„Ich denke mit den Füßen“

Bild : © CC-by-SA 3.0 Briand


Wer Michel Serres ist? Ein gelernter Seemann, ein wandernder Linkshänder, ein Informationstheoretiker, vor allem aber: einer der originellsten Denker unserer Zeit. Immer in Bewegung, bedeutet Philosophie für ihn vor allem die Kunst, sich im eigenen Leben zu orientieren.

Das Gespräch führte Martin Legros/ Aus dem Französischen von Till Bardoux



Wo bin ich, wenn ich denke?“ So lautet eine der Grundfragen von Michel Serres. Für den 86-jährigen Franzosen, Mitglied der Académie française und Philosophieprofessor in Stanford, geht der entscheidende Impuls des Denkens von der Ahnung aus, dass immer mehr als ein Weg, mehr als eine Beschreibung, mehr als eine Methode zum eigentlichen Ziel des Philosophierens führen kann. Dieses lautet: Zu wissen, wo man als Mensch steht und also auch, was von einem gegebenen Punkt der kulturellen Entwicklung aus möglich ist. Serres’ Denken umspannt Systemtheorie und Semiotik ebenso wie Wissenschaftsgeschichte und Ökologie. Kein Wunder, dass er sein Hauptwerk nach Hermes benannt hat, dem Gott des Verstehens, der Reisenden und auch Wegelagerer. Wir trafen Serres mitten im Wald von Vincennes, nahe Paris, und ließen uns von diesem begnadeten Fährtenleser neue Wege ins Freie zeigen.

In seiner „Abhandlung über die Methode“ ermuntert Descartes jene, die sich in einem Wald verlaufen haben, „so geradewegs wie möglich immer in derselben Richtung zu laufen“. Es geht darum, entschlossen eine Linie beizubehalten, selbst wenn man im Zweifel ist. Ein guter Rat?

Wenn man in einem Wald ist, sind ringsum Bäume, Zweige und Laub, die die Sicht behindern, der Boden ist uneben et cetera. Eine gerade Linie führt von einem Baum zu einem nächsten, dann führt eine weitere Linie zu einem dritten Baum und so weiter. Zwischen diesen beiden Linien gibt es zwangsläufig einen Winkel. Doch man kann ihn einfach nicht abschätzen. Descartes’ Ratschlag ist ganz offenbar von einem Menschen formuliert, der sich nie im Leben verlaufen hat … und der in Wahrheit keine Ahnung hat, was ein Wald ist. Seine Methode ist also nutzlos. Sich zu verlaufen, heißt ja genau, nicht mehr die gerade Linie beibehalten zu können.

Wir stehen gerade im Wald von Vincennes. Was würden Sie raten, wenn wir uns verlaufen würden?

Habe ich Ihnen hierzu bereits von meiner Großmutter erzählt?

Ihrer Großmutter? Hat sie sich im Wald verlaufen?

Nein, sie war gelähmt, und ich habe sie gern besucht. Wenn ich bei ihr eintraf, rollte sie mir zur Begrüßung mit ihrem Rollstuhl entgegen. Zu Beginn war sie also in einem metrischen Raum – es gab eine Distanz zwischen ihr und mir, die sie durchquerte, um zu mir zu gelangen. Dann schaute sie mich durch ihre Brillengläser hindurch an und sagte: „Du bist gewachsen, Michel, du hast dich verändert.“ Sie bezog sich also auf mich in einem Raum, der nicht mehr metrisch, sondern perspektivisch war. Und während sie schließlich mit mir sprach, strickte sie, knüpfte Maschen, ohne dabei auf ihre Hände zu schauen. Ihre Hände waren in einem taktilen, topologischen Raum entsprechend der Theorie von Henri Poincaré. Meine Großmutter lebte also in drei Räumen: für ihren kleinen Rollstuhl in einem kartesischen Raum, für ihre Perspektive in einem leibnizschen Raum, und für ihr Stricken in einem Poincaré-Raum. Heute sind wir alle in der Situation meiner Großmutter. Wenn wir auf dem Weg zu einem Freund, der uns auf einer Caféterrasse erwartet, die Straße entlanglaufen und dabei auf unseren Handys herumtippen, bewegen wir uns in verschiedenen und simultanen Räumen.

Wenn wir unsere Mobiltelefone anschalten und Google Maps aktivieren, bekommen wir automatisch unseren Standort angezeigt. Sind wir dann plötzlich in einen neuen Raum geraten?

