Die gestohlene Geschichte

Illustration: © Studio Nippholdt


Philosophinnen unterliegen in der Geschichte einem doppelten Ausschluss: 
zu Lebzeiten meist marginalisiert, werden sie überdies von der Philosophiegeschichte und deren Kanonbildung oft verdrängt und vergessen. Trotzdem gibt es in allen Epochen erstaunlich viele philosophische Werke von Frauen.
Ruth Hagengruber macht im Gespräch deutlich, was uns entgeht, wenn wir diese ignorieren.

Das Gespräch führte Catherine Newmark


Eigentlich kommen Frauen im Kanon der Philosophie – zumindest vor dem 20. Jahrhundert – gar nicht vor.


Das stimmt so nicht. Hildegard von Bingen, Elisabeth von Böhmen waren nicht nur zu ihrer Zeit berühmte Figuren, viel zitiert, auch von den Männern. Und selbst in einer Epoche, die sich schon mit Kanonbildung beschäftigte, nämlich das 18. Jahrhundert, werden Frauen, natürlich viel zu wenige, eingeschlossen. Émilie du Châtelet, die eine große Wirkung in Deutschland hatte, wird mehrfach zu den 100 wichtigsten Texten der Epoche gezählt. Wer sich auch nur ein bisschen mit Philosophiegeschichte beschäftigt, trifft unweigerlich auch auf philosophierende Frauen.

Warum habe ich über diese dann nichts in meinem Studium gelernt?

Weil unsere Philosophiegeschichte, das, was heute als Kanon gelehrt wird, vom deutschen Idealismus an bis in die Gegenwart von „großen Männern“ dominiert wurde. Das 19. Jahrhundert ist in vielerlei Hinsicht ausgesprochen misogyn und hat vieles verdrängt. Die Abwesenheit der Philosophinnen in unserem Kanon heute zeugt noch von dieser „gestohlenen Geschichte“, die wir uns zurückholen müssen.

Aber Frauen werden ja nicht nur von der Geschichtsschreibung verdrängt – sie hatten es doch tatsächlich früher schwerer als heute, sich am intellektuellen Leben zu beteiligen, waren von Institutionen ausgeschlossen.

Es ist historisch gesehen von Epoche zu Epoche sehr unterschiedlich, wie präsent Frauen in der Kultur- und Philosophiegeschichte sind. Die An- und Abwesenheit der Denkerinnen prägt das geistige Profil einer Epoche. Denken Sie an Platon. Für Platon ist es wichtig, dass die Frauen genau so erzogen werden wie Männer, und sie teilen mit diesen die Philosophenherrschaft. Es ist Platon, der erzählt, dass Sokrates bei zwei Frauen, Aspasia und Diotima, die Philosophie erlernt habe. Und es gibt einen ganzen philosophischen Korpus von Philosophinnen der Antike. Auch der Goldene Schnitt wurde im vierten Jahrhundert v. Chr. der Philosophin Theano zugeschrieben. Im frühen Christentum und im Mittelalter spielt die Philosophie insgesamt eine geringere Rolle, weil sie sich nicht von der Theologie emanzipieren kann. Allerdings zeigt die Philosophie von Hildegard von Bingen die mächtige Wirkung von Frauen auch in dieser spätmittelalterlichen Zeit. Die Renaissance bedeutet in jeder Hinsicht einen philosophischen Neuanfang, und dieser ist ohne die Mitwirkung der Denkerinnen nicht wirklich zu erfassen. In dieser Epoche zwischen 1500 und 1750 gibt es eine neue Welle, in allen Bereichen des intellektuellen und künstlerischen Lebens treten nun wieder Frauen hervor, in der Musik, der Malerei, als einflussreiche Schriftstellerinnen … Es gibt so viele wichtige Philosophinnen in dieser Epoche: Margaret Cavendish, Elisabeth von Böhmen, Anne Conway, Émilie du Châtelet – und damit nenne ich nur jene Namen, die ohne Zweifel zum großen Kanon der Philosophie gehören und bald auch wieder dort zu finden sein werden.

Und was passiert danach, im 19. Jahrhundert?

