Geschichte kommt nach Hause


Am baldigen Brexit zeigt sich nicht nur die Verlogenheit von Teilen der britischen Elite, sondern auch eine historische Konstante einstiger Imperien.

Von Nils Markwardt



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Je näher Großbritanniens EU-Austritt rückt, umso deutlicher wird, welch tiefen Spalt der Brexit in die dortige Gesellschaft getrieben hat. Denn selbst wenn es am 29. März doch nicht zu einem unkontrollierten Ausscheiden kommen sollte, werden politische Polarisierung und parlamentarisches Chaos fortdauern, nicht zuletzt, weil in den kommenden Jahren die zukünftigen Beziehungen zur EU ja noch weiterverhandelt werden müssen. Den Köpfen der Leave-Kampagne scheint das jedoch nur wenig auszumachen, ebenso wie der zu erwartende Verlust unzähliger Jobs und das drohende Wiederaufflackern des Nordirlandkonflikts. Boris Johnson macht immerhin kaum einen Hehl daraus, dass es ihm vor allem um die eigene Karriere geht. Das Investmentunternehmen Jacob Rees-Moggs, dem Hardcore-Brexiteer der Tories, eröffnete für seine EU-Kunden wiederum kürzlich ein Büro in Irland. Und James Dyson – Staubsauger-Guru, Multimilliardär und Verfechter des Brexits – verlegte seine Firmenzentrale kürzlich nach Singapur.

Dass solche Verlogenheit und Inkompetenz in Teilen der britischen Elite Tradition hat, so bemerkte der Publizist Pankaj Mishra jüngst in einem Essay in der New York Times, zeigt ein Blick auf den Rückzug des einstigen Empires aus Indien 1947. Innerhalb nur weniger Wochen und mit totaler Ignoranz gegenüber den dortigen Verhältnissen zogen die Diplomaten um Louis Mountbatten überhastet und willkürlich Grenzen, spalteten Pakistan ab und lösten somit einen verheerenden (Bürger-) Krieg zwischen Muslimen und Hindus aus. Ähnlich verhielt es sich, als Großbritannien 1921 in Irland, seiner ersten Kolonie, eine Grenze im Norden etablierte und damit einen jahrzehntelangen blutigen Konflikt entfesselte.


Beim Brexit zeigt sich eine historische Konstante einstiger Imperien: die Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie


 

Dieser Tage steht nun zu befürchten, dass solch eine Eskalationsspirale in Großbritannien selbst einsetzt. Erst recht für den Fall, dass der Nordirlandkonflikt wieder aufflammt und Schottland womöglich einen neuen Anlauf zur Unabhängigkeit nimmt.

Beim Brexit zeigt sich deshalb auch eine historische Konstante einstiger Imperien: die Dialektik zwischen Zentrum und Peripherie. Wie der spanische Soziologe César Rendueles in seinem Buch „Kanaillen-Kapitalismus“ (Suhrkamp, 2018) konstatiert, kommen jene Verwüstungen, die Großmächte in ihren Einflussgebieten anrichteten, nämlich in abgeschwächter Form oft irgendwann bei diesen selbst an. So kehrten die Ausbeutungslogiken des Kolonialismus bald in die Fabriken des Manchesterkapitalismus ein, die Waffen und Taktiken des Ersten Weltkriegs wurden zuvor in Afrika und Asien erprobt, Teile des militärischen Equipments aus den Irak- und Afghanistankriegen werden heute von der US-Polizei in amerikanischen Innenstädten gegen die eigenen Bürger eingesetzt. Und in Großbritannien richten sich die einst imperialen Spaltungslogiken nun auf die eigene Gesellschaft. Wäre man zynisch genug, könnte man im Stile englischer Fußballfans sagen: History, it’s coming home. •

Diesen Beitrag finden Sie in der Ausgabe
Nr. 3 / 2019