Als Gagarin, der russische Kosmonaut, seinen ersten Flug ins Weltall vollführte, war ich eingeladen, dieses Ereignis im Fernsehen zu kommentieren. Und ich sagte: „Er ist aufgebrochen“, er hat zum ersten Mal die Erde verlassen, um sie von draußen zu betrachten. Mit ihm sucht die Menschheit das Weite, verlässt den Boden, an den sie seit jeher gebunden war. Doch andererseits ist er, präzisierte ich damals, „nicht aufgebrochen“. Warum? Weil Aufbruch immer etwas anderes bedeutet hatte. Wenn ein Seemann auf Fahrt ging, war er für Wochen und Monate abwesend und stumm. Seine Frau wartete auf ihn, ohne zu wissen, wann er wiederkommen würde. Gagarin aber folgten wir in Direktschaltung, wir kommunizierten mit ihm, selbst im Weltraum. Und genau das ist es, was uns nunmehr allen widerfährt. Wir sind in alle Richtungen unterwegs, doch auf gewisse Weise bleiben wir in ebenjenem Raum miteinander verbunden. Wir können uns nicht mehr im Wald verlaufen. Mit Google Maps oder mit GPS ist die Frage von Descartes überflüssig geworden, weil wir nicht mehr im selben Raum wie er leben. Ich habe meiner Enkelin „Robinson Crusoe“ zu lesen gegeben. Als sie damit fertig war, sagte sie mir: „Da siehst du, Opa, was passiert, wenn man sein Handy vergisst!“ Ich habe ihr erwidert: „Ich glaube, Robinson hatte in Wirklichkeit sein Handy dabei, aber weißt du, die Definition einer einsamen Insel ist, dass es da kein Netz gibt.“


Zentral ist die Distanz, die das Denken von der Erkenntnis trennt


 

Sie weisen die Idee von sich, dass wir durch die neuen Technologien Dinge verlieren könnten. Doch wenn wir uns mit starrem Blick auf unser Handy durch den Wald bewegen, bedeutet das dann nicht auch, sich zu verlaufen beziehungsweise den konkreten Wald zu verlieren zugunsten des abstrakten Raums der Satelliten?

Da stimme ich Ihnen gern zu. Doch das ist nicht neu. Wie Sie wissen, bin ich viel gesegelt. Wenn ich mit dem Sextanten auf dem Meer war, richtete ich mich schließlich auch nur nach den Sternen und dem Sonnenuntergang. Neu ist nicht die Orientierung nach den Sternen, die es bereits zu Zeiten der Vorsokratiker gab, neu ist jenes Werkzeug, das aus uns vernetzte Wesen macht. Das Einzige, womit wir damals vernetzt waren, war der Polarstern!

Von früh bis spät an unseren mobilen Bildschirmen zu hängen – ist das denn nicht eine neue Entfremdung?

Zu Zeiten Don Quixotes dachte Sancho Pansa: „Dieser Typ glaubt immerzu, er sei in einem Buch, und Windmühlen hält er für Ritter, die ihn attackieren! Er lebt in einem Ritterroman, während er in der realen Welt ist!“ Aber man ist nie im Realen. Das einzige Wesen im Realen ist die Kuh auf der Wiese. Oder die Katze vor der Maus. Wir aber träumen die ganze Zeit. Madame Bovary hat im Traum öfter Liebe gemacht als in Wirklichkeit, und bei uns ist das nicht anders. Wir sind Virtualmaschinen. Und das Reale zu sehen, ist nicht allen gegeben. Um das Reale zu sehen, bedarf es nicht weniger als einer Revolution, einer mächtigen Revolution, wie jener von Galilei oder von Newton. Niemand hatte jemals zuvor die Körper so fallen sehen wie Newton. Ich kehre also die Frage um. Das Reale ist nicht da oder gegeben. Vielmehr ist eine eigenständige Leistung nötig, um es so zu betrachten, wie es ist.

Wenn Sie sich umsehen, was sehen Sie?

