„Herkunftsverleugnung ist der Sprengsatz der Moderne“

 
Bild: © CC BY-SA 2.0  Fronteiras do Pensamento


Für Peter Sloterdijk ist unsere Epoche von immer tieferen Generationsbrüchen geprägt. Die Folgen dieser Entwicklung nehmen apokalyptische Ausmaße an. Zeit für eine Ethik neuer Nachhaltigkeit.

Das Gespräch führte Wolfram Eilenberger



Herr Sloterdijk, im Zentrum ihres neuen Buches „Die schrecklichen Kinder der Neuzeit“ stehen Fragen der Herkunft und des Konflikts zwischen den Generationen. Wenn man die heutige Lage in Deutschland betrachtet, erscheint die Spannung zwischen den Generationen so gering wie noch nie. ein verschärfter Konflikt, etwa eine Studentenrevolte, scheint nicht in Sicht. Warum ist das so?

Ich spreche in meinem Buch nicht so sehr vom Generationenkonflikt, sondern über das generationelle Intervall, also den lebensweltlichen Abstand, der aufeinander folgende Generationen voneinander trennt. Das ist nicht genau das Gleiche. Ich lege dar, wie sich das Intervallphänomen insbesondere in der europäischen Zivilisation seit Jahrhunderten vertieft und radikalisiert. Ihr Hinweis auf das Verblassen der Generationenkonflikte deutet darauf, dass die Geschwindigkeit der Weltveränderung in den letzten 30 Jahren enorm zugenommen hat. Die Älteren werden von den Jüngeren einfach durch ihr „Lebenswelt-Gap“ distanziert. Die Jungen leben bereits in einer anderen Umwelt, das kann man ohne Übertreibung sagen, und zwar in einer den Älteren unverständlichen Technosphäre. Gerade weil das generationelle Intervall mittlerweile so riesig ist, kommt es nicht mehr zu heftigen Generationenkon ikten.

Inwieweit kann die konservative Formel „Zukunft braucht Herkunft“ dann heute noch Geltung beanspruchen?

Wir blicken nicht länger auf eine Zukunft hinaus, die als Derivat von Herkunft definiert werden könnte. Sie kennen das Diktum von Goethe: „Wer nicht von dreitausend Jahren sich weiß Rechenschaft zu geben, bleib im Dunkeln unerfahren, mag von Tag zu Tage leben.“ Man müsste ja in einer jahrtausendealten Kultur verwurzelt sein, um entsprechende Projektionen in eine Zukunft vornehmen zu dürfen. Die jungen Leute der Gegenwart können mit knapper Not noch an die galileische Weltform oder an die Bacon-Welt anknüpfen, das heißt an Gedanken, in denen die technische Moderne konzeptualisiert wurde. Damit landen wir im 17. Jahrhundert. In das damals eröffnete technologische Kontinuum können sich die heutigen Jungen womöglich noch hineindenken, weil sie erkennen: Wir sind die Erben von Krisen, die damals begonnen haben, im Sinne der technischen Offensive und des Umweltverbrauchs ohne Grenzen.

Den entscheidenden Bruch verorten sie dann aber im 18. Jahrhundert, mit dem Zeitalter der Aufklärung und ereignisgeschichtlich Gesehen mit der Französischen Revolution.

Die Französische Revolution war nie revolutionärer als in dem Augenblick, in dem man die christliche Zeitrechnung abschaffte und einen neuen Kalender einführte, von einem Jahr null der Freiheit ausgehend. Das war der symbolische Akt, der das Bewusstsein radikaler Diskontinuität mehr als alles andere markierte. Noch entscheidender freilich wurde die Gestalt Napoleons als Verkörperung des Aufstiegs aus dem genealogischen Nichts – und des reinen Sturzes nach vorne.

Historisch trifft sich das mit der Aufklärung als einer Epoche, in der die Bedeutung der Herkunft für das freie, vorgeblich rein selbstbestimmte Subjekt heftig bestritten wurde.