Viele fragen, wie es kam, dass dieses Momentum zusammenbricht. In Deutschland lässt sich das sehr gut beobachten und der deutschen Philosophie kommt dabei sicherlich eine wichtige Rolle zu. Die Frühaufklärung betont die Gleichheit des menschlichen Geistes, egal ob männlich oder weiblich. Das sagt der große Philosophiehistoriker Johann Jakob Brucker und das ist der Geist der Aufklärung. Allerdings vertreten die Pietisten – und das sind die Gegner Wolffs und Leibnizens in Deutschland – schon ein anderes Frauenbild, dort wird die Frau als „das andere“ zum Mann, zuerst zwar als gleich, aber eben anders dargestellt. Schiller, Wilhelm von Humboldt, Fichte, sie alle vertreten dann die Auffassung, dass die Frau eben das „andere“ ist, und bei Hegel wird es schließlich zu einem philosophischen Konzept. Die Probleme, die Rousseaus und Fichtes Philosophie verursacht haben, wurden schon in den 1980er-Jahren aufgezeigt. Während die Philosophie des 19. Jahrhunderts also generell anti-aufklärerisch und antiemanzipatorisch wirkt, politisiert sich damit gleichzeitig die Frauenbewegung, und der politische Feminismus etabliert sich. Die Teilhabe von Frauen an Kultur- und Geistesleben lässt sich danach nicht mehr aufhalten.

Inklusive des Zugangs zu den Universitäten.

Ich gehöre nicht zu denen, die denken, Frauen kamen erst zur Philosophie, als die Universitäten sich für Frauen öffneten. Natürlich war es ein gesellschaftlicher Irrsinn, diese für Frauen zu verschließen. Aber man vergisst, dass viele heute berühmte Philosophen, auch Männer, jenseits der Universitäten lehrten. Und dass Universitäten auch nicht immer geschlossen waren – Laura Bassi war beispielsweise im 18. Jahrhundert Professorin an der Universität in Bologna, die seit ihrer Gründung auch Professorinnen aufnahm. Auch die wissenschaftlichen Akademien nahmen im 18. Jahrhundert Frauen auf. Sicherlich war damit noch keine Gleichstellung erreicht. Es ist aber wichtig zu zeigen, dass dieser Kampf gegen den Widersinn der Unterdrückung der Frauen so lange währt wie die Geschichte der Unterdrückung und dass dies alles keine Erfindung des 20. Jahrhunderts ist.


Wir philosophieren alle aus den Verhältnissen, in die wir eingebettet sind und die unserer ,Kraft‘ entsprechen


 

Was wird denn anders, wenn man den weiblichen Anteil an der Philosophie in die Geschichte wieder integriert? Denken Frauen etwa anders?

Das ist eine große Frage. Die wird ja auch von Feministinnen seit den 1980er-Jahren viel und kontrovers diskutiert. Und ein Problem ist eben, dass die Behauptung einer „Andersartigkeit“ des weiblichen Denkens fast immer mit einer Abwertung einhergeht und im Dienste des Versuches steht, Frauen aus der intellektuellen Debatte, aus der Philosophie herauszudrängen. Man hat eine entscheidende Differenz behauptet und versucht, den Universalismus solide auf der männlichen Seite zu verankern, selbst manche Feministinnen haben darauf verzichtet, das anzufechten. Ich selbst würde am universalistischen Anspruch der Philosophie immer festhalten. Der Kampf um gleiche Rechte ist nicht eine Frage der Gruppenzugehörigkeit. Dagegen gibt es viele Beiträge der männlichen Philosophen, die zum Vorteil ihrer Gruppe argumentieren, wenn sie ihr geistiges Potenzial darauf verwenden zu zeigen, warum die Frauen fürs Denken nicht geeignet sein sollen … Die Philosophiegeschichte neu zu schreiben, heißt, auch hier Korrekturen vorzunehmen und manche Denker aus dem Kanon zu entfernen.

Wenn schon kein anderes Denken – andere Erfahrungen haben Frauen aber doch oft gemacht? Und sei es nur aufgrund des von Ihnen beschriebenen Sexismus?