Ich sehe einen Raum, den des Waldes, der Bäume, des Windes, der Böden, in den eine Schrift eingegraben ist, die darauf wartet, entziffert zu werden. Wenn die Geschichtsschreibung bei der Schrift ansetzt, dann ist es an der Zeit, dass sie die Zeichen einbezieht, die die Natur seit Jahrtausenden schreibt. Mit der Idee der Großen Erzählung schlage ich seit langem vor, die Geschichte auf alle Ereignisse hin zu öffnen, die der Menschheitsgeschichte vorausgegangen sind und die wir inzwischen datieren können, von der Entstehung der Planeten bis zu jener der Arten. Ich lenke die Aufmerksamkeit auf die Tatsache, dass Dinge auf Dinge schreiben, dass sie auf die Welt schreiben, dass die Welt geschrieben ist. Wenn die Geschichte mit der Schrift beginnt, steht der Big Bang am Anfang. Fossilien und geologische Formationen sind Schrift. Wenn ein Vulkan ausbricht, ist die Lava Tausende Grad heiß, doch wenn sie abkühlt, kristallisiert sie, und der daraus entstehende Felsblock bewahrt das Magnetfeld jener Zeit, in der er schmelzflüssig war. Oder wenn man in Grönland eine 3000 Meter tiefe Kernbohrung macht, hat man im Eiskern Zeugnisse der damaligen Epoche. Man kann diese „natürliche“ Geschichte also nicht nur datieren, sondern auch dechiffrieren. Das ist es, was ich hier um uns herum spüre und sehe, diese Schrift, die dabei ist, sich zu schreiben.

Denken heißt für Sie, sich auf die Wissenschaften und die Beobachtung zu stützen, doch es heißt auch, dass man es schafft, sich von ihnen zu lösen, einen Schritt beiseitezutreten.

Ganz gewiss. Kennzeichen dieses Abstandnehmens ist die Distanz, die das Denken von der Erkenntnis trennt. Man muss immer von neuen Erkenntnissen ausgehen, doch aus dem Abstand, den man zu jenen Erkenntnissen einzunehmen vermag, geht das Denken hervor. Genau das ist Philosophie.

Ausgewählte Werke von Michel Serres



Hermes I. Kommunikation (Merve, 1991)

Der erste Teil einer Reihe aus fünf Bänden (1991– 1994) basiert auf der neuen Informationstheorie und reflektiert anhand der Neuorganisation von kulturellen Netzwerken den Übergang von der Produktions- zur Kommunikationsgesellschaft.

Der Naturvertrag (Suhrkamp, 1994)

Serres’ Essay entwirft vor dem Hintergrund ökologischer Problemstellungen die politische Idee eines neuen Naturvertrags, der sich von Naturausbeutung distanziert und das Verhältnis von Mensch und Natur neu regelt.

Erfindet euch neu! Eine Liebeserklärung an die vernetzte Generation (Suhrkamp, 2013)


Anhand der „kleinen Däumlinge“, der Jugendlichen, die mit flinken Fingern ihre Smartphones steuern, entwirft der Philosoph eine Analyse der Veränderung unserer Beziehung zu Körper, Raum, Wissen und Macht durch neue Technologien.

Musik (Merve, 2015)

Serres sieht in der Musik den übermenschlichen Versuch, jenes „Hintergrundrauschen“, das die Welt von Beginn an durchzieht, zu vervielfältigen, zu erneuern und zu übersetzen.

Le Gaucher boiteux (Le Pommier, 2015)

Ein biografischer Appell des Philosophen, der Linkshänder ist und hinkt, über alle notwendigen Umwege die Quellen des Denkens selbst zu erschließen.

 

Wie würden Sie die Philosophie definieren?