Ich schlage vor, die Aufklärung, wie übrigens auch schon die Renaissance, als eine Strategie der Selbstnobilitierung bürgerlicher Aufsteiger zu beschreiben: Das Bürgertum entdeckt in der beginnenden Neuzeit etwas, was man seit dem 18. Jahrhundert den „Adel des Geistes“ nannte. Renaissance und Aufklärung haben dieses eine gemeinsam: Sie entwickeln höchst erfolgreiche Rhetoriken für Leute, die nach oben wollen. Es zeigte sich ja bald, dass die Aufklärung ein kryptoaristokratisches Projekt beinhaltete: Sie erzeugte eine neue Elite in Gestalt einer Neoaristokratie, die den universalistischen Jargon spricht. Dies ist der Widerspruch, der die bürgerliche Gesellschaft bis auf den heutigen Tag prägt. Universalismus verursacht mit der Zeit hohe Nebenkosten. Immer größere Kreise der Gesellschaft nehmen nach und nach die universalistischen Redensarten beim Wort und lösen dadurch eine Dynamik wachsender Reklamationen aus. Moderne Verfassungen fangen bekanntlich mit mehr oder weniger eindrucksvollen Grundrechtskatalogen an. Aber erst, wenn ein Katalog dieser Art gutgeheißen wurde, bemerkt man, was für einen Sprengsatz man damit in die Welt geworfen hat. Man gerät nun in endlose mengentheoretische Paradoxien: Was man allen versprochen hat, kann man nur halten, wenn es nicht allen gewährt wird und wenn nicht alle Betrogenen reklamieren! Das ist die paradoxe Struktur, die jeder modernen Ideologie innewohnt.

So sind also gerade unter dem Zeichen der angestrebten Chancengleichheit schwere biografische Enttäuschungen unvermeidlich – und das in großer Masse?

Die moderne Gesellschaft kämpft mit einem inneren Widerspruch: Einerseits scheint sie aus lauter Selbststartern zu bestehen, andererseits ist evident, dass die reale Elite eben nicht nur aus dem Selbststart hervorgeht, sondern in der Regel von Herkunfts- und Erziehungsprivilegien zehrt. Was übrigens heute wieder als Wasser auf die Mühle derjenigen strömt, die behaupten, Europa sei nach wie vor eine Klassengesellschaft und der Eindruck sozialer Mobilität sei zu einem wesentlichen Teil illusorischer Natur.

Welche Rolle spielt Kant als Schlüsselfigur der Aufklärung in diesem Prozess?

Kant hat eine subversive Idee entwickelt, die mit dem radikalen Modernismus korrespondiert, nämlich dass eine moralisch wertvolle Handlung der Gewohnheit nichts verdanken darf. Sie soll durchaus nicht in einem Habitus oder einem Hergebrachten verankert sein, sondern immer neu aus der reinen Quelle der guten Gesinnung entspringen. Hingegen hatte die ältere christliche Anthropologie, etwa bei Thomas von Aquin, der sich seinerseits auf Aristoteles stützte, den guten Habitus gelobt: Nur wenn uns durch Übung und Kultivierung das sittlich wertvolle Verhalten zur zweiten Natur geworden ist, wird das Unwahrscheinliche wahrscheinlich. Wir sollen das fast Unmögliche als etwas erscheinen lassen, was uns leichtfällt. Der Mensch ist demnach zu einer Art von moralischer Akrobatik berufen. Er soll so weit kommen, aus dem Stand den Salto mortale ins Gute zu springen. Das gelingt nur, wenn er auf einem Sockel ertüchtigender Gewöhnungen aufbauen kann. Überlegungen dieser Art wies Kant zurück. Er verlangte, die moralisch wertvolle Handlung solle immer frisch dem Aufschwung zum guten Willen entspringen. Sie darf der Gewohnheit nichts verdanken, weil durch diese ein Trägheitsmoment oder ein Neigungselement überhandnähmen – und dies öffnete ein Einfallstor für die zu überwindende Macht der Herkunft.


Die Aufklärung war eine Strategie zur Selbstmobilisierung bürgerlicher Aufsteiger


 

Sind die kulturellen Kosten dieser aufklärerischen Ideale viel höher, als wir uns bis heute eingestehen wollen?

Das ist in der Tat so, und zwar auf der aktivistischen Seite wie auf der konsumistischen. Das Tandem aus aktivistischem Konsumismus oder konsumistischem Aktivismus, das für die moderne Lebensform so charakteristisch ist, führt zu einem sich täglich intensivierenden „Weltverbrauch“.

Das ideal der herkunftsfreien Selbstverwirklichung ist also vor allem eines: auf Weltverbrauch angelegt?

