Kritischen Theorie angehören. Wäre es nicht sinnvoll, gerade heute, da die Spaltung der Gesellschaft zunimmt, auch mit denen zu debattieren, die anders denken?

Dass man mit bestimmten Leuten einen Diskussions- und Arbeitszusammenhang etabliert, bedeutet ja nicht, dass man mit anderen nicht reden will. Es ist meine Überzeugung, dass die Kritische Theorie gerade dort interessant ist, wo sich herausstellt, dass sie Anknüpfungspunkte an methodisch wie inhaltlich ganz andere Theoriezusammenhänge hat. Im akademischen Feld sind wir da pluraler als manch andere Richtung. Wenn Sie damit die politisch gerade viel diskutierte Frage meinen, ob man mit Rechten reden soll: Ich halte nichts von dieser medial verstärkten Debatte, in der die radikale und autoritäre Rechte auf allen Kanälen über „Denkverbote“ klagt. Bestimmte zivilisatorische Mindeststandards nicht zur Debatte zu stellen, ist keine Tabuisierung – sondern Resultat einer historischen Erfahrung mit den sich hier artikulierenden Positionen. Ich halte es für keine kluge Strategie, dem Kampf der Rechten um kulturelle Hegemonie – und das ist ja sehr offen, dass er das ist – damit zu begegnen, dass man selbst die Grenzen der Diskussion nach rechts verschiebt. Man kann dem nur begegnen, indem man die richtigen Fragen stellt und die wichtigen Probleme analysiert und aufgreift. Die Krisen, die zu der Lage geführt haben, in der wir heute sind. Anstatt Showkämpfe zwischen Linken und Rechten zu organisieren, geht es darum, genau diese Dynamiken in den Blick zu nehmen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 4 / 2018