Mathematik ist einfach zu definieren. Sie ist ein transparentes, deutlich abgesetztes Gebäude, das die Gesamtheit der Erkenntnisse sammelt, die von den Mathematikern seit Euklid erarbeitet wurden. Als Laurent Lafforgue 2002 seine Fields-Medaille – für Mathematiker das Äquivalent zum Nobelpreis – bekommen hat, habe ich ihn gefragt, was er herausgefunden hatte. Er antwortete mir: „Das ist sehr einfach. Es ist ein Problem, das von Euler gestellt wurde. Er hatte fünf Fragen, die erste wurde von Riemann gelöst, die zweite von Poincaré … Ich habe die vierte und fünfte erledigt.“ Er stellte sich also in eine Reihe, die niemals unterbrochen wurde. Die Philosophie hingegen ist kein kumulatives Wissen. Jeder Philosoph muss sie jedes Mal neu erfinden. Er hat keinen Anhalt, keinen Mitarbeiter, er arbeitet an einem singulären Werk. Ein wenig wie bei Kunstwerken. Je mehr er zitiert, desto weniger denkt er. Gehen wir anders an die Frage heran. Wer in mir hört Musik? Der Körper, da ich den Takt spüre und tanze. Aber auch die Sinne (das Gehör), der Verstand (ich bewundere die Konstruktion des Kontrapunkts, die Struktur der Melodie), die Emotion (es rührt mich zu Tränen, versetzt mich in Begeisterung). Die Musik ruft also in mir eine Funktion hervor, die Vernunft und Emotion miteinander verknüpft. Diese integrale Funktion des Begreifens ist nie benannt worden. Womit beschäftigt sich die Philosophie? Mit allem. Mit den Wissenschaften, dem kognitiven Funktionieren, dem Körper, der Welt, den Blumen, den Wölfen und den Lämmern. Die Philosophie mobilisiert diese unbekannte und integrale kognitive Funktion, die es ihr erlaubt, sich um die Gesamtheit des Realen zu kümmern, und die sich in persönlichen Werken verwirklicht. Wir Philosophen sind berauscht und trunken vom großen Ganzen. Doch immer gehen wir von einem einzelnen Punkt aus, der irgendwo sein kann. Wo ist unser Ausgangspunkt? Egal wo! Doch sobald es einmal losgeht, wird alles in Beschlag genommen. Das ist ein unmögliches und hoffnungsloses Unterfangen.

Warum hoffnungslos?

Vielleicht gibt es Philosophen, denen es geglückt ist, ihre Beweise zu Ende zu führen oder ihr System abzuschließen. Doch zumeist wächst dem Philosophen die Sache über den Kopf. Er ist verpflichtet, nichts unbesehen zu lassen. Jedoch kann er nicht alles leisten. Er ist zu Herkulesaufgaben verdammt. Er gleicht dem Arzt für Allgemeinmedizin. Der Spezialist ist Kardiologe oder Dermatologe, der Allgemeinmediziner versucht, mit seinen beiden Armen die Gesamtheit der möglichen Krankheiten zu umfassen. Wir sind die Allgemeinärzte der Kognition.

Kommen wir wieder auf die Frage der Orientierung zurück. Der Philosoph muss seine eigenen Anhaltspunkte erfinden?

Ja, für den Mathematiker ist die Orientierung streng vorgegeben. Er weiß, dass er für seine Beweisführung an einer ganz bestimmten Stelle vorbeimuss. Wenn man aber vor einem Problem des Universellen steht, steht man vor einem weißen Raum. Wo werde ich entlanggehen? Ich mag das Wort „Orientierung“ nicht. Ich muss dazusagen, dass ich ein alter Linker bin. Das Wort ist wirklich bizarr: Warum der Orient, wo doch der Fixpunkt der Norden ist? Warum sagt man nicht „sich okzidentieren“, warum wählt man nicht den Süden als Anhaltspunkt? Nun ja, ein Gedanke über die Orientierung, wie er typisch für einen Linken ist, denn der Linke steht, ebenso wie der Philosoph, daneben oder anderswo.

Welchen Rat würden Sie einem angehenden Philosophen geben? Wo soll er beginnen?

Es kann irgendwo losgehen, wie ich schon sagte, aber besser ist es, er fängt mit etwas an, das sein Interesse für das Hier und Jetzt weckt, mit etwas, das im Wandel begriffen ist. Ihnen wird nicht entgangen sein, dass eine neue Welt im Entstehen begriffen ist. Die Neuheit hat mich mein ganzes Leben lang inspiriert und begeistert. Meine erste Philosophievorlesung, die ich vor einem halben Jahrhundert, mit 24 Jahren, gehalten habe, behandelte das Thema: „Was ist Neuheit?“ Nicht leicht zu umreißen, die Neuheit. Wenn man sie definieren kann, dann deshalb, weil sie nicht mehr neu ist, doch wenn man nicht die Werkzeuge hat, um sie zu begreifen, sieht man sie nicht.


Kann man wirklich auf Fixpunkte verzichten? Das ist heute die große politische Frage


 

Bedeutet denn diese Aufgeschlossenheit gegenüber dem Neuen zugleich auch eine Aufgeschlossenheit gegenüber dem Kontingenten?

Kontingenz ist eine Bombe; etwas winzig Kleines, das universell werden kann. In der Informationstheorie verhält sich der Wert einer Information proportional zu ihrer Seltenheit. Anders gesagt, es ist etwas Kleines, Schwaches, das imstande ist, die Welt zu erobern. Vor ein paar Tagen habe ich erfahren, dass der Datenfluss 2015 einen viel größeren finanziellen Wert in der Welt hervorgerufen hat als der Fluss von Menschen, Gütern und Handelswaren. Zu Beginn ist das rein gar nichts, ein Strom von Zeichen. Doch er hat eine solche Masse bekommen, dass er die anderen Aktivitäten überdeckt hat. Zuvor war er nichts, und heute ist er die ganze Welt.