Wir philosophieren alle, wie Émilie du Châtelet sagt, aus den Verhältnissen, in die wir eingebettet sind und die unserer „Kraft“ entsprechen: Sie bestimmen unsere Perspektive. Das Besondere des philosophischen Denkens ist ja gerade, dass es mit seinen Begriffen Einheiten schafft, wo Unterschiede sind. Denn wir alle sind unterschiedlich: Nichts ist identisch auf dieser Welt. Diese philosophische Einsicht ist ja doch Allgemeinwissen. Und gerade das macht den Beitrag von Frauen auch so interessant. Wir lernen, indem wir von allem etwas aufnehmen, was wir nicht selbst sind. Wir lernen aus der Geschichte und wir lernen aus den Perspektiven der anderen. Natürlich ist die Sicht von Frauen, sofern sie andere Erfahrungen, eine andere Perspektive haben, eine Bereicherung unseres Wissens und eine notwendige Ergänzung. Kurz gesagt: Frauen sehen auch andere Dinge und denken auch über andere Dinge nach.

Was wären denn Beispiele für solche anderen Erfahrungen und Sichtweisen von Philosophinnen?

Für mich ist die Debatte über die Liebe ein wunderbares Beispiel, um diesen Unterschied markant zu machen, auch um eine – in meinen Augen – Fehlentwicklung der Philosophie anzuzeigen. Marsilio Ficino, ein bis heute berühmter Denker und Tullia d’Aragona, an die sich, wenn wir ehrlich sind, keiner erinnert, diskutieren beide Platons Philosophie der Liebe. Platon zitiert Diotima, die Lehrerin des Sokrates, und sagt, die Liebe ist die Ursache für alles, weil aus ihr alles Neue hervorgeht und auf diese Weise Ewigkeit entsteht. Die Antworten der beiden sind nun ganz „typisch“. Ficino sagt, diese Liebe sei etwas Überirdisches, auf jeden Fall nichts Leibliches. Dagegen vertritt Tullia d’Aragona die Auffassung, dass alle Liebe und Ewigkeit bei der körperlichen Liebe beginnt und von dort zur Ewigkeit strebt. Es ist interessant, dass Ficino zugleich als Erster behauptet, dass es Diotima nicht gegeben haben soll. Hier sehen wir zwei ganz unterschiedliche Auffassungen dessen, worauf es ankommt: Müssen wir warten, dass das Ewige uns „geschenkt“ wird, oder können wir es selbst erzeugen? Tullia d’Aragona wirkt in dieser Debatte wesentlich moderner! Wenn man eine Position wie ihre aus dem Kanon verdrängt, bekommt man natürlich eine andere Geschichte der Philosophie. Ein weiteres Beispiel ist die heftige Auseinandersetzung zwischen Hannah Arendt und Adorno über die Natur des Bösen. Ich finde es sehr wichtig zu zeigen, dass Frauen Geschichte anders erzählen.

Sind Philosophinnen eigentlich immer auch Feministinnen?

Interessante Frage. Ich habe mich immer sehr dafür eingesetzt, die Geschichte der Philosophinnen zu erforschen, unabhängig davon, ob sie sich ausdrücklich mit der Frauenfrage beschäftigt haben oder nicht. Und ich war und bin immer noch fest davon überzeugt, dass bei näherem Hinsehen keine dieser herausragenden Frauen eine Position eingenommen hat, die die Unterwerfung der Frauen akzeptiert. Oft ist uns auch nicht das ganze Werk zugänglich. Als ich begann, mich intensiv mit Émilie du Châtelet zu beschäftigen, wurde sie von vielen Feministinnen abgelehnt und nicht erforscht, weil von ihr keine Klagen über Diskriminierung zu finden waren. An unserem Center for the History of Women Philosophers and Scientists digitalisieren wir nun die Manuskripte aus der Sankt Petersburger Nationalbibliothek. Dort finden sich sehr interessante Aussagen, zum Beispiel diese: „Ich fühle das ganze Gewicht der Vorurteile, das uns Frauen so allgemein aus den Wissenschaften ausschließt. Und dies ist einer der größten Widersprüche, der mich immer wieder erstaunt hat. Frauen dürfen regieren, aber sie werden nirgendwo erzogen zu denken.“ Philosophie ist eben nicht immer direkt politisch und aktionistisch. Als ich jung war, kam es mir gar nicht in den Sinn, dass Frauen ausgeschlossen sein sollten oder dass mir irgendjemand die Befähigung zum Denken absprechen könnte. Aber irgendwann einmal, früher oder später, hat man uns diesen Optimismus ausgetrieben und versucht, uns in die Grenzen dessen einzuweisen, was der Sexismus des philosophischen Establishments uns Frauen erlaubt. Darauf kann man unterschiedlich reagieren. Entweder Frau wehrt sich gegen diesen Irrsinn, indem sie beginnt, sich feministisch zu engagieren, theoretisch und politisch – oder sie lässt ihn an sich abprallen, weil sie lieber über Naturphilosophie und Mathematik nachdenken möchte … Viele möchten eigentlich lieber im stillen Kämmerlein über die großen Fragen nachdenken, als sich in den politischen Streit zu werfen.