Unser Modus Vivendi und seine idealisierenden Begründungen sind unbedingt gebrauchs- und konsumintensiv. Der Eintritt in die Gruppe der Befähigten und Bemächtigten geht immer mit einer konsumistischen und einer aktivistischen Mobilisierung einher. Die Stoffwechselgewohnheiten der dynamisierten Menschheit sind ja von Grund auf andere als jene des Agrarzeitalters. Im Industriesystem nimmt eine völlig neue Form des Metabolismus überhand, und diese löst aus, wovon mein Buch eigentlich handelt: Wir verlassen das Regime der Gleichgewichtsmodelle – und daher verstehen wir die Welt nicht mehr. Seit den Tagen des Aristoteles wurde die Physis als eine große, von Symmetrien durchwaltete Rotation beschrieben. Die Kreisbewegung ist demnach die vollendetste aller Bewegungen. Was in sich selbst zurückkehrt, das ist die gute Unendlichkeit. Die Moderne sprengt die Kreise auf und verlässt die in sich selbst zurückkehrenden Zyklen der Natur. Die modernen Menschen befinden sich in einer Art von kosmischem Exodus. Sie werden selber mehr und mehr zu Agenten der wachsenden Asymmetrien.

Könnten sie konkrete Beispiele nennen?

Man kann die globale Tendenz am Beispiel des Geldgebrauchs am besten erläutern. Es gibt in der Welt von heute riesenhafte Überliquiditäten, das heißt Geld, das man nicht mehr sinnvoll beziehungsweise gewinnbringend anlegen kann. Geld also, das man nur noch verbrennen, verschenken oder in Luxusgütern verausgaben möchte. Vor kurzem hat mir ein Bankberater berichtet, man habe in seinem Bankhaus noch nie so viele Luxusautos finanziert wie im letzten Jahr. Die Leute, die auf Überliquiditäten sitzen, wissen mit ihren Mitteln nichts mehr anzufangen.

Weil die Zukunft nichts mehr verheißt im Sinne der Rendite?

Genau, im aktuellen Geldgebrauch kehrt sich der Zeitvektor um und weist aus der Zukunft auf die Gegenwart: Wenn die Zukunft enttäuschend verläuft und keinen Zins verspricht, kehrt man zurück in den Endkonsum hier und heute. Das Geldbeispiel ist paradigmatisch für viele Dinge, die seit dem Eintritt in die industrielle Weltform geschehen. Die Zeichen stehen insgesamt auf Endverbrauch. Man darf nicht vergessen: Asymmetrie ist das mathematische Pseudonym der Katastrophe.

Der ursprünglich auslösende Symmetriebruch besteht jedoch darin, dass eine Generation sich von der anderen radikal absetzt?

Ich habe versucht, das Auf klaffen der genealogischen Intervalle relativ weit zurückzudatieren. Bereits in der mittelmeerischen Antike, in Israel, bei den Griechen, bei den Römern, hat es symptomatische Zwischenfälle gegeben. Denken Sie an Ödipus, an Alkibiades oder Jesus. Allein um das Jesus-Ereignis zu verarbeiten, diesen großen anti-genalogischen Schock des Judentums, hatten wir fast 2000 Jahre Christentum nötig. Die Moderne zeichnet sich nun dadurch aus, dass mit dem stärkeren Auf klaffen der genealogischen Intervalle immer mehr unternehmerische, innovatorische, rebellische, auch künstlerische, bohemische Energien in die Gesamtzivilisationen einießen. Um diese Einwirkung auf den Begriff zu bringen, habe ich den Schlüsselsatz meines Buches formuliert, den ich den „zivilisationsdynamischen Hauptsatz“ nenne. Er besagt, dass im Gang der Zivilisation mehr Energien freigesetzt werden, als mit den Mitteln der bestehenden Kulturverfahren wieder gebunden werden können. Heute, da die Asymmetrien sehr massiv werden, wirkt die Lage zunehmend beunruhigend. Die Folgen dieser Prozesse lassen sich weder übersehen noch leugnen. Die globalen Umweltverwüstungen sprechen für sich.

Nun gibt es ein politisches Programm, für das Fortschritt gerade darin besteht, diese Unwuchten in ökonomischer und sozialer Hinsicht möglichst auszugleichen: die Sozialdemokratie.