In dieser neuen Welt, in der alles in Bewegung ist, könnte man versucht sein, sich eine Wiederherstellung fester Anhaltspunkte vorzunehmen, um dem Strudel zu entgehen. Sie stehen aber dafür ein, dass Philosoph zu sein bedeutet, die Abwesenheit von Fixpunkten zu akzeptieren.

Die ja bereits alte Entdeckung des unendlichen Universums hat eine rastlose Suche nach dem Fixpunkt in der modernen Metaphysik nach sich gezogen. Gibt es einen Mittelpunkt des Universums? Nein, weil es unendlich ist; das Zentrum schweift überall umher. Damit es einen Mittelpunkt gäbe, müsste das Universum geschlossen sein. Da es unendlich ist, gibt es kein Zentrum und folglich keinen Fixpunkt. Heutzutage stellt sich die Frage nach dem Fixpunkt in der Politik.

In der Politik?

Ja, es ist das aktuelle große politische Problem. Die neuen Technologien haben die Vielfalt ins Unermessliche schie゚en lassen. Was macht man nun, da die Vielfalt ihre Zügel ablegt? Letztlich hat sie das nicht ganz getan, insofern Google die Rolle der Regierungen übernommen hat. Google hält die Vielfalt im Zaum, doch wie lange noch? Bereits Titus Livius stellte sich diese Frage: Was würde die Menge machen, wenn es nicht zu einem bestimmten Moment einen König, einen Kaiser, einen Tribun gäbe, der sie in Schach häauch als eine architektonische Form vorstellen: Von den ägyptischen Pyramiden bis zum Eiffelturm gibt es einen Fixpunkt und ein breites Fundament, das den Raum absorbiert. Heute haben die neuen Technologien diese Struktur gesprengt. Man ist mit der Vielfalt als solcher konfrontiert. Jeder besitzt mehr globale Hinweise über den Zustand der Welt als Augustus, Napoleon oder enheit.

Und dennoch hat man den Eindruck, dass alles schwimmt.

Das ist heute das große Problem: Kann man wirklich auf Fixpunkte verzichten? Leibniz meint, wir brauchen einen Fixpunkt, nämlich Gott, um kommunizieren zu können. Ich spreche in diesem Moment nicht mit Ihnen: Sie antworten mir nur, weil Sie mit Gott sprechen und Gott mir Ihre Nachricht übermittelt. Es erscheint absurd, den Umweg über ein drittes Glied gehen zu müssen, doch sobald es mehr als drei Gesprächspartner gibt, ist es ökonomischer, über einen Fixpunkt zu gehen, der jedem die Information übermittelt, als sie individuell von jedem zu jedem übermitteln zu müssen. Heute hat das Netz den Platz Gottes eingenommen. Wird sich die reine Vielfalt regieren lassen, ohne dass neue Formen der Überwachung aufkommen? Vielleicht bildet sich ja gerade eine neue Demokratie heraus? Das ist die Frage.

Sie sagen, Sie hätten sich immer von einer unbekannten Autorität leiten lassen, die besser wusste als Sie, wohin Sie gehen mussten. Was für eine Autorität ist das?

Wenn ich das wüsste … Ich kann Ihnen im Vertrauen sagen, dass ich meine Bücher niemals selbst geschrieben habe – vielleicht war es mein Doppelgänger, mein Zwilling? Er spricht in die Blackbox. Der wirkliche Autor schreibt unter diesem nach außen verlegten Diktat. Diktat des Körpers? Ja, es sind die Füße, die schreiben. Das Gehen ist der Anfang des Denkens. Die Ideen kommen beim Gehen. Und lange Zeit habe ich an einem Stehpult geschrieben. Wir sind zu Menschen geworden, seit wir Zweibeiner sind. Musik und Sprache müssen uns von dem Moment an widerfahren sein, in dem wir uns aufgerichtet haben. Man malt mit den Händen. Doch ich glaube, ein Komponist komponiert und ein Schriftsteller schreibt im Rhythmus seines Ganges. Jawohl, definitiv, man denkt und man schreibt mit den Füßen. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 5 / 2016