Wenn wir die Philosophinnen in der Geschichte wieder auffinden wollen, müssen wir dann andere Quellen mitberücksichtigen? Also nicht nur nach großen Monografien suchen, sondern auch nach anderen Formen – traditionell als „literarisch“ klassifizierte Werke oder Briefe etwa?

Also sicherlich gibt es gerade im 17. Jahrhundert intellektuelle Frauen, die vor allem durch ihre philosophischen Briefwechsel einflussreich waren, wie es etwa bei Elisabeth von Böhmen der Fall war. Es wäre jedoch einseitig, dies wiederum nur bei Frauen zu sehen. Zugleich gibt es genügend Beispiele von Frauen, die immense Werke hinterlassen haben. Émilie du Châtelet etwa war zu ihrer Zeit in ganz Europa berühmt. Sie wurde zitiert von Deutschland bis Italien, und sie hat ein gewaltiges Œuvre hinterlassen, das alle philosophischen Genres umfasst. Sie beeinflusste wesentlich die Philosophie von Kant und war zudem eine viel bessere Mathematikerin und Physikerin als Kant. Sie verfasste eine Moralphilosophie, eine Bibelkritik, sie beeinflusste Diderot und Buffon und La Mettrie. Sie ist sicherlich die Ausnahmephilosophin, die alle Genres bediente und auch alle herkömmlichen Auffassungen sprengte. Selbst Kant konnte nicht umhin zu schreiben: „Sie ist klüger als alle ihres Geschlechts und die meisten des anderen …“ Aber auch Margaret Cavendish und Hildegard von Bingen haben großartige und umfassende Werke geschrieben, die in ihrem systematischen Charakter denen von Männern nicht nachstehen.


Ich finde es sehr wichtig zu zeigen, dass Frauen Geschichte anders erzählen


 

Dass die meisten Philosophinnen nicht in den Kanon großer Denker aufgenommen wurden, da sind wir ja nicht die Ersten, die das bemerken. Man findet eigentlich in jeder Epoche, bis zurück mindestens ins 15. Jahr hundert, Werke, die die „vergessenen“ Frauen früherer Zeiten sammeln und auflisten.

Ja, solche Auflistungen findet man schon früh – die Kritik am Ausschluss von Frauen ist eben auch schon alt. Christine de Pizan, eine Schriftstellerin um 1400, die das vielgelesene Buch von der „Stadt der Frauen“ verfasst hat, gehört sicher zu denen, die eine solche Tradition mit belebt haben. Fast am Ende dieser Tradition steht dann Gilles Ménage mit seiner schon sehr spezifischen Auflistung der Geschichte der Philosophinnen aus der griechischen Antike. Das Buch wurde 1690 zum ersten Mal gedruckt, wurde aber immer wieder in verschiedenen Sprachen publiziert. In Deutschland gab es um 1700 eine große Tradition von solchen Sammlungen. Diese Listen dienten als Argument gegen den Ausschluss: Seht her, es gibt so viele gelehrte Frauen zu allen Zeiten und in allen Ländern. Wenn ihr sie nicht kennt, und sie so wenige sind, dann weil ihr sie zum Studium nicht zulasst. Der Historiograph Brucker macht bereits diesen Unterschied zwischen gleicher Naturbegabung und sozialer Diskriminierung klar.

Auch wenn es diese historischen Bemühungen immer wieder gibt: Vieles ist unwiederbringlich verloren. Gerade die antiken Philosophinnen, die immer wieder erwähnt werden, von denen ist ja so gut wie nichts überliefert.