Das ist ganz richtig gesehen. Und wenn wir in Europa noch in halbwegs erträglichen Verhältnissen leben, dann wohl aufgrund der Tatsache, dass der Sozialdemokratismus – unter diversen Handelsnamen – die bei uns herrschende Gesinnung geworden ist. Ich habe mich ja vor wenigen Jahren ein wenig unbeliebt gemacht bei den bestehenden Parteien, als ich behauptet habe, wir hätten im Deutschen Bundestag fünf Varianten von Sozialdemokratie und könnten immer nur über die Additive und Mischungsverhältnisse entscheiden, indes der sozialdemokratische Basiskonsens das gesamte Spektrum abdeckt. Der verrückte Rest wird durch die Fünf-Prozent-Klausel ausgefiltert. Der Merkel-Effekt macht das heute völlig deutlich. Wir haben die Parteien als Wartesäle eingerichtet, wo man sich am Ofen der Illusion noch wärmen kann. Unsere Politik ist eine Art Bahnhofsmission für alle.

Dennoch gewinnt die Idee, dass wahre Chancengleichheit nur unter der Berücksichtigung der Herkunft möglich ist, in den letzten Jahrzehnten politisch wieder an Einfluss.

Dafür gibt es auch einen deutlich benennbaren Grund. In dem Maße, wie die bürgerlichen Aufstiegshoffnungen mit einer echten Realisierungschance verknüpft worden waren, hat man zu Recht das Interesse an Herkunftslosigkeit betont. Auch juristisch sind uneheliche Kinder heute durchwegs gleichgestellt. Inzwischen jedoch erscheinen die Aufstiegshoffnungen in wesentlich gedämpfter Form. Man wird also wieder aufmerksam auf die postaristokratische Form des Privilegs in bürgerlichen Gesellschaften. In einer solchen Situation schaut man erneut auf die Herkunft. Interessanterweise tut man das besonders in den USA, die ja of ziell die Gleichgültigkeit gegen Herkunft zur Nationalkonfession erhoben haben. Wie kein anderes Kollektiv der Welt sind die Vereinigten Staaten von der Idee des Selfmademan oder der Selfmadewoman geprägt. Für die USA gibt es jüngere Untersuchungen, die aufzeigen, wie die soziale Trägheit die Aufstiegsdynamik längst überlagert hat. Was auch auf der Hand liegt, weil die USA nie ein auf sozialen Ausgleich drängendes Schulwesen besaßen wie wir in Europa. Doch auch in Europa liegt in dieser Hinsicht das goldene Zeitalter schon hinter uns, denn die effektive Umverteilung von Chancen durch das öffentliche Schulsystem hat sich stark abgeschwächt. Man glaubt zu beobachten, dass die Schule als Ausgleichsmechanismus auch bei uns an Wirksamkeit verliert.


Das Landleben als konservativer Prägestock löst sich auf. In der Stadt regiert die Mode


 

Sie behaupten, das kulturelle Kernproblem bestünde darin, dass die „genealogische Frage“ lange zeit durch die Konzentration auf die „soziale Frage“ verdunkelt wurde.

Sollte mein Buch einen originellen beziehungsweise einen Gedanken provozierenden Ansatz enthalten, dann wäre es dieser offen geforderte Paradigmenwechsel von der soziologischen zur genealogischen Denkweise. Ich werfe der dominierenden Soziologie eine implizite Genealogie-Vergessenheit vor. Wir kennen natürlich die Familiensoziologie, diesen ehrenwerten kleinen Zweig der großen Mutter Gesellschaftswissenschaften. Im Großen und Ganzen aber spielt die genealogische Frage in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine ganz untergeordnete Rolle. Eine Wissenschaft der Genealogie, die diesen Namen verdiente, würde Kenntnisse in Geschlechterkunde, in Filiationstheorie, in Transmissionsprozesstheorie voraussetzen. Damit haben sich nur wenige Geisteswissenschaftler ernsthaft beschäftigt.

Legt ihre Analyse, abgesehen von einem Aufruf an die Geisteswissenschaften, auch konkrete ethische oder politische Programme nahe?

Aus meinen Überlegungen folgen anspruchsvolle ethische Konsequenzen, denn sie laufen auf eine Ethik der Transmission hinaus. Das berührt sich mit dem moralischen Leitwort, das während des letzten Jahrzehnts die Ethikdiskurse in aller Welt dominiert, mit dem Begriff „Nachhaltigkeit“. Man kann dieses Wort zwar schon fast nicht mehr hören, aber es ist leider nach wie vor unentbehrlich. Es deutet an, dass in die aktuelle Ethik so etwas wie ein progressiver Konservatismus einzieht. Zwischen Progressivität und Konservativität ist eine neuartig ironische Konstellation entstanden. Ein gewisser ironisch progressiver Konservatismus ist naturgemäß auch an meinen Überlegungen zu bemerken.