Natürlich ist sehr vieles verloren. Aber man muss auch sehen, dass das gesamte antike Schrifttum in seiner Überlieferung fragil ist. Auch was wir beispielsweise über die Stoiker wissen ist weitgehend nur fragmentarisch, in Erwähnungen und kurzen Zusammenfassungen überliefert. Über Hypatia von Alexandrien zum Beispiel wissen wir eigentlich, verglichen zum Beispiel mit Protagoras, der in aller Munde ist, relativ viel. Oder die Pythagoreerinnen: Da gibt es doch auch einen gar nicht so kleinen Korpus. Aber es braucht natürlich auch editorische Bemühungen, diesen zu sammeln. Und diese Bemühungen beginnen ja erst.

Stichwort Edition: In den vergangenen Jahren ist doch einiges passiert, viele Werke gerade von Philosophinnen sind wiederaufgelegt worden.

Ja, aber es gibt auch noch sehr viel quelleneditorische Arbeit zu leisten! Zum Beispiel bei Emilie du Châtelet, da gibt es weiterhin ein sehr großes Manuskriptkorpus, das noch nicht ediert ist. Das machen wir gerade – wir haben uns auf sie konzentriert, weil ihr Einfluss auf Kant und die Aufklärung so groß ist. Aber es gibt noch ganz vieles, das gesammelt und ediert werden muss. Die europäische Quellenlage ist hervorragend und muss wieder gehoben werden. Das ist eine wichtige forschungspolitische Aufgabe – auf die wir uns an unserem Center ja auch konzentrieren.

Die Digitalisierung hilft, oder? Auch nicht edierte Werke sind mittlerweile mindestens in abfotografierter Form in den großen Bibliotheksnetzwerken aufzufinden.

Ja, die Digitalisierung ist für die Ideengeschichte absolut hilfreich. Allerdings entgeht auch sie nicht dem verengten traditionell kanonisierenden Blick: So wird die zehnte digitale Ausgabe von Kant bewilligt, bevor wir eine Edition zu du Châtelet bekommen … Da werden fatale alte Muster in die neue Zeit übernommen. Andererseits sind sie nicht mehr ganz so wirkmächtig: In der digitalen Unendlichkeit macht das keinen Unterschied, ob etwas einmal oder zehnmal digitalisiert wurde – sobald es vorhanden ist, ist es unendlich oft multiplizierbar.

Und wie bringt man die Werke dieser nun wiedergefundenen Philosophinnen endgültig in den Kanon? Dass sie als integraler Teil der Philosophiegeschichte gesehen werden und nicht nur als eine schöne kleine Forschungsnische?

Ich bin da optimistisch. Natürlich ist es ein Kampf gegen die Last der Tradition und der etablierten Kanonisierung. Im Politischen weiß jeder, dass die Klüngelei nicht das Wohl des Landes fördert. Die Menschen denken, in der Philosophie seien alle an Wahrheit interessiert. Aber auch hier spielen menschliche Faktoren eine große Rolle. Da gibt es auch eine gewisse Faulheit, alteingefahrene Interpretationsbahnen, Geschichtsvorstellungen, männlich verletzte Eitelkeiten. Dennoch gilt, die Philosophie muss philosophisch wirken: Wir brauchen viel Forschung, um 2000 Jahre zu rekonstruieren. Aber vieles ist eben auch zum Greifen nah, wie zum Beispiel der Einfluss von Châtelet auf Kant, die starke Rezeption der Phänomenologinnen wie Edith Stein, Hedwig Conrad Martius und Gerda Walter und all die vielen anderen Denkerinnen in ihrer Zeit. Niemand kann sich den Lauf des 20. Jahrhunderts ohne Simone de Beauvoir, Edith Stein und Hannah Arendt vorstellen. Sie gehören zu den wirkmächtigsten Personen dieser Epoche. Übertragen Sie das einfach in Ihrer Vorstellung auf die zurückliegenden Jahrhunderte, und schon werden Sie anfangen zu begreifen, dass diese Frauen nicht aus dem Nichts gefallen sind. Wer die Wahrheit einmal weiß, kann sie nicht mehr so einfach ignorieren. •

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„Philosophinnen“