Bei ihrem vorigen Buch „Du musst dein Leben ändern“ steht der mensch als übendes, zur Selbstüberschreitung befähigtes Wesen im Vordergrund. in den „schrecklichen Kindern“ hingegen wird der Mensch eher als das korrumpierbare Wesen sichtbar. Besteht die Klammer zwischen beiden darin, dass gerade ein Ethos der Nachhaltigkeit der Einübung über Generationen hinweg bedarf?

Durchaus, und zwar im Sinne einer Habitusbildung, die ein Kollektiv stabilisiert, sodass es nicht Gefahr läuft, sich von einer Generation zur nächsten aufzulösen. Die Habitusbildung darf hier also nicht nur individualistisch gelesen werden. In „Du musst dein Leben ändern“ stand der Individualhabitus im Zentrum. Der absolute Imperativ wendet sich ja in letzter Instanz an den Einzelnen, der sich aus der Menge löst, um das Richtige zu tun. Jetzt gehen wir einen Schritt weiter und fragen nach der Rolle der schöpferischen Gewohnheiten auf der Ebene der Kollektive.

Sehen Sie diese Einübung neuer Gewohnheiten der Nachhaltigkeit als etwas, das insbesondere ihre Generation an die nächste weitergeben kann?

Ja, durchaus. Dazu muss man bedenken, meine Generation ist häufig vaterlos aufgewachsen. Wir waren alle betroffen von einer Empfehlung des Apostels Paulus im Thessalonicherbrief: „Prüfet aber alles, und das Gute behaltet.“ Diese Zersetzungsprobe der analytischen Kritik, diese Feuerprobe der Bewährung angesichts von Ungläubigkeit, Traditionsabbruch, Nihilismus und Skepsis – das ist für mich das eigentliche Wunder der modernen Zivilisation. Trotz Traditionsverlust und grenzenloser Enttäuschung tauchen zu guter Letzt wieder haltbare Wahrheiten auf. Man entwickelt nach all den Lehrjahren der Skepsis feuerfeste Überzeugungen, zu denen man sich bekennen darf: einerseits enterbt und sitzen gelassen, und doch so viel Erfahrungen gemacht, dass man in die Position kommt, etwas lehren und weitergeben zu wollen. Das ist die modernisierte Transmissionsbewegung, die mir vorschwebt. Ich beobachte, dass sich derzeit in vielen Teilen der Welt ähnliche Kulturbrüche vollziehen, wie wir Europäer sie in den letzten 100 oder 150 Jahren erlebt haben.

Es gibt ja ganze Kontinente, die sich in dem von Ihnen beschriebenen Sinne erst auf dem Weg in die moderne befinden.

Wir wissen heute ziemlich verbindlich, dass in den nächsten 50 bis 100 Jahren zwei Drittel der nicht europäischen Menschheit den Prozess der Urbanisierung durchmachen, der sich bei uns im 19. und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vollzogen hatte. Verstädterung ist das Schicksal schlechthin. Es werden immer mehr Menschen von der relativen Aussichtslosigkeit des ländlichen Lebens in den relativen Chancenreichtum der urbanen Lebensformen umsiedeln wollen. Hier spielt sich etwas ab, das bei uns in der analogen Phase auch geschehen ist. Der große Prägestock des Konservatismus, das ländliche Leben, löst sich auf, und der neue Prägestock, die gleichzeitigen Lebensformen, die Moden, nehmen überhand. Die Stadt ist der Ort der Mode, das Land der Ort der Sitte. Darum ist Gabriel Tarde einer meiner Schwurheiligen, insofern man mit ihm die Moderne insgesamt als eine Periode definieren kann, in der die Mode der Sitte den Rang abläuft. Mode ist ja nur ein anderes Wort dafür, dass die Nachahmung sich auf das Gleichzeitige bezieht und nicht auf das Frühere.

So zeigt sich gerade die Tätigkeit des Philosophierens eng mit der Frage verknüpft, was aus der Vergangenheit für die Zukunft gebraucht werden kann?

Ich würde sagen, die Philosophie ist der große Filter, durch den Vergangenes in die Zukunft prozessiert wird. Man kann das Philosophieren, als Tätigkeitswort genommen, mit einer Destillation vergleichen. Hierbei übt man die Kunst des Weglassens, bis brauchbare Essenzen zurückbleiben. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 1 / 2015